„Du arme Seele, du wirst immer in einer Mietwohnung leben“, sagte die Schwiegermutter. Und jetzt mietet sie ein Zimmer in meinem Schloss.

Liebes Tagebuch,

Du bist arm und wirst dein ganzes Leben in einer Mietwohnung bleiben, sagte meine Schwiegermutter Helga Grüber immer wieder. Und jetzt mietet sie ein Zimmer in meinem Schloss.

Können wir die Vorhänge tauschen? fragte meine Frau Liselotte, während ihr Ton schwer wie Samt an den Fenstern kaum zu ertragen war. Diese Farbe drückt mich. Sie macht das Zimmer düster.

Liselotte sah sich das Zimmer um. Sie hatte selbst den dichten, weinroten Samt ausgewählt, der perfekt zu den hellen Wänden und dem antiken Sekretär passte ein kleiner Sieg ihrer Designleidenschaft.

Gefällt es dir nicht? fragte Helga.

Ach, mein Kind. Ein geschenktes Pferd ist immer noch ein Pferd, erwiderte Liselotte trocken. Ich habe doch das Recht, meine Meinung im Haus meines Mannes zu äußern, nicht wahr?

Helga verschränkte die Hände vor der Brust und musterte das Zimmer mit einer leichten Verachtung. Es war das Zimmer, das Liselotte und ich ihr in unserem neuen Zuhause übergeben hatten unser Schloss, wie Dieter scherzte, wenn er auf die Türme blickte, von denen Liselotte als Kind träumte.

Selbstverständlich, Frau Helga, sagte ich.

Gut, sonst dachte ich schon, wir müssten auch für das Atmen hier ein Protokoll führen, fügte sie hinzu.

Zwanzig Jahre sind vergangen, und nichts hat sich grundlegend verändert; nur die Dekoration ist neu. Früher war es ein kleines Mietstudio mit Blumenmustern an den Tapeten, jetzt ein geräumiges Haus, jeder Quadratmeter das Ergebnis harter Arbeit von uns beiden.

Ich will nur ein bisschen Gemütlichkeit, sagte Helga und fuhr mit dem Finger über die polierte Oberfläche des Sekretärs. Der Staub hier muss weg. Du bist ja schon lange im fremden Viertel herumgezogen mit Dieter.

Liselotte spürte ein Ziehen im Inneren kein Schmerz, sondern ein bekannter, fast geisterhafter Stich, wie ein vergessener Nerv. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem wir in unsere erste kleine Wohnung am Stadtrand gezogen waren, ein tropfender Wasserhahn und quietschender Parkettboden, und wir waren überglücklich.

Dann kam Helga. Sie musterte unser bescheidenes Heim, schloss die Lippen und verurteilte uns, während sie nicht zu Dieter, sondern zu Liselotte sprach.

Du bist arm und wirst immer im Keller des Lebens stecken bleiben. Merke dir: Du hast nichts und wirst nie etwas besitzen.

Liselotte schwieg. Was sollte sie sagen? Sie war jung, verliebt und überzeugt, dass Liebe alles überwindet. Und tatsächlich nach zwanzig Jahren harter Arbeit, schlaflosen Nächten, zwei Verlobungsringen, einem Bankdarlehen und einem riskanten ITProjekt, das endlich rentabel wurde, konnten wir uns alles leisten. Helga hingegen verlor alles: ihren Mann, ihre zentrale Mietwohnung, ihr Geld in einen Betrug, den eine sehr elegante Dame ihr empfohlen hatte. Der Wunsch nach leichtem Geld und Status hatte sie leer zurückgelassen.

Dietert, du hast mir das schönste Gästezimmer mit Blick auf den Garten gegeben, sagte Helga, während sie zum Fenster ging. Damit ich sehe, wie du mit den Rosen arbeitest und deinen Platz nicht vergisst.

Unser Platz ist jetzt hier, erklärte Liselotte bestimmt. Und deiner ebenfalls.

Mein Platz war meine eigene Wohnung, schnappte Helga. Das hier ist nur eine vorübergehende Zuflucht, ein großzügiger Akt, damit alle sehen, dass mein Sohn eine gute Frau hat.

