Lena stand wie versteinert am Fenster. In ihren Armen schlummerte die kleine Marie, doch sie konnte sich nicht vom Anblick des Hofes lösen. Seit einer Stunde starrte sie hinaus, als würde sich gleich ein Wunder ereignen.
Vor wenigen Stunden war ihr Ehemann Stefan von der Arbeit nach Hause gekommen. Lena war in der Küche gewesen, doch er kam nicht zu ihr. Als sie ins Wohnzimmer trat, sah sie ihn beim Packen.
«Wohin gehst du?», fragte sie verwirrt.
«Ich verlasse dich. Für eine andere Frau.»
«Stefan, das ist doch ein Scherz! Ist etwas auf der Arbeit passiert? Musst du verreisen?»
«Hör endlich zu! Ich habe die Nase voll von dir. Alles dreht sich nur um Marie ich existiere nicht mehr für dich. Du vernachlässigst dich selbst.»
«Sei leise, du weckst Marie noch auf.»
«Siehst du? Immer nur sie! Dein Mann verlässt dich, und du…»
«Ein echter Mann würde seine Frau und sein Kind nicht im Stich lassen», flüsterte Lena und ging ins Kinderzimmer.
Sie kannte Stefans Temperament. Würde sie jetzt streiten, gäbe es nur Geschrei. Die Tränen brannten in ihren Augen, doch sie würde ihm keine zeigen. Sie nahm Marie aus dem Bettchen und ging zurück in die Küche dorthin würde er nicht kommen, er hatte dort nichts zu holen.
Durch das Fenster sah sie, wie er ins Auto stieg und davonfuhr. Nicht einmal ein letzter Blick zurück. Lena blieb am Fenster, als könnte sie ihn durch reine Willenskraft zurückholen. Vielleicht hoffte sie, sein Auto würde gleich wieder um die Ecke biegen, und er würde sagen, alles sei nur ein dummer Witz gewesen. Doch nichts geschah.
Die ganze Nacht fand sie keinen Schlaf. Anrufen konnte sie niemanden ihre Mutter hatte sich längst von ihr abgewandt. Sie war nur froh gewesen, als Lena heiratete, und hatte sie danach schnell vergessen. Für ihre Mutter gab es nur ein Kind: Lenas jüngeren Bruder. Freundinnen hatte sie zwar, doch das waren ebenso gestresste Mütter wie sie selbst. Die schliefen jetzt sicher und was hätten sie ihr schon helfen können?
Erst im Morgengrauen schlief Lena ein. Sie versuchte, Stefan anzurufen, doch er lehnte ab und schickte eine SMS: «Lass mich in Ruhe.»
In diesem Moment begann Marie zu quengeln. Lena nahm sie hoch. Weinen hatte keinen Sinn. Er war weg gut so. Sie hatte ihre Tochter, um die sie sich kümmern musste. Jetzt musste sie überlegen, wie es weitergehen sollte.
Als sie nachsah, wie viel Geld noch im Portemonnaie und auf dem Konto war, erschrak sie. Selbst wenn die Vermieterin den Mietzins um fünf Tage verschob, bis das Kindergeld kam, würde es nicht reichen. Und Essen mussten sie auch noch. Nebenbei arbeiten? Unmöglich Stefan hatte seinen Laptop mitgenommen.
Zwei Wochen blieben ihr noch, bis die Miete fällig war. Sie musste schnell eine Lösung finden.
Doch nachdem sie alle Bekannten durchtelefoniert bat, wurde ihr klar: Niemand würde sie mit einem Kleinkind einstellen. Selbst für einen Job als Putzfrau müsste sie Marie für ein paar Stunden irgendwo unterbringen doch es gab niemanden. Eine billigere Wohnung würde auch nichts bringen. Die einzige Option war, zu ihrer Mutter zurückzukehren. Doch dort lebte bereits ihr Bruder mit seiner Familie fünf Personen in einer Zweizimmerwohnung. Wo sollten sie und Marie da noch hin?
Lena teilte der Vermieterin mit, dass sie ausziehen würde. Sie war verzweifelt. Ein Zimmer in einer WG? Die Zustände dort waren unzumutbar. Sie schrieb Stefan, bat um Unterstützung für Marie keine Antwort. Er hatte sie wohl blockiert.
