Es war wie in einem seltsamen Traum.
Jonas, die Nase rot vor Kälte, zog einen schweren Schlitten hinter sich her, beladen mit trockenem Kiefernholz. Der Baum war am Rand des Dorfes gefallen, eigentlich hätte man ihn nicht nehmen dürfen, doch Onkel Walter, der Förster, hatte ihm zugeraunt: Hol ihn dir, wenns dunkel ist.
Der Junge keuchte unter der Last.
Jonas!, rief eine helle Stimme. Klar, wer sonst? Tanja, seine quirlige Klassenkameradin mit den wachen Augen.
Was willst du?
Lass mich helfen.
Woher hatte das Mädchen bloß die Kraft? Aber gemeinsam war es leichter. Sie spannten sich vor den Schlitten und zogen.
Wer passt auf die Kleinen auf, Jonas?
Oma, wer denn sonst? Mutti ist bei der Arbeit.
Ach ja. Tanja zögerte. Ich wollte dir mit den Hausaufgaben helfen, aber bei euch wars dunkel, die Tür abgeschlossen. Der kleine Max hat durch die Tür gesagt, du seist im Wald. Er und Lina sollten still sein.
Musste halt abschließen
Läuft sie wieder weg?
Immer wieder. Nach Sachsen, zu ihrer Mutter.
Ach, die Arme. Quält sich selbst und euch damit.
Ja.
Endlich erreichten sie Jonas Haus.
Danke, Tanja.
Ach, nichts zu danken. Hol die Säge, wir machen schnell Feuerholz.
Ich schaff das allein. Du hast schon genug geholfen.
Ja, klar, allein Entweder kratzt du ewig mit der Handsäge rum, oder wir erledigen es jetzt fix.
Gemeinsam sägten sie das Holz in saubere Scheite. Im Fenster lugten die Gesichter des sechsjährigen Max und der zweijährigen Lina hervor. Jonas griff nach dem Beil, schlug es geschickt in das Holz, bis es knackte. Noch ein Schlag, noch einer die Scheite brachen auseinander.
Tanja sammelte die Splitter, während Jonas hackte. Als der Holzhaufen fertig war, trugen sie ihn ins Haus. Der Junge heizte den Ofen an, und bald tanzten warme Lichter an der Decke. Es wurde behaglich.
Soll ich euch Suppe kochen? Dann muss Tante Elfriede nach der Arbeit nicht noch kochen.
Nein, nein, murmelte Jonas verlegen. Oma kocht schon.
Ach nein, Jonas!, jammerte Max. Lass Tanja kochen! Weißt du noch, was Oma das letzte Mal zusammengerührt hat? Tanja nimmt Kohl, Erbsen und bei ihrer Mutter hat sie Dillsamen, die sie immer für Lina aufbrüht, wenn die erkältet ist. Oma hat alles in die Suppe geworfen, die war ungenießbar!
Ich koch schon, Max. Los, hilf mir.
Und du, wessen Kind bist du? Von der Ofenbank glitt eine alte Frau in Filzstiefeln, wattierter Jacke und einem groben Umschlagtuch.
Oma, zieh dich aus, es ist warm.
Es friert, Matthias.
Wer ist Matthias? Ich bin Jonas, dein Enkel.
Ach ja. Und wo ist Matthias?
Der der ist weg. Kommt bald zurück.
Meint sie etwa Onkel Matthias?
Ja sie versteht nicht mehr. Seit er weg ist, ist es schlimmer geworden.
Warum hat er sie nicht mitgenommen? Immerhin ihre Mutter!
Jonas zuckte mit den Schultern. Das Thema mochte er nicht. Matthias sein Vater, Elfriedes Mann war zu seiner Geliebten gezogen. Nicht nur hatte er die Großmutter bei ihnen zurückgelassen, er war im Winter verschwunden, auf hinterlistige Art. Er hatte die Ferkel geschlachtet, das Fleisch mitgenommen, die einzige Milchkuh gestohlen sogar die junge Kuh Liesel.
Elfriede hatte gefleht: Lass wenigstens Liesel! Wir können sie zur Kuh machen!
Doch er hatte nur gelacht. Was bin ich für ein Bräutigam, wenn ich mit leeren Händen komme?
Seit diesem Moment hasste Jonas seinen Vater. Er hatte die Vorräte geplündert, Säcke mit Kartoffeln genommen, sogar Besteck geteilt alles mitgenommen. Und Elfriede hatte stumm gezählt, wie viele Löffel er einpackte
Als Elfriede nach Hause kam, saßen die Kinder am Tisch bei der Petroleumlampe. Jonas las Max Märchen vor, die Großmutter kauerte am Ofen, und Lina schlief, den Daumen im Mund, auf dem Bett hinter ihr.
