Die Siedlung der betrogenen Omas

Liebes Tagebuch,

heute erschien ein neuer Besucher im Dorf, und ich musste sofort die Augenbrauen heben, als ich die Gestalt sah, die sich langsam den Hauptweg entlangschlängelte. Endlich ist wieder jemand aus unserem Stamm!, nickte die resolute Frau Helene Braun, die immer wieder von frischer Luft und eigenem Besitz schwärmte.

Du bist aber wieder sehr herrisch, Frau Braun, schüttelte die streng wirkende Frau Ursula Meyer.

Herrisch?, schnurrte Helene. Nur freundlich! Und wenn ich die Akrobaten erreiche, dann lassen mich keine Anstandsregeln mehr zurückhalten!

Sollten wir es schaffen, wird uns nichts mehr bremsen!, grummelte die mürrische Anna Eichhorn.

Die Menge wartete schweigend auf das Herannahen der Neuankömmling.

Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo das Haus Nummer siebzehn ist?, fragte die zögerliche Dame.

Das ist nicht wichtig, antwortete Helene. Wir sammeln uns alle im achten Haufen. Nimm besser gleich deinen Wagen voller Schätze mit!

Entschuldigung, ich habe mein eigenes Haus, sagte die Dame.

Hier sind wir alle Hausbesitzer, knurrte Eichhorn. Setz dich, wir lernen uns kennen!

Ich bin Gisela Krämer, stellte sich die Neue vor, doch ich bräuchte erst etwas Ruhe. Ich bin müde von der Anreise.

Dann setz dich zu uns, du wirst dich erholen, erwiderte Meyer.

Ich würde lieber nach Hause, um mich für den Abend vorzubereiten, lächelte Gisela.

Hast du Geld in bar?, fragte Helene.

Warum?, staunte Gisela verwirrt. Ich habe meine ECKarte!

Hier gibt es an jeder Ecke Geldautomaten, knurrte Helene, während sie einen Platz auf der hölzernen Bank freimachte. Setz dich, wir sind inzwischen zu alt, um noch lange zu laufen!

Ich möchte nur nach Hause, flüsterte Gisela verlegen.

Setz dich!, rief Meyer und hustete. Wir haben hier keine richtigen Häuser mehr nur provisorische Kisten ohne Strom, Wasser und Heizung.

Jetzt, wo wir nicht mehr aus der Kälte ersticken wollen, leben wir alle zusammen unter einem Dach, wärmen uns gegenseitig. Der Winter naht, wir müssen zusammenhalten.

Ältere Menschen, besonders jene, die allein wohnen, sind immer das beliebteste Ziel für Betrüger. Sie haben ihr Leben erlebt, Erfahrung gesammelt, doch genau das macht sie anfällig für falsche Versprechen, Geldverlust und sogar Verlust von Wohnung und Würde. Besonders schmerzlich ist es, wenn die Opfer nicht nur alt, sondern auch allein sind dann bleibt ihnen kaum ein Fluchtweg, das Leben selbst wird zur Qual.

Als die Wohltätigkeitsorganisation jüngerer Leute zu Gisela kam, sprang sie nicht sofort auf jedes Angebot ein. Sie nahm das Lebensmittelpaket dankbar an, lehnte jedoch eine Pflegekraft und eine Krankenschwester vehement ab.

Ich kann mich selbst versorgen und noch zum Arzt gehen!

Auch die Renovierungsarbeiten in ihrer Wohnung lehnte sie ab.

Vor drei Jahren haben Nachbarn meine Möbel aufgepeppt das reicht mir völlig!

Ein Vorschlag, ihre Rente zu einem privaten Kreditinstitut zu transferieren, um angeblich monatliche Auszahlungen zu erhöhen, ließ sie nachdenken. Sie wollte mehr, aber die Broschüren waren wirr, und die Erklärungen der jungen Helfer verwirrten sie nur noch mehr.

Ich überlege es mir, sagte sie.

Erstaunlich war, dass die jungen Leute nicht drängten, sondern nur vorschlugen. Auf ein Nein reagierten sie nicht wütend, sondern lächelten weiter und boten weitere Möglichkeiten an, das Leben der Rentnerin zu erleichtern. Für die Lebensmittel verlangten sie nie Geld, obwohl Gisela das anbieten wollte.

Wirklich? Wir sind doch eine Hilfsorganisation, wir nehmen kein Geld!, lachten sie.

Die beiden jungen Helfer, Waldemar und Egon, kamen jede Woche zu Gisela. Manchmal beide zusammen, manchmal allein, brachten sie Lebensmittel und schlugen verschiedene Freizeitangebote und Begleitungen vor. Auch wenn Gisela alles ablehnte, klang ihr stets das Angebot nach einer Hintertür.

Was, wenn du doch irgendwann etwas brauchst? Dann scheust du dich nicht, uns zu fragen, oder?, fragte Egon.

Gisela freute sich über die Besuche. Sie lebte allein, ihr Mann war vor zwanzig Jahren verstorben, Kinder und Verwandte hatte sie nie, und die Gesellschaft der jungen Leute war ihr Lichtblick.

Eines Tages kamen Waldemar und Egon besonders begeistert.

