Hinter meinem Rücken

Hinter meinem Rücken
Ach Gott, hör endlich auf, dich als Heldin aufzuspielen und zu tun, als würdest du alles allein schaffen, sagte Ulrike und legte auf den Tisch einen Beutel Windeln und eine Packung Babykakao. Ich habe deine Posts gesehen, die schönen Beiträge. Du hast ja keine Ahnung, wie es wirklich läuft.

Inga blickte nicht einmal zu ihrer Schwester. Sie starrte mit ausdrucksloser Miene auf ihr Handy. Im Nebenzimmer dröhnte das laute AufschreiRufen ihres zweijährigen Sohnes Viktor, der verzweifelt nach Aufmerksamkeit verlangte. Inga rührte sich nicht.

Viktor, ich komme gleich! schrie die Mutter aus dem großen Schlafzimmer und ging, um den Enkel zu schaukeln.

Ulrike zog in der Zwischenzeit ihre Jacke aus, hängte sie über den Stuhl und wandte sich zu ihrer Schwester. Sie war zu verärgert, um einfach nachzugeben.

Sag mir ehrlich, glaubst du wirklich, du schaffst das, dass du eine gute Mutter bist? Oder wiederholst du nur Sprüche aus den sozialen Netzwerken wie ein Papagei?

Inga seufzte, hielt kurz inne, aber sie erwiderte den Blick nicht.

Hör zu, ich habe dich nicht gebeten, irgendwas zu kaufen.
Genau, nicht gebeten. Immer das gleiche: Du sitzt hungrig da, mit schmutzigen Windeln, bis Mama die Suppe bringt und die Windeln kauft. Und dann sollst du wieder eine starke Frau sein.

Ein Schweigen legte sich über das Zimmer. Auch Viktor verstummte hinter der Wand. Nur die sanfte Stimme der Mutter war zu hören. Ulrike schloss für einen Moment die Augen.

Sie waren alle nach eineinhalb Jahren erschöpft.

Inga hatte sich vom Vater getrennt, als Viktor kaum sechs Monate alt war. Der Abschied war laut, ein Aufruhr, weil er nicht einmal das Geschirr abwaschen oder eine Windel wechseln konnte. Dieter, ihr ExMann, zuckte nur mit den Schultern. Er arbeitete in zwei Schichten, kam spät nach Hause, war so erschöpft, dass er manchmal sitzend einschlief. Trotzdem bemühte er sich: Er wusch Fläschchen, trug Taschen, sang sogar Schlaflieder wenn auch schief.

Er hat uns verraten, sagte Inga damals. Er hat seine Arbeit vor uns gestellt.

Ulrike zuckte nur mit den Schultern: Jeder hat das Recht, seine Entscheidungen zu treffen.

Doch nicht dann, wenn jemand das Jeder auf den Hals eines anderen legt und stolz darauf verzichtet, Unterhalt zu fordern. Inga lebte nun fast wie im Urlaub. Ihr Vater zahlte, ihre Mutter kochte, und sie postete stolz über innere Stärke und weibliche Unabhängigkeit.

Die Mutter trat ein, zwei graue Halbmonde standen unter ihren Augen.

Viktor hat geschlafen, Gott sei Dank. Ulrike, warum greifst du Inga wieder an?
Ich? Angreifen? Ulrike konnte kaum lachen. Ihr wisst doch, sie wäscht sogar nicht mehr den Hintern, und sie wird nichts merken. Alles passt ihr.
Ich verlange nichts, übrigens. Niemand schuldet jemandem etwas! flammte Inga auf.
Genau, du schulst doch niemanden. Du lebst hier und nutzt einfach alles.

Inga erinnerte sich, wie vor zwei Monaten ihr Vater erneut die Anfertigung einer Krone verschoben hatte.

Kein Problem, ich warte, sagte er damals lächelnd zu ihrer Mutter. Wir müssen Viktor endlich anziehen, sonst wird er noch zum Greis.

Ihr Vater beschwerte sich nie. Später erfuhr die Familie, dass er seine wichtigen Medikamente nicht nahm, weil das Geld dafür fehlte. Ulrike überwies still das Geld und hoffte, dass es für die Medizin verwendet würde.

Inga sprang auf, lief an Ulrike vorbei und verschwand aus dem Gespräch ganz wie immer.

Ulrike bitte Inga ist
Was, Inga? Ihr geht es doch gut. Nur ihr Stolz wird euch umbringen. Weißt du, Mama Geldprobleme löst man nicht mit aufgeblasenen Lippen. Du hast nach dem Schlaganfall, dein Vater hat Herzprobleme. Und sie tut so, als wäre sie die Heldin einer HollywoodSeifenoper: einsam, stolz, unverstanden.

