Du bist nicht mehr nötig, sagten die Kinder und fuhren davon.
Mama, warum machst du das schon wieder? Wir hatten doch eine Abmachung!, schnauzte Sabine, während sie gereizt die Einkäufe aus den Taschen packte, die sie ihrer Mutter gebracht hatte.
Meine Liebe, ich wollte nur helfen. Ich dachte, du und Jens freuen sich, wenn ich unserer Enkelin einen Pullover für den Winter stricke, erwiderte Helga Müller und nestelte mit ihren schmalen Fingern an den Stricknadeln.
Sophie ist vierzehn, Mama. Sie wird keinen Oma-Pullover tragen, begreif das doch endlich! Sie hat ihren eigenen Stil. Die Jugend heute trägt ganz andere Sachen.
Helga seufzte schwer und legte den halb fertigen rosa Pullover beiseite. Etwas in ihr zog sich schmerzhaft zusammen. War ihr Geschenk wirklich so schlimm? Sie hatte sich Mühe gegeben, ein modernes Muster zu wählen, die Wolle war weich.
Und wann kommt ihr zum Kaffee vorbei? Ich backe einen Apfelkuchen. So wie Sophie ihn mag.
Sabine erstarrte für einen Moment vor dem Kühlschrank, dann knallte sie die Tür lauter zu als nötig.
Mama, wir haben überhaupt keine Zeit für Kaffeekränzchen. Sophie hat Prüfungsvorbereitungen, Jens steckt mitten in einem Projekt, und ich arbeite von morgens bis abends. Das haben wir doch schon beim letzten Mal besprochen.
Ja, natürlich, murmelte Helga und strich eine Falte auf ihrem Hauskleid glatt. Ich dachte nur, vielleicht am Sonntag
Fang nicht schon wieder an, unterbrach Sabine scharf. Am Sonntag fahren wir zu Claudia und Michael auf die Datsche. Lukas hat Geburtstag, hast du das vergessen?
Lukas wird schon sechzehn, lächelte Helga. Wie schnell die Kinder groß werden. Nehmt ihr mich mit?
Sabine runzelte die Stirn, als wäre die Frage völlig absurd.
Mama, da sind nur junge Leute. Du würdest dich langweilen. Und die Fahrt ist anstrengend.
Ich bin nicht so empfindlich, beeilte sich Helga zu versichern. Und ich kann einen Kuchen backen. Erinnerst du dich, wie Lukas meinen Honigkuchen liebte?
Sie haben einen Kuchen in der Konditorei bestellt. Modern, mit Fotodruck.
Helga nickte und griff wieder nach den Stricknadeln, um ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Kinder waren erwachsen, die Enkel auch. Sie lebten ihr eigenes Leben, in dem für sie, so schien es, immer weniger Platz war.
Sabine warf einen Blick auf die Uhr und wurde hektisch:
Ich muss los. Die Einkäufe sind erledigt. Koch keinen Reis, dein Blutdruck steigt sonst wieder. Und vergiss die Tabletten nicht.
Danke, mein Schatz, sagte Helga und begleitete ihre Tochter zur Tür, umarmte sie zum Abschied. Sabine spannte sich an, als wäre die Berührung unangenehm, und entwand sich schnell ihren Armen.
Tschüss, Mama. Ich ruf dich nächste Woche an.
Die Tür fiel ins Schloss. Helga stand noch ein paar Sekunden im Flur und lauschte den entfernten Schritten ihrer Tochter. Dann kehrte sie langsam ins Wohnzimmer zurück. Die Wohnung, in der einst Kinderlachen erklang, kam ihr jetzt zu still und leer vor.
Sie ging zum Sideboard, öffnete die Tür und nahm das Familienalbum heraus. Da waren Stefan und Sabine als Kinder im Sandkasten. Da der Urlaub am Meer ihr Mann lebte noch, und sie hatten alle zusammen für die Reise nach Sylt gespart. Erste Schultage, Abschlussfeiern. Dann die Hochzeiten und die kleinen Enkel in Omas Armen. Als Sophie geboren wurde, hatte Helga sofort gekündigt, obwohl noch drei Jahre bis zur Rente fehlten. Sabine und Jens waren so erleichtert, dass jemand auf das Baby aufpasste. Lukas hatte sie auch betreut, wenn auch nicht so oft Claudia kam allein zurecht.
