«Überraschung, Schatz, wir ziehen zu meiner Mutter,» sagte mein Mann, als ich aus dem Krankenhaus zurückkam.
«Bist du verrückt? Was soll das denn heißen, Paul? Wir hatten uns doch auf Michael geeinigt! Michi!»
Lisa starrte ihren Mann mit weit aufgerissenen Augen an eine Mischung aus Entsetzen und Verletzung. Das dünne Krankenhaushemd hing an ihrem abgemagerten Körper, und in ihrer noch schwachen Stimme lag ein eisiger Unterton. Markus stand am Fenster des Krankenzimmers, drückte den Plastikbecher mit abgekühltem Tee in seiner Hand und schaute schuldbewusst zur Seite.
«Lise, versteh doch Meine Mutter hat so darum gebeten. Zu Ehren meines Vaters. Das bedeutet ihr alles. Er war ihr Ein und Alles.»
«Und mir bedeutet das nichts? Uns nichts? Wir haben neun Monate lang nach einem Namen gesucht! Wir haben Bedeutungen gelesen, diskutiert, gelacht und uns schließlich für einen entschieden, den wir beide mögen! Was hat deine Mutter damit zu tun?»
«Sie ist nur sie wird so enttäuscht sein, wenn wir ihn nicht Paul nennen. Sie sagt, es wäre eine Respektsbezeugung.»
«Respekt bedeutet, einen Menschen in Erinnerung zu behalten, nicht sein Name einem Kind aufzuzwingen, das damit leben muss!» Lisas Augen füllten sich mit Tränen der Hilflosigkeit. «Wir hatten eine Abmachung, Markus! Du hast mir dein Wort gegeben!»
«Ich weiß, tut mir leid. Aber ich konnte ihr nicht nein sagen.» Er drehte sich endlich um, und in seinen Augen lag ein flehender, aber auch trotziger Blick, der Lisa übel werden ließ. «Lass uns jetzt nicht streiten. Du solltest dich ausruhen. Morgen gehts nach Hause.»
Er versuchte, sie zu umarmen, doch sie wich zurück. Das Wort «Zuhause» klang plötzlich falsch. Gestern noch hatte sie sich ausgemalt, wie sie in ihre gemütliche Zweizimmerwohnung zurückkehren würde, wie sie ihren kleinen Sohn in das neue Bettchen legen würde, das sie mit so viel Liebe zusammengebaut hatten. Und jetzt? Jetzt fühlte sich das Wort an wie ein Messerstich. Sie schob es auf die Erschöpfung nach der Geburt und die Hormone, aber das ungute Gefühl blieb.
Am nächsten Tag verdrängte der Trubel der Entlassung alle Sorgen. Blumen, unbeholfene Glückwünsche der Krankenschwestern, die blaue Schleife am Umschlag alles wirkte gleichzeitig schwerelos und wie das Wichtigste der Welt. Markus war die Fürsorge in Person: Er stützte sie, trug die Taschen, öffnete die Autotür. Lisa drückte ihren Sohn an sich und atmete seinen süßen, milchigen Duft ein. Das hier war Glück. All der Streit Unsinn. Hauptsache, sie waren zusammen, jetzt eine richtige Familie.
Doch als sie vor ihrem Haus ankamen, zögerte Markus merkwürdig. Statt in ihre Straße einzubiegen, fuhr er weiter.
«Wo fährst du hin? Wir sind schon vorbei,» fragte Lisa verwundert.
«Wir fahren nicht zu uns,» antwortete er energisch, ohne sie anzusehen. «Überraschung!»
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie kannte diese Straße, diesen abblätternden Hausflur. Hier wohnte ihre Schwiegermutter, Helga Schmidt.
«Was für eine Überraschung? Markus, was ist los?»
Er parkte und schaltete den Motor aus. Stille, nur unterbrochen vom ruhigen Atmen des Babys.
«Überraschung, Schatz, wir ziehen zu meiner Mutter,» sagte Markus mit einem gezwungenen Lächeln, als hätte er im Lotto gewonnen. «Ich dachte, dir wird es allein mit dem Kind zu schwer. Meine Mutter kann helfen, dich unterstützen. Und finanziell ist es einfacher, solange du in Elternzeit bist.»
