Wie konntest du nur meinen Sohn hungrig zurücklassen?

Im Traum stand plötzlich ein Schatten in der Tür. Ein zwölfjähriger Junge mit hungrigen Augen. Tante Greta, was gibts heute zu essen? Sein Blick war fordernd und kläglich zugleich. Greta zuckte zusammen, als hätte sie ein Geist gestreift. Sie legte das Hemd von ihrem Mann Klaus beiseite, das sie gerade faltete.

Komm, wir schauen mal, murmelte sie, während sie das aufsteigende Grollen in ihrer Brust niederdrückte.

In der Küche öffnete sie den Kühlschrank und seufzte. Wie immer hatte Schwägerin Helene nichts für ihren Sohn übrig gelassen. Greta holte den Rest des Suppentopfes hervor, den sie gestern für sich und Klaus gekocht hatte. Die Mikrowelle summte, dann stellte sie den Teller vor den Jungen. Dazu gab es Kartoffelpüree und ein halbes Schnitzel Überbleibsel vom Abend.

Danke, murmelte Lukas, ohne aufzublicken.

Greta kehrte ins Schlafzimmer zurück, faltete weiter, doch ihre Gedanken kreisten wie wild gewordene Wespen. Wie war es nur so weit gekommen? Vor zwei Monaten war alles noch anders gewesen…

…Sie erinnerte sich an den Abend, der alles veränderte. Klaus war düster nach Hause gekommen, hatte sich zu ihr aufs Sofa gesetzt und ihre Hand genommen. Gretchen, ich muss dich um etwas bitten, begann er vorsichtig. Helene, Jürgen und Lukas haben keine Bleibe mehr. Der Vermieter hat sie rausgeworfen, sogar die Kaution einbehalten. Sie haben gerade eine schwere Zeit. Und wir haben doch die große Dreizimmerwohnung…

*Ich* habe die Dreizimmerwohnung, unterbrach Greta scharf. Klaus, ich bin es nicht gewohnt, mit fremden Leuten unter einem Dach zu leben. Ja, die Wohnung ist groß, aber das heißt nicht, dass hier Platz für sie ist.

Klaus redete weiter, sanft, überzeugend. Seine Schwester habe es schwer, der Junge brauche Stabilität vor Schulbeginn. Es sind nur ein paar Monate, bis sie was Passendes finden.

Am Ende gab Greta nach. Sein flehender Blick ließ ihr keine Wahl.

Doch nun, beim Stapeln von T-Shirts, wusste sie: Sie war selbst schuld. Die erste Woche verlief friedlich. Helene half beim Kochen, Jürgen hielt sich dezent zurück, Lukas machte brav Hausaufgaben. Doch als Helenes Urlaub endete, begann das Unheil.

Plötzlich kochte Helene nur noch abends genau eine Mahlzeit für ihre Familie. Dass ihr Sohn mittags hungrig blieb, schien sie nicht zu kümmern. Und so kam Lukas jeden Tag mit derselben Frage: Was gibts zu essen?

Die Worte brannten sich in Gretas Hirn ein. Sie hätte schreien, toben, die Wände einreißen können. Doch der Junge war unschuldig.

Abends versuchte sie, mit Klaus zu reden. Helene kocht nur abends, Lukas hungert mittags, erklärte sie.

Klaus legte sein Buch weg. Wo ist das Problem? Du bist doch zu Hause.

Es geht nicht ums Kochen, Klaus! Es geht darum, dass sie mir ihre Verantwortung aufdrückt!

Er verstand es nicht. Wir sind doch Familie.

Gretas Gedanken wirbelten. Sie wollte sie nicht rauswerfen sie hatten wirklich nirgendwo hin. Aber so weiter ging es nicht.

Dann das Wunder: Ihre Freundin Birgit lud sie auf ihr Landhaus ein. Zwei Wochen Ruhe, frische Luft, kein Stadtlärm. Greta packte sofort.

Klaus nickte nur, als sie es ihm erzählte. Holt euch mal etwas Abstand, meinte er.

Doch mittags, als Greta und Birgit im Garten saßen, klingelte Helenes Anruf. Wie kannst du meinen Sohn hungern lassen?! schrie sie. Er kommt nach Hause und findet nichts vor!

Greta blieb kalt. Helene, ich bin beschäftigt. Dein Sohn ist deine Verantwortung.

Ein Wutausbruch folgte Vorwürfe, sie sei egoistisch, eine Rabentante. Greta beendete das Gespräch. Zum ersten Mal seit Monaten atmete sie frei.

Die zwei Wochen vergingen wie im Flug. Doch zu Hause erwartete sie ein Sturm. Helene saß steinern im Wohnzimmer, Klaus verzweifelt daneben. Endlich! fauchte Helene. Hast du eine Ahnung, wie wir leben mussten? Mein Sohn aß nur Tiefkühlkost!

Greta hängte ihre Jacke auf. Wer ist dieser Junge eigentlich zu mir? fragte sie leise. Ehrlich gesagt, er ist Klaus’ Neffe, nicht meiner. Ich muss ihn nicht versorgen.

Helene schnappte nach Luft. Wir sind Familie!

Familie respektiert sich. Gretas Stimme war eisig. Ich werde ihm nichts mehr kochen. Holt euer Essen selbst.

Drei Tage lang herrschte eisiges Schweigen. Dann, am vierten Morgen, stand Helene früher auf. Sie kochte. Vor der Arbeit warf sie Greta einen zornigen Blick zu. Bitte wärm ihm mittags die Suppe auf.

Greta lächelte süßsauer. War doch nicht so schwer, oder?

Ein brüchiger Frieden kehrte ein. Bald würden sie genug Geld haben. Bald würden sie ausziehen. Und Klaus würde lernen: So behandelt man sie nicht. Sie war auch nur ein Mensch.

Оцените статью
Wie konntest du nur meinen Sohn hungrig zurücklassen?
Mañana voy a visitar a mi futura suegra. Mis amigas casadas, tratando de tranquilizarme, casi me asustan hasta la muerte: