Komm zurück zur Mutter» – befahl der Ehemann und stellte die Taschen vor die Tür

**Komm zurück zu deiner Mutter!** befahl der Mann und stellte die Taschen vor die Tür.

**Mama, hör auf, ihn anzurufen!** Gisela stellte die Tasse auf den Tisch und seufzte schwer. **Thomas ist auf Arbeit, er hat eine Besprechung.**

**Ach, auf Arbeit, ja klar.** Helga presste die Lippen zusammen. **Ich kenn diese Besprechungen. Gestern war er auch auf einer, als er um Mitternacht nach Hause kam. Man hat ihn drei Straßen weiter nach Schnaps riechen können.**

Gisela rieb sich die Schläfen. Seit sie und Thomas zu ihrer Mutter gezogen waren, begann jeder Tag mit solchen Gesprächen. Nur für ein paar Monate, während ihre Wohnung renoviert wurde so hatten sie es geplant. Doch der zweite Monat neigte sich dem Ende zu, und von Fertigstellung war keine Spur.

**Mama, bitte**, versuchte Gisela ruhig zu bleiben. **Du hast versprochen, dich nicht einzumischen.**

**Ich mische mich ja gar nicht ein!** Helga legte das Handy weg. **Ich sorge mich nur um dich. Du schuftest wie ein Pferd, und er macht, was er will. Was ist das für ein Mann?**

**Ein völlig normaler Mann**, erwiderte Gisela und stand auf. **Und er macht nicht, was er will. Es war ein wichtiges Kundengespräch, das hab ich dir doch erklärt.**

Helga schnaubte skeptisch, aber sie widersprach nicht. Gisela kannte diesen Blick ihre Mutter glaubte ihr kein Wort.

**Ich fahr zur Arbeit**, sagte Gisela und packte ihre Tasche. **Bin gegen acht zurück.**

**Und Mittagessen?** Helga hob die Suppenkelle. **Ich hab Rindfleischsuppe gemacht.**

**Keine Zeit, Mama. Um eins ist die Teamsitzung, danach ein Termin mit dem Kunden.**

**Immer hungrig!** Helga schüttelte den Kopf. **Kein Wunder, dass es mit dem Kinderkriegen nicht klappt. Welches Baby will schon auf leeren Magen wachsen?**

Gisela seufzte. Das Thema Kinder war ein wunder Punkt, aber ihre Mutter brachte es mit beachtlicher Regelmäßigkeit auf. Fünf Jahre verheiratet und immer noch keine Enkel unverzeihlich.

**Bis heute Abend, Mama.** Gisela küsste ihre Mutter auf die Wange. **Thomas hat versprochen, früher zu kommen. Wir essen zusammen.**

**Wenn er kommt**, murmelte Helga.

Gisela verließ die Wohnung, schloss die Tür und lehnte sich gegen die Wand. Im Treppenhaus roch es nach Feuchtigkeit und Katzen der Geruch ihrer Kindheit. Früher war er ihr vertraut, fast gemütlich vorgekommen. Jetzt nervte er nur noch.

Im Auto rief sie sofort ihren Mann an.

**Thomas, hat Mama dich wieder angerufen?**

**Dreimal.** Seine Stimme klang erschöpft. **Ich bin nicht rangegangen.**

**Tut mir leid. Sie macht sich Sorgen.**

**Sorgen?** Thomas lachte bitter. **Sie kontrolliert jeden meiner Schritte. Gestern Abend Verhörstunde wo war ich, mit wem hab ich getrunken, warum so spät. Ich bin kein Teenager, Gisela!**

**Ich weiß.** Gisela startete den Motor. **Halte noch ein bisschen durch. Der Handwerker hat versprochen, das Bad diese Woche fertigzustellen, dann fehlt nur noch die Küche. Bald können wir heim.**

Thomas schwieg. Als er weitersprach, klang seine Stimme dumpf:

**Und wenn ich nicht zurückwill?**

**Wie meinst du das?** Gisela verstand nicht.

**Ach, vergiss es. Seh dich auf der Arbeit.**

Er legte auf. Gisela starrte aufs Handy und spürte, wie die Angst in ihr wuchs. Was meinte er damit? Wollte er nicht zurück in ihre Wohnung? Oder nicht zurück zu ihr?