Lisa schwieg, versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Die Luft blieb ihr weg. Sie sah ihren Mann an und erkannte ihn nicht wieder. Das war ein Fremder, der gerade ohne mit der Wimper zu zucken ihre Welt zerstört hatte ihre Träume von einem ruhigen Nest für ihre kleine Familie.
«Du du hast das einfach für mich entschieden?» flüsterte sie, während ihre Finger eiskalt wurden. «Ohne mich zu fragen? Du stellst mich einfach vor vollendete Tatsachen, mit einem Neugeborenen auf dem Arm?»
«Lise, es ist doch zu unserem Besten!» Seine Stimme klang jetzt gekränkt. «Ich wollte nur das Beste. Meine Mutter hat uns ihr großes Zimmer gegeben, alles vorbereitet. Du hättest sehen sollen, wie sie sich bemüht hat!»
Die Haustür ging auf, und Helga Schmidt erschien. Strahlend lief sie zum Auto und spähte durchs Fenster.
«Da seid ihr ja, meine Lieben! Ich habe schon gewartet! Markus, hol die Sachen, und du, Lisa, bring den Kleinen mit. Oh, wie süß ist denn unser Paulchen!»
«Unser Paulchen.» Der Satz traf Lisa wie ein Schlag. Jetzt wurde ihr alles klar. Der Namensstreit, der Umzug alles Teile eines gut geplanten Plans, in dem sie, Lisa, nur eine stumme Statistenrolle spielen sollte.
Als sie die Treppe zu Helgas Wohnung hochging, fühlte sie sich wie in einem Albtraum. Der fremde Geruch eine Mischung aus Mottenkugeln, Herzmedikament und etwas Säuerlichem , die fremden Möbel, das gedämpfte Licht. Das «großzügig überlassene» Zimmer war vollgestopft mit altmodischer Polstermöbel. Am Fenster stand ihr Kinderbett, verloren und fehl am Platz.
«So, macht es euch gemütlich!» plapperte Helga. «Ich habe alles sauber gemacht, frische Bettwäsche hingelegt. Der Schrank ist frei, hier, zwei ganze Regalbretter für euch. Den Rest holt Markus morgen.»
«Welchen Rest?» fragte Lisa tonlos.
«Na, die Sachen aus eurer Wohnung. Die vermieten wir doch, jedes bisschen Geld hilft!» verkündete Helga fröhlich, als wäre das selbstverständlich.
Lisa sah Markus an. Er stand mitten im Raum, schuldbewusst von einem Fuß auf den anderen tretend. In seinen Augen las sie eine stumme Bitte: «Halte durch, fang jetzt keinen Streit an.»
Und sie hielt durch. Sie hatte keine Kraft mehr. Nur noch dieses betäubende Gefühl von Verrat und Leere. Schweigend ging sie zum Bettchen, wickelte ihren Sohn aus und begann, ihn zu stillen, während sie die Tränen zurückhielt. Helga setzte sich sofort neben sie.
«Oh, reicht die Milch? Er sieht so blass aus. Vielleicht musst du zufüttern. Meine Nachbarin hat ihren Enkel von Anfang an mit Fläschchen ernährt so ein Prachtkerl ist daraus geworden! Und du musst dich nicht so abrackern.»
«Ich habe genug Milch,» schnitt Lisa ihr das Wort ab.
«Na, du weißt es ja am besten,» gab Helga nicht auf. «Aber du wickelst ihn falsch. Zu fest. Die Beinchen müssen gerade liegen, damit sie nicht krumm werden. Hier, ich zeigs dir.»
Sie griff nach dem Baby, doch Lisa hielt es instinktiv fest.
«Nein, danke. Ich mache das selbst.»
Helga presste die Lippen zusammen, schwieg aber. Abends, als sie allein im Zimmer waren und hinter der Wand der Fernseher dröhnte, ließ Lisa ihren Gefühlen freien Lauf.
«Wie konntest du das tun, Markus? Wie konntest du so mit mir umgehen?» flüsterte sie, damit Helga nichts hörte. «Unsere Wohnung, unsere Pläne einfach über den Haufen werfen?»
«Ich habe sie nicht verkauft, nur vermietet! Vorübergehend!» zischte er zurück. «Lise, nur für ein paar Jahre, bis du wieder arbeitest, bis Michi größer ist. Wir sparen, kaufen eine größere Wohnung. Meine Mutter hat recht, wir brauchen jetzt Hilfe.»
