Klara Müller stand mitten in ihrer kleinen Küche, das Telefon in zittrigen Händen fest umklammert. Durch das schwache Rauschen hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die immer wieder Vorwürfe und Schuldzuweisungen wiederholte. In Klara brodelten Wut, Schmerz und Enttäuschung ihr ganzer Körper war angespannt, das Herz hämmerte wie ein wildes Trommelschlagzeug, ihre Gedanken flogen durcheinander wie verängstigte Möwen.
Seit drei langen Monaten wohnte die ganze Familie bei ihr. Sie hatte das Wohnzimmer in ein provisorisches Lager verwandelt. Ständiges Gedränge, Lärm, Kinder, die hin und her rasten, überall verstreute Klamotten. Klara versuchte, Ordnung zu halten, doch jeden Tag schien es, als wolle sie Wasser durch ein löchriges Fass gießen.
Als ihre Eltern baten, dauerhaft bei ihr zu bleiben, fühlte sich Klara verraten. Dieses Haus war ihr einziges Eigentum, ein Geschenk ihrer geliebten Großmutter Hildegard, die in der Kreisstadt Regensburg lebte und sie oft zu sich holte, besonders nachdem ihre Mutter erneut geheiratet und zwei weitere Kinder bekommen hatte.
Nach Hildebergs Tod hinterließ sie Klara die einzige Eigentumswohnung ein Erbstück für die einzige Enkelin.
Wir haben dich großgezogen! schrie ihre Mutter durch den Hörer. In Klara brodelte ein inneres Aufbäumen: Ihr habt mich erzogen? Erinnerte sich an endlose Stunden des Putzens, die Hausaufgabenhilfe, die Pflege ihres Bruders Felix und ihrer Schwester Lotta, während die Erwachsenen ihren eigenen Beschäftigungen nachgingen. Ihr eigenes Jugendleben verging zwischen Schulbüchern, Wäsche, Kochen und Arbeit. Früh lernte sie den Preis von Eigenverantwortung. Dieses Verständnis ermöglichte ihr ein Studium, einen guten Job und die Möglichkeit, anderen zu helfen doch niemand schätzte das.
Ihr Blick fiel auf ein Foto, das an den Kühlschrank gelehnt war. Dort lächelte die alte Hildegard, hielt die kleine Klara an der Hand. Das Bild schenkte ihr Wärme und Ruhe. Hildegard hatte immer an sie geglaubt, sie gestärkt und gelehrt, Schwierigkeiten zu meistern. Gerade dieser Glaube half Klara, im Chaos der Vorwürfe einen klaren Kopf zu bewahren.
Sie legte das Telefon auf den Tisch und atmete tief durch. Erst ruhig, dann entschlossen. Sie hatte schon viele Prüfungen überstanden; das würde auch diese nicht brechen. Sie erinnerte sich an die harten Anstrengungen für ihren Traum, ihr eigenes Leben aufzubauen. Jetzt wollte jemand ihre Errungenschaften zerstören.
Nach ein paar Minuten sammelte sie ihre Kraft und wählte erneut die Nummer ihrer Mutter. Ihre Stimme klang fest und sicher:
Mama, ich verstehe eure Not, ich fühle mit euch. Aber meine Wohnung ist mein einziger Rückzugsort, mein persönlicher Raum. Ihr habt doch eure eigene Wohnung in eurem Heimatort, auch wenn sie auf die Namen eurer Eltern läuft. Ihr könnt das selbst regeln. Wir können über finanzielle Unterstützung reden, aber ein dauerhaftes Zusammenleben ist ausgeschlossen.
Der Ton ihrer Mutter zitterte, ein verärgertes Murmeln folgte, doch Klara hielt an ihrer Position fest, bewahrte Ruhe und Überzeugung. Nach einer halben Stunde war das Gespräch beendet. Die Eltern erkannten, dass Klara entschlossen war, ihre Grenzen zu schützen.
Anna Wagner sank erschöpft auf das Sofa, deckte die Augen mit der Hand. Ihr Kopf summte vor Gedanken, das Herz pochte schmerzhaft und bitter zugleich. Vor kurzem war die Operation ihres jüngsten Sohnes zu Ende, er erholte sich kaum nach dem gravierenden Eingriff. Monate lang war die Familie von schmerzlichen Sorgen und Ungewissheit geplagt Anna hatte längst gelernt, nur auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen, Entscheidungen selbst zu treffen und die Probleme der Familie allein zu tragen.
Man sagte immer, das älteste Kind sei die verlässlichste Stütze. Das war einst wahr. Seit ihrer Kindheit zeigte Klara Verantwortung, Reife und den Wunsch, ihren Lieben zu helfen. Nach dem Tod ihres Mannes, der die Familie für eine zweifelhafte Freiheit verlassen hatte, wurde sie zum Schutzengel, zur tragenden Säule der übrigen Kinder. Anna hoffte innig, dass Klara die Komplexität der Lage nachvollziehen würde, denn das krankhafte Kind brauchte ständige Pflege, Therapie und Rehabilitation. In Regensburg gab es mehr Möglichkeiten zur Behandlung.
Doch das gestrige Gespräch zerschlug jede Hoffnung. Es war hart, kalt und gleichgültig. Die Tochter lehnte ab, schloss jede Kompromissmöglichkeit. Wie Türen, die plötzlich zuschlagen, blieb Anna Wagner außen vor, allein und verlassen. Ihre Argumente prallten an einer dicken Wand des Unverständnisses ab. Warum war Klara so gefühllos geworden?
Der heutige Vorfall zeigte unverkennbar: Die Tochter hatte sich zu einer fremden, abgeschotteten Person in ihrer eigenen kleinen Welt verwandelt.
Warum sollte sie nicht ihr Glück teilen, indem sie ihren Verwandten hilft? Wäre es nicht möglich, ein Stück des eigenen Komforts für Liebe, Fürsorge und gegenseitige Unterstützung zu opfern? Wie kann sie sich noch als Familienmitglied sehen, wenn sie die Liebsten im größten Bedarf im Stich lässt?
Annas Gedanken wurden von ihrer jüngsten Tochter unterbrochen, die weinend um ihren Bruder klagte. Anna schloss die Augen, lauschte still dem Strom aus Tränen und mitleidigen Worten, drehte im Kopf unzählige mögliche Szenarien. Dann sprach sie leise:
Mein Schatz, weine nicht. Unser Schicksal ist manchmal ungerecht, doch wir müssen Prüfungen bestehen, Hindernisse überwinden, Geduld und Standhaftigkeit lernen. Gott gibt uns nie mehr Last, als wir tragen können wir werden auch das schaffen. Wir müssen einander vertrauen und unterstützen. Auch wenn Klara jetzt zurücktritt, finden wir einen Weg, alles zu tun, was nötig ist, um deinem Bruder zu helfen, damit er wieder ein normales Leben führen kann.
Mit einem tiefen Seufzer stand Anna vom Sofa auf, blickte auf die gerahmten Bilder ihres Sohnes und der Töchter, die an der Wohnzimmerwand hingen. Ihre Gesichter strahlten Freude, Liebe und Verbundenheit. Ihr Herz pochte schneller, erfüllt von Wärme und Zärtlichkeit.







