Ich bin weder deine Köchin noch dein Dienstmädchen, um deinen Sohn zu bedienen und zu bemuttern! Wenn du ihn hier wohnen lässt, dann kümmere dich gefälligst selbst um ihn!

**Tagebucheintrag 5. November**

*Ich bin keine Köchin und kein Dienstmädchen, das sich auch noch um deinen Sohn kümmern soll! Wenn du ihn hierhergebracht hast, dann kümmer dich selbst um ihn!*

Meine Stimme war kalt und scharf wie ein Messer. Lena stand mit dem Rücken zu mir, das Messer in der Hand über dem Schneidebrett. Der Geruch von gebratenen Zwiebeln und Knoblauch, den sie für ihr Abendessen zubereitet hatte, verflog plötzlich, ersetzt durch die scharfe Wut, die in ihr hochkroch. Langsam drehte sie sich um. Im Sessel lag ein Haufen schmutziger Wäsche Jeans, T-Shirts, Socken, die zu steifen Klumpen geworden waren. Alles roch nach Schweiß und Straßenschmutz.

Lena schwieg. Sie starrte auf meinen Nacken, wie ich mich lässig in die Couch zurücklehnte, völlig vertieft in das Motorengeräusch der Formel-1-Rennen im Fernsehen. Ich hatte nicht einmal die Mühe gemacht, sie anzusehen, als ich ihr die Aufgaben zuwies als spräche ich mit einem Haushaltsgerät, das automatisch gehorchen sollte. Nebenan, hinter der geschlossenen Tür, saß der eigentliche Grund für diesen Abend: der sechzehnjährige Jonas, ihr vorübergehender Mitbewohner seit nun vier Monaten. Das Klackern der Computermaus und seine fluchende Stimme verrieten, dass er irgendein Online-Spiel spielte. Es kam ihm nicht in den Sinn, selbst für seine Wäsche oder sein Essen zu sorgen. Wozu? Dafür war ja Lena da.

*Ich bin keine Köchin und kein Dienstmädchen! Wenn du deinen Sohn hier haben willst, dann kümmere dich gefälligst selbst um ihn!*

Ihre Stimme war fest, klar und schnitt durch das Quietschen der Reifen aus dem Fernseher.

Ich runzelte die Stirn und drehte mich widerwillig um. Auf meinem Gesicht stand blankes Unverständnis, als hätte sie plötzlich Chinesisch gesprochen.

*Was ist denn jetzt schon wieder? Ist das wirklich so schwer? Du machst doch ohnehin die Wäsche. Was macht es für einen Unterschied, ob du zwei oder vier T-Shirts wäschst? Und kochen tust du auch für alle. Warum musst du immer so ein Theater machen?*

Die Worte kamen so selbstverständlich über meine Lippen, dass Lena eine eiskalte Klarheit durchfuhr. Für mich gab es keinen Unterschied. Für mich war sie eine Funktion, ein Teil des Haushalts, wie der Kühlschrank oder die Spülmaschine. Wenn die Wäsche schmutzig war, wurde sie gewaschen. Wenn die Regale leer waren, ging man einkaufen. Ich sah nicht ihre Müdigkeit nach der Arbeit, bemerkte nicht, wie sie stundenlang in der Küche stand, während wir beide uns ausruhten. Ich konsumierte einfach ihre Zeit und ihre Kraft.

Ohne ein weiteres Wort ging sie zum Sessel, hob mit zwei Fingern den schmutzigen Haufen hoch und wandte sich nicht dem Badezimmer zu, sondern dem Balkon.

*Wo willst du damit hin?*, fragte ich misstrauisch und setzte mich auf der Couch auf.

Lena öffnete schweigend die Balkontür. Die kalte Novemberluft schlug ihr ins Gesicht. Sie trat hinaus, ging zum Geländer und öffnete ohne Zögern die Hand. Die dunkle Wäsche flog über die Brüstung und verschwand lautlos im Dunkeln unten auf dem Rasen.