Das Klingeln an der Tür riss sie aus den Erinnerungen. Vor der Tür stand Hannelore Schmidt, die Nachbarin aus dem dritten Stock.
Helga, stell dir vor, schon wieder heißes Wasser abgestellt! Ohne Vorwarnung!, rief sie gleich beim Eintreten. Hast du Zeit für eine Tasse Tee? Ich kann nicht mal Geschirr spülen.
Natürlich, komm rein, freute sich Helga. Ich wollte eigentlich einen Kuchen backen, aber jetzt, siehst du, bleibt er wohl unangerührt
War Sabine da?, fragte Hannelore, während sie die Schuhe auszog. Ihr Auto stand unten.
Sie hat ein paar Einkäufe gebracht, nickte Helga und holte die Tassen heraus. Immer in Eile, wie immer. Sagt, sie hätte keine Zeit.
Das sagen sie alle, winkte Hannelore ab. Mein Wolfgang hat auch nie Zeit, wenn man ihn fragt. Aber wenn die Enkel in den Ferien aufs Land sollen, findet er plötzlich welche um mich hinzufahren und wieder abzuholen. Du solltest dich bei deinen Kindern einfach einladen, statt hier allein zu sitzen.
Ich habs versucht, seufzte Helga und stellte die Tassen auf den Tisch. Aber sie haben immer irgendwelche Pläne.
Frag nicht, sag einfach: Ich komme am Samstag vorbei, ich will meine Enkelin sehen. Punkt. Werden sie ihre eigene Mutter etwa wegschicken?
Helga schwieg. Hannelore wusste nicht, dass Sabine beim letzten unangemeldeten Besuch so verärgert war, dass sie eine Woche lang nicht anrief. Sie hatte gesagt, dass Gäste von Jens Firma da waren und Helga mit ihrem Kuchen einfach dazwischengeplatzt kam.
Hannelore goss den Tee ein und schob sich die Bonbonschale zu.
Ich überlege, über Silvester zu meiner Schwester nach München zu fahren. Da ist es gemütlich, Gesellschaft. Was soll ich denn hier? Allein vorm Fernseher sitzen, während die Glocken läuten, und niemand ist da zum Gratulieren.
Sabine hat versprochen, mich zu Silvester abzuholen, beeilte sich Helga zu sagen. Sie feiern immer zu Hause, mit Stefans Familie zusammen.
Na, dann hoffentlich, nickte Hannelore, aber ihre Stimme klang zweifelnd. Die können alle gut reden, aber wenns drauf ankommt
Nachdem Hannelore gegangen war, backte Helga trotzdem den Apfelkuchen. Klein, für vier Portionen. Eine aß sie selbst, zwei packte sie für die Nachbarn ein, mit denen sie manchmal ein paar Worte am Hausflur wechselte. Die vierte ließ sie für morgen.
Am Abend rief ihr Sohn an.
Mama, hallo, wie gehts dir?, Stefans Stimme klang freundlich, aber distanziert.
Gut, mein Junge. Sabine war heute da, hat ein paar Sachen gebracht. Wie gehts Claudia? Und Lukas?
Alles bestens. Hör mal, Mama, da ist was Erinnerst du dich an unser Gespräch über das Wochenendhaus?
Helga spürte, wie sich ihr Nacken anspannte. Das Häuschen, das von ihrem Mann geerbt worden war, stand noch auf ihrem Namen. Ein kleines Grundstück mit einem alten, aber stabilen Haus. Früher verbrachten sie dort jeden Sommer als Familie. Dann wurden die Kinder erwachsen, ihr Mann starb, und sie fuhr immer seltener hin allein war es zu viel Arbeit.
Ja, ich erinnere mich, antwortete sie vorsichtig.
Also, hier ist die Sache. Claudia und ich haben die Chance, ein größeres Haus in einer besseren Lage zu bauen. Aber wir brauchen Geld für die Anzahlung. Wir dachten vielleicht verkaufen wir das Wochenendhaus? Du fährst ja eh kaum noch hin.
Helga schwieg und umklammerte den Hörer. Damit hatte sie nicht gerechnet. Das Haus war das Letzte, was von ihrem gemeinsamen Leben mit Friedrich geblieben war. Jede Ecke erinnerte an ihn die Veranda, die er selbst angebaut hatte, die Apfelbäume, die er gepflanzt hatte.
Stefan, aber das ist doch die Erinnerung an Papa. Und ich dachte, vielleicht die Enkel
Mama, in Stefans Stimme schlich sich Ungeduld ein. Welche Enkel? Lukas will nichts von der Datsche wissen, nur Computerspiele. Und dein Haus verfällt langsam, bald fällt das Dach ein. Besser, wir verkaufen jetzt, solange es noch etwas wert ist. Du bekommst natürlich einen Teil des Geldes.
Ich muss darüber nachdenken, flüsterte Helga.
Mama, da gibts nichts zu überlegen. Es ist ein gutes Angebot, Interessenten haben sich das Grundstück schon angesehen. Die Papiere müssen morgen unterschrieben werden. Ich hol dich um zehn ab, okay?
Am nächsten Tag kam Stefan wie versprochen. Ungewöhnlich aufmerksam, half er ihr sogar in den Mantel. Auf dem Weg zum Makler schwärmte er vom künftigen Haus, vom großen Gästezimmer.
Du kannst jedes Wochenende kommen, Mama. Ein tolles Fleckchen, saubere Luft. Ganz anders als deine Bude an der Landstraße.
Helga hörte zu und nickte. Im Stillen wusste sie, dass niemand sie jedes Wochenende aufs Land fahren würde. Und das Gästezimmer würde leer bleiben. Aber sie wollte ihrem Sohn nicht widersprechen. Er war so begeistert.
Im Büro unterschrieb sie alle Papiere. Ein junger Mann im Anzug erklärte etwas über Steuern und Fristen, aber sie hörte kaum zu. Vor ihren Augen sah sie die Terrasse ihres Häuschens, wo sie und Friedrich abends Tee tranken und den Sonnenuntergang betrachteten.
Alles erledigt, Stefan war zufrieden, als sie hinausgingen. Übermorgen kommt das Geld. Deinen Anteil überweise ich sofort.
Danke, mein Junge, versuchte sie zu lächeln. Hast du heute Zeit? Vielleicht kommst du auf einen Kaffee vorbei? Ich habe gestern Kuchen gebacken.
Stefan warf einen Blick auf die Uhr.
Geht nicht, Mama. Ich hab in einer halben Stunde einen Termin. Vielleicht ein andermal.
Er ließ sie am Hauseingang aussteigen und fuhr mit einem Winken davon. Helga stieg langsam die Treppen hoch. Die Tür gegenüber öffnete sich Nachbarin Gertrud schaute heraus.
Frau Müller, dein Kuchen gestern zum Niederknien! Hast du das Rezept für mich? Meine Enkel kommen übers Wochenende.
Helga lächelte. Wenigstens jemandem schmeckte ihr Gebäck.
Ein paar Tage später rief Sabine an. Aufgeregt.
Mama, warum gehst du nicht ans Telefon? Ich habs schon mehrmals versucht.
Ich war einkaufen, mein Schatz.
Ach, na gut. Hör mal, Mama, wir haben Neuigkeiten! Jens wurde ein Vertrag in Hamburg angeboten, mindestens drei Jahre. Doppeltes Gehalt, Firmenwohnung. Wir haben zugesagt.
Helga setzte sich auf einen Stuhl, die Knie wurden weich.
Nach Hamburg? Aber das ist so weit
Nicht so schlimm. Nur zwei Stunden mit dem Flugzeug. Wir kommen zu Feiertagen.
Und Sophie? Ihre Schule, ihre Freunde
Für Sophie ist das eine Chance. Da ist ein Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, sie will später Medizin studieren. Alles passt perfekt.
Und wann fahrt ihr?, Helga bemühte sich, ruhig zu klingen.
In zwei Wochen. Jetzt wird alles organisiert, die Sachen gepackt. Keine Zeit! Aber wir kommen uns verabschieden.
Die zwei Wochen vergingen wie im Flug. Helga wartete darauf, dass die Kinder wie versprochen vorbeikämen. Jeden Morgen dachte sie, heute würde sie ihre Enkelin sehen, ihren Lieblingskuchen backen. Doch das Telefon blieb stumm.
