Der Taxifahrer bringt einen Fahrgast nach Hause und bleibt schockiert stehen, als er im Fenster seine vermisste Frau sieht.

Der Taxifahrer bringt die Kundin nach Hause und stockt, weil er im Fenster seine verschwundene Ehefrau sieht.
Genug! Wie oft soll ich die Vergangenheit aufwühlen?schreit Klaus Becker, wirft das Foto auf den Tisch, seine Stimme zittert.Eineinhalb Jahre sind vergangen, Heike. Sie wird nicht zurückkommen.

Herr Becker, verstehen Sie mich richtig, sagt die Polizeiinspizientin Maria Schneider, hebt das Bild vorsichtig auf, legt es zurück in die Mappe. Wir schließen den Fall. Nach der gesetzlichen Frist können wir Heike Müller als vermisst einstufen.

Sie meinen also, sie ist tot, murmelt Klaus verbittert.

Das habe ich nicht gesagt, erwidert die Frau ruhig. Wir müssen nur die Formalitäten abschließen. Unterschreiben Sie hier bitte.

Klaus nimmt den Stift, blickt ein paar Sekunden auf das Dokument, dann unterschreibt er hastig.

Ist das alles? Lassen Sie mich in Ruhe?

Herr Becker, seufzt Maria, ich verstehe Ihre Lage, aber wir haben alles Mögliche getan.

Ich weiß, sagt er müde, entschuldigen Sie. Jedes Mal, wenn Sie mit diesem Aktenordner kommen, beginnt alles von vorn Schlaflosigkeit, Gedanken, Erinnerungen

Ich verstehe, nickt die Ermittlerin. Falls Ihnen noch etwas einfällt, das helfen könnte

In den letzten eineinhalb Jahren habe ich jeden Tag und jede Stunde vor ihrem Verschwinden durchgegangen, sagt Klaus und schüttelt den Kopf. Nichts Ungewöhnliches. Ein normaler Morgen, ein normales Frühstück. Wir sehen uns am Abend, Liebling und dann ist sie einfach zwischen Haus und Arbeit verschwunden.

Maria sammelt die Unterlagen, steht auf:

In meiner Praxis gab es Fälle, in denen Menschen nach drei, fünf Jahren zurückkehrten.

Und in Ihrer Praxis gab es Fälle, in denen die Ehefrau einfach zu jemand anderem zog, ohne ein Wort zu sagen? fragt Klaus scharf.

Die Polizistin schweigt, nickt dann:

Ja, aber meistens hinterlassen sie wenigstens eine Notiz.

Als die Polizistin die Tür schließt, sinkt Klaus in seinen Stuhl, schließt die Augen. Eineinhalb Jahre sind seit Heikes Verschwinden vergangen. Sie ging einfach aus dem Haus und kam nie zurück. Kein Anruf, keine Nachricht. Das Handy ist abgeschaltet, die Bankkarten unbenutzt. Es ist, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Er hat alles versucht Polizei, Privatdetektive, Zeitungsannoncen, OnlinePosts. Keiner hat sie gesehen, niemand kennt sie.

Die ersten Monate waren die schlimmsten: endlose Verhöre (natürlich steht der Ehemann immer zuerst im Verdacht), Suchaktionen, Hoffnungen. Dann kam die Lähmung, ein dumpfer Druck in der Brust, und endlose Fragen ohne Antworten.

Warum? Wie hat er es nicht bemerkt? War sie unglücklich? Hat sie jemand anderen gefunden? Ist ihr etwas Schreckliches passiert? Vielleicht ist sie noch am Leben, kann aber nicht kommunizieren? Kein Gedanke darf ihn dabei erreichen.

Ein Klingeln reißt Klaus aus den düsteren Gedanken. Auf dem Display erscheint die Nummer des Taxizentrums.

Hallo, Klaus? klingt die müde Stimme der Disponentin Tamara. Kannst du morgen früh loslegen? Wir haben ein Unwesen mit vielen Aufträgen.

Ja, natürlich, sagt Klaus, legt die Hand an die Nase. Um wie viel?

Ab sechs, wenn es geht. Erster Auftrag zum Flughafen.

In Ordnung, ich bin da.

Klaus arbeitet seit drei Monaten als Taxifahrer, seit Heike verschwunden ist. Sein Hauptberuf als Ingenieur hat er verloren das Unternehmen zeigte zunächst Verständnis, doch die endlosen unbezahlten Kranktage erschöpften das Vertrauen. Auch die Konzentration für Berechnungen und Zeichnungen war nicht mehr da.