Als sie zurückkam und die Tür fest hinter sich schloss, starrte ich sie mit offenem Mund an. Mein Gesicht wurde erst blass, dann dunkelrot.

*Bist du verrückt geworden?!*, brüllte ich, als ich endlich wieder sprechen konnte.

*Nein, ich bin zur Vernunft gekommen*, antwortete Lena ruhig und ging zurück zu ihrer Pfanne. *Ich habe zugestimmt, mit dir zu leben, nicht, deinen erwachsenen Sohn zu adoptieren. Ab heute kümmert ihr euch selbst um euch. Waschen, kochen, aufräumen. Meine Geduld ist am Ende. Und sag deinem Sohn, seine Schuluniform liegt auf dem Rasen. Er sollte sich beeilen, bevor die Müllabfuhr kommt.*

Das Motorengeräusch aus dem Fernseher verstummte, ersetzt durch mein wütendes Schnauben. Jonas, vom Aufschrei angelockt, lugte aus seinem Zimmer. Sein Gesicht, sonst nur von Langeweile oder Spielesucht geprägt, war jetzt verunsichert. Er blickte zwischen mir und Lena hin und her, die gelassen Gemüse für ihren Salat schnitt.

*Papa, was ist passiert?*, murmelte er.

*Was passiert ist?!*, explodierte ich und zeigte auf den Balkon. *Deine Klamotten düngen jetzt den Rasen! Sie hat sie runtergeworfen! Geh und hol sie dir, bevor die Hunde sie zerfetzen!*

Die Demütigung auf seinem Gesicht war greifbar. Der selbsternannte König seiner virtuellen Welt wurde öffentlich gedemütigt und auf eine erniedrigende Mission geschickt: seine eigene schmutzige Wäsche zu bergen. Ohne Lena anzusehen, schlüpfte er in seine Turnschuhe und verschwand.

Ich blieb stehen, atmete schwer wie ein gestresster Bulle. Ich erwartete eine Reaktion von ihr Geschrei, Streit, vielleicht sogar eine Entschuldigung. Aber sie kochte einfach weiter. Ihre eisige Ruhe war unerträglicher als jeder Streit.

*Das wirst du bereuen, Lena. Zutiefst bereuen*, zischte ich und ließ mich auf die Couch fallen, starrte auf den dunklen Bildschirm.

Von diesem Abend an wurde unsere Wohnung zum Schlachtfeld. Einem stillen, aber erbarmungslosen. Jonas und ich beschlossen, passiven Widerstand zu leisten. Wir waren sicher: Das war nur eine Laune, die bald vergehen würde. Wir würden ihr beweisen, dass wir ohne sie klarkamen indem wir das Chaos so unerträglich wie möglich machten.

Die Küche war das erste Opfer. Morgens bereitete Lena wie gewohnt ihren Kaffee zu, aß ihren Joghurt, wusch ihr Geschirr ab und ging zur Arbeit. Jonas und ich fanden einen leeren Kühlschrank und kein Frühstück. Unser Versuch, selbst zu kochen, endete in einer mit Milch überfluteten Herdplatte, einer Pfanne mit verkohlten Eiern und einem Berg schmutzigen Geschirrs. Wir ließen alles stehen. Das war unsere erste Kampfansage.

Abends kam Lena zurück, sah die Küche, bereitete ihr eigenes Essen, aß, wusch ab und verschwand im Schlafzimmer. Unser Chaos schien sie nicht zu berühren.

Tag für Tag wurde es schlimmer. Pizzakartons auf dem Boden, Chipstüten auf der Couch, klebrige Ringe von Colagläschen auf dem Couchtisch. Die Luft roch nach abgestandener Nahrung und stummer Wut. Wir ignorierten demonstrativ den Mülleimer und häuften Abfall daneben an. Der Geruch wurde unerträglich. Wir warteten darauf, dass sie zusammenbrach.

