30.September
Heute sitze ich am kleinen Küchentisch, die Sonne wirft ein fahles Licht durch das Fenster, und ich fühle mich, als würde ich ein altes Tagebuch wieder aufschlagen, das schon lange vergessen war. Ich schreibe für mich, denn meine Gedanken drehen sich immer noch um die seltsame Begegnung, die fast wie ein Glücksfall begann: ein Flug, zwei nebeneinanderliegende Sitze, das Ziel München.
Er hieß Thomas Berger, ein bildgewandter Naturfotograf, dessen Leben aus Expeditionen und Ausstellungen bestand. Ich war Heike Krause, Architektin, die nicht nur Gebäude, sondern auch ihre Karriere mit penibler Präzision errichtete. Beide waren wir eigenständig, selbstbewusst und trugen die Narben einer gescheiterten Ehe hinter uns ein Erbe, das uns lehrte, unser eigenes Reich zu schätzen.
Die Idee, unser Zusammensein leicht und unverbindlich zu halten, kam wie ein Blitz im dunklen Raum: Warum nicht die Beziehung ohne Alltagspflichten, ohne das ständige Wo warst du? und Warum hast du nicht angerufen? gestalten? Meine Kolleginnen in der Architekturbüro machten leise Wetten darüber, wie lange diese flüchtige Romanze halten würde. Normalerweise zählte man dort Monate.
Thomas war bei den Frauen sehr beliebt: gut aussehend, kreativ, nie langweilig und nicht geizig. Doch seine Kollegen kannten auch die andere Seite des Genies. Er lebte nach dem Rhythmus seiner Inspiration, war im Alltag unberechenbar, trank gern ein Bier nach dem anderen und ließ das Haus in einem Chaos zurück, das selbst den ordentlichsten Berliner nicht mehr entziffern konnte. Wenn er jedoch verkündete, dass er die Eine gefunden habe, atmeten wir alle erleichtert auf. Verliebte Thomas schuf wie ein Besessener, seine Bilder pulsierten vor Leidenschaft und Leben.
Dann traf ich ihn meine eigentliche Muse. Ein Mann, der nichts erwartete außer dem reinen Vergnügen des Zusammenseins. Lass uns es ohne den verfluchten Alltag versuchen, schlug Thomas vor, während wir im Zug nach Dresden saßen. Das Leben ist schon schwer genug. Ich lächelte und stimmte zu. Erstens war ich überzeugt, dass es nur eine kurze Affäre sein würde, zweitens hatte ich nach meiner schmerzhaften Scheidung keinen Wunsch, mich dauerhaft zu binden. Unsere Bedürfnisse passten.
Ich ließ ihn eine Woche in meiner ordentlich eingerichteten Wohnung wohnen, dann verschwand er wieder in sein Studio, das von Kameras, Objektiven und Negativhaufen überquoll. Wir flogen gemeinsam nach Dresden, trennten uns danach für mehrere Wochen und verbrachten drei Tage in einem Wochenendhaus am See, bevor wir wieder drei Wochen auseinander waren.
Ein Jahr später wurde ich auf den kreativen Partys, die Thomas organisierte, zu seiner ständigen Begleitung. Träume werden wahr, sagte ich lachend zu den Freundinnen, während ich einen Martini nippte. Als Kind habe ich Bücher über Polarforscher verschlungen starke, unabhängige Männer, immer unterwegs. Thomas ist für mich ein solcher Polarist: Er verschwindet in den Expeditionen, kehrt aber mit Blumen und funkelnden Augen zurück.
Thomas war glücklich. Heike ist wie ein frischer Luftzug, erzählte er einem Freund bei einem Glas Whisky. Mein Leben ist ein Wirrwarr. Manchmal krieche ich nach Hause und kann kein Wort herausbringen. Manchmal brauche ich jemanden, der mich anhört und mir das Gefühl gibt, ein kleines Kind zu sein. Aber öfter will ich einfach eine Woche in Ruhe. Sie versteht das. Wenn wir zusammenziehen würden, würden wir uns nach einem Jahr an den Haaren ziehen. So bleibe ich aber mit Blumen und einem Lächeln zu ihr, wie bei einem Date.
Er gönnte sich gelegentliche Flirts, kehrte aber stets zu mir zurück. Unsere karmische Verbindung war stärker als ein eintöniger Ehebund, und nach außen wirkte ich stets zufrieden.
Fünf Jahre vergingen. Dann schloss die Galerie, mit der Thomas eng zusammenarbeitete, plötzlich ihre Türen, das Magazin geriet in eine Krise und das einst enge Künstlerkollektiv zerfiel. Jeder zog seine eigenen Wege.
Zwei Jahre später traf ich zufällig in einem Café Lena, eine Bekannte aus alten Zeiten. Wir plauderten, erinnerten uns an die Vergangenheit und sprangen natürlich auf Thomas zu. Ich lächelte bitterlich in meine Tasse Cappuccino:
Ja, wir schaukeln immer noch auf der Schaukel des Lebens. Er taucht auf, verschwindet, kommt zurück. Ehrlich, ich habe die Sache satt. Sobald ich andeute, dass es Zeit wäre, sesshaft zu werden, schaut er mich mit den Augen eines eingesperrten Tiers an und fragt: Ist es nicht gut so? Und er ist eifersüchtig auf seinen eigenen Schatten, weil er Angst hat, mich zu verlieren.
Und du? fragte Lena.
Ich will zusammenleben, ein Kind, aber ich bin nicht allein, also beginne ich nichts Ernstes.
Also liebst du ihn? hauchte Lena vorsichtig.
Vielleicht. Oder es ist nur Gewohnheit, ein hartnäckiger Hoffnungsfall, dass er sich noch einmal ändert, der richtige für mich wird.
Heike, solche Menschen ändern sich nicht.
Meine Mutter sagt das auch. Warum halte ich an jemandem fest, der nicht weiß, was er will? Ist das Liebe?
Du weißt es am besten, zuckte Lena die Schultern. Ich habe nie an ‘Freie Beziehungen’ geglaubt, aber Freiheit heißt Freiheit, sagt man. Das Leben ist kurz, die Jahre lassen sich nicht zurückdrehen.
Einige Monate später suchte ich endlich den Mut, zu einer Therapeutin zu gehen. Ich sprach über meine Angst vor Einsamkeit, über ausgebrannte Beziehungen und unerfüllte Hoffnungen. Nach einer Sitzung kehrte ich nach Hause zurück, kochte Tee und setzte mich an die Küchenzeile, blickte aus dem Fenster. Mein Blick fiel auf einen alten Bilderrahmen ein Geschenk von Thomas. Darin war unser gemeinsames Foto, wir lachten, umarmten uns im Sonnenuntergang. Ich nahm den Rahmen, wollte den Staub abwischen, ließ ihn jedoch fallen. Das Glas zersprang, und auf der Rückseite zeigte sich ein kleiner Umschlag.
Zitternd öffnete ich ihn. Darin war ein Foto, kein gestelltes Bild, sondern ich, schlafend, eingehüllt in eine Decke, die Lampe leuchtete über meinen Bauplänen. Thomas hatte mich fotografiert, während ich nichts bemerkte. Auf der Rückseite stand in seiner Handschrift: Der einzige Ort, an dem das Chaos in mir verstummt. Es tut mir leid, dass ich nie den Mut hatte, es laut zu sagen. Ich war immer dein. Ich hatte nur Angst, es zu gestehen.
Eine Woche später klingelte es an der Tür, Thomas stand mit einem Strauß Pfingstrosen vor mir. Statt eines Lächelns reichte ich ihm das alte Foto. Er sah erst das Bild, dann mich an, und in seinen Augen, wo sonst das spielerische Leuchten war, lag eine müde, lange aufgestaute Müdigkeit.
Es scheint, sagte er leise, dass unsere Expeditionen enden. Es ist Zeit nach Hause zu kommen. Und dieses Mal trat er nicht mehr als Gast ein, sondern als jemand, der endlich bleiben wollte.







