Ich dachte, wir sind Freundinnen, und du hast mir meinen Mann weggenommen!

Ich dachte, wir wären Freundinnen, und du nimmst mir meinen Mann weg, schrie Liselotte, die Stimme zerbrach in ein Kreischen, und sie knallte das Skizzenbuch zu. Für dich ist das alles nur Spiel, Kinderei!

Liselotte, das wollte ich nicht sagen, murmelte Heike müde, drückte die Hände an die Schläfen. Der Kopfschmerz, der seit dem Morgen nachgelassen hatte, hämmerte jetzt wie ein Trommelschlag gegen den Hinterkopf. Ich will nur sagen, dass der Beruf der Designerin unsicher ist. Heute gibt es Aufträge, morgen nichts. Der Beruf des Buchhalters ist ein sicheres Stück Brot, immer da.

Dein Stück Brot! Nicht meins!, fuhr Liselotte vom Stuhl auf, die Augen zu Blitzen. Ich will nicht mein Leben lang über Zahlen brüten, wie du! Ich will schaffen, Schönheit formen! Tante Gisela versteht mich, sie ist die Einzige, die an mein Talent glaubt!

Als Gisela erwähnt wurde, zog sich Heikes Herz zusammen. Wieder diese Gisela die beste Freundin, das Rückgrat in dunklen Zeiten, jetzt die große Vorbild für ihre Tochter, mehr als ihre eigene Mutter.

Gisela lebt in einer anderen Welt, meine Liebe. Sie hat ihr erfolgreiches Salon, kann über hohe Dinge reden. Wir leben von Gehalt zu Gehalt.

Genau!, schrie Liselotte, griff nach ihrer Jacke und rannte zur Tür. So will ich nicht weiterleben!

Die Tür schlug zu, und in der kleinen Zweizimmerwohnung senkte sich ein klingender Schweigen. Heike sank auf einen Stuhl, umklammerte ihren Kopf. Jeder solcher Streit raubte ihr Kraft. Sie war fünfundvierzig, die letzten zehn Jahre hatte sie allein getragen. Seit Jörg, ihr Mann und Vaters von Liselotte, gegangen war, blieb nur ein Berg unbezahlter Rechnungen und ein vages Entschuldigung, wir sind fremde Menschen. Das Leben war ein endloser Überlebenslauf geworden. Sie arbeitete in der Stadtbibliothek, nahm Nebenjobs an, tippte nachts Texte ab, verzichtete auf alles, nur damit Liselotte alles hatte.

Und immer war Gisela da. Sie kannten sich seit der Grundschule, saßen nebeneinander im Klassenraum. Leuchtend, selbstbewusst Gisela, und still, häuslich Heike. Beim Scheiden blieb Gisela die Stütze, zog Heike aus dem Abgrund der Verzweiflung. Sie brachte Lebensmittel, unternahm Spaziergänge, lauschte stundenlang Heikes Tränen. Wir schaffen das, Liselotte!, drückte sie, umarmte fest. Er wird sich noch wundern, welchen Schatz er verloren hat.

Heike glaubte. Sie richtete sich auf, ging weiter für die Tochter. Gisela wurde fast wie ein zweites Elternteil, die Patin von Liselotte, die stets versteht und hält.

Heike atmete tief und ging zum Fenster. Die Abendlichter der Stadt funkelten. Irgendwo wanderte ihre verärgerte Tochter. Wahrscheinlich war sie jetzt in Giselas gemütlichem Studio im Zentrum, wo teurer Kaffee duftet und Haarpflege duftet, leise Musik spielt und man über hohe Kunst reden kann, ohne an die Nebenkosten zu denken.

Das Telefon auf dem Küchentisch vibrierte. Heike nahm es. Nachricht von Gisela: Liselotte ist bei mir. Keine Sorge, ich rede mit ihr. Alles wird gut. Ein Stich aus Ärger mischte sich mit Dankbarkeit. Einerseits war sie froh, dass die Tochter in Sicherheit war, andererseits ärgerte es sie, dass Gisela wieder die Friedensstifterin war, als könnte Heike die Situation nicht alleine lösen.

Sie goss sich einen günstigen Beuteltee ein, setzte sich und ihr Blick fiel auf ein altes Foto im Rahmen: drei Personen Heike, Jörg und ein kleines Liselotte im Arm. Glücklich, jung. Jörg Manchmal schien ihr sein Gesicht zu verschwimmen. Groß, dunkles Haar, lachende Falten um die Augen. Er liebte Jazz, starken Kaffee und Reiseführer. Er verschwand plötzlich, ohne Kampf, nur mit den Worten, er müsse alleine sein, um sich zu finden. Eine Woche später rief er an und sagte, er komme nicht zurück.

Gisela saß wieder in der Küche, streichelte Heikes Hand und flüsterte: Er ist ein Dummkopf, Heike, nur ein Dummkopf. Du wirst noch jemanden finden. Heike hatte jedoch nie jemanden gefunden. Ihr ganzes Leben drehte sich um die Tochter.

Die nächsten Tage verliefen in angespannter Stille. Liselotte kam von der Schule, aß, schloss sich dann in ihr Zimmer. Heike wagte es nicht, das Gespräch zu beginnen, aus Angst vor neuer Konfrontation. Am Samstagmorgen klingelte Gisela.

Heike, hallo! Ich habe hier einen Notfall die Gesundheitsamtprüfer kommen, meine Putzfrau ist krank. Kannst du aushelfen? Und bring Liselotte mit, sie wollte gerade zu mir.

