**Tagebucheintrag**
Du gehörst nicht zu uns, sagte die Schwiegermutter und schob das Fleisch vom Teller meiner Frau zurück in den Topf.
Maria stand erstarrt am Herd, den Teller noch in der Hand. Darauf blieb nur noch die Soße vom Gulasch übrig, das Helga gerade gekocht hatte. Stück für Stück verschwand das Fleisch zurück im Topf, als würde sie jedes einzelne zählen.
Entschuldigung?, fragte Maria unglaubig.
Was ist daran unklar?, Helga wischte sich die Hände an der Schürze ab. Wir haben dich nie als Familie angenommen. Du hast dich uns aufgedrängt.
Es wurde so still in der Küche, dass man nur das leise Blubbern der Suppe hörte. Maria stellte den Teller ab und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Hände zitterten.
Helga, ich verstehe das nicht. Lukas und ich sind seit fünf Jahren verheiratet! Wir haben eine Tochter!
Und?, unterbrach die Schwiegermutter. Lena ist unser Fleisch und Blut, das stimmt. Aber du bleibst eine Fremde.
Die Küchentür ging auf, und Lukas kam herein. Seine Haare waren zerzaust, das Hemd aufgeknöpft er hatte wohl nach der Arbeit auf dem Sofa geschlafen.
Was ist hier los?, fragte er und blickte zwischen seiner Frau und seiner Mutter hin und her. Warum schreit ihr?
Wir schreien nicht, erwiderte Helga ruhig. Wir reden nur. Ich erkläre deiner Frau, wie man sich in unserem Haus zu verhalten hat.
Lukas runzelte die Stirn und sah Maria an. Sie stand bleich da, die Lippen zusammengepresst.
Mutter, was hast du gesagt?
Die Wahrheit. Dass Fleisch nicht für alle ist. Die Familie ist groß, die Portionen klein.
Maria spürte, wie ihr ein Kloß im Hals stecken blieb. Da war es also. Fünf Jahre hatte sie geglaubt, sie gehöre dazu. Fünf Jahre hatte sie versucht, es Helga recht zu machen, ihre Sticheleien ertragen, gehofft, es würde mit der Zeit besser werden.
Lukas, ich fahre zu meiner Mutter, sagte sie leise.
Noch ein Zuhause?, empörte sich Helga. Dein Zuhause ist jetzt hier! Glaubst du, du kannst kommen und gehen, wie es dir passt?
Mutter, hör auf, Lukas trat zu Maria. Was ist passiert?
Maria schwieg. Wie sollte sie ihm erklären, dass seine Mutter ihr gerade klargemacht hatte, dass sie hier nichts zählte? Dass selbst ein Teller Gulasch zu viel für sie war?
Ich hole Lena, sagte sie statt einer Antwort. Dann nehme ich sie fürs Wochenende mit zu meiner Mutter.
Wozu das?, zischte Helga. Die Oma ist doch hier! Wozu das Kind irgendwo hinzerren?
Die Oma findet, dass ihre Mutter keine Familie ist, erwiderte Maria leise. Vielleicht findet die Enkelin woanders einen besseren Platz.
Sie drehte sich um und verließ die Küche. Lukas packte sie am Arm.
Maria, warte! Erklär mir vernünftig, was los ist.
Sie sah ihn an. Sein Blick war verständnislos, während Helga am Herd stand und so tat, als rühre sie die Suppe um.
Frag deine Mutter, sagte Maria. Sie wird es dir besser erklären.
Im Kinderzimmer spielte die dreijährige Lena mit ihren Puppen. Als sie ihre Mutter sah, lief sie freudestrahlend auf sie zu.
Mama! Schau, ich füttere meine Puppe!
Sehr gut, Schatz, Maria kniete sich hin und umarmte sie. Hast du Hunger?
Ja! Oma hat gesagt, es gibt heute Gulasch!
Es gibt Gulasch, Liebling. Aber wir essen heute bei Oma Petra.
Bei deiner Mama?, rief Lena begeistert. Super! Kommt Papa mit?
Nein, Papa bleibt hier.
Maria packte Lenas Sachen zusammen Kleider, Socken, Spielzeug, alles, was sie für ein paar Tage brauchen würde. Als sie gerade die Tasche füllte, kam Lukas herein.
Maria, was soll der Kindergarten? Wegen so einer Lappalie wegzufahren.
Kindergarten?, Maria richtete sich auf. Deine Mutter hat mir gesagt, ich gehöre nicht zur Familie! Sie hat mir das Essen weggenommen! Ist das eine Lappalie?