Mutti, flüsterte Max, es ist so warm. Jonas hat Holz geholt, sie und Tanja haben es gesägt, der Ofen ist an, Tanja hat Suppe gekocht lecker! Lina schläft, Oma ist zweimal nach Sachsen gelaufen, wir haben sie zurückgeholt.
Elfriede lächelte müde, strich Max über das wirre Haar.
Jonas du hast so viel zu tragen.
Ist schon gut, Mutti. Komm, iss was. Die Suppe ist wirklich gut.
Nach dem Abendessen flickte Elfriede Kleidung. Plötzlich klopfte es.
Jonas, sieh mal nach.
Die Tür öffnete sich, und herein stolperte eine rundliche, dick vermummte Frau.
Uff, ist das kalt! Heut Nacht solls minus fünfzehn geben, da hilft nur Schicht über Schicht. Elfriede, ich hab dir Schweinefett und ein Stück Speck mitgebracht.
Danke, Waltraud, aber das musst du nicht
Ach was! Mehl habt ihr?
Ein bisschen.
Hier, zwei Liter Milch, seit Winter eingefroren, und ein paar Eier. Vielleicht kannst du was backen. Wir schaffen das bis zum Frühling. Dann werden die Gärten bestellt, und es wird leichter.
Sie flüsterte Elfriede etwas ins Ohr.
Aber Waltraud, was, wenn es jemand merkt?
Wer denn? Bei dir läuft doch keiner rum. Unsere Sau wirft bald, also keine Angst. Alles wird gut.
Zwei Tage später brachte Waltraud nachts ein Ferkel, kaum größer als eine Faust. Sie arbeitete als Schweinehirtin auf der Genossenschaftsfarm.
Waltraud, ich hab solche Angst
Keiner merkt was, Elfriede. Es wäre eh verendet dreizehn Stück hat sie geworfen. Den kräftigsten hab ich dir ausgesucht.
Am nächsten Tag wurde Elfriede ins Büro gerufen. Sie verabschiedete sich von den Kindern.
Mutti, schluchzte Jonas, vielleicht gehts ja gut?
Ich weiß nicht, mein Junge. Pass auf die Kleinen auf
Der Vorsitzende, ein Freund ihres Exmannes, vermied ihren Blick. Geh zur Farm, Elfriede.
Wozu, Friedrich?
Nimm dir ein Ferkel. Waltraud sucht dir ein gutes aus oder auch zwei. Und sag ihr sie soll die besten geben.
Aber womit soll ich sie füttern?
Du bekommst Milch, hab ich gesagt. Und für die Kinder Haferbrei oder so. Im April kriegst du eine Jungkuh von der Genossenschaft, ja?
Ja. Ihre Lippen waren trocken. Darf ich gehen?
Geh Elfriede. Er hielt sie an der Tür zurück. Vergib mir.
Wofür, Friedrich?
Für Matthias. Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein Schuft ist. Ein bisschen Spaß ist eine Sache, aber die Kinder und seine Mutter im Stich lassen, alles mitnehmen Meine Frau hats mir erst erzählt. Warum hast du nichts gesagt? Kartoffeln habt ihr?
Ja.
Gut. Und Holz bringen wir auch.
So lebte Elfriede mit den Kindern und der Schwiegermutter, die nicht mehr wusste, wer sie war oder warum sie hier war.
Es war schwer. Jonas half, wo er konnte. Tanja, die Tochter des Vorsitzenden, sprang ein mal passte sie auf die Kleinen auf, mal half sie sonst. Selbst Max packte mit an. So kämpften sie sich durch.
Das Ferkel von Waltraud und zwei weitere wuchsen heran, quicklebendig, mit kringeligen Schwänzchen und neugierigen Schnauzen.
Eines Abends rief Elfriede eine Nachbarin an.
Elfriede!
Ja, Tante Klara?
Hör mal, könntest du Jonas schicken, mein Dach zu reparieren? Ich zahl ihm hab noch Schmalz vom letzten Herbst
Nein, danke. Der Junge soll nicht für Schmalz schuften. Wir hungern nicht.
Ich war heut bei meiner Cousine, der Irmgard. Und weißt du, wer mir da begegnet ist? Dein Matthias! Mit dieser dieser Dampfwalze diese Ludmilla! Er lenkt den Schlitten, Mütze schief, sie hinten drauf, beide kichernd Ob die Kinder verhungern, interessiert ihn nicht!
Wer sagt, dass wir verhungern? Uns gehts gut!
Elfriede lief nach Hause.
