Sommersonne: Die Magie der Hochsaison

Sommerschwelle

Heute saß ich, Marlene Bauer, am Küchenfenster und beobachtete, wie die Abendsonne über den nassen Asphalt hinter unserem Hof glitt. Der Regen hatte trübe Schlieren auf den Scheiben hinterlassen, doch das Fenster öffnete ich nicht die Wohnung war stickig, erfüllt von warmem, staubiger Luft, vermischt mit den Geräuschen der Straße. Mit vierundvierzig Jahren hätte man eigentlich über Enkelkinder sprechen sollen, nicht über den Versuch, noch Mutter zu werden. Doch jetzt, nach Jahren des Zweifelns und unterdrückter Hoffnungen, hatte ich endlich den Mut gefasst, ernsthaft mit einem Arzt über eine künstliche Befruchtung zu sprechen.

Mein Mann, Friedrich, stellte eine Tasse Tee auf den Tisch und setzte sich neben mich. Er kannte meine bedachten, langsamen Worte, wusste, wie vorsichtig ich formulierte, um seine unausgesprochenen Ängste nicht zu verletzen. «Bist du dir wirklich sicher?», fragte er, als ich zum ersten Mal laut über eine späte Schwangerschaft sprach. Ich nickte nicht sofort, sondern nach einer kurzen Pause, in der all meine früheren Enttäuschungen und stillen Befürchtungen Platz fanden. Friedrich widersprach nicht. Er nahm schweigend meine Hand, und ich spürte: Auch er hatte Angst.

Im Haus lebte auch meine Mutter, eine Frau strenger Prinzipien, für die die natürliche Ordnung wichtiger war als persönliche Wünsche. Beim Abendessen schwieg sie zunächst, dann sagte sie: «In deinem Alter riskiert man so etwas nicht mehr.» Ihre Worte blieben zwischen uns wie ein schwerer Stein und tauchten später noch oft in der Stille des Schlafzimmers auf.

Meine Schwester rief seltener an sie lebte in einer anderen Stadt und unterstützte mich nur knapp: «Du wirst schon wissen, was du tust.» Nur meine Nichte schrieb mir eine Nachricht: «Tante Marlene, das ist so toll! Du bist so mutig!» Das kurze Lob wärmte mich mehr als alle Worte der Erwachsenen.

Der erste Besuch in der Klinik führte durch lange Gänge mit abblätternder Farbe und dem Geruch von Desinfektionsmittel. Der Sommer hatte gerade erst begonnen, und das Nachmittagslicht war milde, selbst im Wartezimmer des Reproduktionsmediziners. Die Ärztin studierte meine Unterlagen und fragte: «Warum haben Sie sich gerade jetzt entschieden?» Diese Frage hörte ich oft von der Schwester bei der Blutabnahme, von einer Bekannten auf der Parkbank.

Meine Antworten variierten. Manchmal sagte ich: «Weil es eine Chance gibt.» Manchmal zuckte ich nur mit den Schultern oder lächelte unpassend. Hinter dieser Entscheidung lag ein langer Weg der Einsamkeit und des Versuchens, mir selbst zu erklären, dass es nicht zu spät war. Ich füllte Formulare aus, ertrug zusätzliche Untersuchungen die Ärzte verheimlichten ihre Skepsis nicht, denn in meinem Alter waren die Erfolgschancen statistisch gering.

Zuhause verlief alles wie gewohnt. Friedrich begleitete mich zu jedem Termin, obwohl er genauso nervös war wie ich. Meine Mutter wurde vor jedem Arztbesuch gereizter und warnte mich vor vergeblichen Hoffnungen. Doch manchmal brachte sie mir zum Abendessen Obst oder ungesüßten Tee so zeigte sie ihre Sorge.

Die ersten Schwangerschaftswochen fühlten sich an, als lebte ich unter einer Glasglocke. Jeder Tag war von der Angst geprägt, diesen zerbrechlichen Neuanfang zu verlieren. Die Ärztin überwachte mich besonders streng: Fast wöchentlich gab es Bluttests oder Ultraschalltermine in Wartezimmern voller jüngerer Frauen.

In der Klinik verweilten die Blicke der Schwestern etwas länger auf meinem Geburtsdatum. Gespräche drehten sich unweigerlich um mein Alter einmal seufzte eine fremde Frau hinter meinem Rücken: «Hat sie denn keine Angst?» Ich antwortete nicht auf solche Bemerkungen; in mir wuchs etwas wie müde Sturheit.

