Ich werde lange bleiben…

«Lenaaa, Leen!» Ein Junge mit Fahrrad steht vor dem grauen Plattenbau, dessen Eingangstür lose in den Angeln hängt. Er reckt den Kopf und ruft nach oben.

«Lenaaa, Leen!»

«Ich schrei gleich jemanden an!» Ein bulliger Mann im blauen Unterhemd beugt sich aus dem Fenster. «Verpiss dich!»

«Ich ruf doch nicht Sie, Lenaaa!»

«Was ist denn das schon wieder?» Eine Frau im Nachthemd und Lockenwicklern erscheint am anderen Fenster. «Samstag früh, die Leute wollen schlafen!»

«Könnt ihr mal die Klappe halten?» Ein hagerer Glatzkopf reißt sein Fenster auf. «Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugemacht, gerade eingeschlafen, und dann das…»

«Lenaaa, kommst du endlich?»

Die quietschende Tür schlägt zu, und heraus tritt ein Mädchen in einem leichten Sommerkleid, mit einer Stofftasche, in der etwas in Pergamentpapier eingewickelt ist.

«Hallo, was hast du denn so lange gemacht? Ausgeschlafen?»

«Nein, hab Butterbrote gemacht», sagt sie gelassen, während sie die Tasche auf den Fahrradgepäckträger schnallt. Dann setzt sie sich auf die Stange, und der Junge tritt kräftig in die Pedale.

«Rowdy!» Der schlaflose Mann brüllt hinterher.

«Lasst uns doch endlich schlafen!» schallt es aus einem anderen Fenster.

«Schlaft nur!» Der Junge lacht und ruft noch einmal zurück. «Samstagmorgen, was soll der Stress?»

Lachend verschwinden die beiden aus dem Hof.

Der Junge strampelt, was das Zeug hält. Bald verlassen sie die Stadtgrenzen, jagen über einen Feldweg.

«Len, bist du müde?»

«Nö, und du?»

«Mich auch nicht.» Er tritt weiter, bis plötzlich das Rad ins Schlingern gerät. Mit einem Rums fallen sie in das hohe Gras, das Hinterrad ist platt.

«Oh nein, was machen wir jetzt, Alex?»

«Keine Ahnung.» Er lacht und wirft sich zurück ins Gras. «Vielleicht bleiben wir für immer hier.»

«Alex!»

«Na und? Wir bauen uns eine Hütte, der Fluss ist nah. Ich fange Fische, wir grillen sie überm Feuer.»

«Und woher nehmen wir die Kohlen?»

«Machen ein Lagerfeuer.»

«Und Streichhölzer, Alex?»

«Brauchen wir nicht! Wir reiben Holz aneinander… bis es Funken gibt. Oder wir borgen uns welche von den Fischern.»

«Aha.» Sie kichern und lassen sich ins Gras fallen.

«Alex, sieh mal die Wolke… sieht aus wie ein Samowar.»

«Ja, und die da wie ein Hund.»

Lange liegen sie da und betrachten den Himmel.

«Wollen wir baden?»

«Klar!»

Sie rennen um die Wette zum Fluss, liegen später auf dem warmen Sand und trocknen in der Sonne.

«Len, was willst du später mal machen?»

«Äh… Schule, dann studieren, arbeiten. Und du?»

«Ich heirate dich und werde reich. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall diese beiden Dinge.»

«Ach, hör auf…»

«Du hast recht, das reicht nicht. Ich muss noch zur Bundeswehr und einen Beruf lernen, bevor du jemand anderen heiratest.»

Lena lacht.

«Wen denn?»

«Na, den Viktor zum Beispiel. Ich hab gesehen, wie ihr zusammensaßt und gekichert habt. Und euch so… zugeneigt.»

«Wir haben die Wandzeitung gemacht, was soll das?»

«Nichts… Aber pass auf… Ich hol dich trotzdem zurück. Egal von wem.»

***

Samstag, früher Morgen. Die Sommerstille wird vom Knattern eines Motorrads zerrissen.

«Lenaaa, Leen!»

«Rowdy!» Ein Frauenkopf erscheint am Fenster.

«Lasst uns schlafen!»

«Nicht so schreien…»

«Lenaaa… Ich ruf doch nicht Sie, schlafen Sie weiter, es ist Samstag!»

Dieselbe wacklige Tür quietscht auf, und heraus tritt eine junge Frau ins Sonnenlicht.

«Hallo. Ausgeschlafen?»

«Hallo, nein, hab uns Butterbrote gemacht.»

«Könnt ihr leiser sein?» brummt es aus dem Fenster.

