Mit 65 Jahren wurde mir klar, dass das Schlimmste nicht das Alleinsein ist, sondern zu betteln, dass meine Kinder anrufen, obwohl ich für sie zur Last bin.
Mama, hallo, ich brauche dringend deine Hilfe.
Die Stimme meines Sohnes kam aus dem Hörer, als würde er mit einem mürrischen Angestellten reden, nicht mit seiner Mutter.
Ursula Peters erstarrte mit der Fernbedienung in der Hand, ohne die Abendnachrichten anzuschalten.
Kurt, hallo. Was ist los?
Nichts, alles gut, seufzte Kurt ungeduldig. Wir mit Heike haben einen LastMinuteTrip gebucht, morgen früh gehts los.
Und den Herzog muss ich nicht mitnehmen? Wer soll ihn sonst haben?
Der Herzog, ein riesiger, plüschiger Hund, nahm in Ursulas kleiner Wohnung mehr Platz ein als der alte Sideboard.
Für lange Zeit? fragte Ursula vorsichtig, obwohl sie die Antwort schon kannte.
Vielleicht eine Woche, vielleicht zwei wenns klappt. Mama, wer sonst? Im Hundehotel wäre das Tierquälerei. Du weißt, wie empfindlich er ist.
Ursula blickte auf ihr frisch bezogenes Sofa, das erst seit einem halben Jahr mit hellem Stoff überzogen war. Sie hatte das Geld dafür lange zurückgehalten, um kleine Ausgaben zu vermeiden. Der Herzog würde das Sofa in ein paar Tagen zerreißen.
Kurt, das ist mir ist das gerade nicht recht. Ich habe gerade erst die Renovierung abgeschlossen.
Welche Renovierung? Hast du die Tapeten neu tapeziert?
Der Herzog ist doch artig, vergiss das Spaziergehen nicht. Heike ruft, die Koffer müssen gepackt werden. Wir bringen ihn in einer Stunde.
Nur ein kurzer Piepton. Er hatte nicht einmal nachgefragt, wie es ihr ging, noch zum Geburtstag letzte Woche gratuliert 65 Jahre.
Den ganzen Tag wartete sie auf den Anruf, bereitete ihren typischen Salat zu, zog ein neues Kleid an. Die Kinder hatten versprochen, vorbeizukommen, aber sie blieben aus.
Kurt schickte eine knappe Nachricht: Mama, Geburtstagsfeier! Wir sind im Büro. Olga schrieb nichts.
Heute: Dringend Hilfe nötig.
Ursula ließ sich langsam auf das Sofa sinken. Es ging nicht um den Hund oder die zerfetzte Polsterung.
Es ging um das demütigende Gefühl, nur dann gebraucht zu werden, wenn etwas von einem verlangt wurde. Sie war zur Notfallstütze, zur letzten Instanz eine menschliche Funktion.
Früher, als die Kinder noch klein waren, hatte sie sich gewünscht, dass sie eigenständig werden. Jetzt verstand sie, dass das Schlimmste nicht die Leere der Wohnung ist, sondern das erstickende Warten auf einen Anruf, wenn man nur als Dienstleister gilt.
Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Kurt stand mit dem riesigen Herzog an der Leine. Der Hund stürmte freudig hinein und hinterließ schmutzige Pfotenabdrücke auf dem glänzenden Fußboden.
Mama, hier das Futter, das Spielzeug. Drei Spaziergänge am Tag, du weißt Bescheid. Los, wir gehen, sonst verpassen wir den Flug! Er drückte ihr die Leine in die Hand und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor er die Tür hinter sich schloss.
Ursula blieb im Flur stehen, während der Herzog das Sofa beschnüffelte.
Ein Stück Stoff riss irgendwo im Hintergrund. Sie sah auf ihr Handy. Vielleicht sollte sie die Tochter anrufen? Olena? Doch ihr Finger blieb über dem Bildschirm.
Olga hatte seit einem Monat nicht mehr angerufen. Sie hatte ihr eigenes Leben, ihre eigene Familie.
In diesem Moment fühlte Ursula zum ersten Mal keine alte Wut, sondern ein kühles, klares Bewusstsein. Genug.
Der Morgen begann damit, dass der Herzog, aus Zuneigung ergriffen, auf das Bett sprang und zwei schmutzige Pfotenabdrücke auf die weiße Decke setzte. Das neue Sofa war an drei Stellen zerkratzt, und die LieblingsficusPflanze, die sie fünf Jahre gepflegt hatte, lag zerbissen am Boden.
Ursula goss sich einen Schluck Baldrian aus der Flasche und wählte die Nummer ihres Sohnes. Er nahm nicht sofort ab. Im Hintergrund hörte sie das Rauschen der Wellen und Kates Lachen.
Mama, was? Bei uns ist alles super, das Meer ist fantastisch!
Kurt, wegen des Hundes. Er zerstört die Wohnung, reißt das Sofa auseinander, ich komme nicht mehr klar.
