Klammert sich fest wie eine Blutegel

**Tagebucheintrag**

*Wie eine Klette*

Hör mal, was willst du eigentlich? Ich arbeite, verstanden? Ich schuft schließlich für die Familie! Was sind das für dumme Fragen? Wo soll ich denn sonst sein, außer bei der Arbeit? Du, diese faule Henne, bringst nichts auf die Reihe, hängst mir nur am Hals und lebst in Saus und Braus!

…Vor drei Jahren hatte sich Lena Müller für Florian Bauer entschieden. Er hatte lange um sie geworben, war sogar mal für sie auf einen Baum geklettert und hatte vor allen Freunden verkündet, dass er für Lena alles tun würde.

Jetzt wurde ihr übel, wenn sie daran zurückdachte. Sie hatte nie gedacht, dass sich schon anderthalb Jahre nach der Hochzeit alles so radikal ändern würde. Florian hatte plötzlich aufgehört, in ihr eine Frau zu sehen. Eine Haushälterin, Köchin, Wäscherin, Ratgeberin und Trösterin ja. Aber eine Ehefrau, eine Geliebte? Nein. Er beachtete sie nicht mehr, schenkte ihr keine kleinen Aufmerksamkeiten. Nicht mal zum Geburtstag gratulierte er noch. Lena war verletzt, sprach mit ihm, fragte, was los sei. Doch Florian schwieg stur. Alles gut, war alles, was er sagte.

Nach der Geburt ihres Sohnes wurde es noch schlimmer. Während Lena noch im Krankenhaus lag, hatte er ihre Sachen ins Kinderzimmer geräumt. Auf ihre stumme Frage zuckte er nur mit den Schultern.

Was ist denn falsch daran? Als Mutter musst du doch beim Kind sein. Ich, als einziger, der in dieser Familie Geld verdient, brauche meinen Schlaf. Ganz einfach, Lena. Der Kleine hat noch keinen Rhythmus, er wird nachts schreien. Und ich soll morgens mit brummendem Kopf aufstehen? Wir machen es erst mal so.

Seit einem Monat kam Lena immer öfter der Verdacht, dass sie nicht mehr die Einzige in Florians Leben war. Klar, er hatte sich schon früher öfter verspätet, kam oft erst nach Mitternacht heim. Doch jetzt kam noch Grobheit dazu: Wenn Lena sich sorgte und unnötige Fragen stellte so nannte er es , wurde er gleich böse.

Hör mal, was willst du eigentlich? Ich arbeite, verstanden? Ich schuft schließlich für die Familie! Was sind das für dumme Fragen? Wo soll ich denn sonst sein, außer bei der Arbeit?

In solchen Momenten fühlte sich Lena klein. Was wollte sie eigentlich? Wenn er bis zwei Uhr nachts im Büro blieb, dann doch nur für sie! Überstunden wurden gut bezahlt, also machte er sie. Dass Florian eine andere haben könnte, hatte Lena lange nicht einmal in Betracht gezogen.

…Lena wachte vom Knall der Haustür auf Florian war schon zur Arbeit gegangen. Sie runzelte die Stirn. Nicht mal ein Guten Morgen hatte er ihr gesagt. Seit Monaten frühstückten sie nicht mehr zusammen, geschweige denn, dass sie gemeinsam aufwachten. Nach der Geburt hatte ihr geliebter Ehemann sie einfach ins Kinderzimmer verbannt. Die Beziehung, die einst so stabil schien, brach nun wie ein Kartenhaus zusammen…

Lena sank in die Kissen zurück, griff dann nach ihrem Handy und rief Florian an. Es läutete lange, dann seine gereizte Stimme:

Was willst du? Ich hab zu tun!

Lena war verletzt: Hallo. Ich wollte dir nur einen schönen Tag wünschen. Du bist so früh gegangen, und…

Florian wurde wütend: Und dafür störst du mich? Ich hab ein Meeting, keine Zeit für deine albernen Anwandlungen. Lena, du klebst wie eine Klette an mir. Nerv mich nicht!