«Ich brauche nicht ihre Hilfe, sondern deine! Ich brauche einen Ehemann, keinen Muttersöhnchen, das bei jedem Problem zu ihr rennt! Und unser Sohn heißt Michael! Ich lasse nicht zu, dass er anders genannt wird!»
«Leise! Sie hört uns!» fauchte Markus. «Was regst du dich so auf? Wenn sie ihn Paulchen nennt, dann soll sie doch. Hauptsache, in den Papieren steht Michael. Was macht das schon für einen Unterschied?»
Lisa hätte schreien können. Er verstand es nicht. Oder wollte es nicht verstehen. Für ihn war es «kein großer Unterschied», für sie die letzte Verteidigungslinie das Einzige, was ihr noch allein gehörte.
Es folgten Tage, die sich alle glichen. Helga war nicht böse, nein. Sie war «hilfsbereit». Sie stand früher auf, um Markus den «richtigen» Brei zu kochen weil Lisa ihn ja nur mit Wasser zubereitete, nicht mit Milch. Sie stürmte ohne zu klopfen um sieben Uhr morgens ins Zimmer: «Wieso schlaft ihr noch? Das Kind muss gefüttert werden!», obwohl der Kleine friedlich schlief. Sie wusch die Windeln nochmal, die Lisa schon mit Babyseife gewaschen hatte, «weil Pulver ja voller Chemie ist».
Jeder Versuch, etwas selbst zu entscheiden, scheiterte an Helgas «Ich weiß es besser».
«Warum hast du ihm eine Mütze auf? Hier drinnen ist es warm, du überhitzt ihn noch!»
«Wieso machst du das Fenster auf? Du erkältest noch den Paul!»
«Nimm ihn nicht ständig auf den Arm, dann gewöhnt er sich dran und du hast nur Ärger!»
Jeder Ratschlag war wie ein Nadelstich. Lisa fühlte, wie man ihr langsam aber sicher das Recht nahm, Mutter zu sein. Sie wurde zur Randfigur im eigenen Leben. Markus, der abends von der Arbeit kam, fand stets dieselbe Idylle vor: seine Mutter, die mit dem Enkel spielte, das Abendessen auf dem Herd, alles sauber. Auf Lisas Beschwerden reagierte er nur genervt.
«Lise, sei nicht so pingelig. Sie meint es doch gut. Sie liebt uns, will nur helfen. Du könntest auch mal Danke sagen.»
Eines Abends badete Lisa ihren Sohn. Sie hatte Kamillentee ins Wasser gegeben, wie die Kinderärztin geraten hatte. Helga betrat das Badezimmer.
«Immer quälst du ihn mit dem Kräuterzeug! Das kann doch Allergien auslösen! Man badet Babys in schwacher Kaliumpermanganat-Lösung, damit der Nabel heilt und keine Keime reinkommen. So hat man das immer gemacht!»
«Der Nabel ist schon verheilt, und die Ärztin hat nichts von Kaliumpermanganat gesagt,» antwortete Lisa müde.
«Ärzte! Was verstehen die schon! Die haben ihre Anweisungen, ich habe Lebenserfahrung!» Helga schob sie beiseite, griff nach dem violetten Pulver und schüttete es ins Wasser. Sofort färbte sich die Flüssigkeit dunkellila.
«Was machen Sie da?!» schrie Lisa. «Das verbrennt doch seine Haut!»
«Quatsch! Ich kenne die richtige Menge!» brummte Helga und rührte mit der Hand um.
In diesem Moment wusste Lisa: Sie hielt es nicht mehr aus. Das war keine Fürsorge. Das war Krieg. Ein Krieg um ihr Kind, ihre Familie, ihr Recht auf ein eigenes Leben.
Schweigend hob sie ihren Sohn aus dem Wasser, wickelte ihn in ein Handtuch und ging ins Zimmer. Ihre Hände zitterten. Als Markus von der Arbeit kam, wartete sie mit einer gepackten Tasche und dem Baby im Arm.
«Wir gehen,» sagte sie leise, aber bestimmt.
Markus starrte sie an, dann die Tasche.
«Wohin? Was fällt dir ein? Mitten in der Nacht?»
«Irgendwohin. Zu meiner Mutter. In eine Mietwohnung. Egal wohin, nur nicht hier.»
Aus der Küche kam Helga.