Die Mutter sah ihre Tochter mit schmerzvollem Blick an. Alle verstanden, aber niemand konnte etwas tun.

Ulrike ging zur Tür, blieb jedoch stehen. Sie wollte etwas Warmes, Freundliches sagen, damit die Mutter nicht nach ihrem Weggang weinte.

Machs gut, Mama. Schau nach der Hausapotheke und sprich mit Papa. Ich bringe morgen die Tabletten, falls sie ausgehen.
Ul danke, murmelte die Mutter bedrückt.

Ulrike verließ das Haus, ohne sich umzudrehen. Sie wusste, dass Tränen folgen würden.

Eine Woche verging. Ulrike kam seltener. Sie ärgerte sich nicht, wollte nur nicht das Elend ihrer Eltern mit ansehen. Sie brachte Geld, Medizin, ein paar Dinge für Viktor und ging dann rasch wieder. Inga nahm alles mit gleichgültiger Miene an, als wäre es selbstverständlich.

Eines Morgens, beim Durchsuchen ihrer Kontakte, stieß Ulrike auf einen fast vergessenen Namen: Klaus. Er hatte früher mit Dieter zusammengearbeitet. Ein Funken Hoffnung glomm auf. Vielleicht ein Zeichen.

Drei Tage später trafen sich Ulrike und Dieter in einem kleinen Café. Ulrike trommelte nervös mit einer Serviette. Dieter kam sieben Minuten zu spät, entschuldigte sich und setzte sich gegenüber. Er wirkte dünner, das Alter stand ihm nicht gut zu.

Du verstehst begann er nach Ulrikes langer Schilderung. Ich will meinen Sohn nicht aufgeben. Ich habe versucht, alles zurückzugewinnen. Nur selbst wenn ich Geld schicke, schickt sie es zurück und macht Drama.
Sie wird das nicht lange durchhalten, seufzte Ulrike. Dein Vater teilt die Tabletten, die Mutter hat das Sanatorium abgelehnt. Und Inga hat irgendwelche dummen Prinzipien. Aber niemand ist schuld, dass sie solche Gedankengänge hat.

Dieter nickte, bereit, das Problem zu lösen.

Lass uns so machen: Ich überweise dir Geld, du verteilst es. Schick mir Belege oder Fotos danke, sonst vertrauen wir uns. Ich will nur, dass Viktor ein normales Leben hat und deine Eltern nicht mehr unter diesem Druck leiden.

Ulrike war unsicher, ob das richtig war; es fühlte sich wie Verrat an. Doch die Schwester war nicht unfehlbar.

Zwei Tage später kam die erste Überweisung: 120Euro. Ulrike schickte das Geld sofort an ihre Mutter. Sie staunte mehr über die Summe als über die Geste, denn Ulrike hatte schon früher geholfen.

Dann folgte ein kleinerer Betrag für die Medikamente des Vaters, danach Geld für Viktors neue Schuhe.

Inga bemerkte nichts, oder tat zumindest so, als würde sie nichts sehen.

Eines Abends kam Ulrike kurz zu Besuch. Inga war im Bad, Viktor schaute fern, die Mutter knetete Knödel, der Vater half ihr.

Ulrike, wir haben dank deiner Hilfe Viktor eine neue Jacke gekauft! strahlte die Mutter. Du bist unser Held. Wir kommen kaum noch an deine Unterstützung ran Vielleicht schaffen wir es bald selbst?

Ulrike spürte ein unangenehmes Ziehen im Gewissen. Sie hatte schon oft ungerechtige Lobeshymnen erhalten, und jedes Mal lastete das Gewicht der Schuld auf ihr Herz. Jetzt drohte die ganze Hilfskette zu zerreißen.

Mama ich muss euch etwas sagen. Es ist nicht ich, es ist Dieter, der hilft, flüsterte sie.

Stille breitete sich aus. Der Vater legte das Nudelholz beiseite, die Mutter erstarrte mit dem Löffel in der Hand.

Dieter? fragte sie verwirrt. Inga meinte, er sei verschwunden.
Ja, er hat mir gesagt, er unterbricht den Kontakt, weil sie ihn immer ignoriert, sagte Ulrike. Egal, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Wichtig ist, dass geholfen wird.

Die Eltern nahmen die Nachricht gelassen auf und akzeptierten das Geld nun ohne schlechtes Gewissen.

Doch ein neues Problem tauchte auf.

Danke, Dieter. Jetzt ist es ein Stück leichter, murmelte die Mutter leise im Gespräch über das nächste Monatsbudget.