Er legte auf. Lena schniefte leise, schob die Decke beiseite und stand auf. Bald würde ihr Sohn aufwachen sie musste sich noch fertig machen. Und darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte.

Im Badezimmer betrachtete sie sich im Spiegel: rote Augen vom Weinen, zerzauste Haare, kein bisschen Farbe mehr in den Wangen.

Ach ja… Was bist du noch für eine Frau, Lena? Eine abgekämpfte Mutter, eine richtige Klette, schoss es ihr durch den Kopf, und die Tränen kamen wieder.

Nachdem sie sich notdürftig frisch gemacht hatte, schlich sie ins Schlafzimmer sie wollte saubere Bettwäsche holen. Ihr Blick fiel auf das Regal. Irgendwas fehlte. Lena überlegte lange, was es war, dann fiel es ihr ein.

Die Schachtel mit den ganz persönlichen, intimen Dingen, die sie sich zum dritten Hochzeitstag besorgt hatte, war weg. Sie hatte für den 13. Oktober einen kleinen Abend geplant ein romantisches Dinner mit Fortsetzung.

Sie hatte gehofft, Florian würde sie wenigstens an diesem Tag wieder als Frau wahrnehmen. Die Schachtel mit den Verhütungsmitteln hatte sie vorsichtshalber schon früh gekauft. Die größte Packung.

Hat er sie woanders hingetan?, fragte sie laut. Hätte er doch einfach liegen lassen.

Zwei Stunden später, nachdem sie ihren Sohn gefüttert und hingelegt hatte, versuchte sie es noch einmal. Florians abfälliger Satz Du klebst wie eine Klette ließ sie nicht los. Sie wusste, dass er nach dem Meeting eine kurze Pause hatte, also rief sie an.

Florian, ich bins noch mal. Entschuldige die Störung, aber…
Was jetzt?, fuhr er sie an.
Ich denke, wir müssen reden. Ernsthaft.
Dann raus damit. Aber schnell.
Nicht am Telefon. Vielleicht heute Abend, nach der Arbeit?
Abends will ich auf dem Sofa liegen und fernsehen, nicht mir deine Vorwürfe anhören. Und dafür rufst du mich an?! Kannst du das nicht abends fragen?
Aber Florian, das ist wichtig… Du beachtest mich nicht mehr. Dir ist egal, wie ich aussehe, wie ich mich fühle…
Na, da gehts los!, seufzte er. Also gut, fangen wir mit dem Aussehen an. Du siehst aus… nun ja, wie jede Frau nach der Geburt. Bisschen mehr auf den Hüften, Tränensäcke. Kein Drama, Lena, das geht wieder. Und was Gefühle angeht… Du bist jetzt Mutter! Freu dich, dass du ein Kind hast wie viele Frauen wünschen sich das vergeblich. Ich bin eh nur noch Nebensache. Kümmere dich um unseren Sohn.
Das ist nicht fair! Ich bin auch ein Mensch! Ich will mich geliebt fühlen, gebraucht…
Okay, Lena, dann mal so: Fang mit deinem Aussehen an. Vielleicht eine neue Frisur? Und dieses sackartige Kleid steht dir überhaupt nicht. Du weißt doch, ich mag es, wenn du dich schön anziehst. Und… du vernachlässigst dich. Du riechst nicht mehr gut. Früher hattest du immer Maniküre, Make-up… Jetzt? Läufst rum wie eine graue Maus.
Graue Maus?! Ich habe keine Zeit, Florian! Ich bin den ganzen Tag mit dem Kind beschäftigt! Hast du jemals eine Stunde allein auf ihn aufgepasst?
Und werd ich auch nicht! Mein Job ist das Geldverdienen. Deiner ist Haushalt und Kind. Und vergiss dich selbst nicht! Schau dich mal im Spiegel an, Lena! Und dein Essen… Hast du heute wenigstens nicht wieder versalzen? Ich hab dich gebeten, Rezepte genau zu lesen! Pah, jetzt hast du mir die Laune verdorben. Ruf nicht mehr an, wir reden daheim.

