Mein Sohn spricht nicht mehr mit mir, seit ich ein zweites Mal geheiratet habe

«Nein! Ich habe gesagt, nein! Hörst du mich überhaupt? Da wird gar nichts umgebaut. Vater hat diese Veranda selbst gebaut, jeden Nagel selbst eingeschlagen!»

«Kilian, versteh doch, sie ist völlig verrottet!» Anna-Maria seufzte und presste das Handy so fest ans Ohr, dass das Läppchen schmerzte. «Die Bretter geben nach, das Dach leckt. Das ist einfach gefährlich! Viktor meint, wir könnten alles behutsam abbrechen und»

«Viktor! Immer dieser Viktor!» Kilians Stimme wurde scharf wie Schmirgelpapier. «Was geht ihn das an? Der würde am liebsten alles abreißen und neu bauenHauptsache, es gehört nicht ihm. Mama, das ist nicht irgendeine Veranda, das sind Erinnerungen!»

«Kilian, was für Erinnerungen, wenn sie jeden Moment einstürzt?» Annas Stimme zitterte. «Wir tun es doch für dich! Damit du mit Lena vorbeikommen kannst, später mit den Enkeln»

«Es wird keine Enkel auf eurer neuen Veranda geben!» fuhr er sie an. «Ich komme nicht mehr ins Wochenendhaus, wenn ihr auch nur ein Brett anfasst. Punkt.»

Das Freizeichen klang wie ein Urteil. Anna-Maria ließ langsam das Handy sinken. Die Leere in ihrer Brust, inzwischen vertraut seit einem halben Jahr, umklammerte sie wieder. Draußen vor dem Fenster wirbelten gelbe Birkenblätterdie Welt so grau wie ihre Stimmung.

Viktor lugte in die Küche. Groß, mit graumelierten Schläfen und Lesebrille, hielt er ein Buch in der Hand. Ein Blick auf ihr Gesicht reichte.

«Wieder?» fragte er leise, während er das Buch auf die Fensterbank legte.

Sie nickte nur. Er trat heran, legte den Arm um ihre Schultern, und in der Wärme, vertraut nach seinem Rasierwasser und etwas Eigenem, Unverwechselbarem, ließ sie endlich die Tränen fließen. Lautlos, nur ein paar Tropfen auf sein kariertes Flanellhemd.

«Annchen, mein Schatz», murmelte er und strich ihr über das Haar. «Du hättest nicht anrufen sollen. Du weißt, wie das endet.»

«Aber das Wochenendhaus», schluchzte sie. «Er bringt mich um, wenn wir was ändern. Und so kann es nicht bleibenes fällt auseinander!»

«Ach, vergiss das Haus. Wir finden eine Lösung. Hauptsache, du.»

Sie hatten sich vor zwei Jahren beim Klassentreffen kennengelernt. Anna-Maria war nur widerwillig hingegangen, von Freundin Ute überredet. Seit Sergej, ihrem ersten Mann, gestorben war, hatte sie zehn Jahre lang nur für Kilian gelebt. Schule, Studium, sein erster Jobsie merkte kaum, wie die Zeit verging, wie sie älter wurde, wie aus ihrem schlaksigen Jungen ein Mann wurde.

Dann zog er aus. Mit Freundin Lena. Und das Haus war still. Sie probierte Yoga, stickte, lasdoch die Leere blieb.

Dann kam er. Viktor, ihr schüchterner Mitschüler von der letzten Bank, jetzt Mathematikprofessor. Auch er verwitwet. Sie redeten die ganze Nacht. Gleiche Filme, gleiche Liebe für Herbstspaziergänge, gleiche Sehnsucht nach Wärme.

Alles entwickelte sich langsam. Theater, Cafébesuche. Anna-Maria spürte, wie ihr Herz wieder auftaute.

Mit Kilian sprach sie, als es ernst wurde. Er reagierte überraschend gelassen: «Mama, du bist erwachsen. Wenn er dich glücklich machtfreut mich.»

Ein Jahr später heirateten sie. Nur im kleinen KreisUte, Viktors Schwester, Kilian und Lena.

Dann brach alles zusammen. Kilian war stumm wie ein Fisch, ignorierte Viktor demonstrativ. Beim Toast hob er sein Glas: «Auf Papa. Den besten Vater. Unersetzlich.»

Totenstille. Lena zupfte an seinem Ärmeler schüttelte sie ab. Anna-Maria errötete. Viktors Hand unter dem Tisch hielt sie zusammen.

Danach rief Kilian nie an. Ihre Anrufe wurden abgeblockt. Zum Geburtstag schickte er Chrysanthemenohne Gruß.

«Er ist eifersüchtig», erklärte Viktor. «Auf dein neues Leben. Auf mich. Er denkt, ich will Papas Platz einnehmen.»

«Das ist doch absurd! Sergej war vor zehn Jahren tot! Darf ich denn kein Glück haben?»

«Doch. Aber er versteht es noch nicht.»

Doch die Zeit verging, und nichts besserte sich. Der Streit um die Veranda war der letzte Tropfen. Sergej hatte sie selbst gebautfür Kilian war sie heilig.

Ute fauchte am Telefon: «Egoist! Du hast zehn Jahre getrauert, und jetzt, wo du glücklich bist, macht er Theater?»

Lena gestand später: «Er glaubt, du hast Papa verraten. Er starrt stundenlang auf sein Foto. Ich kann nicht mehr.»

Anna-Maria versuchte es an seinem 28. Geburtstagmit Honigtorte und Pullover. Er ließ sie nicht ein. Sie weinte auf der Parkbank.

«Genug», sagte Viktor. «Du hast genug getan. Jetzt leb für dich.»

Doch als Lena sich trennte («Er ist unerträglich geworden!»), fuhr sie hin. Die Wohnung roch nach Einsamkeit.

«Warum kommst du?», knurrte er.

«Lena rief an. Sie sorgt sich. Ich auch.»

«Ich hasse dich nicht. Ich verstehe nicht, wie du ihn so schnell ersetzen konntest.»

«Schnell? Zehn Jahre, Kilian! Zehn Jahre allein! Ich will lebennicht nur existieren!»

«Ich dachte wir bleiben zusammen. Du und ich. Jetzt hast du ihn. Und ich bin allein.»

Da verstand sie: Er hatte Angst. Nicht um Sergejum sich. Dass sie ihn vergessen würde.

Sie zog ihn an sich. «Mein dummer Junge. Nichts und niemand ersetzt dich. Nie.»

Er weinte an ihrer Schulterstumm, wie Männer weinen.

Es war erst der Anfang. Aber die Mauer war gefallen.

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Mein Sohn spricht nicht mehr mit mir, seit ich ein zweites Mal geheiratet habe
By Sixty-Nine, I Learned the Hardest Truth: When Kids Say «We Love You,» They Often Just Want Your Retirement Savings and Your House.