In ihren Augen sah Liselotte dieselbe kalte, giftige Verachtung wie vor zwanzig Jahren.

Wichtig ist, dass dein Schloss nicht ein Kartenhaus wird, Liselotte, sonst fällt es heftig, warnt sie.

Am Abend kam Helga wieder auf die Vorhänge zu sprechen, diesmal nur zu Dieter.

Dietert, du hast jetzt einen eigenen Status, deine Firma. Gäste kommen. Das Haus muss repräsentativ sein. Diese dunklen Räume wirken bedrückend.

Liselotte legte einen Salat auf den Tisch, die Hände fest, keine zitternden Finger.

Mama, uns gefällt es, sagte Dieter leise. Liselotte hat alles selbst ausgesucht, ihr Geschmack ist ausgezeichnet.

Liselotte hat einen praktischen Geschmack, erwiderte Helga mit einem nachsichtigen Lächeln. Sie ist es gewohnt, dass alles immer bleibt, wie es ist. Das ist eine gute Eigenschaft in schlechten Zeiten.

Aber jetzt können wir ein wenig Leichtigkeit und Licht zulassen. Ich kenne eine wunderbare Dekorateurin, die ein paar Tipps geben könnte.

Liselotte fühlte sich in die Ecke gedrängt. Ablehnen hieße stur sein, zustimmen hieße den eigenen Geschmack kleinreden.

Ich denke darüber nach, antwortete sie nüchtern.

Denken ist hier nichts, handeln ist Pflicht, solange das Haus nicht von dieser bürgerlichen Tristesse erstickt.

Am nächsten Tag betrat Liselotte die Küche und sah, dass alle ihre Gewürzgläser, die sie jahrelang aus aller Welt gesammelt hatte, in eine Ecke gerückt waren. An ihrer Stelle stand Helgas Porzellanservice das Einzige, was sie aus ihrem früheren Leben mitgenommen hatte.

Ich habe nur ein wenig aufgeräumt, sagte Helga hinter Liselottes Rücken. Deine Sachen liegen doch etwas chaotisch. Ein ordentliches Haus beruhigt den Mann.

Liselotte nahm schweigend ihre Gläser und stellte sie zurück.

Du hättest das selbst machen können, bemerkte Helga.

Natürlich, ich bin es ja gewohnt, seufzte sie. Starke Frauen machen Männer schwach.

Damit traf es Liselotte ins Mark. All die Jahre als Programmiererin an Dieters Seite, nächtliches Coden, das Sichern von Investoren das alles war plötzlich nur ein Hinweis darauf, dass sie ihn geschwächt hatte.

Am Abend suchte sie das Gespräch mit Dieter.

Mama ist alt, hat alles verloren, will sich nützlich fühlen. Braucht sie diese Vorhänge und Gewürze?

Es geht nicht um die Gläser, Dieter! Es geht darum, dass sie meine ganze Arbeit, mein ganzes Ich gering schätzt.

Sie kennt dich einfach nicht, versuchte er zu beruhigen. Gib ihr Zeit.

Liselotte zog sich zurück. Dieter sah die Situation nicht: Er liebte sie, stand zu ihr, aber die Giftigkeit in Helgas Worten blieb ihm verborgen. In jener Nacht blickte Liselotte aus dem Schlafzimmerfenster in den eigenen Garten, den sie selbst gepflanzt hatte. Dieser Ort war ihr Beweis, dass Helga sich geirrt hatte.

Der eigentliche Feind war nun im Haus. Er würde nicht gehen, sondern versuchte, ihr das Ergebnis ihrer Arbeit zu rauben. Kompromisse waren unmöglich. Der Wendepunkt kam an einem Samstag, als Liselotte von der Terrasse ein fremdes, weibliches Stimmengewirr hörte Helga, die begeistert eine moderne Alpengrünze vorschlug und alte Rosen entfernen wollte, um einen Rasen zu schaffen.

Eine großartige Idee, Helga, rief eine Designerin namens Raissa, die Helga gerade begleitet hatte.