Alex reicht Lena den Helm, sie setzt ihn auf, schwingt sich hinter ihn und umklammert seine breiten Schultern.

«Unverschämtheit!» Der schlaflose Mann schimpft erneut.

Alex dreht ab, gibt Gas und ruft lachend, sie sollten alle weiterpennen, bevor er davonbraust.

Sie durchqueren die Kleinstadt, rollen über die asphaltierte Straße, dann hinab auf den Feldweg.

«Alles okay? Nicht müde?»

«Nee!» Lena presst sich fester an ihn.

Der Wind peitscht ihr Tränen in die Augen, lose Haare unter dem Helm flattern wild.

Alex stoppt das Motorrad, Lena springt ab und streckt sich.

Sie legen sich ins Gras und starren in den Himmel.

«Sieh mal, Alex… die Wolke da, wie zwei Katzen…»

«Ja, und die da wie ein Motorrad.»

«Baden?»

«Klar.»

Sie planschen, liegen auf dem warmen Sand, küssen sich atemlos…

«Len…»

«Hm?»

«Ich muss zur Bundeswehr… Wirst du auf mich warten?»

«Zur Bundeswehr? Wann?»

«Morgen, Len. Der Brief kam.»

«Du… Warum hast du nichts gesagt?»

«Wusste ich ja nicht.» Er zuckt mit den Schultern.

«Deshalb hast du nicht studiert, oder?»

«Wein nicht… Len, nach der Bundeswehr studiere ich, dann heiraten wir. Du heiratest doch nicht etwa den Viktor, oder? Len?»

***

Lena steht auf dem Bahnsteig, wartet auf den Zug.

Soldaten strömen heraus.

«Alex, mein Junge!» Eine Frau wirft sich schluchzend an ihren Sohn, fast kraftlos.

Der Vater drückt ihm die Hand, die kleine Schwester springt ihm weinend an den Hals. Doch Alex sucht mit den Augen nur eine.

Dort steht sie, die Hände schüchtern vor der Brust verschränkt. Er schiebt alle beiseite, geht durch die Menge zu ihr.

«Len… was ist? Heulst du?»

«Vor Freude, Alex…»

«Na dann… wird alles gut.»

Mag die Schwester schmollen, die Mutter die Lippen pressen, der Vater seufzen jetzt ist er nur bei ihr. Der, die er seit Kindertagen liebt.

***

«Sohn, es ist so früh… Bleib doch noch. Du bist gerade erst zurück. Und das Studium?»

«Ich studiere schon, Mama… Und ich heirate.» Er lächelt sanft. «Sei nicht wie die anderen. Ich liebe Lena, und sie liebt mich.»

«Aber sie drängt dich doch nur! In ihrem Alter will sie schnell heiraten. Und du… du solltest noch leben!»

«Mama, sie ist neunzehn. Und andere Frauen will ich nicht. Nur sie, verstehst du?»

«Alex, es ist zu früh…»

«Jetzt hör auf! Als ich zurückkam, hast du mich sofort eingesperrt, genörgelt…»

«Ich?»

«Du, mit Oma und Mutti.»

«Wir wollten dich retten! Damit du nicht versumpfst mit deinen Kumpeln!»

Alex schüttelt den Kopf, schließt leise die Tür.

***

«Ich hab einen Sohn! Einen Sohn!» Alex stürmt glücklich in die Wohnung der Eltern. «Mama… Papa!»

Die Mutter weint vor Freude, der Vater wischt sich verstohlen die Augen.

«Juhu, ich habe einen Neffen!» Die Schwester springt herum.

Fünf Jahre später kommt eine Tochter, ihr kleines Prinzesschen.

***

«Sohn… Papa sagt, du hast gekündigt? Wie soll das weitergehen?»

«Mama, ich hab keine Lust mehr, für lau zu arbeiten… Mach dir keine Sorgen.»

«Und Lena? Unterstützt sie diesen Unsinn? Hier hattet ihr wenigstens Sicherheit!»

«Mama… ich will keine Sicherheit. Ich will, dass meine Familie anständig leben kann. Ich will nicht, dass meine Kinder sich einen Schokoriegel teilen müssen…»

«Alex, wir haben auch ohne diese Riegel gelebt!»

«Damals war alles anders. Es wird schon klappen.»

Und es klappte.

Nicht sofort. Es gab Höhen und Tiefen.

Manchmal hätte er heulen mögen, alles hinschmeißen. Doch da war sie Lena, die ruhig Butterbrote schmierte.

Sie reicht ihm die Gitarre.

«Len, was soll das?» Er beißt die Wut herunter.

«Alex… wenns dir schlecht geht, musst du singen.»