Aber Lena brach nicht. Sie zog eine unsichtbare Linie. Ihr Weg war klar: Flur, Bad, Küche, Schlafzimmer. Sie putzte nur ihren eigenen Bereich. Sie kochte nur für sich selbst. Ihr Zimmer war ihre Festung, eine saubere Oase in unserem absichtlich geschaffenen Chaos.

*Man kann hier kaum atmen*, warf ich eines Abends hin, als sie vorbeiging.

*In deinem Teil der Wohnung ja*, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. *Meiner gefällt mir.*

Ich knirschte mit den Zähnen. Ihre Ruhe nervte. Wir verloren diesen kalten Krieg. Also wechselten wir die Taktik.

Nach einer Woche war die Wohnung eine feindliche Zone. Die Luft war dick von Fastfood und Wut. Jonas und ich hatten verloren, aber wir gaben nicht auf. Wir schlugen zurück.

Als Lena eines Abends nach Hause kam, fand sie ihr neues, cremefarbenes Mantel mit Pizzaresten und Essigflecken beschmiert vor. Sie rührte sich nicht. Kein Schrei, kein Streit. Sie faltete es weg, holte ihr Telefon und rief einen Schlüsseldienst.

*Hallo, ich brauche dringend ein neues Schloss für meine Wohnungstür. Ja, heute noch.*

Als die Tür zuschnappte, zuckten Jonas und ich zusammen. Die Stille danach war bedrückend.

*Was war das? Wo geht sie hin?*, fragte Jonas nervös.

*Keine Ahnung*, knurrte ich, aber Unsicherheit schlich sich ein. *Sie wird schon zurückkommen.*

Doch sie kam nicht.

Stattdessen kehrte sie mit schwarzen Müllsäcken zurück, als wir beide weg waren. Sie packte alles ein Jonas Klamotten, meine Arbeitshosen, selbst meine Rasierer. In vierzig Minuten standen sechs pralle Säcke vor der Tür. Dann kam der Schlüsseldienst.

Als wir abends zurückkamen, passte unser Schlüssel nicht mehr. Wir hämmerten gegen die Tür.

*Lena! Mach auf! Was soll das?!*

Ihre Antwort kam ruhig: *Verschwindet. Eure Sachen sind auf dem Flur. Das ist nicht mehr euer Zuhause.*

Ich tobte. *Das ist auch meine Wohnung! Ich wohne hier! Mach sofort auf, oder ich breche die Tür auf!*

*Versuchs*, sagte sie nur. *Dann ist es Einbruch.*

Wir standen da, mit unseren Säcken, beschimpften sie aber es war sinnlos. Sie hatte gewonnen.

Eine Woche später klingelte ich. Ich sah abgekämpft aus.

*Lena, lass uns reden. Das ist zu weit gegangen.*

Sie nahm den Beutel mit ihren Sachen entgegen, die ich aus Versehen mitgenommen hatte.

*Wir waren falsch. Ich war falsch. Jonas hat nirgends zu wohnen. Wir hocken bei meiner Mutter in ihrer kleinen Wohnung Das ist kein Leben.*

*Für dich nicht*, antwortete sie. *Für mich hat es gerade erst angefangen.*

*Aber wir sind doch eine Familie!*

*Nein, Markus. Familie wird man. Ihr wart nur meine Last. Und ich habe mich davon befreit. Komm nicht wieder.*

Die Tür schloss sich. Ich stand noch eine Weile da, dann ging ich.

Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Jonas lebt jetzt wieder bei seiner Mutter. Ich miete ein Zimmer am Stadtrand.

Und Lena? Sie lernt endlich, glücklich zu sein.

**Was ich daraus gelernt habe:** Respekt ist keine Einbahnstraße. Wer nimmt, ohne zu geben, verliert am Ende alles.

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