Gisela, du lehnst immer alles ab, aber wir haben jetzt einen Sponsor, der ein neues Wohnprojekt am Stadtrand finanzieren will! Es sind keine riesigen Schlösser, sondern gemütliche Bungalows mit drei Zimmern, Küche, Bad und kleiner Veranda ideal für eine Person.

Ein Haus? Genau das, was wir brauchen!, rief Gisela erstaunt.

Doch der Sponsor wolle nicht alles verschenken. Er verlangte im Gegenzug den Verkauf ihrer Eigentumswohnung für drei Millionen Euro, während er ihr für den Bungalow nur einen Euro berechnen wolle. Nach Abzug der Kosten bliebe Gisela also immer noch über zwei Millionen Euro übrig, die sie nach Belieben nutzen könnte.

Gisela wollte kurz nachdenken, doch die Zeit drängte.

Das Dorf ist nicht unendlich groß, das Angebot ist einmalig! Wir wollen, dass unsere Bewohner endlich ein eigenständiges Heim haben!, betonte Waldemar.

Sie stimmte zu, die Unterlagen zu prüfen. Waldemar holte sofort Prospekte und Fotos der Bungalows, die er in seinem Auto lagern hatte. Die Aufnahmen zeigten solide Holzhäuser mit modernen Kunststofffenstern nicht die riesigen Paläste, die sie sich nie vorgestellt hatten, aber genau das Richtige für sie.

Während des Gesprächs erklärte Waldemar, dass ein Notar kommen würde, um einen Generalvollmacht für den Verkauf der Wohnung zu erstellen. Das Wohltätigkeitsbüro würde das Geld von drei Millionen Euro auf Giselas Konto überweisen, während gleichzeitig von ihrem Konto ein Euro an den Sponsor abgebucht würde. Der Rest bliebe ihr, und sie wäre sofort Hausbesitzerin.

Und meine Sachen?, fragte Gisela.

Packen Sie das Nötigste für die ersten Tage ein, den Rest transportieren wir, sobald ein LKW verfügbar ist, sagte Egon.

Am nächsten Tag brachte Waldemar Gisela mit seinem Kleinwagen zum Beginn des Neubaugebiets. Die Straße war holprig, aber das Ziel war in Sicht. Gisela ging ein Stück zu Fuß, um die Nachbarn kennenzulernen, und die Begegnungen offenbarten ein ganz anderes Bild.

***

Alles ist rechtlich einwandfrei, murmelte Helene, während sie die Bungalows begutachtete. Die Wände bestanden jedoch aus dünnen Sperrholzplatten, lediglich außen mit Holzoptik tapeziert. Strom und Wasser würden erst im nächsten Frühling kommen, das Heizen sollte über elektrische Geräte laufen.

Gisela fühlte sich mutlos.

Wir sind jetzt sechzehn Hausbesitzer, du bist die siebzehnte, fuhr Helene fort, doch wir wissen nicht, wie wir weiterleben sollen. Die Renten kommen auf unsere Konten, aber wir können sie nur im Dorf ausgeben, wenn der Bezahlterminal funktioniert und das ist eine Frage des Willens des Betreibers.

Was sollen wir tun?, fragte Gisela naiv.

Langsam und bescheiden weiterziehen, sagte Eichhorn. Wenn der Winter kommt, wird es bitter, und wir bleiben hier stecken!

Wir müssen doch Beschwerde einlegen!, protestierte Gisela. Das ist Betrug!

Klug, klug, schnaufte Eichhorn. Wir haben bereits Anträge gestellt, alles wurde geprüft, alles ist legal!

Die Nachbarn hatten keinerlei Verwandte, kein Ausweg. Das einzige blieb das Weiterziehen doch Gisela weigerte sich, weil sie dachte, jemand mit noch größerem Unglück könne ihr helfen.

Sie wandte sich an Barbara Illy, deren Zwillinge Kolja und Toma in ihrer Kindheit gerne Cossacks und Räuber spielten. Kolja wurde Polizist, Toma ein Haluntermann. Beide liebten ihre Mutter noch immer.

Wir haben alles sauber!, riefen Waldemar und Egon im Polizeifahrzeug, ihr habt kein Recht!

Kolja, leicht irritiert, erwiderte: Was? Die Täter haben unser Dienstfahrzeug gestohlen!

Toma grinste schief: Ihr habt die Alten überfahren, sie können nicht einmal ihr Wechselgeld geben! Das ist eine Schande!

Doch Waldemar verteidigte: Wir handeln nach Gesetz!

Die Woche verging, und die Senioren kehrten in ihre Wohnungen zurück, manche ohne Möbel, aber zusammen bewältigten sie die Not. Das Dorf wurde zu einer Gemeinschaft, die trotz aller Absurditäten nicht mehr alleine war.

Am Ende des Tages erkenne ich, wie leicht wir ältere Menschen übersehen, wenn wir uns zu sehr auf Bürokratie und leere Versprechen verlassen. Der wahre Wert liegt im Miteinander, im ehrlichen Austausch und im respektvollen Umgang.

Meine Lektion: Nur wer den Menschen hinter den Zahlen sieht, kann wahre Hilfe leisten.

Karl.

Оцените статью
Die Siedlung der betrogenen Omas
Der Dritte im Bunde: Die Suche nach dem perfekten Platz