«Ich werde lange mit dem Fahrrad fahrn…» Sie singen leise.

Natürlich weint Lena manchmal, wenn er es nicht sieht. Und er tut, als merke er es nicht, und rackert sich ab.

Am Ende schafften sie es. Sie leben, wie die Mutter sagt, «wie die Made im Speck».

Doch Alex wird nachdenklich. Ein großer Teil des Lebens ist vorbei. Geld, Haus, Sicherheit alles da.

Er und Lena reisen um die Welt.

Aber es fehlt etwas… Abwechslung. Alles wirkt so stagnierend.

Da lädt ihn ein Kumpel in die Sauna ein. Banal, aber…

«Ach, Sauna…»

«Komm schon! Du verstehst nicht… Es geht nicht um die Sauna. Los!»

Soll er?

«Alex… wir haben doch Theaterkarten.»

«Kann nicht, Len… Geschäftstermin.»

Er lügt. Zum ersten Mal. Fühlt sich wie der letzte Drecksack. In der Sauna sitzt er mit finsterer Miene, bis sein Kumpel meint:

«Was ist mit dir?»

Eine Frau nähert sich ihm. Schön, gepflegt, elegant gekleidet.

«Lass uns gehen. Ich mag es hier auch nicht.»

«Warum bist du dann hier?» fragt er böse.

«Es muss sein.»

Draußen erzählt sie: Kleiner Sohn, Mann hat nichts verdient, ist abgehauen. Sie kämpft allein.

«Ich spare und hau ab… Als wäre nichts gewesen. Oder ich finde jemanden… wie dich.»

Ehrlich, klug, direkt. Alex verbringt die ganze Nacht mit ihr im Park, reden, lachen. Er hört zu, als wolle er alles aufsaugen.

Zu Hause ist er wie benebelt.

Er trifft sie wieder. Diese kluge, verführerische…

Er beginnt, sich auf diese Treffen zu freuen.

Einen Monat lebt er so. Eines Tages kommt er heim alles still. Leer.

Er realisiert: Lena ist seit Tagen nicht da.

Er ruft die Kinder an, fragt vorsichtig nach ihr. Keiner hat sie gesehen.

Die andere ruft er an, bittet um ein Treffen.

Er sieht ihr in die Augen.

«Es tut mir leid… Ich liebe meine Frau, seit wir Kinder waren. Du warst wie frische Luft. Ich hoffe, alles wird gut für dich.»

«Danke, Alex… Ich habe verstanden, dass das kein Weg ist. Für einen Moment stellte ich mir vor, so einen Mann wie dich zu haben. Ich beneide deine Frau. Aber du hast recht. Danke… Soll ich ihr alles sagen? Dass wir uns nicht mal geküsst haben?»

«Nein, das mache ich.»

***

Lena sitzt in der alten Wohnung ihrer Eltern. Schon der vierte Tag. Sie muss klarkommen.

Sie schmiert Butterbrote, langsam, bedächtig.

«Lenaaa… Leen!» Ein Ruf unter dem Fenster, zuvor das Knattern eines Motorrads.

«Was soll das? Lasst uns schlafen!»

«Unverschämtheit!»

«Wann hört das auf?»

«Ich werde lange mit dem Fahrrad fahrn…» Alex singt unter dem Fenster.

Die Tür knallt, Lena tritt heraus, nimmt den Helm, schwingt sich hinter ihn.

Sie rasen durch die Stadt, hinab auf den Feldweg, durch blühende Wiesen, als wäre nichts geschehen.

«Len, nicht müde?»

«Nee.»

Sie liegen im Gras, Hände ausgebreitet.

«Sieh mal, die Wolke wie ein Schiff.»

«Und die da Oma und Opa beim Tee.»

«Len…»

«Hm?»

«Verzeih mir.»

«Wofür?»

«Eigentlich für nichts… Aber ich hab dich verletzt.»

«Ich vergebe dir.»

«Es passiert nicht wieder.»

«Was?»

«Dass du allein Lieder singst. Hast du gesungen?»

«Ja…»

«Ich auch. Lass uns zusammen singen.»

«Gern.»

«Ich werde lange mit dem Fahrrad fahrn… …weil ich weiß, dass du an meinem Arm hängst. Und wenn die Reifen platzen, wenn der Himmel stürzt, wenn die Welt stillsteht ich fahr weiter. Nur mit dir.»
Die Sonne sinkt, der Wind trägt ihren Gesang über die Felder, und irgendwo weit hinter ihnen knarrt ein altes Fahrrad im Gebüsch, als ob es lächelte.

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Ich werde lange bleiben…
My Husband’s Child