Am Vorabend der Abreise klingelte es endlich. Sabine und Jens standen vor der Tür. Sophie blieb im Auto Kopfschmerzen, erklärte Sabine. Sie blieben kaum eine halbe Stunde, tranken hastig Kaffee, lehnten Kuchen ab Diät.
Mama, wir haben dir ein Handy besorgt, Sabine holte eine Schachtel hervor. Ganz einfach, du wirst es schon verstehen. Wir bleiben in Kontakt. Und hier, sie reichte einen Zettel. Die Nummern von meinen Freundinnen hier, Anna und Lisa. Falls etwas ist, ruf sie an, sie helfen dir.
Aber Stefan
Stefan hat jetzt sein Haus außerhalb, du weißt schon. Er kann nicht oft vorbeikommen. Aber mach dir keine Sorgen, die Mädels sind verlässlich.
Als sie gingen, umarmte Sabine sie plötzlich fester als sonst und flüsterte:
Pass nur auf dich auf, ja? Damit wir uns keine Sorgen machen.
Am selben Abend rief Stefan an.
Mama, wir ziehen morgen ins neue Haus. So viel zu tun, ich dreh durch. Claudia sagt, die ersten Wochen sind chaotisch für Besuch. Nimms nicht persönlich, okay? Sobald wir uns eingerichtet haben, laden wir dich ein.
Natürlich, mein Junge. Ich verstehe.
Es folgten Tage voller Stille. Sabine rief einmal die Woche an, die Gespräche waren kurz. Stefan meldete sich kaum zu beschäftigt mit dem Umbau. Mit den Enkeln zu sprechen, klappte nie richtig Hausaufgaben, Training, Freunde.
Helga versuchte, die Leere zu füllen. Sie meldete sich in der Bücherei an, ging zu Lesungen im Gemeindezentrum. Lernte neue Leute kennen andere einsame Rentner wie sie.
Eines Abends, als sie von einer Veranstaltung zurückkam, klingelte das Telefon. Sabine.
Mama, hallo. Wie gehts?
Gut, mein Schatz. War gerade bei einer Lesung. Stell dir vor, ich habe sogar mein eigenes Gedicht vorgetragen. Alle fanden es schön.
Das ist toll, antwortete Sabine zerstreut. Hör mal, da ist etwas Jens hat ein Angebot aus Kanada. Stell dir vor! So eine Chance für uns alle! Sophie könnte an einer richtigen Uni im Ausland studieren.
Helga schwieg. Eine Kälte breitete sich in ihr aus.
Mama? Hörst du mich?
Ja, mein Schatz. Kanada das ist sehr weit.
Ja, aber die Möglichkeiten! Wir haben fast entschieden. Wenn alles klappt, sind wir in drei Monaten weg.
Und was ist mit mir?, fragte Helga leise.
Wie meinst du das?
Ich bleibe dann ganz allein. Stefan ist beschäftigt, ruft selten an. Und jetzt ihr
Mama, jetzt fang bloß nicht an, Sabines Stimme wurde scharf. Du bist doch erwachsen. Du hast dein Leben, wir unseres. Wir können nicht Nein sagen, nur weil du uns vermissen würdest.
Ich verstehe, Helga schluckte. Ich dachte nur vielleicht könnte ich mitkommen?
Stille am anderen Ende.
Mama, das geht nicht, sagte Sabine schließlich. Erstens, das Visum wäre ein Problem. Zweitens, wir mieten eine kleine Wohnung, da ist kein Platz. Drittens, du sprichst die Sprache nicht. Wie willst du dort leben?
Ich könnte lernen
Mama, Sabine klang müde, als erklärte sie einem Kind. Du bist siebenundsechzig. Was für Sprachen? Was für Auswandern? Du lebst hier von deiner Rente, in deiner Wohnung. Hier sind deine Freunde, dein gewohntes Leben. Dort wäre es nur schlimmer für dich.
Helga spürte die Tränen, aber sie hielt sie zurück.
Ja, vielleicht hast du recht.
Na also, atmete Sabine erleichtert auf. Wir haben noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Ich halte dich auf dem Laufenden.