Ach, Mutter sagt vieles! Du kennst sie doch, sie ist hitzköpfig. Morgen hat sie es vergessen.
Aber ich vergesse es nicht, Lukas! Das ist nicht das erste Mal.
Ach, hör auf! Mutter ist nur müde. Probleme auf der Arbeit, da ist sie gereizt.
Maria lachte bitter.
Müde. Fünf Jahre lang müde?! Und ich bin immer der Blitzableiter.
Dann ignoriere es doch!
Ignorieren, dass ich in meinem eigenen Haus als Fremde behandelt werde? Lukas, hörst du dir eigentlich selbst zu?
Er lief unruhig im Zimmer auf und ab, rieb sich den Nacken eine Geste, die sie kannte. Immer wenn er nicht weiterwusste.
Maria, wo willst du denn hin? Wir sind eine Familie. Wir haben ein Kind.
Genau deshalb gehe ich. Ich will nicht, dass Lena hört, wie ihre Mutter gedemütigt wird!
Wer demütigt dich? Mutter hat ihre Meinung gesagt.
Ihre Meinung? Maria hielt inne. Lukas, sie hat mir das Essen weggenommen! Mich eine Fremde genannt! Ist das eine Meinung?
Na ja vielleicht war sie schroff. Aber du weißt doch, Mutter hat unser allein großgezogen. Vater ist früh gestorben, sie hat mich und meinen Bruder durchgebracht. Sie ist es gewohnt, alles zu kontrollieren.
Und ich soll ihr Leben lang ihren Kontrollzwang ertragen?
Lukas setzte sich aufs Bett und nahm ihre Hände.
Maria, lass uns nicht streiten. Ich rede mit Mutter, erkläre es ihr.
Was erklärst du? Dass ich auch ein Mensch bin? Dass ich Gefühle habe?
Ja. Ich sage ihr, sie soll nicht so grob sein.
Maria schüttelte den Kopf.
Lukas, es geht nicht um Grobheit. Es geht darum, dass deine Mutter mich nicht akzeptiert! Und du weißt es.
Sie braucht nur Zeit
Fünf Jahre sind nicht genug?! Wie lange soll ich noch warten?
Aus der Küche rief Helga:
Lukas! Komm essen! Es wird kalt!
Er stand auf.
Komm, lass uns zu Abend essen. Danach reden wir.
Nein, danke. Mein Appetit ist weg.
Lukas blieb einen Moment stehen, dann ging er. Maria hörte, wie er in der Küche mit seiner Mutter sprach, aber die Worte waren undeutlich. Die Stimmen wurden lauter, dann wieder leiser.
Sie griff zum Telefon und rief ihre Mutter an.
Mama? Ich bins. Können wir für ein paar Tage zu dir kommen?
Natürlich, Schatz. Was ist passiert?
Ich erzähls dir später. Wir kommen gleich.
Gut. Ich habe Rindfleischsuppe gekocht, reicht für alle.
Maria musste lächeln. Mama sagte immer reicht für alle. Sie zählte nie die Stücke, teilte keine Portionen auf.
Lena freute sich auf die Fahrt zur anderen Oma. Sie plapperte im Bus von ihren Puppen und Plänen für morgen.
Mama, warum kommt Papa nicht mit?, fragte sie, als sie vor dem Haus standen.
Papa muss arbeiten, Schatz. Er kommt später.
Petra empfing sie mit offenen Armen.
Wie ich euch vermisst habe!, rief sie und hob Lena hoch. Meine Enkelin! Wie du gewachsen bist!
Oma, hast du neue Geschichten?
Natürlich! Nach dem Essen lesen wir.
Beim Essen füllte Petra große Teller, murmelnd:
Esst, esst reichlich. Maria, du bist so dünn geworden. Wirst du nicht satt?
Doch, Mama. Nur kein Appetit.
Jetzt aber. Daheim schmeckts doch am besten.
Daheim. Maria sah sich um die gemütliche Küche mit den karierten Vorhängen, der alte Schrank mit Porzellan, die Fotos an den Wand. Hier nannte sie niemand eine Fremde.
Später, als Lena schlief, tranken sie Tee in der Küche.
Erzähl, sagte Petra.
Maria berichtete von dem Streit, dem Fleisch, Helgas Worten. Petra hörte schweigend zu.
Und wie hat Lukas reagiert?
Wie immer. Sagte, Mutter sei müde, ich solle es ignorieren.
Verstehe. Petra rührte in ihrem Tee. Und was fühlst du?
Ich bin müde, Mama. Sehr müde. Fünf Jahre habe ich mich bemüht, aber sie akzeptiert mich nicht. Immer findet sie was auszusetzen.