Klar, klar, gut seid ihr blass wie Leichen, und wir wissen ja nicht, dass Matthias alles mitgenommen hat
Elfriede verbarg sich im Schuppen und weinte.
Dann hörte sie ein Kratzen an der Tür.
Mutti? Was machst du hier?
Elfriede ich bin eine Last. Manchmal kommt mir die Klarheit was ich euch antue.
Sie riss der alten Frau das Seil aus den Händen. Was fällt dir ein?! Was habe ich dir getan, Mutter?
Sie weinten beide, die Tränen liefen über das wettergegerbte Gesicht der Alten.
Komm, wir backen Quarkkuchen heute.
Ja, mein Kind.
Zum Frühling hin wurde die Großmutter bettlägerig. Immer rief sie nach ihrem Sohn.
Waltraud, ich weiß nicht mehr weiter. Sie verlangt nach Matthias. Ich kann nicht selbst hingehen.
Ich sags dem Johann.
Doch Matthias kam nicht. Er schickte Geld, murmelte Johann etwas von für die Beerdigung.
Das Dorf verurteilte ihn, natürlich. Aber was scherte ihn das? War es das erste Mal? Als er zu Ludmilla ging, gab es auch Geschwätz, aber er liebte Elfriede nicht. Sie war ihm zu sanft, zu blass. Ludmilla dagegen Feuer!
Elfriede hatte er aus Dummheit geheiratet, damals, als sie frisch aus der Lehre kam klein, schüchtern. Solche Mädchen kannte er nicht. Beim ersten Versuch hatte er sie unter sich gezwungen. Und sie?
Andere hätten sich gewehrt. Sie aber hatte nur leise geweint, sich mit dem Morgenrock bedeckt.
So war es weitergegangen. Sie hatte nie nein gesagt. Eine Waise, ohne Eltern
Als ihr Bauch rund wurde, heiratete er. Er war ja kein Unmensch! Ohne Vater aufgewachsen, wollte er es besser machen.
Und irgendwie hatte er sie sogar geliebt. Sie war eine gute Hausfrau, mochte seine Mutter, war ordentlich. Sie sie liebte ihn.
Als der zweite Junge kam, traf er Ludmilla. Wo war sie nur aufgewachsen? Kräftig, glutäugig, duftend nach Heu
Er dachte, es wäre ein Flirt. Doch sie umschlang ihn wie ein Ring.
Er ging. Drei Kinder zurücklassend. Dabei hatte er sie geliebt, wirklich. Doch dann war alles dunkel geworden.
Kinder? Na und? Er war auch groß geworden. Ludmilla würde ihm eigene schenken
Jonas drehte sich auf der Straße weg. Das schnitt wie ein Messer. Die Kleinen verstanden es nicht, das Mädchen würde ihn nie kennen. Aber was sollte er tun? Er liebte eben
Sie nannten ihn ein Ungeheuer. Die Kinder ohne Vater, die Mutter ohne Abschied.
Doch er konnte nicht. Er konnte Elfriedes stummen Blick nicht ertragen.
Damals, im Rausch, hatte er alles mitgenommen. Und jetzt? Die Leute redeten, aber wer blickte schon in seine Seele? Schwarz sei sie, sagten sie. Vielleicht stimmte das.
Matthias kniete vor dem frischen Grab, dem Kreuz mit dem weißen Tuch.
Vergib mir, Mutter
Sie hat dir vergeben, Matthias. Vor dem Ende kam sie zu sich.
Er fuhr herum. Du was machst du hier?
Ich brachte Essen. Nach christlicher Sitte Trink, gedenke deiner Mutter.
Schweigen.
Ich geh dann. Sprich du mit ihr.
Wird sie hören?
Sie hört dich, Matthias. Ein Mutterherz ist so Und das Leben? Nun ja es wirbelt einen eben durcheinander. Matthias blieb lange am Grab stehen, bis der Wind die Kerze ausblies. Langsam schob er die Hände in die Taschen, spürte das Stückchen Holz, das Jonas als Kind einmal geschnitzt und seiner Großmutter geschenkt hatte er hatte es in der Schublade gefunden, unter alten Socken und vergilbten Zetteln. Er wusste nicht, warum er es mitgenommen hatte. Jetzt hielt er es fest, als könnte es etwas wiedergutmachen. Über den kahlen Feldern brach der Morgen an, kalt und klar. Irgendwo weit weg bellte ein Hund. Matthias atmete tief ein, zog den Kragen hoch und ging. Nicht zurück ins Dorf. Aber auch nicht zu Ludmilla. Einfach nur weg. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich allein nicht gehasst, nicht verurteilt, einfach nur allein.真正.