Sie wusste nicht, dass Ulrike noch wach war und jedes Wort hörte.

Dann eskalierte es.

Also nehmt ihr das Geld von meinem ExFreund hinter meinem Rücken?! stürmte Inga in die Küche. Ihr seid Verräter! Ihr habt euch verschworen!

Ein ganzer Verhörmarathon folgte. Die Mutter brach schließlich zusammen vor Druck. Inga rief später mitten in der Nacht Ulrike an.

Du dachtest, du bist die Klügste, alles heimlich zu regeln? Du hast mich demütigt! Mein Kind braucht keine Almosen! schrie sie wütend.
Was redest du da, Inga? gähnte Ulrike müde. Ich tue nur das, wozu dir Kraft und Gewissen fehlen. Hör auf, alles Schlimme auf mich zu projizieren.
Schluss jetzt! schrie Inga. Ich will keine Hilfe von euch! Und ich schaffe das allein!

Inga packte ihre Sachen, setzte Viktor in den Kinderwagen, knallte die Tür zu und verschwand in der Nacht, ohne zu sagen, wohin.

Im Kopf drehte sich ein Satz, den ihre Freundin Lena vor einem halben Jahr gesagt hatte: Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich. Was einst schöne Worte waren, war jetzt ihr einziger Anker.

Lena war überrascht, lehnte aber nicht ab. Sie nahm Viktor auf, kochte für ihn, fragte vorsichtig nach dem Geschehen.

Alles in Ordnung, nur es ist stickig hier, stöhnte Inga. Ich will allein sein. Erst bei dir, dann weiter.

Die erste Nacht verging still. Lena freute sich über Gesellschaft, doch am Morgen häuften sich die kleinen Vorwürfe. Inga räumte das Geschirr nicht weg, beschwerte sich über das Essen, wechselte plötzlich das Salz gegen zu viel Fett.

Ein Tag später zog Inga heimlich eine versiegelte KaffeebohnenPackung aus dem Schrank, ohne zu fragen das war ihr Notvorrat für Geschenke. Am Abend klagte sie über Geld.

Mein letztes Geld ging für Windeln drauf. Kannst du mir etwas leihen? Bitte bis ich eine Arbeit finde.

Lena lächelte angespannt und versprach, zu prüfen. Kurz darauf, als Viktor eingeschlafen war, klopfte Lena an und sagte, dass ein Freund aus Köln, Armin, bald zu Besuch komme.

Willst du gehen? fragte sie verwirrt.
Nicht ich meine Hast du woanders ein Bett? fragte Inga zaghaft.
Ja, ich habe ein paar Optionen, nickte Lena, obwohl ihr Herz schwer war.

Inga packte in stiller Traurigkeit ihre Sachen, zog Viktor an, schnürte ihm die Schuhe und verließ das Haus, ohne Abschied.

Auf der Straße fühlte sie sich leer, beschämt und ängstlich. Die Gedanken wirbelten wie Messer in ihrem Kopf. Zu ihren Eltern? Nie. Sie sollten mit ihren Pillen und dem Sanatorium weitermachen. Mit Lena war alles klar.

Dann erinnerte sie sich an Dieter. Er wollte die Beziehung wieder aufnehmen, obwohl sie ihn ignoriert hatte. Unter den vielen, die ihr helfen konnten, blieb nur er. Sie wählte seine Nummer.

Hallo?
Hier ist Inga. Wir könnten bei dir für ein paar Tage bleiben?

Ein kurzer Stopp, dann:

Natürlich, Dieter antwortete vorsichtig, doch mit einem warmen Unterton.

Damit endete das Gespräch, und ein neues, unbeholfenes Zusammenleben begann ohne Vertrauen, aber zumindest vorhanden.

Ulrike erfuhr zuerst von der Wiedervereinigung. Ihre Eltern versuchten, Inga zu erreichen, aber ohne Erfolg. Am dritten Tag gaben sie auf, am vierten meldete sich Ulrike.

Hallo?
Ja, kam Ingas leise Stimme. Wir sind bei Dieter. Ich melde mich später.
Bei Dieter? Geht es Viktor gut?
Ja, alles in Ordnung.

Ulrikes Augenbrauen hoben sich überrascht. Sie lächelte schwach: Besser so, als dass die Eltern weiter unter der Last leiden. Jetzt blieb nur die Hoffnung, dass der Stolz, der Inga zu Dieter trieb, nicht zu einem zweiten Bruch führt.

**Die Geschichte lehrt, dass echter Mut nicht darin besteht, alles allein zu stemmen, sondern darin, Hilfe anzunehmen, bevor Stolz das Herz erstickt.**

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