Das Lenkrad zu drehen, passt jetzt. Es ist körperliche Arbeit, erfordert Aufmerksamkeit, aber keine tiefe Konzentration. Und es gibt keine Bindungen Passagiere kommen und gehen, Gespräche wechseln, Geschichten fliegen vorbei. Heute fährt er sie, morgen jemand anderes. Keine Verantwortung außer von A nach B zu bringen.

Der Morgen beginnt wie gewohnt Aufstehen um fünf, kalte Dusche, starker Kaffee. Klaus blickt ins Spiegel­bild: ein abgewracktes Gesicht, graue Schläfen, Falten, die vor eineinhalb Jahren noch nicht existierten. Zweiundvierzig, aber er sieht aus wie fünfzig.

Der erste Kunde wartet vor dem Haus ein kräftiger Mann mit zwei Koffern, nervös und gesprächig. Auf dem Weg zum Flughafen redet er über seine Reise nach Hamburg, die Schwiegermutter, die seine Frau schikaniert, und den Chef, der ein Tyrann ist. Klaus nickt, gibt ab, doch seine Gedanken schweifen.

Der Tag verläuft gewöhnlich Bahnhof, Einkaufszentrum, Bürokomplex, wieder Bahnhof. Abends kommt die Müdigkeit, doch er darf nicht nach Hause, die Disponentin verlangt einen weiteren Auftrag.

Klaus, bitte. Von der Rheinstraße zum Grünen Wohnpark. Letzter Auftrag heute, der Kunde wartet.

Okay, seufzt Klaus und prüft die Adresse im Navi.

Der Kunde ist eine junge Frau mit einem kleinen Kind. Der Junge ist drei bis vierjährig, weint und will nicht einsteigen.

Mika, bitte, bittet die Mutter. Wir kommen gleich nach Hause, Papa wartet.

Ich will nicht nach Hause!, schreit das Kind. Ich will zu Oma!

Wir fahren am Samstag zu Oma, versprochen. Jetzt gehen wir nach Hause.

Klaus wartet, bis sie einsteigen. Die Fahrt ist anstrengend das Kind wimmert, die Mutter wirkt erschöpft.

Entschuldigung, sagt sie, endlich auf dem Rücksitz. Ein harter Tag.

Kein Problem, antwortet Klaus, tippt die Zieladresse ein. Grüner Wohnpark, Lindenstraße 17, korrekt?

Ja, genau.

Der Weg dauert länger als geplant im Zentrum gibt es einen Unfall, sie stecken fast eine Stunde im Stau. Das Kind schläft schließlich im Arm der Mutter, die Frau schaut aus dem Fenster. Klaus spielt leise Musik, um das Kind nicht zu wecken.

Als sie endlich den Stau verlassen, ist es dunkel, ein leichter Regen fällt, Pfützen entstehen. Klaus fährt konzentriert, trotz zunehmender Kopfschmerzen.

Der Grüne Wohnpark liegt am Stadtrand Neubauwohnungen, hohe Mehrfamilienhäuser, noch nicht ganz bewohnt. Klaus mag diese Gegend nicht, die Betonklötze wirken seelenlos.

Hier rechts, sagt die Frau, als sie in die Einfahrt fahren. Und zum dritten Haus bitte.

Klaus folgt, hält vor einem unscheinbaren 17stöckigen Plattenbau.

Wir sind da, sagt er, legt den Motor ab. Das macht vierhundertzwanzig Euro.

Die Frau reicht ihm einen fünfhundert-EuroSchein:

Kein Wechselgeld nötig. Danke für die Geduld.

Danke für die Großzügigkeit, lächelt Klaus. Darf ich das Kind kurz übernehmen?

Er öffnet die hintere Tür, die Frau übergibt ihm den schlafenden Jungen, geht dann selbst hinein. Klaus hält das Kind vorsichtig, bis die Mutter bezahlt und die Taschen sammelt.

Ich nehme ihn mit, sagt sie schließlich.

Sind Sie sicher? Vielleicht soll ich ihn bis zur Wohnung begleiten?

Nein, danke, wir schaffen das. Mein Mann ist zu Hause und hilft.

Klaus gibt ihr den Jungen zurück, das Kind rührt sich kaum. Die Frau bedankt sich erneut und geht zur Tür. Klaus will gerade losfahren, entscheidet aber zu warten, bis sie das Haus betreten haben es ist nass und kalt draußen, das Kind schläft.