Der Arbeitstag zog sich endlos. Gisela konnte sich nicht konzentrieren, nichts wollte klappen. In der Besprechung verhaspelte sie sich zweimal in den Zahlen, und beim Kunden vergaß sie einen wichtigen Vertragspunkt. Thomas sah sie nicht er war auf einer Baustelle und würde erst abends zurückkommen.

Als sie gegen neun nach Hause kam, war die Wohnung still, nur aus der Küche drang gedämpft das Fernsehen.

**Ich bin da!** rief Gisela und zog die Schuhe aus.

Keine Antwort. Normalerweise kam ihre Mutter immer raus, fragte, wie ihr Tag war. Gisela ging in die Küche und erstarrte in der Tür.

Am Tisch saßen ihre Mutter und Thomas, und die Atmosphäre war elektrisch. Helga starrte demonstrativ auf den Fernseher, während Thomas eine längst kalte Tasse Tee drehte.

**Was ist hier los?** fragte Gisela.

Thomas hob den Blick. Seine Augen waren kalt, fremd.

**Frag deine Mutter.** Seine Stimme war schneidend. **Sie zerrt seit einer halben Stunde an meinen Nerven.**

**Helga, was ist passiert?**

Ihre Mutter schnaubte:

**Nichts ist passiert. Ich hab deinem Mann nur die Wahrheit gesagt. Dass er kein richtiger Mann ist, sondern ein Waschlappen. Kann seine Frau nicht mal vernünftig versorgen lebt bei der Schwiegermutter, weil er sich nichts Eigenes leisten kann.**

**Mama!** Gisela war entsetzt. **Wir *haben* eine eigene Wohnung!**

**Ach, was ist das schon eine Einzimmerwohnung im Plattenbau.** Helga winkte ab. **Zu meiner Zeit haben Männer ihre Familie ernährt, Häuser gebaut. Und der hier? Ein Projektleiter oder so**

**Ich bin *Bauleiter***, fauchte Thomas. **Und ich verdiene genug. Wir wohnen nur wegen der Renovierung hier.**

**Fünf Jahre zusammen, und was habt ihr?** Helga ließ nicht locker. **Keine Kinder, keine anständige Wohnung. Die Frau rackert sich ab, und du**

**Mama, hör auf!** Gisela wurde laut. **Wir hatten ausgemacht keine Vorwürfe, keine Kinderdiskussionen!**

Helga verzog den Mund.

**Ich meins doch nur gut. Mein Mädchen ist schon zweiunddreißig, die Uhr tickt.**

Gisela setzte sich neben Thomas, nahm seine Hand. Er zog nicht weg, aber er drückte auch nicht zurück.

**Thomas, es tut mir leid. Mama meint es nur gut.**

**Gut?** Er lachte bitter. **Sie hält mich für einen Versager. Ein Nichts. Gibs doch zu sie hat das immer gedacht, von Anfang an.**

Gisela schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Mutter hatte tatsächlich gegen die Hochzeit gewettert. *Keine Zukunft, hatte sie gesagt. Kein Geld, keine Connections. Und fünf Jahre jünger als du noch grün hinter den Ohren.*

**Geht schon schlafen**, brummte Helga und stand auf. **Ich muss morgen früh zum Blutdruckmessen, und ihr streitet hier.**

Sie schlurfte in ihr Zimmer, knallte die Tür zu. Gisela und Thomas blieben allein.

**Es tut mir leid**, sagte Gisela noch einmal.

**Wofür?** Thomas sah sie müde an. **Dass deine Mutter mich für ein Nichts hält? Oder dass du ihr nie widersprichst?**

**Ich widerspreche ihr!**

**Nein, Gisela. Du nickst, sagst Ja, Mama und flüsterst mir dann zu: Halte durch. Fünf Jahre halte ich das schon aus. Vielleicht reichts jetzt?**

Er stand auf, schob den Stuhl weg.

