Dein Sohn ist das Letzte,
aus ihm wird nichts Gutes entstehen!
Klara erstarrte in der Tür, das Tortenstück fast aus den Händen fallend. Ihre Mutter blickte sie scharf an, als hätte Klara etwas falsch gemacht.
Mama, worum gehts?, setzte Klara die Torte vorsichtig auf den Tisch. Was hat das mit Milo zu tun?
Was hat das mit ihm zu tun?, schnappte die Mutter, die Stimme erhob sich. Er ist jetzt in der siebten Klasse und steckt immer noch in einer normalen Gesamtschule! Keine Förderprogramme, keine Leistungskurse. Wie soll er überhaupt an eine anständige Fachhochschule kommen? Wie soll er überhaupt etwas erreichen?
Klara biss sich auf die Lippe. Der Dialog folgte dem altbekannten Skript, und ein brennendes Gefühl der Ungerechtigkeit stieg ihr in die Brust.
Mama, Milo hat gute Noten. In den meisten Fächern bekommt er Fünf. Er nimmt Nachhilfe in Mathe, will später programmieren, genau wie sein Vater.
Genau!, schwenkte die Mutter die Hände. Programmieren! Den ganzen Tag vorm Rechner sitzen, wie dein Sascha. Einfacher Job, schnöder Lohn. Und du? Lehrerin! Nachhilfe! Du verdienst kaum genug für die Milch. Füttert ihr euer Kind überhaupt ordentlich?
Klara ballte die Fäuste. Jede Aussage traf die empfindlichsten Stellen. Ja, sie und Sascha waren nicht reich, jeder Euro wurde zählt. Doch ihr Sohn Milo wuchs glücklich auf.
Uns geht es gut. Und Milo ist glücklich.
Glücklich?, schnöpfte die Mutter spöttisch und ging zum Fenster. Aber Victor hat einen Sohn, das ist ein echtes Juwel. Anton geht in ein Gymnasium mit intensivem Englischunterricht. Stell dir vor, schon ab der ersten Klasse Englisch! Fließend! Victor und Lena investieren in ihren Jungen, sie sparen kein Geld.
Klara hörte schweigend zu. Der Bruder war immer der Liebling. Er hatte sein kleines Unternehmen gegründet, eine größere Wohnung gekauft, seine Frau Lena blieb zu Hause und kümmerte sich um das Haus und den Sohn. Und jedes Mal nutzte die Mutter die Gelegenheit, sie mit dem Bruder zu vergleichen.
Anton ist ein besonders begabter Junge!, fuhr die Mutter warmherziger fort. Von ihm wird man etwas Großes. Victor sagt, sie wollen ihn mit 13 Jahren auf einen Sprachkurs ins Ausland schicken. Das ist Zukunftsvorsorge, das ist Perspektive. Nicht eureeintönige Schule.
Klara trat näher, die Schultern der Mutter waren verkrampft, das Gesicht streng.
Mama, ich verstehe, du möchtest stolze Enkelkinder sehen. Aber Milo ist nicht schlechter als Anton. Sie gehen nur unterschiedliche Wege.
Unterschiedliche Wege!, drehte die Mutter sich scharf um. Der eine Weg führt nach oben, zum Erfolg. Der andere verheddert sich im Grau und in der Armut. Willst du das für deinen Sohn? Dass er in Armut lebt?
Etwas in Klara zog sich zusammen.
Mama, wir sind nicht arm. Wir leben mit dem, was wir haben. Und Milo wird ein guter Mensch. Intelligent, freundlich, fleißig.
Fleißig!, schnaufte die Mutter. Das reicht in unserer Welt nicht, Klara. Man braucht Kontakte, Geld, eine angesehene Ausbildung. Und was hat Milo? Eine gewöhnliche Schule und eine Mutter, die gerade so über die Runden kommt.
Klara wandte sich ab. Vor ihr stand die Torte, liebevoll mit Beeren verziert, die sie mit Herz gebacken hatte. Nun wirkte das Dessert sinnlos
Mama, ich will nicht streiten. Wir erziehen unseren Sohn so, wie wir es für richtig halten. Und er ist glücklich.
Das Wichtigste ist seine Zukunft!, trat die Mutter näher. Du verkommst dein Kind mit deiner Sorglosigkeit. Victor versteht das. Er tut alles, damit Anton etwas Bedeutendes wird. Du schwimmst nur mit dem Strom.
Klara schüttelte den Kopf. Ein Streit war zwecklos. Die Mutter blieb bei ihrer Meinung, nichts konnte sie ändern.
Na gut, Mama. Lass uns einfach essen. Sascha und Milo kommen gleich.
Wie zu erwarten, verläuft das Mittagessen in angespannter Atmosphäre. Die Mutter lobt Anton, rühmt Victor, Milo isst schweigend und blickt zur Mutter. Klara lächelt ihm zu, bemüht, Ruhe zu vermitteln.
Nach dem Essen erkennt Klara, dass sie den Kontakt zur Mutter auf ein Minimum reduzieren muss. Das ständige Vergleichen ist zu schmerzhaft. Sie ruft ihre Mutter und Victor an, gratuliert zu Festtagen, aber Familienzusammenkünfte lassen sie außen vor. Die Mutter ist beleidigt, doch Klara hält durch. Sie will ihren Sohn vor diesem Gift schützen.