Wie bitte? Er hat noch nie geknabbert. Vielleicht lässt du ihn zu sehr frei? Er braucht Bewegung. Wir sind gerade angekommen, wir wollen entspannen. Spaziere länger mit ihm, dann beruhigt er sich.
Ich habe ihn zwei Stunden morgens ausgeführt! Er zieht die Leine so stark, dass ich fast umgekippt bin. Bitte hol ihn zurück. Wir brauchen eine andere Unterbringung.
Eine Stille folgte, dann wurde Kurts Stimme hart.
Mama, ernsthaft? Wir sind am anderen Ende der Welt. Wie soll ich ihn holen? Du hast ja selbst zugestimmt. Willst du, dass wir unser ganzes Leben wegen deiner Launen aufgeben? Das ist egoistisch.
Das Wort egoistisch traf sie wie ein Schlag. Die ganze ihrige Existenz schien plötzlich eigennützig.
Kurt, ich
Schon gut, Katja bringt Cocktails. Unterhalte den Herzog, ihr kommt euch sicher an.
Ein weiteres Piepen. Ihre Hände zitterten, sie setzte sich an den Küchentisch, weit weg vom Chaos. Die Hilflosigkeit war fast körperlich. Sie beschloss, Olena anzurufen, die immer vernünftiger war.
Olena, hallo.
Hallo, Mama. Was passiert?
Kurt hat mir seinen Hund hinterlassen und ist weggeflogen. Der ist unbändig, zerfetzt Möbel, ich fürchte, er beißt mich bald.
Olena seufzte.
Mama, Kurt hat doch um Hilfe gebeten. Es war ein Notfall. Du musst doch verstehen, dass wir Familie sind. Der Schaden am Sofa? Kauf einfach ein neues. Kurt zahlt später.
Olena, es geht nicht ums Sofa! Es geht um die Haltung! Er stellt mich nur vor die Tür!
Und was soll ich tun? Auf die Knie? Du hast doch im Ruhestand, du hast Zeit. Pflege den Hund, das ist doch kein Problem. Mein Chef schaut gerade.
Das Gespräch endete.
Ursula legte das Telefon auf den Tisch. Das Wort Familie klang für sie jetzt nach einer Gruppe, die nur an sie dachte, wenn sie etwas brauchten, und Vorwürfen von Egoismus, wenn sie nicht sofort helfen konnte.
Am Abend klopfte die Nachbarin von unten, wütend wie eine Furie.
Ursula! Ihr Hund heult seit drei Stunden! Mein Kind kann nicht einschlafen! Wenn Sie nicht sofort etwas tun, rufe ich die Polizei!
Der Herzog bellte zustimmend hinter ihr. Ursula schloss die Tür, sah den Hund, der mit dem Schwanz wedelnd auf Lob wartete, dann das zerrissene Sofa, ihr Handy und das wachsende Ärgergefühl in ihrer Brust.
Sie nahm die Leine.
Komm, Herzog, wir gehen spazieren.
Sie führte den Hund durch den Park, spürte, wie die Spannung in ihren Schultern zu einem dumpfen, pochenden Schmerz wurde. Der Herzog zog fast die Leine aus ihren schwachen Händen. Jeder Ruck hallte in ihrer Seele wider, begleitet von den Worten ihres Sohnes und ihrer Tochter: Egoistisch, zu viel Zeit, schwer zu helfen.
Ein leichter Schritt kam ihr entgegen: Zina, eine ehemalige Kollegin, trug einen knalligen Schal, modern geschnittenes Haar und ein strahlendes Lächeln.
Ursula, ich habe dich gar nicht erkannt! Immer noch im Stress? Schon wieder mit dem Enkel? Sie zeigte auf den Herzog.
Das ist Kurts Hund, antwortete Ursula müde.
Ach so! Du bist hier die AllroundRetterin. Ich fliege nächste Woche nach Spanien, mache ein FlamencoWorkshop, mein Mann hat erst gezögert, dann gesagt: Geh, du hast es verdient. Und du? Wann hast du das letzte Mal wirklich geruht?
Zina fuhr fort: Du siehst erschöpft aus. Du kannst nicht alles allein tragen. Lass die Kinder ihr Leben leben, sonst bleibst du ihr DauerKindermädchen. Ich muss los, Probezeit. Sie ließ einen Duft von teurem Parfüm zurück.
Solange das Leben vorbeizieht, sagte Zina, und ihr Satz wirkte wie ein Sprengsatz. Ursula blieb wie erstarrt stehen, der Herzog blickte verwirrt zu ihr.
Sie griff nach ihrem Handy, tippte zitternd Hundehotel ein und landete sofort auf einer Seite mit glänzenden Fotos: geräumige Volieren, Schwimmbecken, GroomingSalon, Einzelstunden mit einem Hundetrainer Preise, die ihr den Atem raubten.
Sie wählte die Nummer.
Guten Tag, ich möchte ein Zimmer für meinen Hund buchen, zwei Wochen, alles inklusive, Spa und so weiter.