Zum Beispiel?
Maria seufzte.
Ich koche falsch, putze falsch, erziehe Lena falsch. Als sie letzten Monat krank war, sagte sie mir ins Gesicht, ich sei eine schlechte Mutter.
Und Lukas?
Lukas schweigt. Oder sagt, Mutter sorgt sich nur um Lena.
Petra stellte die Tasse ab.
Schatz, bist du glücklich in dieser Ehe?
Die Frage traf Maria unvorbereitet. Lange schwieg sie.
Ich weiß nicht. Früher war ich es. Jetzt fühle ich mich wie eine Fremde in der eigenen Familie.
Warum hast du nie etwas gesagt?
Ich dachte, es würde von allein besser werden. Dass Helga sich an mich gewöhnt.
Offenbar nicht.
Draußen begann es zu regnen.
Mama als du Papa heiratetest, wie war das mit deiner Schwiegermutter?
Petra lächelte.
Deine Oma Hilde? Sie nannte mich von Anfang an Tochter. Sagte immer: Jetzt habe ich zwei Töchter. Und behandelte mich besser als ihre eigene Tochter Gisela.
Warum, glaubst du?
Weil sie sah, dass ich ihren Sohn liebte. Und er mich. Wo Liebe ist, ist Platz für alle.
Maria dachte nach. Liebte Lukas sie wirklich? Oder war es nur Gewohnheit?
Das Telefon klingelte.
Maria, wo bist du?, Lukas klang besorgt.
Bei meiner Mutter. Ich habe es dir gesagt.
Wann kommt ihr zurück?
Ich weiß nicht. Vielleicht Sonntag.
Wie meinst du das? Morgen musst du arbeiten!
Ich habe mich krank gemeldet.
Pause.
Maria, hör auf zu trotzen. Komm nach Hause. Wir reden vernünftig.
Worüber, Lukas? Dass deine Mutter mich nicht als Mensch sieht?
Ach, hör auf! Mutter ist halt so. Sie braucht Zeit.
Fünf Jahre sind nicht genug?
Maria, mach es nicht kompliziert. Wir sind eine Familie.
Du hast eine Familie. Ich anscheinend gar keine.
Sie legte auf. Petra reichte ihr ein Taschentuch.
Wein, Kind. Es wird leichter.
Aber es kamen keine Tränen. Nur Leere. Und seltsame Erleichterung.
Am nächsten Morgen ging Petra einkaufen. Maria spielte mit Lena Puppen, Bücher, Knete. Lena war glücklich. Hier durfte sie alles, was bei der anderen Oma verboten war.
Mama, warum sind wir nicht zu Hause?, fragte sie beim Mittagessen.
Wir besuchen Oma Petra.
Bleiben wir lange?
Ich weiß nicht, Schatz.
Kommt Papa?
Maria sah ihre Tochter an. So klein und spürte doch, dass etwas nicht stimmte.
Papa arbeitet. Aber er liebt uns.
Und Oma Helga liebt uns auch?
Maria seufzte.
Dich liebt sie. Du bist ihre Enkelin.
Und dich?
Maria wusste keine Antwort. Wie erklärt man einem Dreijährigen, dass Erwachsene manchmal ohne Grund grausam sein können?
Lass uns Verstecken spielen!, schlug sie vor.
Lena klatschte in die Hände und rannte los.
Abends rief Lukas wieder an.
Maria, Mutter will sich entschuldigen.
Wirklich?
Ja. Sie hat eingesehen, dass sie falsch gehandelt hat.
Was hat sie eingesehen?
Na dass es nicht nett war. Dass du zur Familie gehörst.
Maria schüttelte den Kopf.
Lukas, sie entschuldigt sich, weil du sie dazu gezwungen hast. Nicht aus Einsicht.
Was macht das? Hauptsache, sie tut es.
Es macht alles. Es wird wieder passieren.
Nein. Ich habe ernst mit ihr geredet.
Was hast du gesagt?
Lukas zögerte.
Dass du meine Frau bist. Und sie dich respektieren muss.
Auf Befehl?
Maria, warum suchst du Streit? Ich stehe doch auf deiner Seite!
Warum hast du dann fünf Jahre lang geschwiegen? Warum hast du zugelassen, dass sie mich erniedrigt?
Ich habe nicht
Doch, Lukas! Durch dein Schweigen!
Im Hintergrund hörte man Helga:
Sag ihr, ich habe Suppe gekocht! Ihre Lieblingssuppe mit Fleischklößchen!