Er beobachtet, wie die Frau mit Mühe die Haustür öffnet, den Sohn an sich drückt. Dann drückt sie den Knopf, um den Motor zu starten, und Klaus hebt den Blick zu den Fenstern des Gebäudes.

Im dritten Stock leuchtet ein Licht. Die Frau mit dem Kind steht im Flur, doch Klaus sieht sie nicht mehr. Stattdessen erblickt er in einem Fenster einen weiblichen Umriss.

Sein Herz schlägt einen Moment aus, dann schlägt es rasend. Er kennt das Profil, die Geste das Haar hinter dem Ohr zurückschieben. Er kennt es, weil er es tausendmal gesehen hat.

Heike. Seine verschwundene Ehefrau.

Klaus weiß nicht, wie er aus dem Auto kam, wie er den Hof überquerte, wie er die Treppe hinaufstieg. Er hört Stimmen, spürt Blicke. Das einzige, was zählt, ist das dritte Stockwerk, die Wohnung mit dem Fenster.

Der Aufzug ist kaputt, er läuft die Treppe hinauf, keucht, erreicht den dritten Stock, vor vier Türen. Welche ist die richtige?

Er erinnert sich an das Fenster. Von links aus gezählt, ist die gesuchte Wohnung die zweite Tür vom Treppenaufgang. Er geht hin, lauscht. Stille. Das Herz trommelt so laut, dass es sich anhört wie ein Donner.

Mit zitternder Hand drückt er den Türknopf. Eine lange, quälende Pause, dann Schritte. Das Schloss klickt, die Tür öffnet sich.

Ein Mann Mitte vierzig, in Hausschuhen und TShirt, steht im Flur.

Ja? fragt er verwirrt.

Klaus will reden, doch die Worte bleiben ihm im Hals stecken.

Entschuldigung, ich suche eine Frau. Heike. Heike Müller.

Der Mann blickt überrascht, dann vorsichtig.

Hier gibt es keine Heike Müller, sagt er. Sie haben die falsche Adresse.

Er geht, die Tür schließt sich, doch Klaus hält sie fest:

Warten Sie! Ich habe sie gerade im Fenster gesehen. Ich bin nicht verrückt, das ist meine Frau, die seit eineinhalb Jahren fehlt.

Der Mann zögert, dann öffnet die Tür weiter. Hinter ihm steht eine Frau dieselbe Passagierin, die Klaus gerade abgesetzt hat, ein Kind im Arm.

Was machst du hier, Fahrer? Warum bist du hier? fragt sie.

Ich habe meine Frau im Fenster gesehen, wiederholt Klaus hartnäckig. Heike Müller, etwa 1,70m groß, dunkle Haare bis zu den Schultern, Muttermal über der rechten Augenbraue.

Das Paar tauscht Blicke, etwas in ihren Augen erschreckt Klaus.

Hier lebt nur ich, meine Frau und unser Sohn, sagt der Mann. Und meine Schwiegermutter, Gabriele.

Gabriele? fragt Klaus verwirrt.

Meine Mutter, erklärt die Frau. Sie lebt seit einem Jahr bei uns.

Darf ich sie kurz sehen? fleht Klaus, die Verzweiflung bricht durch.

Der Mann schüttelt den Kopf:

Nein, sie ist krank. Und außerdem wir haben hier keine Heike.

Die Frau legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter:

Vielleicht wollen wir dir ja nicht helfen, aber wir wollen nicht, dass du uns belästigst.

Klaus stöhnt, die Verzweiflung steigt:

Bitte, lassen Sie mich wenigstens sehen, ob das wirklich meine Frau ist.

Nach langem Zögern öffnet die Frau die Tür ein Stück und ruft:

Thomas, bitte, lass ihn kurz rein.

Thomas nickt zögerlich, während die Frau Lena das Kind in ein Zimmer trägt. Sie führt Klaus in den Flur, dann vor eine geschlossene Tür.

Warte hier, ich warne sie zuerst, sagt Thomas.

Er klopft, betritt das Zimmer, schließt die Tür. Hinter der Tür hört man gedämpfte Stimmen, aber keine Worte.

Nach einem Moment öffnet Thomas die Tür, das Gesicht ernst:

Du kannst reingehen, aber bitte nicht stören.

Klaus tritt ein. Das Zimmer ist klein, ein Bett, ein Nachttisch, einige Fotos an der Wand. Vor dem Fenster steht ein Sessel, darin sitzt eine Frau und blickt auf den regnerischen Abend.

Sie dreht sich langsam um, und Klaus Herz lässt einen Schlag aus.

