Nicht sein Problem

Es war eines jener Ereignisse, das sich tief ins Gedächtnis brannte, als wäre es gestern gewesen.

»Sag Klaus, er soll sofort kommen!«, schluchzte meine Tochter am Telefon. »Alle drei Kinder haben Fieber, sind unleidig. Ich schaffe es nicht allein mit ihnen zur Klinik. Er soll uns mit dem Auto abholen!«

Helga nickte, obwohl Karin es nicht sehen konnte. In ihrer Brust zog sich alles zusammen vor Sorge um die Enkel.

»Ich kümmere mich sofort, mein Schatz. Beruhige dich«, sagte sie mit ruhiger Stimme, um die Tochter nicht noch mehr aufzuregen.

Sie beendete das Gespräch und verharrte einen Moment. Ihre Finger suchten zitternd die Nummer des Sohnes. Drei kranke Kinder, Karin allein, ihr Mann auf Arbeit. Eine verzweifelte Lage.

Klaus würde helfen, da war sie sich sicher.

Ein Klingeln. Zwei. Endlich meldete sich ihr Sohn.

»Mutti, hallo«, sagte er hastig.
»Klaus, mein Lieber, hier ist etwas passiert…« Helga versuchte, die richtigen Worte zu finden. »Karin hat angerufen. Alle drei Kinder sind krank, sie müssen dringend zum Arzt. Ihr Mann kann nicht kommen. Könntest du deine Nichten und Neffen bringen? Es dauert bestimmt nicht lange.«

Am anderen Ende herrschte eine gespannte Stille. Helga hörte sein Atmen und undeutliche Geräusche im Hintergrund.

»Mutter, heute geht es nicht«, seufzte Klaus. »Es ist Annelieses Geburtstag. Den Tisch haben wir vor Wochen reserviert. Zu Karin muss ich quer durch die Stadt, und der Verkehr ist schrecklich. Wir würden die Reservation verpassen. Also, ohne mich…«

Helga umklammerte das Telefon fester. Ihre Handfläche war feucht. Wollte er wirklich nicht helfen?

»Klaus, hörst du nicht? Die Kinder sind krank! Deine eigenen Nichten und Neffen!« Sie rang um Fassung. »Karin schafft das nicht allein mit drei quengelnden Kleinen! Sie müssen zum Arzt!«
»Mutter, ich verstehe ja«, antwortete er gleichgültig. »Aber wir haben Pläne. Wir können nicht alles absagen. Sie soll ein Taxi nehmen. Oder du und Vater helft. Wo ist das Problem?«

Helga sank auf einen Stuhl. Ihre Beine versagten. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte.

»Vater ist auf Arbeit!« Jetzt schrie sie. »Ich schaffe es nicht allein mit drei kranken Kindern! Verstehst du das denn nicht?«
»Ich kann nicht. Tut mir leid«, sagte Klaus schroff. »Das ist nicht mein Problem. Die Kinder sind Karins Verantwortung. Sie soll sich selbst kümmern.«

Helga schnappte nach Luft. Wie konnte er so etwas sagen?

»Wie kannst du nur…!«, schrie sie. »Das ist deine Familie! Deine Schwester! Ein einziges Mal hilfst du nicht?«
»Ich sagteich kann nicht. Wir müssen uns fertig machen, entschuldige.« Er legte auf.

Das Freizeichen schrillte in ihren Ohren. Helga starrte auf das Telefon, unfähig, es zu begreifen. Ihre Hände zitterten. Sie rief noch einmal an. Keine Antwort. Wieder. Stille.

Etwas Glühendes kochte in ihr auf. Wie konnte ihr Sohn so handeln? Sie wählte die Nummer ihrer Schwiegertochter. Vielleicht brachte Anneliese ihn zur Vernunft.

»Hallo, Helga?«, meldete sich Anneliese sofort.
»Anneliese, Liebes«, rang Helga um Ruhe. »Kannst du Klaus nicht bitten zu helfen? Es sind seine Nichten und Neffen! Sie sind krank! Karin kommt allein nicht zurecht! Das musst du doch verstehen, du bist selbst eine Frau.«

Anneliese seufzte. Ihre Stimme war kühl, fast gleichgültig.

»Helga, die Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern. Es gibt Taxis, es gibt den Notdienst. Die Kinder sind keine Säuglinge mehr. Karin ist erwachsen, sie wird es schon schaffen.«

Helga erstarrte. Diese Worte trafen härter als die Ablehnung ihres Sohnes.

»Anneliese, hast du eine Ahnung, wie es ist, drei kranke Kinder allein im Taxi zu haben?! Sie sind so klein! Karin schafft das nicht!« Jetzt schrie Helga.
»Es sind ihre Kinder, Helga«, sagte Anneliese unbewegt. »Wir haben unseren Abend lange geplant. Wir lassen ihn uns nicht durch die Probleme anderer verderben.«

Der Schock wich reiner Wut.

»Dann kommt ja nie zu uns, wenn ihr selbst Hilfe braucht!«, rief Helga und warf den Hörer auf die Gabel.

…Die nächsten Tage vergingen wie im Nebel. Helga rief Klaus nicht an. Sie fuhr stattdessen jeden Morgen früh zu Karin, brachte Medikamente, half beim Anziehen der Kinder, begleitete sie zum Arzt und blieb, bis es ihnen besser ging. Die Küche roch nach Kamillentee und verbranntem Porridge, die Wäsche türmte sich, aber Helga wusch sie schweigend, während die Enkel auf ihrer Couch schliefen. Als Klaus nach einer Woche anrief, nahm sie nicht ab. Auch nicht beim zweiten Mal. Eines Abends lag ein Brief in ihrem Briefkasten, ohne Absender. Darin stand nur: *Es tut mir leid, Mutti. Ich war feige.* Sie las ihn, falzte ihn sorgfältig und legte ihn in die Schublade neben das Foto von Klaus als kleinem Jungen, wie er lachend auf ihrem Schoß saß. Sie weinte nicht. Aber sie wusste: Manche Wunden heilen langsam. Vielleicht nie ganz.

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Nicht sein Problem
Bis zur Klinik hat es Svetlana nur mühsam geschafft