Liselotte spürte, wie ihr Herz zerbrach. Der Garten, ihr ganzer Stolz, sollte zerstört werden. Sie ließ die Stimme verklingen, setzte sich ins Auto und fuhr schweigend davon.

Dort wählte sie die Nummer ihres Immobilienmaklers. Guten Tag, Herr Schmitt, ich brauche sofort eine Wohnung zur Miete, VIPStatus, Bedingungen per EMail.

Drei Stunden später kehrte sie zurück. Dieter stand in der Küche, ein hitziges Gespräch im Hintergrund. Liselotte legte einen Schlüssel und einen Dossierordner auf den Tisch.

Guten Abend, Frau Helga, Frau Raissa. Ich freue mich, dass Sie Zeit gefunden haben, das Design meines Gartens zu besprechen.

Wir teilen nur Ideen zum Wohle aller, sagte Helga.

Natürlich, nickte Liselotte und wandte sich an Dieter. Ich habe das Problem gelöst.

Welches Problem? fragte er überrascht.

Das Unbehagen meiner Mutter. Sie hat Recht: Sie braucht eine eigene Wohnung, in der sie Herrin sein kann.

Sie zog das Dossier hervor. Ich habe für Helga ein neues Apartment in einer Neubauanlage mit Concierge, zehn Minuten von hier entfernt, hell, modern, fertig renoviert. Wir können morgen um zehn Besichtigungstermin vereinbaren.

Stille breitete sich aus. Dieter sah zwischen Liselotte und Helga hin und her, Helga wurde blass.

Willst du mich also vertreiben? fragte Helga wütend.

Nein, lächelte Liselotte kühl, ich schenke Dir das, wonach du so lange gegriffen hast Freiheit. Freiheit von meinen Vorhängen, meinen Gewürzen, meinen Rosen. Du kannst dir beliebige Möbel kaufen, jeden Designer engagieren und den Komfort genießen, den du verdienst.

Damit war das Spiel gewonnen. Sie vertrieb nicht, sie schenkte. Das Angebot ließ Helga erkennen, dass es hier nicht um Bequemlichkeit, sondern um Macht ging.

Dietert versuchte, die Situation zu entschärfen, doch Helga wirkte hart.

Du lässt sie das tun? Meine Mutter vertreiben?

Dies ist mein Haus, sagte Liselotte bestimmt. Ich vertreibe nicht, ich biete bessere Bedingungen.

Der Rest des Abends verlief friedlich. Dieter versprach, die Umzugsfirma zu organisieren. Liselotte packte Helgas Sachen ein, während sie ihm in die Augen sah und sagte: Zwanzig Jahre habe ich gehört, ich sei nichts. Ich habe geschwiegen, gearbeitet, dieses Haus gebaut, um zu zeigen, dass ich etwas wert bin. Jetzt nehme ich es zurück.

Der Umzug war in drei Tagen erledigt. Helga stand stumm in ihrer leeren, hellen Wohnung, die sie selbst eingerichtet hatte, doch die Wärme fehlte.

Ich hoffe, es gefällt Ihnen, sagte Liselotte beim Abschied.

Zwei Monate später war das Haus leichter, das Lachen kehrte zurück. Liselotte sang beim Frühstück, Dieter lachte über kleine Missgeschicke. Das Schloss war kein Bollwerk mehr, sondern ein Zuhause. Jeden Sonntag besuchten wir Helga, die ihre Wohnung nach ihrem Geschmack einrichtete, aber die gemütliche Atmosphäre blieb aus.

Eines Tages hörte Liselotte, wie Helga Dieter über einen defekten Wasserhahn klagte.

der Hausmeister sagt, drei Tage warten. Stell dir vor, dein Vater hätte das sofort geregelt.

Da wurde Liselotte klar: Es ging nie um Geld oder Armut, sondern um die verlorene Kontrolle. Helga wollte wenigstens ein Stück Macht zurückgewinnen.

Ich habe gelernt, dass wahre Stärke nicht darin liegt, immer zu geben oder zu kämpfen, sondern zu wissen, wann man loslässt und einem anderen die Freiheit schenkt, die man selbst gesucht hat. Dieses Wissen ist mein größter Gewinn.

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