Im Nebenzimmer klirrte etwas. Ute ließ den Topf fallen und stürzte hinüber. Der Junge stand verdattert vor der zerbrochenen Vase.
Was hast du angestellt? schrie die Hausherrin und schlug ihrem Enkel mit dem nassen Handtuch auf den Rücken.
Oma, ich räums gleich weg! Er wollte sich schon auf die Scherzen stürzen.
Ich werd dir gleich was wegmachen! Das Handtuch sauste erneut auf seinen Rücken. Setz dich aufs Bett und rühr dich nicht!
Sie fegte die Scherben zusammen, kehrte in die Küche zurück. Eine Pfütze auf dem Boden, darin lagen die Kartoffeln wenigstens noch roh. Sie hob sie auf, wusch sie erneut und schob sie in den Ofen. Dann setzte sie sich und weinte leise, während sie im Stillen ihre Tochter verfluchte:
Warum? Warum haben alle eine normale Familie, nur ich nicht? Kein eigener Mann, und meine Tochter auch keinen. Aber nein, das war ihr nicht genug. Jetzt fährt sie in die Stadt, zum Bahnhof, und bringt mir noch einen neuen Schwiegersohn auf den Hals einen Gefängniswärter! Natürlich, ein guter Mensch soll er sein. Drei Jahre haben sie sich Briefe geschrieben. Liebe! Und sie hat ihn noch nie gesehen! Jetzt wird er bei mir wohnen. Als ob es nicht schon genug wäre, dass ich sie und den Jungen durchfüttere jetzt muss ich auch noch ihn ernähren! Aber ich werds ihm austreiben. Er wird freiwillig abhauen, da könnt ihr euch drauf verlassen.
Oma, darf ich raus?
Geh schon! Aber zieh dich warm an. Und geh nicht an den Fluss, das Eis bricht bald.
Ja, Oma!
Dann waren sie da? Ute spähte aus dem Fenster. Von hier sah sie sein Gesicht voller Narben. Was tat diese dumme Gans nur? Nicht nur ein Knastbeamter, sondern auch noch ein Gesicht zum Erschrecken!
Die Tür ging auf. Sie betraten die Stube.
Fiona hatte ihren Bräutigam mitgebracht.
Na, dann geh ich mal zu ihm, grinste der Dorfpolizist. Werd mal seinen Entlassungsschein prüfen. Und schauen, was für ein Mensch dein Schwiegersohn ist.
Geh nur! Die sitzen gerade beim Essen. Aber er ist nicht mein Schwiegersohn und wird es auch niemals sein!
***
Ute machte sich auf die Suche nach dem Jungen. Obwohl sie genau wusste, wo er war da, mit den anderen Jungs. Aber sie hatte keine Lust, nach Hause zu gehen. Sie blieb stehen, plauderte mit den Nachbarinnen. Doch schließlich musste sie zurück.
Ihr Blick fiel auf die riesigen Holzklötze. Wie sollte sie die jemals spalten? Sie ging in den Schuppen, holte die Axt und begann, von einem der kleineren Klötze Späne abzuschlagen. Gerade als sie ausholte, griff eine starke Hand nach der Axt.
Tante Ute, lass mich mal versuchen!
Versuchs halt! Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.
Er strich mit dem Finger über die Schneide, schüttelte den Kopf.
Hast du einen Schleifstein?
Geh in die Werkstatt, da war alles von meinem Mann.
***
Hauke betrat die Werkstatt, und seine Augen wurden groß. Was es hier nicht alles gab! Er schaltete den Schleifstein ein. Er funktionierte! Er schärfte die Axt. Dann nahm er den Spalthammer, der daneben stand.
Draußen begann er, die Klötze zu spalten, dann hackte er sie mit der Axt in kleinere Scheite. Bis zum Abend hatte er alles Holz zerkleinert und in den Schuppen geräumt.
Die Schwiegermutter kam heraus, schüttelte den Kopf. Doch für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
Tante Ute, sagte er, da liegen noch Baumstämme beim Zaun.
Die sind kaputt.
Komm mit, ich hab so einen. Der geht auch nicht mehr. Vielleicht kriegen wir aus beiden einen hin.
Sie gingen zum alten Mann nebenan. Dessen Motorsäge war völlig hinüber, aber das Kettenrad war noch gut, und die Kette funktionierte.
Nimm alles mit! grinste Ansgar. Wenn sie läuft, sägst du mir meine Stämme durch.
***
Und dann kam der Nachbar:
Hör mal! Spalt mir die da und räum sie in den Schuppen! Er drückte Hauke zwei Hunderter in die Hand.
Hauke erledigte alles, wie der Geschäftsmann es wollte. Zurück im Haus legte er das Geld auf den Tisch.