Die Komplikationen kamen plötzlich: Eines Abends durchfuhr mich ein stechender Schmerz, und ich rief den Notarzt. Die Station war stickig, selbst nachts, das Fenster blieb meist geschlossen wegen der Hitze und Mücken. Das Personal begegnete mir mit Zurückhaltung; irgendwo flüsterte jemand über Altersrisiken.

Die Ärzte sprachen nüchtern: «Wir beobachten weiter», «Solche Fälle brauchen besondere Kontrolle.» Eine junge Hebamme murmelte einmal: «Sie sollten lieber Bücher lesen und sich ausruhen», wandte sich aber sofort ab.

Die Tage zogen sich hin in angespannter Erwartung, die Nächte waren erfüllt von kurzen Anrufen bei Friedrich und sporadischen Nachrichten meiner Schwester, die zur Vorsicht mahnte. Meine Mutter kam selten es fiel ihr schwer, mich hilflos zu sehen.

Die Gespräche mit den Ärzten wurden schwieriger: Jedes neue Symptom löste weitere Untersuchungen aus. Einmal gab es Streit mit Friedrichs Verwandten, ob man die Schwangerschaft überhaupt fortsetzen sollte. Er beendete die Diskussion mit einem scharfen: «Das ist unsere Entscheidung.»

Die Station war schwül; draußen rauschten Bäume in vollem Laub, Kinderstimmen klangen vom Hof herauf. Manchmal dachte ich an die Zeit, als ich jünger war als die Frauen um mich herum als eine Schwangerschaft selbstverständlich schien, ohne Angst vor Komplikationen oder fremden Blicken.

Gegen Ende der Schwangerschaft wuchs die Anspannung; jede Bewegung des Kindes war zugleich kleines Wunder und bange Ahnung. Das Handy lag immer griffbereit, Friedrich schickte stündlich ermutigende Nachrichten.

Die Geburt setzte zu früh ein, spät am Abend. Das lange Warten endete in Hektik, und plötzlich schien alles außer Kontrolle. Die Ärzte sprachen schnell und präzise; Friedrich wartete vor dem OP und betete so verzweifelt wie einst vor Prüfungen.

Ich erinnere mich kaum an den Moment der Geburt nur an Stimmengewirr, den beißenden Geruch von Medikamenten und ein feuchtes Tuch an der Tür. Unser Sohn kam schwach zur Welt; sofort wurde er untersucht, ohne viele Erklärungen.

Als klar wurde, dass er in die Intensivstation musste und beatmet werden würde, überrollte mich eine solche Angstwelle, dass ich kaum anrufen konnte. Die Nacht schien endlos; das offene Fenster ließ warme Luft herein, die keine Erleichterung brachte.

Irgendwo draußen heulte ein Krankenwagen; hinter den Scheiben verschwammen die Umrisse der Bäume im Park. In diesem Moment gestand ich mir ein: Es gab kein Zurück mehr.

Der nächste Morgen begann nicht mit Erleichterung, sondern mit Warten. Ich erwachte in der stickigen Station, wo ein lauer Wind den Vorhang bewegte. Langsam hellte es sich auf, Pappelflusen klebten am Fenster. Schritte hallten durch den Flur müde, aber vertraut. Ich fühlte mich nicht als Teil dieser Welt. Mein Körper war schwach, doch meine Gedanken kreisten nur um unseren Sohn hinter der Intensivstationstür der nicht allein atmen konnte.

Friedrich kam früh. Er setzte sich wortlos neben mich, nahm meine Hand. Seine Stimme war heiser vom Schlafmangel: «Die Ärzte sagen, es gibt noch keine Veränderung.» Meine Mutter rief kurz nach Sonnenaufgang an; ohne Vorwürfe, nur mit einer zaghaften Frage: «Wie hältst du das aus?» Die ehrliche Antwort wäre gewesen: Ich halte mich gerade noch.

Das Warten auf Neuigkeiten wurde zum einzigen Sinn des Tages. Die Schwestern kamen selten; ihre Blicke waren flüchtig und mitleidig. Friedrich sprach über Belangloses den letzten Sommer im Garten, Neuigkeiten von der Nichte. Doch die Gespräche verstummten schnell Worte versagten vor der Ungewissheit.