Heike. Fast unverändert, aber mit kürzerem Haarschnitt, ein kleines Narbenstück am Kinn, das von einem Kindheitsunfall stammt. Das Muttermal ist noch da, die grünen Augen leuchten.

Heike?, haucht er.

Sie schaut ihn kühl an, ohne zu erkennen.

Entschuldigung, Sie verwechseln mich mit jemandem. Ich heiße Gabriele.

Der Klang ihrer Stimme ist fremd, doch die Mimik ist vertraut.

Heike, das bin ich, Klaus, dein Mann, sagt er und tritt näher.

Sie runzelt die Stirn, ein Funke Unsicherheit flackert:

Thomas? Wer ist das?

Thomas stellt sich sofort neben sie:

Alles in Ordnung, Mama. Das ist ein Bekannter von Lena, er geht jetzt.

Mama? wiederholt Klaus, verwirrt. Welche Mama? Das ist meine Frau!

Hören Sie zu, legt Thomas ihr beruhigend die Hand auf die Schulter, Sie sollten jetzt gehen.

Mutter?, fragt Klaus fassungslos, Wie kann das sein? Ich bin ihr Ehemann seit acht Jahren!

Gabriele schüttelt den Kopf, die Stimme bricht:

Ich kenne Sie nicht.

Klaus versucht, das gemeinsame Gedächtnis zu wecken:

Wir haben uns bei einem Konzert im Park kennengelernt, du hast ein Eis auf meine Jacke gefallen lassen und ich habe gesagt, du musst mich heiraten, um meine Hemden zu waschen. Du hast gelacht

Ein Schatten huscht über ihr Gesicht, ein kurzer Anflug von Erinnerung, dann verschwindet er wieder.

Ich bin nicht Heike, sagt Gabriele fest. Ich heiße Gabriele Schneider, ich bin Lenas Mutter.

Lena tritt ein, das Kind nicht mehr bei sich:

Was geht hier vor? Mama, ist alles okay?

Dieser Mann fragt nach einer Frau, die hier nicht lebt, sagt Gabriele.

Sie nennt mich fremd, erwidert Klaus.

Thomas greift nach seiner Jacke:

Er soll jetzt gehen.

Nein!, bricht Klaus aus, Ich verlasse dich nicht, bevor du mir erklärst, warum meine Frau hier unter einem fremden Namen lebt! Warum nennst du mich Schwiegersohn? Was habt ihr ihr angetan?

Wir haben ihr nichts getan, sagt Thomas leise. Wir haben sie nur aufgenommen, weil sie nach einem Unfall bewusstlos war.

Ein Unfall? fragt Klaus.

Lena spricht weiter:

Am 12. März, kurz nach der Nordbrücke, sah ich eine bewusstlose Frau im Nebel. Ich rief den Krankenwagen, die Polizei. Im Krankenhaus erinnerte sie sich an nichts keinen Namen, keine Adresse.

Am selben Tag habe ich, flüstert Klaus, ich habe sie gemeldet!

Thomas zuckt mit den Schultern:

Vielleicht ist die Meldung nie angekommen.

Wir haben sie nach dem Krankenhaus in unser Haus gebracht, erklärt Lena. Meine Mutter, Gabriele, war gerade gestorben, und wir dachten, das sei ein Zeichen, dass wir ihr ein Zuhause geben.

Ihr habt meine Frau genommen und ihr einen anderen Namen gegeben!, schreit Klaus.

Wir gaben ihr ein Dach und eine Familie, erwidert Thomas. Niemand suchte nach ihr.

Ich habe jeden Tag gesucht!, ruft Klaus.

Gabriele erhebt sich plötzlich, das Gesicht bleich, die Hände zittern.

Nordbrücke Schnee Kälte, flüstert sie.

Alle schweigen.

Lena fragt vorsichtig:

Mama, erinnerst du dich an etwas?

Ein Auto ein weißes Auto ein Mann, murmelt Gabriele, die Hände an den Schläfen. Er hat geschrien.

Klaus drängt vor:

Du fuhrst zur Arbeit mit dem Bus, dann was geschah?

Sie starrt durch das Fenster:

Er hat mich gepackt, in ein Auto gezogen, ich schrie, aber niemand half.

Wer?, fragt Klaus.

Er erkannte im schwachen Licht den schattenhaften Umriss eines Uniformierten, der plötzlich das Fenster öffnete und leise flüsterte:Wir kommen zurückholen..

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Der Taxifahrer bringt einen Fahrgast nach Hause und bleibt schockiert stehen, als er im Fenster seine vermisste Frau sieht.
A Second Springtime of Life