Einfach Du bist unwiderstehlich

Ich erinnere mich noch gut an die endlosen Abende, an denen ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam, um mit meiner Frau Nadine ein ruhiges Abendessen zu genießen. Stattdessen musste ich jedoch mit dem kleinen Neffen, dem ich kaum mehr als einen Verwandten nannte, zusammensitzen.

Für wen hat sie das Kind überhaupt bekommen? fragte ich Anja, meine Schwägerin, die in einer winzigen Wohnung im Frankfurter Westen lebte. Für uns oder nur für sie selbst?
Er ist ja nicht ganz fremd, zuckte Anja zusammen, während sie tief durchatmete. Ehrlich, es liegt mir nicht einmal selbst. Aber ich habe sie gebeten ihre Nägel brauchen dringend eine Behandlung. Und mit einem Kind lässt man sich kaum in den Salon schleichen.

Ich ließ meine Jacke los, ließ sie schwer auf den Stuhl fallen und zog mich schnell um. Der kleine Luca musste gefüttert werden, und das ließ sich deutlich leichter in gemütlicher Kleidung erledigen. Die Gefahr, an den Spuren von Babypüree zu kleben, war etwa 50 zu 50.

Ich verstehe ja alles, aber ohne manikürierte Nägel geht das nicht? sagte Anja, während sie die Trockennudeln aus dem Schrank zog. Bist du denn die Einzige, die das macht? Warum wird unser Familienleben zum Kindergarten?

Mama ist ja noch da, aber sie kann nicht täglich einspringen, fuhr ich fort.
Und du, du kannst das, erwiderte ich streng. Du kannst alles für jeden, außer für dich selbst und mich.

Zuerst runzelte ich die Stirn, dann seufzte ich und lockerte mich ein wenig. Mein Blick wurde weicher. Ich wusste: Meine Ehefrau ist kein Feind. Sie ist einfach unersetzlich.

Nadine, solange du das Kind nicht von deiner Schulter nimmst, wird es immer weiterkommen. Und du bist dann die Schuldige, weil du es trägst, sagte ich. Wer das Fahrzeug lenkt, fährt auch.

Nadine tat so, als wäre das Kochen ihr einziger Gedanke, doch innerlich wusste sie, dass ich Recht hatte. Sie wusste jedoch nicht, wie sie damit umgehen sollte. Sie wollte weder die zweite Mutter für Luca sein, noch den Sturm mit der Familie anheizen.

Alles begann harmlos

Nadine, ich bin krank und halte den kleinen Lukas in den Armen. Wir müssen zur Apotheke, aber ich kann ihn nicht allein lassen. Ich schaffe das nicht zu zweit, flehte Anja. Hilf mir bitte.

Da sprang Nadine ohne Zögern vor ohne darüber nachzudenken, dass man vielleicht einen Lieferservice hätte rufen können. Ihre Schwester war krank, vielleicht sogar schwer, und Nadine fühlte sich verpflichtet zu retten.

Bald war das Retten zur Routine.
Brauche das Telefon aus der Reparatur, rief Anja. Wir sind ohne Lebensmittel, meldete sich Nadine erneut. Paket in der Abholstation, sprintete sie wie eine persönliche Kurierin.

Nadine konnte das leisten, weil sie im HomeOffice mit flexiblen Zeiten arbeitete. Das bedeutete jedoch nicht, dass es ihr bequem war. Der Weg zu Anjas Wohnung dauerte fünfzehn Minuten. Hin und her, plus die Zeit für den Einkauf, das Anstehen und all die Kleinigkeiten, kostete mindestens eine Stunde.

Sie arbeitete meist abends und nachts, wenn niemand laute Geräusche machte. Ihr Mann, Jürgen, war darüber natürlich nicht begeistert und Nadine selbst ebenfalls. Sie versuchte, mit ihrer Schwester zu reden.

Anja, was ist mit Pashas Situation? Hilft er dir überhaupt? fragte Nadine vorsichtig, während sie ein weiteres Paket von DHL übergab.
Er hilft, ja, antwortete Anja bereitwillig. Er arbeitet nur. Müde kommt er nach Hause. Wenn Gott will, sitzt er mit dem Kleinen, während ich schnell dusche, der Rest liegt bei mir.

Anja schützte ihren Mann, nicht aber den fremden Mann. Auch an die Schwiegermutter dachte sie nicht. Nadine zuckte mit den Schultern und schwieg einen Moment.

Und seine Mutter? Sie wohnt doch ganz in der Nähe.
Erzähl mir bloß nichts von ihr!, rollte Anja die Augen. Mit dieser alten Nörglerin habe ich nichts zu tun. Sobald sie kommt, wird es nur noch nerven. Sie ist keine Frau, sondern eine Quelle unerbetener Ratschläge. Lieber sterbe ich vor dem Hunger, als sie um etwas bitten zu müssen.

Gibt es denn gar niemanden sonst? Oksana hat ja auch ein Kleinkind, fast genauso alt wie deins. Wir könnten uns absprechen: einer hüten, der andere Besorgungen machen. Oder Kristina, die gar nicht arbeitet.
Mir ist es unangenehm, fremde Leute zu belasten, gab Anja zu. Sie sind doch nicht verpflichtet.

Eigene zu belasten ist bequem, dachte Nadine seufzend.

Damit beschloss sie, das Angebot ihrer Schwester abzulehnen ein Entschluss, den ihr Mann bereits angeregt hatte. Sie wusste, dass das nicht sein sollte.

