Hey du, ich muss dir unbedingt erzählen, was bei mir in den letzten Monaten passiert ist das ist fast wie ein kleiner Film, nur dass das Leben echt ist.
Meine Mutter, Kirsten Müller, hatte lange nicht mehr ihre kleine Wohnung in Berlin betreten. Sie wollte nicht, sie konnte nicht. Tränen waren schon lange weg, das ganze Kummergewicht hatte sich in eine dumpfe, dauerhafte Schmerzen verwandelt, die einfach nicht mehr nachließ.
Ihr Sohn, Sven, war 28, immer gesund, hatte das Studium an der Technischen Uni abgeschlossen, arbeitete in einer ITFirma, ging regelmäßig ins Fitnessstudio und war mit seiner Freundin, Anna, zusammen. Vor zwei Monaten legte er sich einfach zum Schlafen hin und wachte nie wieder auf.
Kirsten ließ sich scheiden, als Sven erst sechs war, sie war damals dreißig. Der Grund war banal wiederholter Seitensprung. Der ExVater zahlte keinen Unterhalt, versteckte sich. Sven wuchs ohne Vater auf, die Großeltern halfen aus. Es gab ein paar Flirts, aber nie ein zweites Mal die Ehe.
Kirsten war Ärztin, Augenärztin, und hatte zunächst einen kleinen Laden im Supermarkt gemietet, wo sie Brillen verkaufte. Dann nahm sie einen Kredit auf, kaufte ein eigenes Geschäft, das jetzt Augenblick Optik heißt, und führte dort ihre Praxis. Letztes Jahr kauften sie Sven eine Einzimmerwohnung in Hamburg, machten ein bisschen Renovierung das sollte richtig wohnen werden.
Eines Tages, als überall Staub lag, griff Kirsten nach dem Staubtuch, schob das Sofa ein Stück und plötzlich fiel aus dem Polster ein Handy Svens Handy. Sie fand es nicht gleich, legte es dann beim Aufladen beiseite.
Zuhause saß Kirsten mit Tränen in den Augen und scrollte durch die Fotos auf dem Handy: Sven bei der Arbeit, beim Grillen mit Freunden, mit Anna im Park. Dann öffnete sie Viber und oben stand eine Nachricht von ihrem alten Bekannten Dennis, ein Foto einer jungen Frau mit einem kleinen Jungen. Der Junge sah fast genauso aus wie ihr kleiner Sven!
Weißt du noch, wir haben an Silvester bei Lena abgefeiert, früher noch an der Uni? Dort war noch eine Freundin. Ich habe sie mit ihrem Sohn getroffen, sie wohnt gegenüber. Der Junge ist ganz süß, hier ein Bild zum Erinnern, stand da. Die Nachricht kam nur eine Woche vor dem Unglück. Also wusste Sven davon und hat nichts gesagt.
Kirsten kannte Dennis gut, er wohnte nicht weit entfernt.
Am nächsten Tag fuhr sie nach der Arbeit zum Haus, wo das Kind spielte. Der Junge, den sie sofort als ihren Enkel erkannte, rannte mit einem Fahrrad hinter einem anderen Jungen her und bat, mitfahren zu dürfen. Kirsten beugte sich zu ihm und fragte: Hast du kein eigenes Fahrrad? Der Junge schüttelte den Kopf.
Da kam die Mutter des Jungen, etwa Anfang zwanzig, mit auffälligem, etwas grell geschminktem Gesicht. Und wer sind Sie?, fragte sie. Ich glaube, ich bin die Oma des Jungen, sagte Kirsten lächelnd. Ich heiße Maren, ich bin seine Mutter. So stellten sie sich vor.
Kirsten lud sie in ein Café ein, bestellte für den kleinen Fritz ein Eis und für sich einen Kaffee. Maren erzählte, dass sie vor sechs Jahren aus einem kleinen Dorf in Sachsen kam, war damals siebzehn, hatte eine Lehre zur Schneiderin begonnen. Über die Silvesterferien kam ihre Freundin Lena zu ihr, die bei ihr übernachtete. Lenas Eltern waren weg.
Lena kannte Dennis, der an Silvester mit seinem Freund Sven gefeiert hatte. Und ja, Maren und Sven hatten damals eine kurze Affäre. Sven ließ Maren seine Nummer, versprach zu telefonieren, aber er rief nie an. Als Maren schließlich merkte, dass sie schwanger war, rief sie ihn an. Er wurde wütend, schrie sie an, sagte, sie solle sich um Verhütungsmethoden kümmern, ließ ihr Geld für einen Schwangerschaftsabbruch liegen und bat sie, aus seinem Leben zu verschwinden. Nie sah sie ihn wieder.
Maren konnte die Lehre nicht beenden, das Wohnheim verlangte das Kind, und zurück ins Dorf ging es nicht ihre Eltern waren lange weg, ihr Vater und ihr Bruder tranken. Jetzt wohnt sie in einem kleinen Zimmer bei einer alleinstehenden Rentnerin. Sie betreut ihr Kind, während sie in einer kleinen Fabrik in der Lebensmittelproduktion arbeitet, verdient nicht viel, aber das reicht. Der Kindergartenplatz für Fritz steht noch nicht fest.
Kirsten hat Fritz und Maren dann in Svens Wohnung gebracht. Und plötzlich drehte sich ihr Leben komplett.
Der Kleine kam in einen guten privaten Kindergarten. Kirsten musste neue Kleider für Maren und für den Jungen kaufen, und sie verbrachte viel Zeit mit ihm er sah Sven in jedem Blick, jeder Geste, sogar im sturen Temperament.
Kirsten nahm Maren unter ihre Obhut, zeigte ihr, wie man Makeup richtig aufträgt, sich kleidet und umsorgt, kochte zusammen, hielt die Wohnung sauber kurz gesagt, sie lehrte sie alles, was sie brauchte.
Eines Abends saßen sie zusammen, schauten fern, und Fritz umarmte seine Oma, kuschelte sich an sie und sagte: Du bist die Beste, Oma! In dem Moment merkte Kirsten, dass das lähmende Vakuum in ihr nicht mehr da war, die Trauer drückte nicht mehr wie ein bleierner Stein. Sie fühlte, dass sie zurück ins echte Leben gefunden hatte, mit Platz für Freude. Und das alles dank dieses kleinen Menschen, ihres Enkels.
Zwei Jahre später brachte Kirsten mit Maren Fritz in die erste Klasse. Maren arbeitet jetzt fest bei Kirsten und ist ihre unentbehrliche Assistentin. Sie hat einen Freund, der ernsthafte Absichten hat das ist völlig okay, das Leben geht weiter.
Und wer weiß, vielleicht wird ich bald selbst heiraten. Ein langjähriger Kumpel drängt mich, und warum nicht? Ich bin 54, attraktiv, selbstständig, schlank und habe einen tollen Charakter.
Ich wollte das einfach mit dir teilen, weil es mich echt berührt hat. Hoffe, dir geht’s gut! Bis bald.