Jahre vergehen. Milo wächst, lernt, begeistert sich für Programmieren. Selten hört Klara von ihrer Mutter Neuigkeiten über den Bruder. Anton schließt das Gymnasium mit Goldmedaille ab, kommt an eine angesehene Universität, allerdings dank der Kontakte des Vaters.
Milo schließt ebenfalls die Schule ab, kommt ohne Vetternwirtschaft in ein technisches Fachhochschulstudium auf staatliche Stelle. Er besteht die Prüfungen ehrlich. Im dritten Semester arbeitet er bereits in einer kleinen IT-Firma. Klara ist stolz, Sascha ist stolz. Doch die Mutter spricht immer noch nur über Anton.
Einige Jahre später, die Kinder fast dreißig, versammeln sie sich zum Geburtstag der Mutter. Victor und Lena kommen, Anton erscheint groß, gutaussehend, mit legerem Haarschnitt. Er hat das Studium schnell hinter sich gelassen, will Musik machen, eine Band gründen. Victor hat in Equipment investiert. Zwei Jahre später hat die Band keinen Durchbruch erreicht; Anton lebt noch zu Hause, arbeitet nicht, verdient nichts.
Klara beobachtet, wie die Mutter leuchtet, wenn sie Anton umarmt, ihm über den Kopf streichelt und nach seinem Musikprojekt fragt. Anton antwortet müde, blättert am Handy. Die Mutter sieht das Desinteresse nicht. Für sie bleibt Anton der goldene Enkel.
Milo sitzt neben seiner Frau Anja, im vierten Monat schwanger. Er arbeitet bei einer großen IT-Firma, bekommt ein gutes Gehalt, mietet eine Wohnung, spart für ein Eigenheim. Doch die Großmutter schenkt ihm keine Beachtung.
Klara sieht, wie ihr Mann angespannt ist. Sascha sitzt daneben, die Zähne zusammengebissen. Anja schaut besorgt zu ihrem Mann. Doch Milo lächelt, streicht ihr über die Hand.
Der Abend zieht sich. Die Mutter berichtet den Gästen von Anton, davon, dass seine Band bald berühmt sein wird. Anton nickt gelangweilt. Klara schweigt.
Schließlich geht das Fest zu Ende. Sascha, Milo und Anja verlassen zuerst das Haus, sagen, sie warten am Auto. Klara bindet den Schal im Flur, als die Mutter zu ihr kommt.
Klara, warte. Ich muss dir etwas sagen.
Klara bleibt stehen. Die Mutter spricht leise, aber ernst.
Dein Milo ist langweilig, Klara. Grau, gewöhnlich. Genau wie du und Sascha. Kein Funke in ihm. Anton ist etwas ganz anderes ein Genie, ein Licht. Er wird allen zeigen, was er kann. Dein Sohn lebt nur, arbeitet, heiratet, bekommt bald ein Kind. Daran ist nichts Besonderes. Er ist einer von vielen Millionen.
Klara steht da, die Mutter schaut ihr in die Augen. Etwas zerbricht in ihr.
Sie atmet tief ein und blickt zurück.
Weißt du, Mama, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich dachte, du willst nur, dass ich die beste Mutter bin, dass ich mehr für Milo tue, mehr in ihn investiere. Ich dachte, deine Kritik käme aus guten Absichten, um mich anzuspornen.
Die Mutter runzelt die Stirn, doch Klara hebt die Hand.
Aber in Wahrheit ist es einfacher. Du hast meinen Sohn nie geliebt. All die Vergleiche, die ständige Kritik, das Lob für Anton das war dein Weg, mir zu zeigen, dass mein Kind nicht gut genug ist.
Die Mutter wird blass. Klara zieht langsam den Knopf ihres Mantels zu.
Aber weißt du was? Mein Sohn ist das Beste, was ich habe. Schlau, freundlich, fleißig, anständig. Er wird ein großartiger Mann, ein liebevoller Vater. Ich habe ihn vor deinem Gift geschützt, Mama. Ich habe alles getan, damit er glücklich aufwächst.
Die Mutter starrt mit weit geöffneten Augen. Klara greift nach ihrer Tasche.
Deine Meinung über mich, über Sascha und über unseren Sohn kannst du für dich behalten. Sie interessiert mich nicht mehr. Ich habe zu viele Jahre damit verschwendet, dich von meiner Liebe überzeugen zu wollen. Das Ende ist jetzt. Lebe, wie du willst, liebe, wen du willst. Ich wasche meine Hände ich spiele dieses Spiel nicht mehr. Bald bekomme ich selbst Enkel. Und ich werde sie lieben, wie eine Großmutter es tun sollte.
Klara verlässt die Wohnung, schließt die Tür hinter sich, steigt zu dem Auto, wo ihr Mann, ihr Sohn und seine Verlobte warten. Sascha umarmt sie, Milo lächelt. Klara setzt sich auf den Beifahrersitz, lehnt sich zurück. Ein seltsames, ungewohntes Ruhegefühl breitet sich aus. Es ist, als würde ein schwerer Berg von ihren Schultern fallen. Keine Maskerade mehr, kein ständiges Anpassen, nichts mehr zu beweisen.
Jahre des Kampfes gegen die Meinung der Mutter liegen hinter ihr. Sie hat, was wirklich zählt: eine echte Familie. Und was könnte ein Mensch mehr brauchen?