Der passende Moment kam schnell: Am nächsten Tag rief Anja an und sagte, sie sei jetzt im Friseursalon.
Nadine, komm zu uns und pass auf den Kleinen auf. Ich bin nur eine Stunde.

Der Ton war befehlend, nicht mehr Bitte, sondern Forderung. Das ärgerte Nadine. Warum sollte sie ihr Leben umkrempeln, damit Anja ihr Aussehen verschönern kann?

Nein, Anja, heute schaffe ich das nicht. Entschuldige.
Was meinst du mit nicht?
Ich kann nicht all deine Probleme für dich lösen. Ich habe auch ein Leben.
Ich verstehe, aber was soll ich tun? Du bist die Einzige, die ich habe. Ich habe mich schon angemeldet, ich will dich nicht im Stich lassen.

Anja, du hast nicht mit mir abgesprochen, bevor du dich angemeldet hast. Ich bin keine Laufbursche und keine Mutter. Regel das selbst.
Klar, sagte Anja gereizt nach kurzer Pause. Du hast ja keine Kinder, das verstehst du nicht.

Nadine wusste das, weil ihr Neffe Luca nach und nach zu ihrem eigenen Sohn wurde. Doch sie schwieg. Sie war ein konfliktvermeidender Mensch, und selbst dieses Nein war für sie ein kleiner Akt.

Anja gab jedoch nicht auf und zog ihre Mutter ins Boot.

Nadine, wie kannst du das?, begann die Mutter. Du bist doch meine Schwester, du hast ein Kind im Arm, und du weigerst dich? Wer soll ihm sonst helfen?
Mama, als sie mich bat, Medikamente zu holen, bin ich gegangen, weil es wichtig war. Jetzt ruft sie mich täglich wegen Kleinigkeiten und jetzt will sie zum Friseur!
Sie ist doch auch nur Frau, sie will schön sein. Stell dir das mal vor.

Nadine hob die Augenbrauen. Niemand durfte sich in ihre Lage versetzen.

Mama, wenn du so schlau bist, dann hilf ihr doch.
Ich?, staunte die Mutter. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten! Du bist jung, das geht dir leichter.

Jung, kinderlos, doch zu Hause, hörte Nadine immer wieder. Es war ihr zu viel. An diesem Tag sagte sie genug und half nicht mehr.

Als Gegenreaktion schwiegen sowohl Mutter als auch Anja eine ganze Woche, als wären Nadine plötzlich nicht mehr existent. Andere hätten das vielleicht gelassen und durchgeatmet, doch Nadine fand keinen Platz, um Frieden zu schließen.

Nach einer Woche rief Anja erneut an und bat wieder, dass Nadine den Kleinen betreut, während sie zum Nagelstudio geht. Nadine nahm widerwillig wieder die Rolle der kostenlosen Kindermädchen an. Es schien, als gäbe es nur zwei Wege: das Ausgestoßene in der eigenen Familie zu werden oder das ewige Dableiben zu ertragen.

Nadine, du bist zu weich, dann wieder zu hart, sagte Jürgen, nachdem er ihr zugehört hatte. Sei vorsichtig, sonst bleibt sie dir ewig am Schuh.

Nadine seufzte und nickte. In der Nacht dachte sie darüber nach, wie sie ablehnen könnte, ohne Vorwürfe zu ernten.

Kurz darauf klingelte das Telefon vorhersehbar.

Nadine, ich schaffe das nicht mehr Der Kleine hustet, hat Fieber, schreit vom Morgen an, und ich renne wie ein Hamster im Rad! Ich kann nicht mal zur Toilette gehen. Komm zu uns, dann schaffen wir das zu viert.

Ich kann nicht, ich habe Arbeit. Wir haben jetzt strenge Programme, die jede Aktivität am PC überwachen, lügte Nadine. Selbst in der Mittagspause darf man nicht weg.

Einige Sekunden Stille folgten. Anja suchte nach einem Angriffspunkt.

Bitte, nur dieses eine Mal, das letzte! Frag jemanden, der dich vertritt, oder nimm einen freien Tag.

Anja verstand nicht, dass Nadine keine Wahl mehr hatte. Sie tat so, als gebe sie nach.

Okay ich überlege etwas.

Nadine legte auf und schrieb Pasha, den Bruder von Jürgen, um die Nummer der Schwiegermutter zu erfragen. Pasha zögerte nicht, die Schwiegermutter kam sofort vorbei, um Anja zu helfen.

Nadine konnte exakt sagen, wann die Schwiegermutter eintraf, weil die Nachrichten danach nur so flogen.

Bist du jetzt komplett verrückt?, schrieb Anja. Warum hast du sie gegen mich aufgebracht?
Du brauchtest doch Hilfe. Ich habe sie nur gebeten, zu kommen, antwortete Nadine, als wäre nichts geschehen. Ich selbst kann nicht kommen, das weißt du ja.

Anja las die Nachricht, schwieg aber. In diesem Moment spürte Nadine, dass sie einen kleinen Sieg errungen hatte. Vielleicht nicht den großen Krieg, aber eine kleine Schlacht war gewonnen. Ja, Anja würde noch weiter schimpfen, ja, die Mutter würde wieder unzufrieden sein doch nun musste die Schwester lernen, selbst zu handeln oder Hilfe von denen anzunehmen, die wirklich bereit sind.

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