Eisenbahnromanze: Geschichten auf Schienen

Hey, stell dir vor, ich erzähle dir gerade eine dieser verrückten Eisenbahngeschichten, die man nur im Zug erleben kann. Da sitzt ich in einem ICE der Deutschen Bahn, und plötzlich schaut mich so ein junger Typ an, und ich frage ganz locker: Frei?, und er meint nur: Na klar, darf ich beim Gepäck helfen? Ich sag: Danke Oh, ist das hier aber stickig!, und er fragt, ob ich das Fenster öffnen will. Ich nicke, er schiebt das Fenster ein Stückchen hoch.

Der Zug rumpelt, die Nacht legt sich über die Gleise, und wir fangen an zu reden. Er heißt Andreas Becker, ich heiße Liselotte Schröder. Wir sind beide gerade erst Anfang zwanzig ich 22, er 25 und das Gespräch läuft wie am Schnürchen. Eine Stunde, dann zwei, dann drei, und wir merken gar nicht, dass wir uns vorher nie begegnet sind. Worüber reden wir? Über Nichts und alles zugleich. Wie im Zug, fängt man immer mit dem Wetter an, dann kommen die Preise, dann das Leben.

Andreas erzählt zuerst ein bisschen von seiner Kindheit, seinen Eltern, und dass er Musiker bei einem Orchester in Hamburg ist er schlägt in der Schlagzeuggruppe mit. Er holt aus seiner Tasche ein paar alte Fotoabzüge raus: Die blaue Taube, Die Edelsteine, Fröhliche Gesellen. Und er grinst: Ich bin das Highlight auf den Aufnahmen! Ich lache und sage: Wow, das klingt echt spannend! Dann fragt er mich: Und du, Liselotte? Ich antworte: Ich arbeite im Zentralen Jugendamt der Jungen Union in Berlin. Sein Blick weitet sich: Echt? Direkt in Berlin? Ich nicke: Ja, aber ich habe keine Bilder dabei. Ich war gerade im Urlaub und bin zurück zu meiner Familie im Rheinland. Ich könnte dir lange erzählen, wie ich nach Berlin gekommen bin. Er drängt mich: Dann erzähl, wo wollen wir hin?

Wir reden weiter, tauschen Geschichten aus, sitzen einander gegenüber, Blick in Blick, bis der Morgen dämmert. Dann hält Andreas an einem verlassenen Haltepunkt an, lässt mich aussteigen, winkt zum Abschied und ist dann puff! völlig verschwunden. Er taucht nie wieder auf, spricht nie wieder mit einer Frau, ohne an mich zu denken. Jede andere Frau erinnert ihn an mich, er entschuldigt sich, wird rot wie ein Schuljunge, schreibt unzählige Briefe, die nie abgeschickt werden. Wo hinschicken? Nach Berlin? Zum Jugendamt? Ohne Nachnamen und Adresse ein echter Trottel!

Er stellt sich vor, dass er bei jedem Konzert von seinem Schlagzeug aus ins Publikum schaut, nur um zu sehen, ob sie dort steht. Er malt ihr in Gedanken das Gesicht, klebt es in seine Zeltwände, überall. Für ihn gibt es nur eine Frau mich, Liselotte.

Währenddessen fliegt das Land durch die Wende. Die Mauer fällt, die Mark wird zur neuen Währung, das alte System zerbricht. Aber Musiker bleiben Musiker sie singen und tanzen, egal wer gerade das Sagen hat. Und dann, bei einem weiteren Tournee-Trip, sitzt er im Speisewagen und ja, du hast richtig gehört dort sitzt genau ich, Liselotte, seit Jahren in seinen Träumen. Ich sitze ganz allein, kein Mann in Sicht. Er erstarrt an der Tür, ich hebe den Blick.

Na, Sascha, sagt er, zündet sich eine Zigarette an, schüttet das restliche Bier in die Krüge, nimmt einen tiefen Schluck und meint: Da war ich im Speisewagen und hab endlich kapiert, was wie ein Hammer auf den Kopf bedeutet. Er beschreibt, wie ihm schwindelig wird, die Farben kreisen, er fast auf den Boden fällt. Und dann wie in einem Film setze ich mich zu ihm, lege meinen Kopf auf seine Brust und flüstere: Wie lange habe ich dich gesucht! Das ist die ganze Story, mein Freund. Ich hab sie nach Sibirien mitgenommen, und dort stellte sich heraus, dass sie die ganze Zeit durch die Städte und Konzerte wandert, immer nach Schlagzeugern Ausschau hält, hofft, dass irgendwann, an einem perfekten Tag, wir uns wiedersehen. Und das war’s dann auch die Zigaretten im Zug waren alle, ich lief zum Speisewagen, und der Rest, das kennst du ja.

Später erzählte mir ein alter Klassenkamerad, ebenfalls Andreas, die ganze Geschichte am Tag nach ihrer Hochzeit mit mir, Liselotte. Wir saßen zusammen in der Küche, die Gäste waren gegangen, ich ruhte mich in meinem Zimmer aus. Wir hatten uns zufällig bei einer Tournee ein paar Wochen vor der Hochzeit wiedergetroffen und ich war herzlich eingeladen. So entstand ihr Eisenbahnroman, und die beiden leben, glaub mir, noch immer zusammen.

Und wer weiß, vielleicht öffnet gerade jetzt im Abteil des nächsten ICE die Tür, und du hörst:

Frei?

Na klar, darf ich beim Gepäck helfen?

Danke! Oh, ist das hier aber stickig!

Fenster öffnen?

Wenn du magst

So könnte es weitergehen. Viel Spaß beim Weitererzählen, ich muss jetzt los. Bis bald!

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