**Marike, du kannst mich doch nicht einfach verlassen! Was soll ich ohne dich machen?**
**Dasselbe wie immer von morgens bis abends saufen!**
Ich knallte die Haustür hinter mir zu und brach erst im Auto zusammen, als die Tränen kamen. Wie konnte das nur passieren? Warum ausgerechnet uns? Noch vor einem Jahr waren wir die perfekte Familie beneidenswert, klar. Anderer Leute Glück macht nun mal neidisch. So ist die Welt halt.
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**Marike, schnell, pack deine Sachen und hol den kleinen Finn! Ich habe eine Überraschung für euch! Und vergiss die warmen Kleidung nicht.**
Mein Mann Niklas, den ich in solchen Momenten liebevoll Nikolaus nannte, liebte Überraschungen. Diesmal fuhr er uns in ein Winterparadies Rodeln auf Schneemobilen. Ein Kollege von ihm hatte ein Ferienhaus gekauft, hundert Kilometer außerhalb. Nun ja, Ferienhaus eher eine mittelalterliche Burg, wenn man mich fragte. Mit Türmchen, Zinnen und einer richtigen Mauer. Ein Zaun? Lächerlich!
**Na, wie findest dus?,** fragte er grinsend, als er mein verdutztes Gesicht sah.
**Irgendwie gruselig. Mir läufts eiskalt den Rücken runter.**
**Ach, du frierst nur. Komm rein, der Kamin ist noch besser.**
Drinnen war es noch schlimmer als draußen. Aber den Männern gefiels also hielt ich mich mit Geschmacksurteilen zurück. Wozu auch? Männer halt.
Die ausgestopften Tierköpfe an den grob verputzten Wänden fand ich furchtbar, auch wenn Niklas beteuerte, sie seien nur Attrappen. Weniger gruselig wurden sie dadurch nicht. Während die Männer gemütlich Fleisch vertilgten, direkt unter den aufgerissenen Kiefern eines Wildschweins, spielte Finn mit einem Spielzeugschwert und bekämpfte imaginäre Monster. Ich starrte lieber in die Flammen des Kamins.
Vielleicht malte ich diesen Tag nur so düster, weil es die letzten Stunden meines alten Lebens waren. Bald würde der Hausbesitzer zwei Schneemobile aus der Garage rollen und eines davon würde meinen Sohn mitnehmen. Niklas, der am Steuer saß, versank danach in Schuld und Alkohol.
Warum war ich stärker? Den Schmerz, den ich seit fast einem Jahr täglich spürte, kann man nicht beschreiben. Aber ich wollte ihn nicht rauslassen. Er war ein Teil von mir. Niemand um mich herum litt so wie ich. Die Leute hatten keine Ahnung, wie es war, in ihre fröhlichen Gesichter zu blicken.
Manchmal wollte ich einfach mit Niklas zusammen betrunken sein, um den Schmerz zu betäuben. Aber ich wusste: Dann würde es noch schlimmer. Betrunkene sind emotional und Gefühle waren jetzt unser größter Feind. Sie brachten Wut, Verzweiflung, Groll. All das, womit Niklas lebte. Er verkroch sich dahinter wie eine Schildkröte in ihrem Panzer.
Ich wollte nicht gehen. Aber meine Nerven lagen blank. Also fuhr ich los einfach weg. Schneeflocken tanzten perfekt wie am Computer animiert auf die Windschutzscheibe. Ich hielt an Tankstellen, trank Kaffee in Raststätten, übernachtete sogar einmal in einem Hotel.
Irgendwann bog ich von der Autobahn ab und landete in einem verschlafenen Städtchen. Ich parkte an einem kleinen Park und saß regungslos da.
**Junge Frau, Sie erfrieren noch!** Ein Klopfen am Fenster. Eine Gruppe Teenager ging vorbei, und ich dachte noch, wie nett die Jugend hier sei.
**Warten Sie auf jemanden?**
Im Halbdunkel erkannte ich eine ältere Frau mit einem lockigen, schneeweißen Pudel. Irgendwie stieg ich aus und ging zu ihnen.
**Sie sitzen schon so lange da, Motor aus Ich dachte, vielleicht ist was passiert?**
**Ist es,** flüsterte ich.
Warum öffnet man sich eher Fremden? Vielleicht, weil sie keinen Rat aus der Familiengeschichte kramen wie meine Mutter (Niklas hat halt den Alkohol in den Genen Ururgroßonkel dritten Grades mütterlicherseits!).
Plötzlich saß ich in einer Küche mit blauen Vorhängen, eine dampfende Kamillentee-Tasse in der Hand. Die Tränen kamen wieder. Dachte ich, ich hätte alle schon geweint?
**Marike, ich hab dir das Gästebett gemacht. Schlaf erstmal.**
**Okay,** seufzte ich. Bis zum Auto hätte ichs eh nicht geschafft.
Am nächsten Morgen wachte ich lächelnd auf. Sonnenlicht, tickende Uhr und eine raue Zunge, die mir über die Nase fuhr.
**Waldi!** Der Pudel grinste mich an (ja, Hunde können das).
**Waldi, lass die Dame in Ruhe!,** rief Tante Lotte und brachte frisch gebackene Zimtschnecken. **Nicht laut loben Gebäck mag stille Bewunderung.**
**Wie denn?**
**Augen rollen. Seufzen.**
Himmel, diese Schnecken! In meinem alten Leben brachte Niklas mir auch Frühstück ans Bett meistens aber belegte Brote oder Hering. Die Erinnerung machte mich nicht mehr traurig.
Mittags kam die Wahrheit: Tante Lotte hatte vor 30 Jahren ihren Sohn verloren bei einem Unfall in der Bundeswehr. Ihr Mann versank im Alkohol, sie selbst überlebte nur dank einer alten Frau, die ihr sagte: **Leb weiter, sonst siehst du dich nie wieder.**
Ich blieb. Fühlte mich wie zu Hause. Sogar der hässliche Blumen-Tapetenkitsch war plötzlich schön.
Am nächsten Morgen klingelte es. Niklas stand in der Tür. **Interessant kein Liebhaber in Sicht.**
**Welcher Liebhaber?!**
**Irgendeiner. Bei so einem Kaff namens Hintertupfing dachte ich **
Tante Lotte lachte. **Ich mach Pfannkuchen. Mit Salzlake? Bundeswehr-Erinnerungen.**
Wir versöhnten uns. Niklas hatte die Schnapsflasche gegen die Wand geklatscht (Da ist jetzt ein Fleck im Teppich) und war mir nachgefahren.
Drei Tage blieben wir. Spazierten durch das idyllische Städtchen Bergheim, hielten Händchen. Zurück zu Hause räumten wir Finns Zimmer auf ohne Tränen. Seine Rennauto-Sammlung ging an ein Kinderheim, die grüne Baseballkappe (die er nie mochte) behielten wir.
**Erinnerst du dich?,** fragte Niklas und setzte die Gorilla-Maske auf. **Der Ausflug in den Zoo!**
In dieser Nacht redeten wir erstmals über den Unfall. Niklas begriff: Es war kein Verschulden. Ein Baum, ein Sturz Schicksal.
Neun Monate später kam Finns Schwester zur Welt. Gezeugt in jener Nacht. Tante Lotte heiratete ihren Kaninchenzüchter. Wir besuchten sie oft sogar statt Mallorca.
Und der Fleck im Teppich? Blieb. Wie Waldis Grinsen und die Erinnerung an eine Zimtschnecke, die alles veränderte.







