Du graue Maus ohne Geld, sagte ihre Freundin. Und gerade zu meinem runden Geburtstag stand sie am Eingang mit einem Tablett.
Du hast einfach keinen Dreh, murmelte Katrin träge, während sie mit einem Strohhalm einen Cocktail umrührte, ihr Handgelenk von einem funkelnden, mit Edelsteinen übersäten Armband glitzerte.
Sie sprach mit dieser lässigen, fast nachlässigen Überheblichkeit, die längst zu ihrer Visitenkarte geworden war.
Es geht nicht ums Auftreten, flüsterte Heike Jermann und betrachtete den Haarriss in ihrer Tasse billigen Tees. Mir fehlt schlicht die nötige Erfahrung für die Stelle.
Erfahrung, Erfahrung wie langweilig, seufzte Katrin theatralisch. Wichtig ist das Glänzen in den Augen und teure Schuhe. Und du hast weder das eine noch das andere.
Katrin Belz warf Heike einen prüfenden Blick zu, der Heike das Gefühl gab, sich zusammenzurollen. Es war, als hätte man sie gescannt und das Urteil laut: Mangel, zu entsorgen.
Hör zu, ich will doch helfen, lehnte sich Katrin näher, ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern gesenkt. Du bist doch meine beste Freundin. Wer sonst sagt dir die Wahrheit?
Heike schwieg. Das Wort beste Freundin blieb in ihrem Hals stecken, scharf und fremd.
Versteh mich richtig: In unserer Welt beurteilt man nach Kleidung, aber verbindet man nach Kontakten. Du bist eine graue Maus ohne Geld. Solange du das nicht einsiehst, schlängelst du dich nur durch lausige Vorstellungsgespräche.
Jedes Wort traf ins Schwarze und raubte ihr die Luft aus den Lungen.
Ich starte gerade ein Projekt, fuhr Katrin fort, genüsslich über Heikes Reaktion lächelnd. Wir brauchen Leute für ganz einfache Aufgaben Papier sortieren, Kurierfahrer empfangen.
Sie machte eine Pause, ließ Heike das Angebot verdauen.
Ich könnte dich vorübergehend einstellen, bis du etwas findest, das dir wirklich zusagt, sagte sie mit einem kaum merklichen Lächeln.
Heike hob den Blick. In ihren Augen lag kühle Klarheit, als wäre etwas im Inneren erstarrt zu einem kalten Stein. Sie sah Katrin die perfekte Frisur, verächtlich gewölbte Lippen, ein Armband, das ihr Jahresgehalt wert war. Nicht mehr die Freundin, sondern die Räuberin, die ihr Demütigung schmeckte.
Danke für das Angebot, sagte Heike langsam. Aber ich lehne ab.
Katrins Augenbrauen schossen überrascht hoch. Das hatte sie nicht erwartet.
Ablehnen? Du? Wegen meiner Chance? klang ihr Stimme metallisch. Na, dann weine nicht, wenn du später für deine Mietwohnung nichts zahlen kannst.
Sie zog demonstrativ ein paar dicke Scheine aus ihrer Handtasche und ließ sie auf den Tisch fallen, mehr als genug, um die Rechnung zu decken.
Ich lade dich ein, rief sie über die Schulter, verließ den Raum, während ihre Absätze klirrend über den Marmorboden hallten.
Heike blieb allein sitzen. Sie rührte weder das Geld noch den kalten Tee an, blickte aus dem Fenster auf teure Autos, die vorbeizogen, und spürte zum ersten Mal nicht Verzweiflung, sondern ein prickelndes Kribbeln.
Am nächsten Morgen verwandelte sich dieses Kribbeln in eine kühle, pulsierende Energie. Heike war immer unscheinbar gewesen, doch sie sah und hörte, was andere übersahen: Details, Muster, verborgene Motive ihr einziger, echter Kapitalstock.
Sie setzte sich an ihren klapprigen Laptop und erstellte einen Plan. Auf der deutschen Freelancer-Plattform bot sie ihre Dienste an: Recherche und Analyse unstrukturierter Daten. Klingte nebulös, doch Heike wusste, was dahintersteckte.
Die ersten Monate waren ein Inferno: kleine Aufträge, launische Kunden, Bezahlung, die kaum die Miete und das Essen deckte. Mehrmals wollte sie aufgeben und Katrin anrufen, doch das Bild ihres Lächelns warf jede Versuchung zurück wie ein Stein gegen eine Wand.
Der Durchbruch kam nach einem halben Jahr. Eine kleine Anwaltskanzlei beauftragte sie, Daten über Konkurrenten für ein Gerichtsverfahren zu sammeln. Heike stürzte sich mit verzweifelter Entschlossenheit hinein. Eine schlaflose Woche später lieferte sie einen Bericht, der den Anwälten den Sieg brachte. Dreimal so viel Geld kam rein, und die Kanzlei wurde ein Stammkunde.