**Wo gehst du hin?** Gisela war alarmiert.

**Schlafen. Morgen früh raus.**

Gisela sah ihm nach, wie er in ihr winziges Kinderzimmer ging, wo kaum das Doppelbett passte. Sie ballte die Fäuste und warf einen Blick auf die Schlafzimmertür ihrer Mutter. Am liebsten wäre sie reingestürmt, hätte geschrien, all den angestauten Frust herausgelassen. Aber sie konnte nicht. Konnte es einfach nicht.

Am nächsten Morgen war Thomas früher als sonst weg Gisela hörte ihn nicht einmal gehen. Ihre Mutter saß mit Tee und Tabletten in der Küche.

**Na, ist dein Prinz davongerannt?** fragte sie statt Guten Morgen.

**Mama, hör auf.** Gisela war erschöpft. **Er ist mein Mann. Ich liebe ihn. Und du solltest ihn respektieren.**

**Respekt verdient, wer ihn verdient.** Helga war unnachgiebig. **Dein Vater war ein richtiger Mann. Ohne ihn wurde hier kein Nagel in die Wand geschlagen. Und der hier? Wasserhahn tropft Klempner kommt. Regal aufhängen Nachbar hilft. Was bringt der schon?**

Gisela schwieg, kaute mechanisch ihr Brötchen. Diskutieren war sinnlos. Ihre Mutter sah die Welt in schwarz-weiß, in richtig und falsch. Und von ihrer Meinung ließ sie sich nicht abbringen.

Auf der Arbeit traf sie Thomas nicht wieder Baustelle. Den ganzen Tag schrieben sie sich nur kurze Nachrichten über Projekte, kein Wort über gestern. Abends blieb Gisela länger, in der Hoffnung, ihre Mutter wäre schon im Bett, wenn sie heimkam.

Doch als sie die Wohnung betrat, brannte in jedem Zimmer Licht. Aus der Küche drangen laute, scharfe Stimmen. Gisela lief hin.

Thomas und Helga standen sich gegenüber. Ihre Mutter war rot vor Wut, Thomas wirkte unnatürlich ruhig nur seine Kiefermuskeln zuckten.

**Was ist los?** Gisela blickte von einem zum anderen.

**Dein Mann**, Helga deutete auf Thomas, **will ausziehen. Hat eine Wohnung gemietet, morgen zieht er um.**

Gisela erbleichte:

**Thomas, stimmt das?**

**Ja.** Er nickte. **Gute Wohnung, nah an der Arbeit. Morgen ist Umzug.**

**Und ich?** Gisela war verwirrt.

**Du entscheidest.** Er sah sie fest an. **Entweder mit mir oder hier. Ich halte das nicht mehr aus, Gisela. Jeden Tag hören, was für ein Versager ich bin. Jeden Abend rechtfertigen, wo ich war. Das ist kein Leben.**

**Na also!** Helga triumphierte. **Hörst du? Er verlässt dich! Und ich habs doch gesagt! Ein Nichtsnutz!**

**Mama!** Gisela fuhr sie an. **Hör auf! Sofort!**

Helga verstummte, ungewohnt solchem Tonfall.

**Ich bin trotzdem deine Mutter.** Ihre Stimme war leiser. **Und ich seh, wies läuft. Lass ihn gehen, wenn er will. Du bist mein Kind, und er? Kommt und geht.**

**Thomas.** Gisela wandte sich ihm zu. **Lass uns in Ruhe reden. Vielleicht ist das zu überstürzt**

**Ich hab nichts mehr zu sagen.** Er schüttelte den Kopf. **Ich gehe. Ob mit dir oder ohne entscheide du.**

Er verließ die Küche. Gisela wollte ihm nach, doch ihre Mutter packte sie am Arm:

**Mach dich nicht kleiner, als du bist, Mädchen. Lass ihn gehen. Findest schon einen Besseren.**

Gisela riss sich los:

**Ich will keinen Besseren! Ich liebe ihn, verstehst du das? Liebe!**

**Schrei nicht so.** Helga verzog das Gesicht. **Liebe ist was für Romane. Im Leben braucht man Sicherheit. Und dein Thomas? Ein Waschlappen. Heute geht er, morgen läuft ihm eine andere hinterher und er ist weg.**

Gisela starrte ihre Mutter an und verstand plötzlich klar: Nichts würde sich ändern. Niemals. Diese Frau würde bis an ihr Ende glauben, sie wisse, was für ihre Tochter am besten sei. Sie würde sich einmischen, kritisieren, Druck machen. Und Thomas hatte recht so konnte man nicht leben.

**Ich ziehe mit ihm um**, sagte sie entschlossen. **Morgen.**

**Was?!** Helga rang die Hände. **Bist du verrückt? Hier hast du alles Dach überm Kopf, Essen, Fürsorge. Und dort? Eine Mietbude mit einem Mann, der dich jederzeit abschieben kann!**

**Lieber eine Mietbude mit dem Mann, den ich liebe, als ein goldener Käfig.**

Helga erbleichte:

**Mein Haus ist also ein Käfig? Ich bin dein Wärter? Ich hab mein Leben für dich gegeben! Dich allein großgezogen!**

**Und machst mir das mein ganzes Leben zum Vorwurf.** Giselas Stimme war leise. **Du lässt mich nicht los, Mama. Lass mich mein Leben leben. Meine Familie gründen.**

**Was für eine Familie?** Helga lachte bitter. **Fünf Jahre keine Kinder, kein Eigenheim. Nur Arbeit, Arbeit.**

**Wir wollten erst finanziell sicher sein, bevor wir Kinder kriegen.** Gisela rang nach Worten. **Und jetzt jetzt hab ich einfach Angst. Angst, dass du auch bei unseren Kindern so sein wirst alles bestimmst, alles kritisierst.**

**Ich will doch nur euer Bestes!**

**Ich weiß. Aber dein Bestes erstickt uns. Mich zumindest.**

Gisela verließ die Küche, ließ ihre Mutter geschockt zurück. Im Zimmer saß Thomas auf dem Bett, starrte an die Wand.

**Ich komme mit.** Gisela setzte sich neben ihn. **Es tut mir leid, dass ich nicht früher gemerkt habe, wie schwer es dir fällt.**

Thomas zog sie an sich, drückte sie fest.

**Ich liebe dich.** Seine Stimme war ein Hauch. **Aber ich halte es hier nicht mehr aus. Sie treibt mich in den Wahnsinn.**

**Mich auch.** Gisela gestand es zum ersten Mal. **Schon mein ganzes Leben. Ich habs nur jetzt begriffen.**

Sie schwiegen, legten sich schlafen. Gisela lag lange wach, hörte die Schritte ihrer Mutter hinter der Wand. Helga ging umher, klapperte mit Töpfen, schaltete den Fernseher ein und aus.

Am Morgen war Thomas schon fort. In der Küche saß Helga vor einer unberührten Tasse Tee.

**Guten Morgen.** Gisela setzte sich.

**Morgen.** Helga sah nicht auf. **Deiner ist schon weg. Sagte, er holt dich heute mit deinen Sachen ab.**

**Ja, so war der Plan.**

Ihre Mutter hob den Blick, und Gisela erschrak ihre Augen waren leer.

**Du verlässt mich also?**

**Mama, ich verlasse dich nicht. Ich lebe nur mit meinem Mann zusammen.** Gisela nahm ihre Hand. **Wir kommen zu Besuch, rufen an.**

**Klar.** Helga lächelte traurig. **Erst jedes Wochenende, dann monatlich, dann nur noch an Feiertagen. Ich kenn das.**

**So wirds nicht sein.** Giselas Stimme zitterte. **Ich liebe dich, wirklich. Du bist mir wichtig. Aber Thomas liebe ich auch. Und ich will mit ihm sein.**

**Du wählst ihn, nicht mich.** Helga war hart. **Du wirst es bereuen. Merk dir meine Worte.**

Gisela seufzte. Schon wieder. Dieses Gespräch würde nirgendwohin führen ihre Mutter blieb stur.

