Schwiegermutter sagte zu mir: Du bist ein Waisenkind und solltest dankbar sein, dass mein Sohn dir ein Dach über dem Kopf gibt. Also sei still und beschwere dich nicht.
Ihre Worte hingen in der Luft wie Rauch einer erloschenen Kerze schwer, schwarz, erstickend.
Du bist ein Waisenkind, wies sie mich an, ohne mich anzusehen, als spräche sie mit Staub auf der Fensterbank, und du solltest dankbar sein, dass mein Sohn dich aufgenommen hat. Also halte den Mund und jammer nicht.
Ich stand schweigend da. Mein Mann saß daneben, blinzelte nicht. Sein Gesicht war ruhig, gleichgültig, als ginge es ihm um das Wetter oder den Preis für Kartoffeln. Er bewegte sich nicht, nur seine Finger drückten leicht gegen den Tischrand das könnte auch Zufall sein.
Ich schrie nicht. Ich weinte nicht. Ich erstarrte, als hätte etwas in mir geklickt und den Strom abgeschnitten. Der Körper blieb, doch das Innere war leer kalt und schrill.
Schwiegermutter, Helga Schmitt, sprach immer unverblümt. Unverblümt ist dabei ein Euphemismus; in Wirklichkeit war sie hart, berechnend und genoss es, zu treffen. Ihre Worte waren keine bloßen Äußerungen, sondern Schläge, und sie wusste genau, wo sie zuschlagen musste.
Von Anfang an hatte sie mich nie akzeptiert. Als ich und Markus heirateten, sagte sie nur: Na gut, wenn ihr euch schon verbunden habt und fügte kein weiteres Wort hinzu. Kein Gruß, kein Lächeln, nicht einmal ein höfliches In Ordnung. Nur ein schwerer Blick, voll von Geringschätzung oder Mitleid.
Ich war kein Waisenkind. Ich hatte eine Mutter. Lebendig, gesund, wohnte in einem eigenen Haus im Dorf bei Göttingen. Sie besaß einen Garten, Hühner, eine Katze namens Mieze und einen alten VW Käfer, mit dem sie in die Stadt fuhr, um Lebensmittel zu holen. Sie hatte alles und noch mehr, als sie brauchte. Für Helga Schmitt bedeutete das nichts. Ihre Mutter hatte keine Wohnung im Zentrum, keinen Hochschulabschluss, keinen gesellschaftlichen Status. Helga dagegen schon: ein verstorbener Professor als Ehemann, eine Zweizimmerwohnung in einem alten Mietshaus in der Schillerstraße und das Ansehen einer ehrwürdigen Frau.
Markus wuchs in diesem Milieu auf einer Atmosphäre stiller Überheblichkeit und kalter Höflichkeit. Er war ein ruhiger, folgsamer, gepflegter Junge mit guten Noten und stets geknöpften Hemden. Er stritt nicht mit seiner Mutter, widersprach nicht, verteidigte nicht. Er schwieg einfach. Und jetzt schwieg er erneut.
Du bist ein Waisenkind
Das war nicht das erste Mal, doch das erste Mal richtete sie es laut zu meinem Mann. Früher flüsterte sie es, wenn wir allein in der Küche standen, oder warf es beiläufig ein, wenn ich ihr Tee brachte. Heute jedoch laut und deutlich, wie ein Urteil.
Ich antwortete nicht. Ich drehte mich um und verließ den Raum. Hinter mir kein Geräusch, kein Schritt, keine Stimme von Markus, nicht einmal das Rascheln von Stoff. Nur die Stille, die stärker drückte als jedes Wort.
Im Bad schloss ich die Tür ab und blickte in den Spiegel. Die Augen trocken, das Gesicht bleich, das Haar zerzaust. Ich sah aus wie ein verloren gegangener Schatten, fast wie das Waisenkind, das sie beschrieben hatte. Doch ich wusste, das war nicht wahr. Ich war nie hilflos. Ich wuchs in einem Haus auf, in dem man liebte. Meine Mutter sagte: Du schaffst das. Du bist stark. Mein Vater, bis zu seinem Tod, lehrte mich, den Rücken gerade zu halten, selbst wenn die Welt zusammenbrach.
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Jetzt fühlte ich mich klein, unbedeutend, als wäre mein ganzes Leben ein Fehltritt, den man nur aus Mitleid erträgt.
Ich setzte mich an den Rand der Badewanne und vergrub mein Gesicht in den Händen. Nicht weinend, nur sitzend und nachdenkend.
