Du warst schon immer eine Last für mich», sagte der Ehemann vor den Ärzten

Du warst schon immer eine Last, sagte der Mann vor den Ärzten.

Hildegard, lassen Sie doch die Infusionen, Sie tauschen sie nun schon seit drei Stunden! Gehen Sie nach Hause, morgen früh können Sie weitermachen. Der Leiter der Inneren Medizin blieb in der Tür des Behandlungszimmers stehen und sah der älteren Krankenschwester zu, die sorgfältig Fläschchen sortierte. Ihr Günter wartet sicher schon auf Sie.

Mein Günter wartet seit dreißig Jahren auf mich und lebt noch immer, erwiderte Hildegard lächelnd, während ihre Hände weiterarbeiteten geschickt prüfend, ordnend, in Fächer legend. Keine Sorge, Herr Doktor Schneider, ich bin gleich fertig. Ich will nur, dass für die Morgenvisite alles bereitsteht.

Der Chefarzt schüttelte den Kopf, doch er widersprach nicht. Nach vierzig Jahren im Krankenhaus hatte Hildegard das Recht, die Dinge auf ihre Weise zu regeln. Ihre Gründlichkeit und Hingabe waren legendär.

Übrigens, sagte er, schon halb zur Tür gewandt, eine Patientin aus Zimmer sieben hat nach Ihnen gefragt. Beate Müller. Sie meinte, Sie hätten ihr irgendwelche Tropfen versprochen.

Ach, stimmt! Hildegards Hände flogen erschrocken hoch. Das ist mir völlig entfallen. Die arme Frau schläft so schlecht. Ich wollte ihr das Mittel von Doktor Bauer besorgen.

Na also, kümmern Sie sich darum und gehen dann heim, sagte der Chefarzt streng. Sonst ruft Ihr Günter morgen an und beschwert sich, dass ich Sie ausnutze.

Hildegard lachte.
Wird er nicht. Er hat sich nie mit Telefonen anfreunden können. Sagt, er sei zu alt für diese modernen Spielereien.

Als der Arzt gegangen war, beendete sie die Infusionen und ging zu Zimmer sieben. Dort lag, am Fensterbett, eine Frau um die fünfzig, schmal, mit vorzeitig ergrautem blondem Haar. Trotz der Krankheit lag in ihren Augen eine stille Würde und versteckte Traurigkeit.

Frau Müller, Sie suchten mich? Verzeihen Sie, ich war im Stress. Hildegard setzte sich auf die Bettkante. Wie geht es Ihnen?

Besser, danke, erwiderte die Frau schwach lächelnd. Die Atemnot ist fast weg. Nur nachts ich kann nicht schlafen, die Gedanken kreisen

Das ist nervlich, nickte die Schwester. Nach so einer OP braucht der Körper Zeit. Hier, ich habe die Tropfen. Nehmen Sie zwanzig in einem halben Glas Wasser vor dem Schlafen.

Danke. Beate nahm das Fläschchen. Sie sind immer so fürsorglich. Solche Menschen sind selten.

Etwas in ihrer Stimme ließ Hildegard genauer hinschauen.

Ist alles in Ordnung? Ich meine nicht gesundheitlich. Besucht Sie jemand?

Meine Tochter kommt, antwortete Beate. Sie ist lieb, kümmert sich. Aber sie wohnt weit weg, kann nicht oft. Und mein Mann Sie stockte. mein Mann hat viel zu tun. Die Arbeit.

Hildegard runzelte die Stirn, schwieg aber. Jahre im Beruf hatten sie Sensibilität für Unausgesprochenes gelehrt. Hier stimmte etwas nicht.

Wissen Sie was, entschied sie spontan, ich kämme Ihnen die Haare. Sie haben so schönes Haar, aber es liegt verstrubbelt da. Sie sind noch zu schwach, und angenehm ist im Krankenhaus ohnehin wenig.

Ohne auf Antwort zu warten, nahm sie den Kamm aus dem Nachttisch und begann behutsam, die Strähnen zu entwirren. Beate war anfangs angespannt, entspannte sich dann aber unter den ruhigen Bewegungen.

Meine Mutter kämmte mir immer die Haare, sagte sie leise. Sagte, das sei die beste Medizin gegen Traurigkeit. Später machte ich das mit meiner Tochter, als sie klein war. Aber mein Mann Sie verstummte erneut.

Was ist mit ihm? fragte Hildegard sanft.

Er nannte es Unsinn, antwortete Beate nach langer Pause. Sagte, lange Haare seien nur unnötige Arbeit. Mit meinem Rückenleiden solle ich sie kurz tragen praktischer. Aber ich hörte nicht darauf wenigstens darin.

Zu Recht, nickte Hildegard. Haare sind weibliche Stärke. Das verstehen Männer nicht.

Schweigen. Hildegard flocht ihr Haar zu einem lockeren Zopf.

Erzählen Sie von sich, bat Beate. Haben Sie eine große Familie? Sie erwähnten Ihren Mann

Ach, groß?, lächelte Hildegard. Nur ich und mein Günter das ist die ganze Familie. Unser Sohn lebt in Kanada, zeigt uns die Enkel alle paar Jahre per Video. Wir beiden Alten gurken hier allein rum. Fünfundvierzig Jahre zusammen unvorstellbar!

Fünfundvierzig, wiederholte Beate. Wir hätten dieses Jahr zweiunddreißig. Wenn ich es schaffe.

Unfug!, rief Hildegard. Natürlich schaffen Sie das. Die OP war erfolgreich, die Werte besser. Sie werden noch Urenkel hüten.

Mein Rainer will keine Enkel, flüsterte Beate. Sagt, ich mache nur Probleme. Hildegard legte den Kamm beiseite, nahm Beates Hand und hielt sie fest. Niemand macht nur Probleme, sagte sie leise, aber bestimmt. Und niemand sollte sich das sagen lassen müssen. Sie blieb noch lange am Bett sitzen, sprach nicht mehr viel, strich nur hin und wieder über die Hand der Frau, bis ihr Atem ruhig wurde und sie einschlief. Dann deckte Hildegard sie sorgfältig zu, löschte das Licht und verließ das Zimmer. Im Flur zögerte sie, blickte zurück auf die Tür mit der Nummer sieben, seufzte leise und ging langsam nach Hause, in die Stille ihres eigenen leeren Apartments, wo der unberührte Abendbrotteller auf dem Tisch stand und das Telefon, das nie klingelte.

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