**Ich muss zur Arbeit.** Gisela stand auf. **Heute Abend packe ich meine Sachen.**

**Ja, lauf nur.** Helga nickte. **Alle laufen von mir weg. Dein Vater ist gegangen, jetzt du. Alt und allein. Sterb allein.**

Gisela schloss kurz die Augen. Diese Masche kannte sie seit Kindertagen Schuldgefühle, Mitleid. Und sie funktionierte. Immer.

**Mama, du bist nicht alt.** Gisela sprach sanft. **Du bist sechsundfünfzig. Eine attraktive, lebensfrohe Frau. Vielleicht findest du selbst noch jemanden? So viele Jahre allein**

**Ach, wer will mich schon.** Helga winkte ab. **Geh schon, du kommst zu spät.**

Auf der Arbeit konnte Gisela sich nicht konzentrieren. Immer dachte sie an ihre Mutter, an deren Einsamkeit. Ihr Herz krampfte sich zusammen vor Mitleid und Schuld. Vielleicht überstürzten sie und Thomas alles? Vielleicht sollten sie warten, bis die Renovierung fertig war?

Thomas schickte die Adresse der neuen Wohnung, Fotos hell, gemütlich, große Küche. Gisela betrachtete die Bilder und merkte plötzlich, dass sie keine Freude spürte. Nur Angst.

Abends kam sie früher heim, um vor Thomas Ankunft zu packen. Sie schloss auf und erstarrte. Im Flur standen zwei große Taschen. Ihre Taschen. Bereits gepackt.

**Mama?** rief Gisela. **Bist du da?**

Helga kam aus ihrem Zimmer. Ihr Gesicht war streng, die Augen gerötet.

**Hab deine Sachen gepackt.** Sie sah Gisela nicht an. **Alles, was ich fand. Wenn was fehlt, holst dus später.**

**Warum hast du das getan?** Gisela starrte auf die Taschen.

**Was blieb mir anderes übrig?** Helga zuckte mit den Schultern. **Wenn du gehen willst, dann geh gleich. Pack deine Siebensachen und verschwinde.**

Gisela trat näher:

**Mama, ich gehe nicht für immer. Nur wir leben dann getrennt, wie normale Familien. Wir besuchen dich**

**Komm zurück zu deiner Mutter.** Thomas stand in der Tür, funkelte seine Schwiegermutter an.

**Thomas, was ist los?** Gisela war verwirrt.

**Komm zurück zu deiner Mutter.** Seine Stimme war schneidend. **Wenn sie schon deine Sachen packt, ist die Sache klar.**

**Nichts ist klar!** Gisela widersprach. **Mama wollte nur helfen**

**Helfen?** Thomas lachte bitter. **Sie wirft dich raus. Packt deine Sachen, stellt sie vor die Tür. Das nennt man Rauswurf.**

**Nein, Thomas, du verstehst nicht**

Plötzlich brach Helga in Tränen aus laut, schluchzend, das Gesicht in den Händen. Gisela stürzte zu ihr:

**Mama, was ist denn? Ich gehe doch nicht weg!**

**Geh zu ihm.** Helga schluchzte. **Lass mich allein. Ich habs verstanden. Ich bin dir egal.**

Gisela umarmte sie, hielt sie fest. Thomas stand in der Tür, beobachtete die Szene mit steinernem Gesicht.