Wir waren vor zwei Jahren zu Helgas Haus gezogen nicht aus ihrem Wunsch, sondern aus meinem. Markus hatte seine Arbeit verloren, die Firma war geschlossen worden. Die Buchhaltung, sein Fach, war nicht mehr gefragt. Wir lebten in einer gemieteten Einzimmerwohnung am Stadtrand, gaben fast mein ganzes Gehalt dafür aus. Dann bekam ich gesundheitliche Probleme, eine Operation, Krankenhausrechnungen, Schulden.
Ich schlug vor, zu Helga zu ziehen. Die Wohnung war groß, eine Dreizimmerwohnung, ein Zimmer blieb frei. Ich dachte, das sei nur vorübergehend, ein paar Monate, bis Markus wieder auf die Beine kommt.
Helga stimmte zu allerdings mit der Bedingung: Ihr müsst im Haushalt helfen und die Nebenkosten zahlen. Ich stimmte zu, zahlte, putzte, kochte, wusch ihre Wäsche, bügelte Kleider alles still, ohne Beschwerde.
Dann fand Markus eine neue, wenn auch andere, Anstellung. Stabil. Wir begannen zu sparen. Ich kehrte zur Arbeit zurück, meine Gesundheit wurde wieder gut. Wir träumten von einer eigenen Wohnung, von einem eigenen Weg.
Doch Helga ließ uns nicht los. Warum sollt ihr jetzt noch mieten? Hier ist es warm, bequem, die UBahn ist gleich um die Ecke. In Wahrheit war es ihr bequem. Jemand kochte ihr, wusch den Boden, ging einkaufen. Sie genoss, die Herrin ihres kleinen Reiches zu sein.
Ich schwieg, um keinen Streit zu provozieren. Markus bat: Mama ist alt. Erwarte etwas Geduld. Ich glaubte, das sei nur vorübergehend.
Die Zeit verging, wir saßen wie Pfandgläubiger, wie Bettler.
Nach einer Stunde verließ ich das Bad. Markus trank Tee in der Küche, Helga zog sich in ihr Zimmer zurück. Auf dem Tisch lag schmutziges Geschirr. Ich wusch es nicht. Stattdessen füllte ich ein Glas Wasser und setzte mich gegenüber von ihm.
Warum hast du geschwiegen? fragte ich leise.
Er hob den Blick, sein Blick war ruhig, fast gleichgültig.
Was hätte ich sagen sollen?
Mich verteidigen. Du bist mein Mann.
Mama sie ist, wie sie ist. Du weißt das.
Ich weiß. Aber du bist mein Mann, nicht ihr Sohn.
Er senkte den Blick, schwieg.
Mach kein Drama, Lena. Das ist sinnlos.
Drama? Ich stehe hier und höre, wie man mich ein Waise nennt, und du sitzt still daneben. Das ist keine Szene, das ist Demütigung.
Er seufzte.
Sie wollte nicht verletzen. Sie hat einfach so einen Charakter.
Ihr Charakter ist ein Folterinstrument.
Er schweigte, trank den Tee aus und stand auf.
Ich gehe arbeiten. Morgen muss ich früh aufstehen.
Er ging in unser Zimmer und schloss die Tür.
Allein blieb ich in der Küche, mit schmutzigem Geschirr, kaltem Tee und dem Gefühl, dass alles, was ich aufgebaut hatte, zerbricht.
In der Nacht schlief Markus neben mir, atmete gleichmäßig. Ich lag wach und starrte an die Decke: Was mache ich hier?
Ich erinnerte mich an meine Mutter, die sagte, als wir auszogen: Wenn es unerträglich wird, komm zurück. Bei mir gibt es immer ein Plätzchen. Ich lächelte: Das wird nicht nötig sein. Doch jetzt wurde mir klar, dass genau dieses Plätzchen das Einzige war, wo ich ich selbst sein konnte.
Morgens stand ich früh auf, kochte Kaffee, packte die wichtigsten Dinge: Reisepass, Geld, Laptop, Hygieneartikel.
Markus wachte, als ich bereits an der Tür mit einem Koffer stand.
Wohin? fragte er verschlafen.
Zur Mutter.
Wohin? Warum?
Weil ich hier ein Waise bin. Bei Mama bin ich eine Tochter.
Er setzte sich verwirrt aufs Bett.
Lena, mach dir nichts vor. Das ist doch absurd.
Wir reden darüber.
Du redest zwei Jahre lang nicht. Was soll man dann besprechen?
Ich ich rede mit meiner Mutter.
Du redest, dann schweigst du wieder. Nein, ich habe die Nase voll, im Schatten zu stehen.
Wirfst du mich weg?
Nein, ich verlasse dieses Leben. Das Leben, in dem ich schweigen muss, damit dein kostbarer Frieden nicht gestört wird.
Er stand auf, trat zu mir.
Bitte, gib mir eine Chance.
Du hattest zwei Jahre.
Er schwieg, dann sagte er:
Und wie geht es weiter?
Ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr.
Ich ging. Hinter mir kein Schritt, kein Schrei. Nur Stille. Wieder Stille.
Das Dorf begrüßte mich mit feinem Herbstregen. Meine Mutter öffnete die Tür im blauen Kittel, Mehl auf der Wange.
Lena, du bist wieder da! rief sie und umarmte mich so fest, dass ich fast erstickte.
Mama, ich komme für lange Zeit.
Gott sei Dank! Das Haus ist gerade dafür da, dass man zurückkehrt.
Sie stellte keine Fragen, nahm mich einfach an wie immer.
Ich richtete meine Sachen ein, kam zurück in mein altes Zimmer. An der Wand ein Kinderfoto, auf der Fensterbank ein Topf mit Geranien. Alles wie früher.
Eine Woche später fand ich einen Job im HomeOffice als Programmiererin. Das Geld kam aus den Ersparnissen, die ich heimlich von Markus angelegt hatte für den schwarzen Tag. Und dieser Tag kam.
Meine Mutter mischte sich nicht in meine Angelegenheiten. Sie kochte, erzählte Dorfgemützel, setzte sich manchmal still zu mir. Das reichte völlig.
Ein Monat verging, dann zwei. Markus rief an. Zuerst täglich, dann seltener. Meine Mutter bittet um Entschuldigung, sagte er. Wir vermissen dich. Komm zurück. Ich schwieg, beschuldigte nicht, stritt nicht, sagte nur: Ich überlege.
Eines Tages sagte er:
Lena, ich habe es erkannt. Ich war blind. Ich dachte, Schweigen bringe Frieden, aber es war Verrat.
Ich antwortete nicht sofort, dann sagte ich:
Du musst nicht mein Beschützer sein, aber du musst ein Ehemann sein. Ein Mann schweigt nicht, wenn seine Frau erniedrigt wird.
Ich weiß. Es tut mir leid.
Verzeihung liegt nicht in meinen Worten, sondern in deinen Taten.
Er schwieg, dann flüsterte er:
Ich ziehe aus. Aus der Wohnung. Ich finde ein neues Heim, ohne sie.
Warum?
Weil ich mit dir zusammen sein will, nicht zwischen euch beiden.
Ich glaubte ihm nicht sofort, doch nach einer Woche schickte er ein Foto: ein kleines, helles Einzimmerapartment am anderen Ende der Stadt, mit Teppich und Blumen auf der Fensterbank.
Das ist ein Anfang, schrieb er. Falls du es willst.
Ich zeigte es meiner Mutter. Sie lächelte:
Na, meine Tochter, willst du es probieren?
Ich habe Angst.
Wovor? Du hast nichts zu verlieren. Im Gegenteil, du hast dich selbst gefunden. Das ist das Wichtigste.
Drei Monate später kehrte ich nicht zu Helga zurück, sondern zu Markus, in seine neue Wohnung. Wir fingen von vorne an, langsam, behutsam, fast wie nach einer langen Krankheit das Laufen zu lernen.
Helga rief an, schrieb, sagte, er sei verrückt geworden, ich hätte ihn zerstört. Ich antwortete nicht. Dann hörte sie auf.
Markus veränderte sich. Er wurde standhafter, lernte Nein zu sagen, stritt, verteidigte. Nicht immer perfekt, aber ehrlich.
Eines Abends sagte er:
Du hast recht. Ich war ein Feigling. Ich lerne, ein Mann zu sein, nicht nur ein Sohn.
Ich umarmte ihn und fühlte zum ersten Mal seit langem, dass ich kein Waisenkind war. Ich war Ehefrau, Tochter, Frau, die das Recht auf Respekt hat.
Ein Jahr später kauften wir eine kleine eigene Wohnung, mit Balkon und Blick auf den Park. Meine Mutter kommt jedes Frühjahr, bringt Marmelade, Eingemachtes und ihr warmes Lächeln.
Helga lebt allein. Markus besucht sie, bringt Lebensmittel, erzählt vom Wetter, aber das Gestern bleibt unausgesprochen.
Und ich? Ich schweige nicht mehr. Wenn etwas nicht stimmt, spreche ich offen, ehrlich, ohne Angst.
Denn ich habe erkannt: Ein Waisenkind zu sein bedeutet nicht, keine Eltern zu haben, sondern keinen Schutz zu besitzen. Meinen Schutz finde ich in mir selbst.
Und jetzt, wenn jemand versucht, mich zu demütigen, stehe ich nicht schweigend da. Ich antworte nicht mit Schrei oder Tränen, sondern mit Würde.
Ich bin nicht mehr das Waisenkind.
Ich bin Lena.
Und ich habe das Recht, gehört zu werden.