Fünf Tage vor dem Auszug begann sie, ihre Sachen zu packen. Es war nicht viel, aber sie musste sich beschäftigen. Da klingelte es an der Tür.
Als sie öffnete, erstarrte sie. Vor ihr stand Helga Schneider ihre Schwiegermutter.
«Habe ich jetzt noch größere Probleme?», dachte Lena und ließ sie widerwillig herein.
Ihre Beziehung zu Helga war immer angespannt gewesen. Von Anfang an hatte die Schwiegermutter klar gemacht, dass Lena nicht gut genug für ihren Sohn war. Bei jedem Besuch gab es Vorwürfe: «Lena, wischst du hier überhaupt mal Staub?» Das Essen, das Lena kochte, rührte Helga nicht an «Das ist doch Schweinefraß!» Erst als Lena schwanger wurde, ließ die Kritik etwas nach. Doch als Marie geboren wurde, behauptete Helga, das Kind sähe nicht wie ein Schneider aus Stefan solle besser einen Vaterschaftstest machen.
Erst als Marie ein halbes Jahr alt war, erkannte Helga Familienzüge in ihr und nahm sie hin und wieder auf den Arm. Stefan hatte Lena immer beruhigt: «Meine Mutter hat mich allein großgezogen, deshalb ist sie so.»
Und jetzt stand Helga in ihrem Flur ausgerechnet nach Stefans Abgang. Wollte sie sich am Ende noch lustig machen? Doch Lena war zu müde, um sich zu wehren.
Aus ihren Gedanken riss sie Helgas Stimme:
«Pack deine Sachen. Hier bleibt ihr nicht.»
«Helga, ich verstehe nicht…»
«Was gibts da zu verstehen? Ihr kommt mit zu mir.»
«Zu Ihnen?»
«Wo willst du denn sonst hin? Zu deiner Mutter, wo schon alles voll ist?»
«Sie wissen Bescheid?»
«Natürlich. Dieser Taugenichts hat es mir heute erzählt. Ich habe eine Dreizimmerwohnung da ist Platz genug.»
Lena blieb keine Wahl. Sie entschied: Was solls.
In Helgas Wohnung war sie zunächst misstrauisch. Doch Helga zeigte ihr ein Zimmer für sie und Marie. Als Lena ausgepackt und Marie ins Bett gebracht hatte, ging sie in die Küche.
«Lena, ich weiß, wir hatten nie das beste Verhältnis. Aber bitte versteh mich und vergib mir, wenn du kannst.»
«Helga, Sie wollten nur das Beste für Ihren Sohn.»
«Das Beste?», unterbrach Helga sie. «Ich war egoistisch. Und heute hat er mich angerufen und alles erzählt. Verzeih mir auch, dass ich so einen Sohn großgezogen habe. Ich weiß nicht, wo ich falsch lag. Sein Vater hat uns verlassen, als Stefan drei Monate alt war. Er weiß doch, wie schwer es ist, ein Kind allein zu erziehen und trotzdem hat er es seinem Vater nachgemacht. Ihr bleibt hier, solange ihr müsst.»
Lena hätte nie gedacht, dass Helga Partei für sie ergreifen würde. Sie brachte kein Wort heraus nur Tränen tropften auf den Tisch.
«Und hör auf zu heulen», sagte Helga streng.
«Ich weine nicht. Das ist Dankbarkeit.»
«Die brauchst du nicht. Sieh es als Wiedergutmachung. Wir schaffen das schon. Das Dach über dem Kopf ist gesichert. Wenn du arbeiten gehst, passe ich auf Marie auf.»
Von diesem Tag an wurden die beiden unzertrennlich. Zwar zeigte Helga manchmal noch ihr altes Naturell, aber sie bremste sich selbst. Statt mit Vorwürfen half sie nun mit Ratschlägen.
Heute wurde Marie ein Jahr alt. Lena und Helga hatten das Zimmer mit Luftballons geschmückt, und auf dem Tisch stand ein duftender Apfelkuchen. Als Marie die Ballons sah, machte sie ihre ersten Schritte.
«Lena, schau! Ihre ersten Schritte!», rief Helga strahlend. Sie fingen Marie auf, als sie sich nach ein paar tapsigen Versuchen auf den Po plumpsen ließ.