Maria schloss die Augen. Nicht einmal jetzt konnte Helga einfach um Verzeihung bitten. Es musste immer ein Beweis ihrer angeblichen Fürsorge sein.
Lukas, ich muss nachdenken.
Worüber? Komm morgen nach Hause, dann klären wir alles.
Nichts wird geklärt, sagte sie leise. Ich halte es nicht mehr aus.
Was meinst du?
Ich kann nicht in einem Haus leben, wo ich nicht respektiert werde. Lena nicht in so einer Atmosphäre großziehen.
Maria, wovon redest du?
Dass ich Zeit brauche. Um über uns nachzudenken. Über unsere Ehe. Die Zukunft.
Stille. Dann Lukas:
Willst du dich trennen?
Ich weiß nicht. Vielleicht.
Wegen Mutter?
Nicht wegen Mutter, Lukas. Wegen dir. Weil du mich nie verteidigt hast. Nicht ein einziges Mal in fünf Jahren.
Sie legte auf und schaltete das Telefon aus. Die Hände zitterten, aber ihr war leichter ums Herz.
Petra kam mit vollen Tüten zurück.
Hilf mir, auszupacken, bat sie. Extra viel Fleisch, wir machen Frikadellen, Lena liebt sie.
Schweigend half Maria. Es war wirklich viel Fleisch mehr als genug für alle.
Mama was ist das Wichtigste in einer Familie?
Petra überlegte.
Liebe, denke ich. Und Respekt. Ohne das gibt es keine Familie.
Und wenn eines fehlt?
Dann ist es keine Familie. Dann ist es Qual.
Maria nickte. Ihre Mutter konnte alles Wesentliche in einfachen Worten sagen.
Abends sahen sie mit Lena Zeichentrickfilme. Das Kind kuschelte sich zwischen Mutter und Oma, zufrieden und geborgen.
Mama, fahren wir morgen nach Hause?, fragte Lena vor dem Schlafengehen.
Vielleicht, antwortete Maria. Möchtest du?
Nicht so gern. Hier ist es schöner. Oma ist lieb.
Kinder spüren mehr, als Erwachsene denken. Lena mochte die Atmosphäre bei Petras Haus eindeutig lieber.
Am nächsten Morgen klingelte es. Vor der Tür stand Lukas mit einem Blumenstrauß.
Hallo, sagte er unsicher. Darf ich rein?
Petra ließ ihn herein und machte Tee. Lena stürmte freudig auf ihn zu.
Papa! Du bist da!
Natürlich, Prinzessin. Ich habe dich vermisst.
Lukas setzte sich zu Maria.
Maria, ich habe die ganze Nacht nachgedacht. Du hast recht. Ich hätte dich beschützen müssen.
Und jetzt?
Jetzt wird alles anders. Versprochen.
Welche Garantie gibt es?
Lukas zog einen Schlüssel aus der Tasche.
Ich habe eine Wohnung gemietet. Erstmal für einen Monat. Wir probieren es allein.
Maria sah ihn überrascht an.
Ernsthaft?
Absolut. Mutter war dagegen, aber ich habe bestanden. Habe gesagt, meine Familie ist wichtiger als ihre Meinung.
Und was sagte sie?
Vieles. Aber das zählt nicht mehr.
Maria nahm den Schlüssel. Ein gewöhnlicher Schlüssel, aber er bedeutete ein neues Leben. Die Chance, ohne ständigen Einfluss der Schwiegermutter zu leben.
Lukas, was, wenn es nicht klappt? Wenn das Geld nicht reicht?
Es wird klappen. Ich nehme einen Nebenjob.
Petra kam mit einem Tablett herein.
Tee ist fertig. Lukas, möchtest du etwas essen?
Danke, Petra. Sehr gern.
Sie deckte den Tisch, stellte Teller hin. Für alle gleich, niemand wurde bevorzugt oder benachteiligt.
Also, sagte Petra und setzte sich, feiern wir Einzug?
Maria sah Lukas an, dann ihre Mutter, dann Lena, die konzentriert Butter auf ihr Brot strich.
Ja, antwortete sie. Unbedingt.
Morgen würden sie die neue Wohnung besichtigen. Ihre eigene, wenn auch nur gemietete. Wo niemand Fleischstücke zählte oder Menschen in Familie und Fremde einteilte.
Wo für jeden ein Platz am Tisch war.
**Eine Lektion fürs Leben:** Manchmal muss man Grenzen ziehen, selbst in der Familie. Liebe ohne Respekt ist keine Liebe sie ist nur eine leere Pflicht. Doch wer den Mut hat, für sich einzustehen, findet vielleicht einen neuen Anfang.







