Die Dummschwätzerin

DIE TÖRIN.

Karin war die Tochter der Nachbarin von unten und eine wahre Plage für den fünfzehnjährigen Stefan. Die hagere, schwarzäugige Kleine wurde oft abends zu ihnen gebracht.

Tante Gisela zog ihre Tochter allein groß: Sie kämpfte um jeden Cent, arbeitete als Pflegehelferin in Schichten, lief zu Rentnern für Spritzen und griff nach jeder Gelegenheit, Geld zu verdienen. Sie versuchte auch, ihr Liebesleben zu ordnen alles vergeblich. Da war ein anständiger Typ gewesen, doch der war verheiratet.

Die Nachbarin tauchte immer unvermittelt auf der Schwelle auf, wand den Blick ab und flüsterte hastig: Veronika, nur für ein paar Stündchen, ich schulde dir was, es ist schon so spät, wie soll sie allein bleiben? Karin stand daneben, trotzig, mit gesenktem Kopf.

Mama seufzte, willigte aber ein, das Mädchen zu sich zu nehmen, damit es nicht in der dunklen, leeren Wohnung hockte. Papa schimpfte später natürlich.

Stefan musste für Mamas Güte büßen, denn zu ihm wurde der ungebetene Gast geschickt, um irgendwelche Zeichentrickfilme zu schauen. Karin drückte sich in die Sofaecke, starrte gehorsam nicht gerade harmlose Actionstreifen an, schwieg und hielt die Hände auf den Knien, was ihn noch wütender machte.

Einmal pro Woche drückte Tante Gisela ihm zerknüllte zehn Euro in die Hand und bat ihn, die frisch gebackene Erstklässlerin wenigstens bis zur Ecke zu bringen sie gingen eh in dieselbe Schule.

An jenem Tag strahlte Karin wie ein polierter Samowar und brachte sogar ein paar Worte heraus: Heute sei bei ihnen Feiertag, und sie würde das Gedicht Schneeflöckchen vortragen. Stefan grinste: In der unförmigen Sturmmütze glich die Törin eher einem Mikroben-Astronauten.

Nach der ersten Stunde strömten die Schüler in die Kantine zum Frühstück. Stefan wollte wie immer sein Käsebrot holen. Doch dann drehte er sich um ausgerechnet jetzt.

Die Kleinen in ihrer Ecke waren ungewöhnlich aufgeregt. Eine Gruppe umringte Karin im hübschen Kleid. Einige lachten, zeigten mit dem Finger, andere reichten ihr ein Taschentuch. Stefan trat näher. Schlimmer ging nicht das ganze Festgewand war mit Fruchtjoghurt verschmiert.

Vor Schreck war das Mädchen wie erstarrt. Sie weinte lautlos.

Plötzlich riss ihn der aufgeregte Tim aus seinen Gedanken:

Stefan, komm! Lena wartet, sie will was wegen der Party besprechen! Die Stimme klang, als käme sie von weit weg. Los, sie hat extra nach dir gefragt! Später ist es zu spät!

Lena Einfach mit ihr reden der Traum eines jeden Jungen. Und jetzt wollte sie ihn sogar einladen, schien es. Er machte einen Schritt Richtung Tür. Schlussendlich war es nicht sein Problem. Sollten sie Tante Gisela anrufen, das Kleid säubern, was auch immer.

Tief in sich wusste Stefan: Niemand würde sich um Karin kümmern. Man würde sie in eine Ecke abschieben, und das wars. Und sie würde sich wieder zusammenkauern unsichtbar, unhörbar, längst daran gewöhnt.

Er seufzte genauso wie Mama und ging zum Tisch.

Frau Bauer, wann ist die Feier?

Ach, Stefan, in anderthalb Stunden. Schau nur, ich habe ihr den Text gegeben, mich auf sie verlassen, und jetzt das Wie soll sie so auftreten?

Karin zitterte am ganzen Leib. Sie stand da, verschmiert und blass, als wäre ihr übel. Stefan riss ihr mit Mühe den leeren Becher aus der Hand.

Ich bringe sie nach Hause, vielleicht kann sie sich umziehen.

Stefan, ich wäre dir ewig dankbar. Geht schnell, ich kläre das mit Frau Schmidt.

Es stellte sich heraus: Ein zweites Festkleid gab es nicht. Stefan fluchte alles zusammen, was er kannte: wusch die fettigen Flecken aus, föhnte das Kleid trocken, bügelte die rosafarbenen Falten glatt. Die dürre Karin, nur im T-Shirt und Strumpfhose, huschte nervös um ihn herum. Zurück hetzten sie im Laufschritt, seine Hand umklammerte fest ihre kleine in der dicken Fausthandschuh.

Mit Lena redete er an dem Tag nicht mehr, und den Unterricht schwänzte er gleich ganz er ging zu der Aufführung der Erstklässler.

Karin plapperte ihr Gedicht flink herunter. Doch als ihre Klasse an ihm vorbeizog, tauchte sie plötzlich aus der Reihe auf, stürzte auf ihn zu, drückte sich an ihn und platzte heraus:

Stefan, ohne dich wäre ich heute gestorben Für immer. Er spürte, wie ihre kleinen Hände zitterten, und sagte nichts, nickte nur. Später, auf dem Heimweg, kaufte er ihr eine Tüte Gummibärchen, ohne ein Wort zu sagen. Karin aß eins, dann lächelte sie zaghaft, als könnte sie es noch nicht richtig. Und Stefan dachte, dass manchmal das Schwerste am Leben nicht die großen Entscheidungen war, sondern die winzigen Momente dazwischen.

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