Als sie sich zum Essen setzten, klingelte es. Helga öffnete und traute ihren Augen nicht. Vor ihr stand Stefan, daneben eine fremde Frau.
«Tag, Mama», sagte er gleichgültig und trat ein.
«Grüß dich, mein Sohn. Was führt dich her?»
«Ich darf doch mal vorbeischauen?»
«Fünf Monate kein Lebenszeichen, und jetzt plötzlich? Was ist los?»
«Mama, die Mieten sind zu hoch. Angela und ich dachten, wir ziehen vorübergehend zu dir.»
«Angela? Wer ist das?»
«Na, Mama…»
«Hier ist kein Platz. Ich lebe nicht allein.»
«Was, hast du dir etwa einen neuen Mann geangelt?»
«Und wenn das geht dich nichts an. Komm mir nicht so!»
Stefan betrat das Wohnzimmer und sah Lena und Marie am festlich gedeckten Tisch sitzen. Überall Ballons.
«Sohn, du hast hier nichts zu suchen. Siehst du nicht, dass wir beschäftigt sind?»
«Und was macht die hier?»
«*Die*, wie du sie nennst, ist immer noch deine Ehefrau. Morgen ist die letzte Gerichtstermin zu dem du natürlich nicht erscheinen wirst. Und heute ist der erste Geburtstag deiner Tochter. Aber das hast du wohl vergessen.»
«Ich dachte, wir wären schon geschieden. Und ihr Geburtstag… Wer sagt, dass sie überhaupt meine Tochter ist?»
«Wenn du mal vorbeigekommen wärst, wüsstest du es. Hier leben Lena und Marie. Für Verräter ist kein Platz. Wenn du an der Vaterschaft zweifelst mach einen DNA-Test! Aber du wirst nur Geld verlieren. Und jetzt verschwinde.»
«Mama, wenn ich jetzt gehe, dann für immer.»
Helga antwortete nicht. Sie zeigte nur zur Tür.
Als Marie schlief, ging Lena zu Helga.
«Mama, wie gehts Ihnen? Soll ich gehen? Stefan ist schließlich Ihr Sohn.»
«Lena, ja, er ist mein Sohn. Aber man behandelt sein Kind nicht so. Frauen kommen und gehen aber Kinder? Selbst wenn man sich trennt, muss man helfen. Er wusste, wie schwer es für uns war. Nein, ich vergebe ihm nicht noch nicht.»
Vier Jahre vergingen.
«Lena, wie lange willst du mir deinen neuen Mann noch vorenthalten?», fragte Helga eines Tages.
Lena errötete. Sie hatte nicht gedacht, dass Helga etwas ahnte.
«Du wirst rot wie ein Schulmädchen! Stell ihn mir endlich vor.»
«Sie haben nichts dagegen?»
«Hauptsache, er behandelt dich und Marie gut. Also los!»
Helga war auf Lenas Hochzeit mit Markus dabei. Der Mann gefiel ihr verantwortungsbewusst, und man sah, wie sehr er Lena und Marie liebte.
«Denk nicht, dass ich mich nicht mehr um Marie kümmere», sagte Helga auf der Feier.
«Mama, natürlich nicht! Sie liebt Sie doch.»
Als Lena und Markus einen Sohn bekamen, erklärte Helga kurzerhand: «Auch mein Enkel.» Niemand widersprach. Lena sah Helga längst als Mutter an ihre leibliche Mutter war ihr nie so nah gewesen.
Stefan heiratete seine Angela. Sie zogen weg, und nur durch entfernte Verwandte erfuhr Helga ab und zu, dass es ihm gut ging. Ja, ihr Sohn hatte sie verletzt aber er blieb ihr Sohn. Sie würde immer ein Auge auf ihn haben.
Doch jetzt freute sie sich, eine Tochter in Lena gefunden zu haben und zwei Enkelkinder. Aber das war erst der Anfang. Sie hatte noch so viel Liebe zu geben.
Und die Moral von der Geschichte? Familie ist nicht immer Blutsverwandtschaft sondern die Menschen, die für dich da sind, wenn du sie am meisten brauchst.







