An einem regnerischen Samstagmorgen drückte Jonas Bauer Milliardär, Tech-Gründer und übermüdeter alleinerziehender Vater die Tür eines gemütlichen Cafés auf. Neben ihm trottete seine vierjährige Tochter Lina, die seine Hand fest umklammerte. Seit seine Frau Miriam vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, schien die Welt grau. Nur Lina hielt die Erinnerung an sie wach, wie ein kleines Licht im Dunkeln.
Sie setzten sich in eine Eckbank. Jonas überflog die Karte mit müden Augen, während Lina ihr rosanes Kleidchen hin und her schwenkte. Plötzlich, mit kindlicher Bestimmtheit, flüsterte sie: Papa die Kellnerin sieht aus wie Mama.
Jonas erstarrte. Was hast du gesagt, Schatz?
Lina zeigte. Da.
Sein Blick folgte ihrer kleinen Hand und blieb hängen. Die Kellnerin lachte gerade mit einem Gast, und für einen Moment war es, als stünde die Vergangenheit leibhaftig vor ihm. Die sanften braunen Augen, das vertraute Lächeln mit den Grübchen, die Art, wie sie sich bewegte. Unmöglich. Er hatte Miriams Leiche gesehen. Er hatte die Papiere unterschrieben.
Doch als die Frau sich umdrehte, erkannte er Miriams Gesicht.
Sie bemerkte seinen Blick, erschrak leicht und verschwand in der Küche. Jonas Herz raste. War das ein grausamer Zufall? Oder etwas Unfassbares? Bleib hier, Lina, murmelte er und stand auf. Ein Mitarbeiter wollte ihn aufhalten, doch Jonas bat nur: Ich muss mit der Kellnerin sprechen. Dunkler Zopf, beige Bluse.
Minuten vergingen. Dann kam sie. Aus der Nähe traf ihn die Ähnlichkeit wie ein Schlag. Kann ich Ihnen helfen? Ihre Stimme war tiefer als Miriams, aber die Augen
Sie sehen aus wie jemand, den ich kannte, brachte er heraus.
Sie lächelte höflich. Passiert.
Kennen Sie den Namen Miriam Bauer?
Ein kurzes Zucken. Nein. Tut mir leid.
Er hielt ihr eine Visitenkarte hin. Sie nahm sie nicht. Einen schönen Tag noch, sagte sie und ging nicht ohne dass er das Zittern ihrer Hände bemerkte.
Nachts, als Lina schlief, grübelte Jonas. War es sie? Warum wirkte die Kellnerin so verstört? Eine kurze Onlinerecherche verriet nur ihren Vornamen: Anna. Er engagierte einen Detektiv. Sie sieht aus wie meine tote Frau, erklärte er.
Drei Tage später die Nachricht: Miriam war nicht die Fahrerin. Die Leiche trug ihre Sachen, aber die Zahnarztunterlagen passten nicht. Und Ihre Kellnerin? Sie heißt eigentlich Miriam Hartmann. Sie hat ihren Namen geändert.
Jonas kehrte ins Café zurück. Diesmal folgte Anna ihm nach draußen. Unter einem knorrigen Baum gestand sie: Ich sollte in dem Auto sein. Aber Lina hatte Fieber, also bin ich früher gefahren. Als ich den Unfall sah da fühlte ich Erleichterung. Dann Scham. Ich war nur noch die Frau an Ihrer Seite ich hatte mich selbst verloren.
Lina erkennt dich, sagte er. Komm nach Hause.
Am Abend betrat Miriam das Haus. Lina stürmte los. Mama?
Ja, mein Schatz, schluchzte Miriam. Ich bin da.
Jonas stand in der Tür, als bräche und heilte etwas zugleich in ihm.
In den folgenden Wochen lösten sie die rechtlichen Knoten ohne Medienrummel. Es gab Nudelabende, Gutenachtgeschichten und kleine Wunder im Alltag. Eines Nachts fragte Jonas: Warum jetzt?
Miriam sah ihn an. Weil ich weiß, wer ich bin. Nicht nur die Kellnerin Anna. Nicht nur Ihre Frau. Ich bin Linas Mutter.
Jonas lächelte, küsste ihre Stirn und nahm ihre Hand. Diesmal ließ sie nicht los.