Mittags kam der Intensivarzt ein Mann mittleren Alters mit gepflegtem Bart und müden Augen. Leise sagte er: «Sein Zustand ist stabil, die Entwicklung positiv Aber es ist noch zu früh für Prognosen.» Für mich klangen diese Worte wie Erlaubnis, endlich tief durchzuatmen. Friedrich richtete sich auf; am Telefon schluchzte meine Mutter erleichtert.

An diesem Tag hörten die Streitigkeiten auf: Meine Schwester schickte Fotos von Babyschuhen, meine Nichte schrieb eine lange Nachricht. Sogar meine Mutter sandte ein ungewöhnliches SMS: «Ich bin stolz auf dich.» Diese neue Unterstützung kam mir fremd vor, als ginge es um jemand anderen.

Ich erlaubte mir, etwas zu entspannen. Mein Blick folgte dem Lichtstreifen an der Wand die Morgensonne reichte bis zur Tür. Alles hier war voller Erwartung: Patienten warteten auf Ergebnisse, in den Nachbarzimmern sprach man über das Wetter oder das Kantinenessen. Doch unser Warten war anders es verband uns alle mit einem unsichtbaren Band aus Angst und Hoffnung.

Später brachte Friedrich frische Wäsche und selbstgebackenen Kuchen von meiner Mutter. Wir aßen schweigend; der Geschmack ging in der Anspannung der letzten Stunden unter. Als der Anruf aus der Intensivstation kam, hielt ich das Telefon fest, als könnte es mich wärmen.

Der Arzt meldete vorsichtig: Die Werte besserten sich langsam, unser Sohn atmete etwas selbstständiger. Das bedeutete so viel, dass sogar Friedrich ein kleines Lächeln gelang ohne die sonst übliche Anspannung.

Der Tag verging zwischen Anrufen und kurzen Gesprächen. Das Fenster blieb offen; warme Luft trug den Duft von frisch gemähtem Gras herein, vermischt mit dem Klappern von Tellern aus der Kantine.

Am Abend des zweiten Tages kam der Arzt später. Seine Schritte hallten durch den Flur, bevor er sprach: «Ihr Sohn kann von der Intensivstation verlegt werden.» Ich hörte die Worte wie durch Watte erst glaubte ich sie nicht. Friedrich sprang auf und drückte meine Hand fast schmerzhaft fest.

Eine Schwester führte uns in den Raum für Mütter mit Kindern nach der Intensivtherapie es roch nach Sterilität und süßlicher Babynahrung. Unser Sohn lag ohne Schläuche und Bänder, atmete allein.

Als ich ihn endlich im Arm hielt, überkam mich ein zerbrechliches Glück, vermischt mit der Angst, seinen winzigen Arm zu grob zu berühren. Friedrich beugte sich vor: «Schau» Seine Stimme bebte leicht nicht mehr aus Angst, sondern aus einer lang ersehnten Zärtlichkeit, vermischt mit der Verwirrung eines Erwachsenen angesichts des Wunders Leben.

Die Schwestern lächelten nun freundlich ohne die frühere Skepsis. Eine Mitpatientin gratulierte leise: «Alles Gute! Nun wird es bergauf gehen.» Und diesmal klangen die Worte nicht nach leerem Trost, sondern nach echter Hoffnung hier, zwischen sterilen Laken, unter sommergrünen Bäumen im Hof.

In den nächsten Stunden rückte die Familie enger zusammen als je zuvor: Friedrich hielt unseren Sohn an meiner Brust länger als in all unseren Ehejahren; meine Mutter kam trotz ihrer Prinzipien als Erste, um mich endlich entspannt zu sehen; meine Schwester rief alle halbe Stunde, um jedes Detail zu erfahren wie lange er schlief, wie er atmete.

Ich spürte eine innere Stärke, von der ich bisher nur in Artikeln über späte Mutterschaft gelesen hatte. Nun erfüllte sie mich wirklich wenn ich seinen Kopf berührte oder Friedrich mich ansah.

Einige Tage später durften wir kurz in den Hof. Unter Linden spielten jüngere Mütter mit ihren Kindern sie lachten, weinten, lebten ihr Leben, ahnungslos über die Kämpfe hinter diesen Mauern.

Ich stand mit unserem Sohn auf der Bank, lehnte mich an Friedrich. Zum ersten Mal fühlte ich: Wir waren jetzt wirklich eine Familie. Die Angst wich einer hart erkämpften Freude, die Einsamkeit löste sich im gemeinsamen Atem erwärmt vom Juliwind durch das offene Klinikfenster.

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A Person Needs a Companion