**Entscheide dich, Gisela.** Seine Stimme war leise. **Entweder du kommst mit, oder du bleibst. Aber wenn du bleibst, dann für immer. Ich spiel diese Spielchen nicht mehr mit.**

**Welche Spielchen?** Gisela verstand nicht.

**Sie manipuliert dich.** Thomas deutete auf Helga. **Immer schon. Und du fällst drauf rein. Und wirst weiter drauf reinfallen, solange du unter ihrem Dach lebst.**

Helga hob ihr tränennasses Gesicht:

**Siehst du, Mädchen? Siehst du, wie er ist? Will uns auseinanderbringen. Dich mir wegnehmen.**

Gisela blickte von einem zum anderen. Die beiden wichtigsten Menschen ihres Lebens erwarteten eine Entscheidung. Und zum ersten Mal wusste sie nicht, was sie tun sollte.

**Ich kann nicht sofort** flüsterte sie.

**Es gibt kein Warten.** Thomas war unerbittlich. **Ich hab die Wohnung gemietet, einen Monat im Voraus bezahlt. Entweder wir fahren jetzt, oder ich fahre allein. Für immer.**

**Stell ihr keine Ultimaten in meinem Haus!** Helga fuhr auf. **Sie ist mein Kind! Meins, nicht deins! Sie entscheidet, nicht du!**

**Sie ist meine Frau.** Thomas war eiskalt. **Und ich kämpfe um meine Familie.**

Gisela löste sich von ihrer Mutter, atmete tief durch. Ein Gedanke durchbrach den Nebel in ihrem Kopf: Das würde nie enden. Blieb sie, würde ihre Mutter ihr Leben weiter kontrollieren. Ging sie mit Thomas er würde ihre Mutter nie akzeptieren.

**Ich bleibe.** Die Worte kamen leise.

Thomas zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen:

**Was?**

**Ich bleibe, Thomas.** Gisela wiederholte es. **Mama ist allein. Sie braucht mich. Und wir wir können noch warten, bis die Renovierung fertig ist.**

Helga warf Thomas einen triumphierenden Blick zu:

**Siehst du? Eine Tochter wählt immer die Mutter.**

**Komm zurück zu deiner Mutter.** Thomas stellte die Taschen auf den Flur. **Leb mit ihr, wenn sie dir wichtiger ist als deine Ehe. Aber erwarte nichts mehr von mir. Ich gehe.**

Er drehte sich um, stürmte die Treppe hinunter. Gisela zuckte, wollte ihm nach, doch Helga hielt sie fest:

**Lass ihn. Wird sich beruhigen kommt zurück. Wenn nicht, sein Pech. Wir kommen auch ohne ihn klar. Immer schon.** Gisela starrte auf die geschlossene Tür und spürte, wie ihre Welt zerbrach. Die Wahl war getroffen. Ob richtig oder falsch die Zeit würde es zeigen.

Zwei Wochen später kam per Post die Scheidung. Gisela unterschrieb, ohne zu lesen. Ihre Mutter sagte kein Wort, presste nur die Lippen zusammen.

Die Renovierung war einen Monat später fertig. Die Wohnung stand leer Gisela konnte nicht hineingehen, der Schmerz war zu groß. Sie beschloss, sie zu vermieten.

Sie fand einen neuen Job, weit weg von Thomas Arbeitsplatz. Machte Spaziergänge, ging ins Kino, ins Theater. Manchmal sogar mit ihrer Mutter Helga war seltsam still geworden, sanfter, nachgiebiger. Vielleicht aus Angst, ihre Tochter ganz zu verlieren.

Manchmal weinte Gisela nachts, dachte an Thomas. Was, wenn sie damals anders entschieden hätte? Mit ihm gegangen wäre? Wären sie glücklich geworden?

Doch das Leben kennt kein hätte. Die Wahl war getroffen, der Weg gewählt. Und Gisela ging ihn, Tag für Tag, gewöhnte sich an die neue Realität. Lernte, ohne den Mann zu leben, den sie liebte. Lernte, weder ihre Mutter noch Thomas noch sich selbst zu beschuldigen.

Was kommen würde? Die Zeit würde es zeigen.

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Sie wird es noch bereuen!