Verletzung überflutete das Herz des Mädchens

Groll überflutete das Herz des Mädchens wie eine dunkle Welle. Niklas schloss langsam die Wohnungstür, seufzte schwer und ließ sich auf das Sofa fallen. In ihm brodelte es vor Wut und Unverständnis. Gerade erst hatte er sich mit seiner Freundin gestritten wegen eines kleinen Straßenkätzchens.

Die letzten dreißig Minuten waren wie im Flug vergangen: scharfe Wortwechsel, Vorwürfe, Rechtfertigungen. Es war, als hätte sich der Boden unter ihm aufgelöst, und nun lastete eine schwere Kälte auf seiner Brust.

Lina hatte ihn immer mit ihrer Sanftmut, ihrer Güte und Offenheit angezogen. Ihre Gespräche waren leicht und natürlich gewesen, sie hatten einander perfekt ergänzt. Doch in letzter Zeit schien sie sich zu entfernen, versunken in die Sorge um ein zufällig aufgelesenes Tier.

Zuerst hatte Niklas es noch nachsichtig hingenommen na gut, Frauen lieben eben Tiere, besonders die kleinen und hilflosen. Doch mit der Zeit wurde ihre Hingabe fast krankhaft. Jedes Gespräch drehte sich nur noch um die Behandlung des Kätzchens, seine Pflege, die Sorgen um sein Wohlergehen. Es war, als hätte all die Energie, die sie früher ihm schenkte, sich nun auf das arme, blinde Tier verlagert.

Als der Streit eskalierte, sprach Niklas offen aus, was er dachte: Das Kätzchen nahm mehr Platz in ihrem Leben ein als er. Die Pflege erschien ihm wie eine Verschwendung emotional und finanziell. Warum nicht ein gesundes Haustier anschaffen, das beiden Freude bereitete? Warum so viel Mühe in ein Wesen stecken, das ohnehin nie ein normales Leben führen würde?

Lina reagierte schockiert. Sie nannte ihn herzlos und kalt, unfähig, wahre Werte zu erkennen. Je mehr er versuchte, ihr Gegenteil zu beweisen, desto klarer wurde der Abstand zwischen ihnen.

Es war ein ganz normaler Morgen gewesen, als Lina das klägliche Fiepen vor ihrer Haustür hörte. Erst dachte sie, sie hätte sich verhört, doch dann sah sie ihn: ein winziges Fellbündel, zitternd vor Kälte und Angst. Sie zog schnell ihren Mantel an und hob ihn auf.

Der Anblick war erschütternd schmutzig, abgemagert, mit entzündeten Augen und eitrigen Wunden. Sein Schwänzchen zitterte, als versuche er, das Gleichgewicht zu halten. Sie brachte ihn sofort zum Tierarzt, wo die Diagnose fiel: eine schwere Augeninfektion, die zur Erblindung führen würde.

Sie werden viel aufwenden müssen, um ihn zu retten, sagte der Arzt. Die Behandlung ist teuer, und Erfolg ist nicht garantiert.

Doch Lina gab nicht auf. Sie investierte viel Geld in Medikamente und Behandlungen. Tag für Tag verabreichte sie Tropfen, säuberte die Wunden und fütterte ihn mit der Spritze, denn allein fragen konnte er kaum.

Nach einem Monat besserte sich sein Zustand, die Infektion war besiegt doch das Augenlicht blieb verloren. Das Kätzchen war nun blind. Freunde rieten, ihn ins Tierheim zu geben oder gar einschläfern zu lassen. Wozu das Tier weiter quälen?

Doch Lina fühlte sich verantwortlich. Sie hatte ihn aus dem Dreck gerettet, jetzt hing er noch mehr von ihr ab. Sie beschloss, ihn für immer zu behalten.

So begann das Leben des kleinen Mio. Die ersten Tage waren schwer er stolperte, stieß gegen Wände. Doch bald zeigte sich, wie klug er war. Innerhalb einer Woche bewegte er sich sicher durch die Wohnung, fand sein Futter und lernte sogar das Katzenklo.

Mit der Zeit offenbarte Mio eine zarte Güte. Saß Lina erschöpft da, war er sofort bei ihr, schnurrend auf ihrem Schoß. Spürte er ihre Traurigkeit, drückte er sich an sie, als wollte er sagen: Ich bin da.

Doch dann kam der Abend, an dem Niklas sich beschwerte. Es sei dumm, so viel Zeit und Geld in ein blindes Tier zu stecken. Ein gesundes Rassekätzchen wäre sinnvoller gewesen.

Die Worte trafen Lina wie Schläge. Wie konnte man so über ein Wesen sprechen, das nichts als Liebe gab? Sie versuchte zu erklären, was Mio ihr bedeutete doch Niklas lachte nur und ging, mit den Worten: Alles vergeudet für ein nutzloses Tier.

Da erkannte sie plötzlich, wer hier wirklich blind war. Nicht Mio, der trotz seiner Einschränkungen jedem Wärme schenkte. Der Blinde war Niklas, unfähig, die wahre Bedeutung von Treue zu sehen.

Die Trennung verlief still, ohne Bedauern. Lina brauchte keinen Mann, der nicht verstand, was Hingabe wirklich heißt. Dafür hatte sie nun einen Freund ein kleines Wesen, das immer für sie da sein würde.

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