Lena ließ ihn den Rest des Tages in Ruhe. Vor seiner Rückkehr duschte sie schnell, schminkte sich leicht und machte sich halbwegs frisch. Sie empfing ihn in der Diele, lächelte, fragte freundlich nach seinem Tag. Doch statt sich zu freuen, wurde Florian wieder wütend.

Lena, was soll der Zirkus? Warum machst du dich auf wie eine aufgeputzte Puppe? Das Kleid sieht bescheuert aus, steht dir nicht, deine Beine sind krumm! Zieh sofort was anderes an!

Lena hielt es nicht mehr aus. Sie gab ihm eine Ohrfeige, brach in Tränen aus und flüchtete ins Badezimmer. Sie schrubbte ihr Gesicht mit dem rauen Waschlappen ab, warf das Kleid in den Müll. Florian blieb kalt, ihre Tränen schienen ihn nicht zu berühren. Er aß nicht zu Abend, legte sich stattdessen vor den Fernseher.

Nachdem Lena den Kleinen ins Bett gebracht hatte, erinnerte sie sich an die verschwundene Schachtel. Sie suchte Florian auf sie brauchte einen Vorwand, um ihn zur Rede zu stellen. Sie wollte wissen, warum er sie nicht mehr liebte und wann das begonnen hatte. Florian ignorierte sie. Lena setzte sich auf die Bettkante und fragte direkt:

Florian, wo ist die Schachtel aus dem Schrank?

Er brummte unwirsch, ohne sie anzusehen: Welche Schachtel? Wovon redest du?

Lena holte tief Luft. Sie musste ruhig bleiben. Sie hatten heute schon genug gestritten.

Florian, die Apothekenschachtel. Du weißt schon, mit den… Verhütungsmitteln. Ich wollte sie heute holen, aber sie ist weg. Dachte, du hast sie woanders hingetan. Ich wollte uns einen schönen Abend machen, romantisch. Meine Mutter sollte am 13. auf Timmy aufpassen…

Florian reagierte völlig über. Er sprang auf und brüllte:

Was unterstellst du mir? Dass ich sie meiner Geliebten gebracht habe? Bist du wahnsinnig? Wie kannst du es wagen, so was zu sagen!

Es gab einen heftigen Streit. Lena wusste selbst nicht, wie es so weit gekommen war. Nach seinem Wutausbruch erklärte Florian plötzlich:

Ja, ich hab sie genommen. Ja! Und weißt du was? Ich verlasse dich. Wollte es dir schon lange sagen, aber ich hatte Mitleid. Selber schuld! Lena, bist du wirklich so blind? Hast du nichts gemerkt? Ich habe schon lange eine andere!
Wie lange?, fragte Lena erstaunlich ruhig. Plötzlich fühlte sie sich erleichtert.
Schon lange, fauchte er. Schon vor Timmys Geburt. Als du schwanger warst, warst du unerträglich. Immer dieses Gejammere, ich sollte dich umarmen, deinen Bauch streicheln… Du hast keine Ahnung, wie du mich aufregst. Ich bleibe nur wegen unseres Sohnes hier, klar?
Florian, was hat sie, was ich nicht habe? Sags mir, ich will es wissen…

Er grinste höhnisch:

Sie hat einen großen Vorteil, Lena. Sie kann keine Kinder bekommen!

Lena drehte sich um und ging. Keine Tränen, kein Schmerz mehr. Florian hatte sie gerade befreit. Sie setzte sich neben Timmys Bettchen und strich ihm sanft über die Wange. Sie würde das schaffen. Und Florian? Der konnte gehen, wohin er wollte…

…Florian verhielt sich anständig er zog aus seiner eigenen Wohnung aus, warf Lena und Timmy nicht raus. Beide Familien standen auf ihrer Seite, halfen ihr. Die Scheidung verlief friedlich, Unterhalt zahlte Florian freiwillig. Allerdings sieht er Timmy kaum vielleicht ist das besser so. Lena hat keine Lust, ihn zu sehen. Sie vergisst seine Worte nicht. Vor allem nicht Klette und aufgeputzte Puppe. So ist das nun mal…

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She Just Needs Some Time