So entstand ein kleiner Strom von Aufträgen. Nach zwei Jahren hatte sie ein Büro und einen Assistenten.
Katrin rief ab und zu an. Ihr Leben klang wie ein ewiges Fest.
Heike, hallo! Ich bin gerade mit Partnern auf einer Yacht am Bodensee. Und du? Sitzt du immer noch in deiner kleinen Kammer?
Hallo. Nein, nicht mehr. Ich arbeite, antwortete Heike, während sie die Finanzberichte eines neuen Kunden durchblätterte.
Arbeitest du?, dehnte Katrin das Wort. Na, keine Scham, mein Platz als Mädchen für alle Fälle ist noch frei. Bring meinem neuen Assistenten den Kaffee.
Früher hätte Heike sich zurückgezogen, jetzt zuckte sie nur mit den Schultern:
Danke, aber das brauchst du nicht. Ich habe meine eigene Agentur.
Agentur?, ertönte ein Lachen aus dem anderen Ohr. Agentur für Bodenwischerei?
Doch Katrins Worte hatten keine Kraft mehr.
Vier weitere Jahre vergingen. Jermann & Partner hatte ein Büro im Zentrum, fünf Analysten im Team. Heike war in der Unternehmensnachrichtenbranche berühmt geworden. Genau dann schlug Katrin zu.
Ihre Firma Belz Gruppe stahl einen Schlüsselbericht von Heike. Sie engagierte einen jungen Angestellten mit Schulden und nutzte dessen Schwäche.
Heike sammelte Beweise, deckte Katrins finanzielle Löcher, Verschwendung und Betrug auf und schickte einem Investor einen makellosen Analysebericht.
Am nächsten Tag rief Katrin an:
Du hast alles ruiniert! schrie sie.
Ich habe nur meinen Job gemacht, erwiderte Heike gelassen.
Zwei weitere Jahre vergingen. In einem Restaurant auf der Dachterrasse eines Berliner Hochhauses feierte Heike Jermann ihr Jubiläum Glanz, Freunde, Sekt.
Dort, zwischen den Kellnern, stand Katrin in Uniform, ein Tablett in der Hand. In ihren Augen flackerte das Wiedererkennen: bei Katrin Hass, bei Heike nur kühle Gelassenheit.
Heike sah sie ruhig an, ohne ein Funken Schadenfreude. Sie nickte kaum merklich, als wolle sie das bloße Dasein der Rivalin akzeptieren, und wandte sich dann wieder den Gästen zu. Dieser kleine Akt war lauter als jeder tosende Schlager. Er sagte: Für Heike existierte Katrin nicht mehr als Person, sondern als anonyme Funktion, die im echten Geschäft keinen Platz hatte.
Katrin erblasste, biss sich auf die Lippe und eilte, fast schreiend, zum Hinterausgang.
Heike begleitete sie mit einem Blick und begriff: Die Welt ist erstaunlich gerecht. Wer dich als graue Maus bezeichnet, fällt oft selbst in die eigene Falle. Und das ist keine Rache, sondern das natürliche Gleichgewicht.
Epilog
Ein halbes Jahr später hatte Heikes Unternehmen internationale Kunden und neue Horizonte eröffnet. Eines Abends, beim Durchsehen ihrer EMails, stieß sie auf eine Nachricht einer Universitätsbekannten:
Stell dir vor, ich habe neulich Katrin Belz im Fitnessstudio am Stadtrand getroffen. Sie arbeitet dort als Administratorin. Man hat sie noch am selben Abend nach dem Skandal aus dem Restaurant rausgeschmissen. Sie versuchte sogar, mir Geld zu leihen und klagte, alle hätten sie verraten, die Welt sei ungerecht
Heike schloss das Notebook, ohne Triumph oder Mitleid zu empfinden. Katrins Lebensgeschichte war nicht mehr ihre.
Am nächsten Tag, als sie an einer Schaufensterfront vorbeiging, sah sie ihr Spiegelbild. Eine selbstbewusste Frau, die immer weitergeht und ihren eigenen Wert kennt.
Sie erinnerte sich an Katrins Worte über Glanz in den Augen und teure Schuhe. Die Schuhe waren tatsächlich nicht billig, doch der wahre Glanz kam nicht von ihnen. Er war das Ergebnis der Erkenntnis ihrer eigenen Kraft, des Bewusstseins, dass echter Wert nicht in dem liegt, was man trägt, sondern in dem, was man mit Kopf und Herz erschafft.
Sie ging in ihr Büro, wo bereits ein neuer, komplexer Auftrag wartete. Auf dem Stuhl sitzend, huschte ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht.
Die graue Maus war nie zur Raubkatze geworden. Sie verwandelte sich in das, was sie tief in ihrer Seele immer war eine kluge, unauffällige Jägerin, die Informationen schätzt und geduldig auf den richtigen Moment wartet.
Und dieser Moment war endlich da.