Ein Taxi rief sie direkt im Park. Der Herzog verhielt sich im Wagen überraschend ruhig, als wüsste er, dass Veränderungen kommen.
Im Hotel roch es nach Lavendel und teuren Shampoos. Eine lächelnde Dame reichte ihr einen Vertrag.
Ursula schrieb ohne zu zögern den Namen und die Nummer von Kurt als Eigentümer ein, die gleichen Daten auch als Zahlende. Sie legte die Anzahlung aus dem Geld, das sie für einen neuen Mantel gespart hatte, ein die beste Investition ihres Lebens.
Wir schicken täglich Fotos an den Eigentümer, sagte die Dame freundlich und nahm die Leine entgegen. Keine Sorge, Ihr Vierbeiner wird es lieben.
Zurück in ihrer nun stillen, leicht beschädigten Wohnung, trank Ursula zum ersten Mal seit Jahren einen ruhigen Tee, setzte sich an den Rand des noch halb intakten Sofas und schickte zwei identische Nachrichten eine an Kurt, eine an Olena.
Der Herzog ist sicher. Im Hotel. Alle Fragen bitte an den Besitzer.
Sie stellte den Klingelton aus. Drei Minuten später vibrierte das Telefon: Kurt. Sie nahm einen Schluck Tee, antwortete nicht. Kurz darauf kam Olenas Nachricht: Mama, was bedeutet das? Ruf sofort zurück!
Sie drehte die Lautstärke des Fernsehers hoch. Sie wusste, was am anderen Ende geschah Panik, Empörung, das Bedürfnis zu begreifen, wie ihre vorher so zuverlässige Mutter plötzlich so handeln konnte.
Zwei Tage später klopfte es energisch an der Tür. Kurt und Olena standen im Sonnenlicht, sonnengebräunt und wütend, ihr Urlaub offensichtlich ruiniert.
Mama, bist du verrückt?! Welches Hotel? Hast du die Rechnung gesehen? Willst du uns wegen eines Hundes ruinieren?
Ursula blieb ruhig.
Kommt rein, zieht eure Schuhe aus, ich wisch den Boden.
Ihre Gelassenheit überraschte sie mehr als jeder Streit. Kurt sah das zerrissene Sofa, den umgestürzten Blumentopf.
Was ist das hier? rief er.
Das sind die Folgen deines ausgebildeten Hundes in meiner Wohnung. Der Handwerker hat den Schaden geschätzt. Hier die Rechnung für neue Polster und einen neuen Ficus. Sie reichte ihm ein ordentliches Blatt.
Du stellst mir auch noch die Rechnung? schnaufte Kurt. Du hättest ihn doch im Auge behalten sollen!
Ich hätte?, erwiderte Ursula nach langer Zeit ohne Liebe, nur mit kühlem Interesse.
Ich schulde euch nichts, Kinder. Und ihr mir auch nicht.
Olena versuchte zu schlichten.
Mama, warum das Ganze? Wir sind Familie. Wir hätten das lösen können. Kurt schnaubte, Wer ist denn nicht fehlerhaft? Warum gleich das Extremste?
Ursula erklärte, dass Extreme dann auftreten, wenn ein Sohn seine Mutter des Egoismus beschuldigt, weil sie nicht will, dass ihr Zuhause zu einer Ruine wird, und eine Tochter sagt, man habe eine Menge Zeit, um den Bruder zu bedienen.
Kurt wurde rot vor Zorn.
Ich zahle nichts, nicht einen Cent, nicht für dein lächerliches Hotel!
Ursula erwiderte schlicht: Dann verkaufe ich das Ferienhaus.
Das war ein Schlag ins Herz. Das Ferienhaus, das sie für Grillabende, Sauna, Urlaub mit Freunden geplant hatte, stand nun in Gefahr.
Du hast kein Recht!, schrie Olena, vergaß die Verständigung. Das war auch unser Haus! Wir haben dort unsere Kindheit verbracht!
Ursula zuckte mit den Schultern. Die Unterlagen liegen bei mir, die Kindheit ist vorbei.
Das Geld, das sie gerade erst aus dem Verkauf des Hauses erhalten hätte, reichte aus, um die Kosten zu decken, den moralischen Schaden auszugleichen und vielleicht doch noch nach Spanien zu fliegen. Zina hatte ihr ja bereits von den schönen Stränden erzählt.
Sie sah sich an, nicht mehr als die stille, gehorsame Mutter, sondern als Frau mit einem Stahlkern, den sie bis jetzt verbergen musste. Zum ersten Mal seit Jahren herrschte in dem Raum eine gespannte Stille das Unbehagen des Eingeständnisses, das verloren war.
Eine Woche später übermittelte Kurt den vollen Betrag auf ihr Konto, ohne Entschuldigung, ohne weiteren Anruf. Ursula erwartete nichts mehr. Sie holte aus dem Dachboden einen fast neuen Koffer, wählte Zinas Nummer.
Hallo Zina, hast du noch einen Platz für das Flamenco?







