Die Illusion der Täuschung: Magie und Rätsel in der deutschen Mentalität

Die Täuschung

In der Musikhochschule arbeitend, interessierte sich Johanna seit ihrer Kindheit für nichts außer der Musik. Das war ihr Leben: ihre Mutter und die Klänge der Klavierstücke. Mit achtundzwanzig Jahren war sie unverheiratet, hatte zwar eine kurze Beziehung zu einem Kollegen gehabt, doch ihre Wege trennten sich baldzu schwer war es, wenn beide in ihrer eigenen Welt lebten.

Seit drei Monaten jedoch traf sie sich mit Lukas, einem Anwalt, den sie zufällig in einem Café nahe der Hochschule kennengelernt hatte. Nach Hause wollte sie damals nicht, erst vor kurzem hatte sie ihre Mutter beerdigt, und die Stille der Wohnung lastete schwer auf ihr.

Fräulein, guten Tagwarum so traurig? Lukas war auf sie zugekommen, während er seinen Kaffee schlürfte. Ich heiße Lukas. Und Sie?

Sie war hübsch, doch irgendwie abwesend, dachte ergenug Grund, sie anzusprechen.

Johanna, erwiderte sie sanft und lächelte leicht.

Seitdem trafen sie sich regelmäßig. Lukas übernachtete oft bei ihr und hatte bereits einen Heiratsantrag gemacht, doch sie zögerte noch.

Ich kann dir jetzt keine Antwort geben, Lukas. Meine Mutter ist erst vor Kurzem gestorben.

Allein hatte die Mutter sie großgezogen. Den Vater hatte Johanna nie kennengelernt. Wer er war, wohin er verschwunden wardiese Fragen hatte sie ihrer Mutter nie gestellt. Sie spürte, dass es ihr unangenehm war, darüber zu sprechen. Doch dann war die Mutter plötzlich fort. Die Trauer und Einsamkeit drückten auf Johannas Seele. Manchmal dachte sie: Sollte ich meinen Vater suchen?

Ich weiß selbst keine Antwort, vertraute sie Lukas an. Ich habe ihn nie gesehen, kenne ihn nicht. Und selbst wenn ich ihn fändewürde er sich über mich freuen?

Johanna hatte nie lernen müssen, sich um praktische Dinge zu kümmern. Die Mutter hatte alles geregelt, die Rechnungen bezahlt, den Haushalt geführt, während sie sich ganz der Musik widmete. Dabei hatte die Mutter sie oft gewarnt:

Johanna, du musst dich auch um unsere Angelegenheiten kümmern. Wenn ich einmal nicht mehr da binwie willst du dann leben? Du bist so weltfremd. Das Leben wird schwer für dich sein.

Mama, du machst das alles so wunderbarwarum sollte ich mich darum kümmern? lachte Johanna.

Doch das Leben war grausam und unberechenbar. Es nahm ihr die Mutter, schnell und unbarmherzig. Plötzlich erkrankte sie und war bald darauf fort. Die Ärzte konnten nur noch die Hände heben:

Zu spät. Sie hätten früher kommen müssen.

Aber sie hat sich nie beschwert, weinte Johanna.

Vielleicht wollte sie Sie schonen, Sie nicht mit ihren Klagen belasten. Doch der Körper sendet immer Signaleirgendwelche Anzeichen hätte es geben müssen.

Lukas war ein gewitzter junger Mann. Als er zum ersten Mal Johannas Wohnung betrat, war er überrascht. An den Wänden hingen wertvolle Gemälde, obwohl Johanna sich nie für Kunst interessiert hatte. Sie war einfach mit ihnen aufgewachsen. Doch Lukas verstand sich darauf.

Abends spielte Johanna Klavier, übte für ihre Konzerte, während Lukas zuhörteoder so tat. Bald hatte er begriffen, dass es bei Johanna etwas zu holen gab. Durchstöberte Dokumente, Briefe der Mutter. Eine Tante, Gertrud, lebte in Bayernsonst gab es keine Verwandten. Also drängte er auf eine schnelle Hochzeit. Johanna war die einzige Erbin.

Doch sie zögerte. Sie kannte ihn erst seit kurzem, spürte ein ungutes Gefühl. Doch Lukas gab nicht auf, wartete und drängte weiter. Er wusste, dass sie ihren Vater finden wollte.

Eines Tages traf er sie mit einer Nachricht:

Heute haben wir Gäste. Wir müssen noch Sekt und etwas zu essen besorgen.

Gäste? Wer denn?

Ich habe deinen Vater gefunden.

Lukasist das wahr? Wo? Ich dachte immer, er lebt irgendwo weit weg, vielleicht im Ausland.

Nein, er ist hier in der Stadt.

Eine halbe Stunde später klingelte es. Lukas öffnete, und Johanna sah einen großen, dunkelhaarigen Mann.

Tochter! Er eilte auf sie zu. Lass mich dich umarmenich habe dich noch nie gesehen. Wie schön du bist. Mein Name ist Robert Friedrich.

Johannas zweiter Name war tatsächlich Roberta. Es folgten Gespräche.

Deine Mutter und ich trennten uns, doch sie sagte mir nichts von einem Kind.

Lukas nutzte die Gelegenheit:

Herr Friedrich, da sich alles so wunderbar fügtdarf ich um die Hand Ihrer Tochter bitten?

Johanna, noch ganz benommen von der Begegnung, war verwirrt.

Wenn Lukas dich liebt, habe ich nichts dagegen, lächelte der Mann. Ich segne euch und warte auf die Einladung.