Tante Ute, nimm das Geld.
Sie schüttelte den Kopf, doch ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Auf dem Land wurde selten mit Geld bezahlt. Meist galt eine andere Währung.
***
Am nächsten Tag kümmerte sich Hauke um den Motorpflug. Bald war Pflugzeit. Er saß im Hof und sortierte Ersatzteile, als plötzlich ein Junge hereinstürmte, die Augen voller Panik.
Wir sind auf den Eisschollen gefahren, und euren Jannik hats erwischt er kann nicht runterkommen!
Ute und Fiona stürzten heraus, alle rannten zum Fluss.
Die Scholle mit dem Jungen trieb langsam immer weiter vom Ufer weg, mitten in den Fluss hinein. Und flussabwärts näherten sich andere, riesige Schollen weiter oben musste sich das Eis gebrochen haben.
Fiona schrie auf.
Doch Hauke war bereits ins eiskalte Wasser gesprungen und schwamm zur Scholle. Er kletterte hinauf. Doch nun näherte sich eine gewaltige Eismasse. Gleich würden sie zerquetscht werden.
Hör zu, Jan! Hauke beugte sich zu dem Jungen. Du bist ein richtiger Junge, oder?
Wenn die große Scholle kommt, müssen wir rüberspringen, sonst erwischt sie uns. Wir haben nur Sekunden. Schaffst dus? Gib mir die Hand! Bereit? Spring!
Hauke packte den Jungen am Arm und warf ihn auf die andere Scholle. Er sprang hinterher, schlug sich dabei das Bein blutig. Die Hose färbte sich rot. Der Junge starrte auf seine zerschrammten Hände.
Doch nun trieben sie mitten im Fluss, wo die Strömung stärker wurde. Und sie wurden ins Ungewisse getragen.
***
Am Ufer starrten alle entsetzt auf die davontreibende Scholle.
Sie sind verloren! rief jemand.
Vielleicht nicht, überlegte der Dorfpolizist laut. Der Fluss macht gleich eine scharfe Biegung, und Hauke ist kein Dummkopf.
Dann rannte Jürgen zu seiner Niva, die am Ufer stand.
Hauke hielt den Jungen fest, versuchte, ihn ein wenig zu wärmen:
Hör zu, Kleiner. Die erste Prüfung haben wir geschafft. Jetzt kommt die nächste. Die Scholle wird nicht um diese Landzunge herumkommen wir werden dagegen knallen. Hart! Gehen wir ans andere Ende.
Das Ufer kam näher und näher. Ein Aufprall! Mit voller Wucht flogen sie über die Scholle und landeten auf dem Kies.
Wir leben! Hauke hob den Jungen hoch.
Mein Arm tut weh. Und mein Bein auch.
Ach was! Der Mann lächelte. Bis zur Hochzeit ist das verheilt.
Aber es blutet!
Halte durch! Wir müssen zur Straße.
Es tut so weh, jammerte der Junge.
Nicht rumheulen! Du bist ein Junge!
***
Nach ein paar Minuten erreichten sie die Straße. Da tauchte die Niva auf. Der Polizist sprang heraus:
Sieht aus, als lebtet ihr noch! nickte Hauke.
Ihr seht aber nicht gut aus! Schnell, steigt ein! Wir fahren ins Krankenhaus!
***
Die Tochter lag auf dem Bett und schluchzte. Ute wich nicht vom Fenster. Das Klingeln des Handys ließ beide zusammenzucken. Fiona griff danach. Auf dem Display stand: Dorfpolizist.
Was was ist mit ihnen? schrie sie und presste das Telefon ans Ohr.
Dein Jannik sitzt hier, ganz verbunden. Ich geb ihm mal den Hörer.
Mama, klang es aus dem Telefon.
Mein Junge, geht es dir gut?
Alles okay, Mama! Bin ich etwa kein Junge?
Siehst du, Fiona, alles in Ordnung! kam die Stimme des Polizisten.
Ute riss der Tochter das Handy aus der Hand:
Jürgen, Jürgen und mein Schwiegersohn?
Den nähen sie gerade. Warte, da kommt er.
Hauke, bist du da?
Ja, alles gut.
Tante Ute, alles in Ordnung! meldete sich der Polizist wieder. Ich bring dir gleich den Jungen und deinen Schwiegersohn zurück.
Ute seufzte erleichtert und winkte ihrer Tochter zu:
Hör auf zu liegen. Hör auf zu liegen. Die Kartoffeln sind gleich fertig, und das Holz ist gespalten. Setz dich auf, mach den Tisch zurecht. Der Junge kommt nach Hause und dein Schwiegersohn auch.