Eine Woche später rief Stefan an. Sachlich.
Mama, da ist was. Sabine und ich haben gesprochen Sie gehen nach Kanada, du weißt schon. Wir dachten vielleicht sollte deine Wohnung vermietet werden? Extra Einkommen. Und du könntest in ein Seniorenheim ziehen. Die sind heutzutage richtig gut. Vollverpflegung, Pflegepersonal, Freizeitprogramm.
Ein Seniorenheim?, Helga konnte es nicht glauben.
Keine Panik, das ist nicht wie früher. Ein modernes Wohnstift. Da sind nette Leute in deinem Alter. Gesellschaft, Aktivitäten. Du wärst nicht allein.
Und meine Wohnung?
Wir würden sie vermieten, einen Teil für das Heim nutzen, den Rest bekämst du. Alles fair.
Helga schloss die Augen. Also darum ging es. Sie ins Heim abschieben, um die Wohnung freizumachen.
Stefan, ich will nicht ins Heim. Ich will zu Hause leben.
Mama, aber versteh doch, es wäre besser für dich! Betreuung, kein Kochen, kein Putzen. Hier bist du allein. Was, wenn etwas passiert?
Es passiert nichts. Ich komme klar.
Mama, sei nicht stur. Wir denken nur an dich.
Nein, Stefan. Ihr denkt an meine Wohnung., sie hatte nicht gewollt, dass es so herauskam.
Was?, empörte sich Stefan. Wie kannst du so etwas sagen? Wir sorgen uns! Sabine ist in Kanada, ich wohne außerhalb. Wer passt auf dich auf?
Ich passe auf mich selbst auf. Ich brauche keinen Aufpasser.
Immer machst du alles kompliziert. Immer. Man tut alles für dich, und als Dank, er brach ab. Vergiss es. Beruhig dich und denk nach. Ich rufe morgen an.
Doch er rief nicht an. Nicht morgen, nicht übermorgen. Helga wartete drei Tage, dann rief sie selbst an. Claudia meldete sich, Stefan sei nicht da.
Sag ihm bitte, seine Mutter hat angerufen.
Mach ich, antwortete Claudia kühl und verabschiedete sich.
Eine Woche später rief Sabine.
Mama, wir fliegen übermorgen. Alles ist fertig.
So plötzlich? Und wir können uns nicht verabschieden?
Wir sind im Stress, Mama. Umzug, so viel zu tun. Aber wir rufen per Videotelefonie. Vielleicht kommen wir in einem Jahr zu Besuch.
Mein Schatz, aber ich kann euch nicht mal in den Arm nehmen?
Mama, immer dieses Drama! Es ist nicht für immer. Nur ein paar Jahre. Irgendwann kommen wir zurück.
Irgendwann, wiederholte Helga leise.
Und noch etwas, Mama Stefan und ich haben gesprochen. Wegen dem Heim. Es wäre wirklich gut für dich. Lehne es nicht einfach ab.
Sabine, ich verlasse mein Zuhause nicht.
Na gut, na gut, sagte sie hastig. Reden wir später. Denk einfach darüber nach, ja?
Am Abreisetag rief Sabine nicht an. Helga saß den ganzen Tag am Telefon, vergeblich. Abends rief sie selbst an. Unerreichbar. Schon im Flugzeug.
Stefan meldete sich nach drei Tagen.
Mama, alles gut? Nicht krank?
Alles gut, mein Junge. Ist Sabine gut angekommen?
Ja, sie sind eingezogen. Sophie in der Schule. Alles bestens.
Das freut mich. Und du? Warum kommst du nicht vorbei? Ich habe Kuchen gebacken.
Stefan zögerte.
Mama, gerade so viel Arbeit. Und das neue Haus, du weißt schon. Keine Zeit für Besuche.
Ich verstehe, flüsterte sie. Aber vielleicht am Wochenende? Ich würde Lukas so gern sehen.
Lukas hat Turniere. Er spielt jetzt Hockey. Und ehrlich, Mama, wir haben gerade keine Kapazität für Besuche. Sobald es ruhiger wird, versprochen.
Doch sie kamen nicht. Weder in einer Woche noch in einem Monat. Die Anrufe wurden seltener, kürzer. Dann das, wovor Helga sich am meisten fürchtete. Stefan rief an:
Mama, wir haben Jobangebote in Berlin.