«Was ist hier los? Lisa, wohin willst du? Zeigst du wieder deinen Dickkopf? Undankbares Ding! Ich tue alles für euch, und du»
«Danke für alles, Helga,» unterbrach Lisa sie und sah ihr direkt in die Augen. «Aber ab jetzt machen wir es allein.»
«Markus, sieh sie dir an!» kreischte Helga. «Sie hetzt dich gegen deine eigene Mutter auf! Du lässt sie so mit mir reden?»
Markus blickte verzweifelt zwischen den beiden hin und her. Er war in der Ecke.
«Lise, lass uns reden. Beruhige dich. Wohin sollen wir? Wir haben kein Geld für eine Mietwohnung.»
«Dann hol das Geld von den Mietern zurück. Es ist unsere Wohnung. Ich bleibe hier keinen Tag länger. Ich lasse nicht zu, dass eine Fremde meinen Sohn erzieht, während mein Mann so tut, als wäre alles in Ordnung. Entscheide dich, Markus. Entweder du hast eine Familie mich und Michi oder du hast deine Mutter.»
Sie sagte es ruhig, ohne zu schreien, und das machte ihre Worte noch eindringlicher. Sie sah, wie in seinen Augen die Angst, sie zu verlieren, gegen die Angst kämpfte, der Mutter zu widersprechen. Es war die längste Minute ihres Lebens.
«Mama, es tut mir leid,» brachte er schließlich hervor, ohne Helga anzusehen. «Lisa hat recht. Wir gehen.»
Helgas Gesicht verzog sich.
«Verräter!» zischte sie. «Ich habe mein Leben für dich geopfert, und du Tauscht die Mutter gegen diese Zicke ein! Na dann verschwindet! Damit ihr mir nicht mehr unter die Augen kommt!»
Sie gingen unter ihren Flüchen. Im Auto weinte Lisa still, ohne Geräusche. Es waren Tränen der Befreiung, nicht des Schmerzes. Markus fuhr schweigend, die Finger verkrampft am Lenkrad.
Sie kamen bei Lisas Mutter, Gisela Weber, an. Die verstand sofort, als sie sie mit der Tasche und dem Baby vor der Tür stehen sah. Keine Fragen, nur eine Umarmung. «Kommt rein, Kinder. Ich mache Tee.»
Die ersten Wochen waren schwer. Markus war niedergeschlagen, fühlte sich schuldig beiden gegenüber seiner Mutter und Lisa. Er versuchte mehrfach, Helga anzurufen, doch sie ging nicht ran. Lisa dagegen blühte auf. Endlich fühlte sie sich sicher, konnte selbst entscheiden, wann sie den Kleinen fütterte, wie sie ihn wickelte. Und Michi, als spürte er die Ruhe seiner Mutter, schlief besser und weinte weniger.
Eines Abends, als der Kleine im Bett lag, setzte Markus sich neben Lisa.
«Es tut mir leid,» sagte er leise. «Ich war ein Idiot. Ich dachte, ich tue das Beste, und hätte beinahe alles kaputt gemacht. Ich hatte Angst Angst, dass ich nicht gut genug bin, euch zu versorgen. Und habe den einfachsten Weg gewählt.»
«Den einfachsten für dich,» korrigierte sie ohne Groll.
«Ja. Für mich,» nickte er. «Ich liebe dich. Und Michi. Und ich lasse nie wieder jemanden zwischen uns kommen. Versprochen.»
Einen Monat später zogen sie zurück in ihre Wohnung. Die Kaution an die Mieter zu zahlen, fast ihre ganzen Ersparnisse zu verlieren es war egal. Als Lisa ihr Zuhause betrat, den vertrauten Geruch einatmete, wusste sie: Sie war wirklich angekommen.
Sie trat ans Bettchen und deckte den schlafenden Kleinen zu.
«Schlaf, Michi,» flüsterte sie. «Jetzt wird alles gut.»
Mit Helga gab es keine Versöhnung. Markus schrieb ihr einen Brief, kurz und sachlich, in dem er bat, sie möge ihren Sohn wenigstens einmal kennenlernen nicht als Paul, sondern als Michi. Sie antwortete nie. Jahre vergingen. Manchmal fragte Michi, warum seine Oma nie zu Besuch kommt. Lisa sah dann zu Markus, und er schüttelte nur stumm den Kopf. Doch wenn der Kleine lachte, hell und frei, wussten sie beide: Sie hatten das Richtige getan.