Seitdem kam Robert Friedrich oft zu Besuch. Doch über seine Vergangenheit mit Johannas Mutter schwieg er sich aus. Sie hätten sich nur kurz gekannt, behauptete er.

Johanna lud ihre Tante Gertrud und deren Mann zur Hochzeit ein. Die beiden kamen früher als geplantGertrud wollte ihrer Nichte helfen, so wie es ihre verstorbene Schwester getan hätte.

Eines Abends klingelte es. Johanna öffnete und strahlte.

Endlich sind wir da, seufzte Gertrud. Die Bahn war verspätet.

Sie lernten Lukas kennen, doch der verabschiedete sich baldJohanna sollte Zeit mit ihrer Familie haben. Im Gespräch gestand die Nichte:

Tante Gertrud, ich habe meinen Vater gefundennein, eigentlich hat Lukas ihn gefunden. Er kümmert sich um alles.

Wie heißt er?

Robert Friedrich mein zweiter Name ist Roberta.

Gertrud wechselte einen seltsamen Blick mit ihrem Mann. Alexander, wir haben ein Problem.

Was für ein Problem?

Dein Vater heißt nicht Robert, sondern Heinrich Heinrich Walter. Im Geburtsregister steht kein Vater. Deine Mutter hat den zweiten Namen selbst gewählt. Sie wollte nicht, dass du die Wahrheit erfährst. Dein Vater ist Heinrich WalterRektor der Musikhochschule, an der du studiert hast.

Heinrich Walter? Das kann nicht sein! Er war mein Musikprofessor. Wer ist dann dieser Robert Friedrich, den Lukas gefunden hat?

Das müssen wir herausfindenund Lukas zur Rede stellen. Warum inszeniert er dieses Theater? Übrigenshast du das Erbe schon angetreten? Sechs Monate nach Veras Tod sind bald vorbei.

Noch nicht ich muss zum Notar. Aber was soll das Erbe schon sein? Die Wohnung und ein paar Sachen

Mein Gott, Johanna, wie naiv du bist. Unsere Eltern waren wohlhabend. Deine Mutter hatte ein beträchtliches Vermögen, diese Gemälde sind sehr wertvoll. Als unsere Eltern starben, wurde das Erbe zwischen mir und deiner Mutter aufgeteilt. Du bist keine arme Waise. Lies das Testament Und noch etwas: Alexander und ich haben keine Kinderunser Erbe wird auch dir zufallen.

Johanna hatte sich nie für solche Dinge interessiert. Doch jetzt, da ihre Tante ihr die Augen öffnete, begriff sie, warum Lukas so drängte.

Tante Gertrud weiß mein Vater, Heinrich Walter, von meiner Existenz?

Nein. Und seine Mutter ist schuld. Sie suchte eine ,bessere Partie für ihren Sohn und trennte deine Eltern. Als sich Vera und Heinrich stritten, wusste sie noch nichts von der Schwangerschaft. Dein Vater heiratete auf Druck seiner Mutter eine anderedoch die Ehe hielt nicht. Später sah er Vera mit einem Kind und dachte, sie habe neu geheiratet. Sie schwieg. So war das. Aber wer dieser Robert Friedrich istdas müssen wir klären.

Tante Gertrud Heinrich Walter hat mir mein Diplom überreicht. Und er wusste nicht, dass ich seine Tochter bin.

Am Abend erwartete Lukas eine böse Überraschung. Johanna sagte die Hochzeit ab, packte sogar seine Sachen. Vor Gertrud und Alexander wagte er keinen Widersprucher wusste, dass man ihm auf die Schliche gekommen war. Robert Friedrich sah Johanna nie wieder.

Ich fühle eine Erleichterung, gestand sie. Irgendetwas an Lukas hat mich immer beunruhigt.

Am nächsten Tag kam Johanna von der Arbeit nach Hauseund Gertrud verkündete:

Heute Abend bekommen wir Besuch.

Wer denn? fragte Johanna erschrocken.

Warte ab.

Als es klingelte, öffnete Gertrud selbstund kehrte mit Heinrich Walter ins Zimmer zurück. Johanna war sprachlos.

Mein Gott, Tochterwie sehr du mir ähnlich siehst. Der Musikprofessor breitete die Arme aus. Verzeih mirich wusste nichts von dir. Gertrud hat mich überrascht.

Sie saßen lange zusammen. Johanna erfuhr vielsogar von einem Halbbruder. Heinrich hatte einen Sohn, einen Soldaten, der weit weg lebte.

Nur du, Tochter, bist mir nachgegangen. Du bist begabt. Mein Sohn hat nicht meine Leidenschaftdoch ich liebe die Musik so sehr.

Ich auch, Vater. Ich habe mich immer gefragt, woher das kommtalle anderen in der Familie sind Ingenieure. Johanna lachte. Das sind deine Gene.

Seitdem traf sie sich oft mit ihrem Vater. Sie besuchten gemeinsam Veras Grab. Später lernte sie seine Frau Gisela kenneneine warmherzige Frauund schließlich auch ihren Bruder, als er auf Urlaub kam.

Ein Jahr später heiratete Johanna Viktor, den Sohn eines Freundes ihres Vaters. Der junge Wirtschaftsdozent hatte sich bei der ersten Begegnung Hals über Kopf in sie verliebt.

Gertrud und Alexander waren auf der Hochzeitbeide begeistert von dem ruhigen, zuverlässigen Mann.

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