Eine tolle Chance. Lukas kann später an eine gute Uni. Und Berlin das sind Perspektiven.
Und das Haus? Ihr habt doch gerade erst gebaut.
Vermieten. Oder verkaufen, noch unklar.
Und wann geht ihr?, Helgas Herz pochte bis zum Hals.
In etwa einem Monat. Jetzt wird alles organisiert.
Mein Junge, besucht ihr mich vor der Abreise?
Stefan räusperte sich.
Mama, versteh Wir haben keine Minute Zeit. Der Umzug frisst alles. Vielleicht später aus Berlin.
Stefan, Helga fasste all ihren Mut zusammen. Ich muss ernst mit dir reden. Über das Heim. Ich ziehe nicht aus. Das ist mein Zuhause. Hier habe ich mit deinem Vater gelebt, hier seid ihr groß geworden. Hier sind all meine Erinnerungen.
Mama, jetzt fängt sie wieder an Wir haben nur eine Idee vorgeschlagen. Für dein Wohl.
Für mein Wohl wäre es, wenn ihr nicht vergesst, dass ihr eine Mutter habt.
Was?, seine Stimme wurde hart. Vergessen wir das? Ich rufe an, Sabine schreibt aus Kanada. Wir überweisen dir Geld. Was willst du noch?
Ich will meine Kinder und Enkel, kein Geld.
Mama, wir sind erwachsen. Unser eigenes Leben. Du kannst nicht verlangen, dass wir ständig bei dir sitzen. Die Zeiten ändern sich. Jeder zieht weg.
Ich verlange nicht, dass ich euer Mittelpunkt bin. Ich bitte nur, nicht zu vergessen, dass ich noch lebe.
Schon wieder Drama. Ich muss los, volle Terminkalender. Wir sprechen später. Er legte auf.
Am Abreisetag kam Stefan doch, aber allein und nur für eine halbe Stunde. Brachte Pralinen, küsste sie flüchtig auf die Wange. Redete distanziert, wie eine Pflichtübung.
Wie gehts, Mama? Kommst du zurecht?
Ja, sie zwang sich zu lächeln. Wo ist Claudia? Wo ist Lukas?
Sie packen. Keine Zeit.
Als er ging, verstand sie plötzlich: Sie würde ihren Sohn lange nicht sehen. Vielleicht nie wieder. Ein Kloß würgte in ihrer Kehle.
Stefan, rief sie. Mein Junge braucht ihr mich wirklich nicht mehr?
Er drehte sich an der Tür um, zögerte einen Moment. Dann sagte er, ohne ihr in die Augen zu sehen:
Mama, was soll der Unsinn? Jeder hat sein eigenes Leben. Das verstehst du doch.
Ich verstehe, nickte sie. Ich verstehe alles, mein Junge.
Er ging. Sie stand lange in der Tür, starrte auf den leeren Flur. Dann setzte sie sich langsam aufs Sofa. Es war still. Nur die alte Standuhr tickte Friedrichs Liebling. Mechanisch, mit Seele, sagte er immer.
Sie nahm den Hörer, wählte Hannelores Nummer.
Hannelore, du hast von deiner Reise nach München zu Silvester gesprochen Kann ich mit?
Hannelore klang überrascht, aber erfreut:
Helga! Natürlich! Meine Schwester freut sich. Platz ist genug. Ändern sich die Pläne mit den Kindern?
Ja, Helga spürte, wie etwas in ihr leichter wurde. Ich kümmere mich jetzt selbst um mich. Sie haben keine Zeit für mich.
Richtig so!, lobte Hannelore. Du bist noch jung, warum allein versauern? München ist schön. Und die Kinder kommen von selbst wieder, wirst sehen. Wenn die Enkel älter werden, erinnern sie sich an Oma.
Vielleicht, lächelte Helga. Aber ich warte nicht mehr. Ich will auch ein Leben haben, nicht wahr?
Sie legte auf und ging zum Fenster. Draußen fiel der erste Schnee. Ein neuer Winter begann. Und vielleicht ein neues Leben. Ohne Kinder aber vielleicht nicht ganz so einsam.