Heike zögerte, fühlte Schuld und Pflicht, aber die Idee, endlich mit ihrer Tochter an neutralem Ort zu reden, überzeugte sie.

Gut, ich komme in einer Stunde.

Giselas Salon Kleopatra glänzte im Licht der Spiegel, duftete nach blumigen Parfums. Gisela, makellos in einem schicken Hosenanzug, begrüßte sie.

Heike, meine Retterin! Zieh dich um, ein kurzer Job: Staub wischen, Böden reinigen, ich erledige die Dokumente.

Heike schlüpfte in eine alte T-Shirt im Hinterzimmer und begann zu arbeiten. Sie beneidete Gisela nicht, die immer erfolgreich war, doch in diesem Reich der Schönheit spürte Heike ihre eigene Unsicherheit schärfer.

Gerade als sie die Böden putzte, trat Liselotte ein. Sie sah die Mutter mit dem Wischmopp und verzog das Gesicht.

Heike, wir müssen reden, sagte Heike leise.

Worum? Damit ich meine Träume aufgebe und in ein langweiliges College gehe?

Nein. Um uns.

In diesem Moment kam Gisela aus dem Büro, hielt zwei Smartphones in den Händen ihr eigenes und das einer Kundin.

Mädels, streitet nicht!, lächelte sie süß. Heike, sei nicht böse zu ihr, sie ist nur ein Kind mit großen Plänen. Liselotte, deine Mutter will nur das Beste. Lasst uns einen Kaffee trinken. Sie stellte die Telefone auf den Empfangstisch und verschwand.

Heike sah auf die Bildschirme, plötzlich leuchtete eines von Giselas Handys auf. Eine kurze Nachricht von J. erschien: Vermisse deinen Kaffee. Und dich. Ein rotes Herz daneben.

Heikes Herz schlug schneller. J.? Jörg? Ein seltsamer Gedanke kam ihr, doch Gisela hatte von einer neuen Beziehung gesprochen ein komplizierter, geschiedener, aber interessanter Mann. Könnte es Jörg sein? Millionen Männer tragen ein JInitial in Deutschland. Sie schüttelte den Kopf, verwarf den Gedanken.

Das Gespräch mit Liselotte fand nie statt. Sie tranken Kaffee, Gisela plauderte über neue Frisuren, Liselotte nickte, Heike schwieg und fühlte, wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihr und den Menschen wuchs, die ihr am nächsten standen. Die Nachricht ließ sie nicht los.

Zu Hause zog Heike ihr altes Notizbuch hervor, fand Jörgs Nummer, die sie seit Jahren nicht gewählt hatte. Warum? Vielleicht nur aus Sicherheit. Sie hob den Hörer, überlegte, was sie sagen könnte, legte ihn wieder hin.

Einige Tage später lud Gisela Heike und Liselotte ins Kino ein. Im schwach beleuchteten Saal lief eine romantische Komödie, Heike beobachtete Gisela heimlich. Immer wieder zog sie das Handy hervor und tippe schnell, lächelte dabei. Einmal bemerkte Heike das gleiche J. im Empfängerfeld.

Nach dem Film gingen sie ins Café.

Heike, ich glaube, ich habe mich verliebt, sagte Gisela plötzlich, rührte Zucker in ihren Kaffee. Er ist so verlässlich, klug, ich fühle mich wie hinter einer Mauer aus Stein.

Wir freuen uns für dich, Tante Gisela, sagte Liselotte. Wer ist er? Kennen wir ihn?

Ein Fremder, reagierte Gisela hastig, blickte weg. Er kam vor Kurzem zurück, arbeitete lange im Norden.

Der Norden Jörg hatte nach seiner Scheidung als Zeitarbeiter nach Sondershausen im Harz gezogen, das wusste Heike von Bekannten. Zu viele Zufälle. Ein kalter Schauer lief Heike den Rücken hinunter.

Wie heißt er?, fragte Heike, versuchte gleichgültig zu klingen.

Jörg, antwortete Gisela und wechselte sofort das Thema: Liselotte, ich habe gerade eine Anzeige für eine Kunstschule gesehen. Die nehmen Anmeldungen für Vorbereitungskurse an. Vielleicht willst du es versuchen? Ich zahle.

Heike hörte nicht mehr zu. Jörg. Das war wahr. Ihre beste Freundin, die sie nach der Scheidung getröstet hatte, traf sich nun mit ihrem ExMann. Das Bild, das vorher nur verschwommen war, bekam scharfe, hässliche Konturen. Gisela nutzte Liselotte, um sich selbst zu retten, stahl ihr das Kind, wie sie einst ihren Mann geklaut hatte.

Mama, was ist los?, riss Liselotte Heike aus ihrer Starre. Du bist blass.

Nichts, murmelte Heike. Kopfweh. Sie verließen das Café, gingen nach Hause.

In der Badewanne ließ Heike das Wasser laufen, damit Liselotte ihr Weinen nicht hörte. Die Tränen brannten, es war nicht nur Ärger, es war Verrat, das tiefste, das nur enge Menschen austeilen können. Sie weinte nicht um Jörg, der längst tot für sie war, sondern um die Freundschaft, die zerrissen wurde, um die Naivität, die Jahre des blinden Vertrauens in einen Mann, der ein Doppelleben führte.

Sie musste handeln, aber wie? Einen Skandal auslösen? Die beiden anklagen? Das wäre zu einfach, zu demütigend. Sie wartete auf ein unwiderlegbares Beweisstück.

Eine Woche später feierte Gisela Geburtstag in einem Landhausrestaurant und lud Heike und Liselotte ein.

Komm unbedingt, Heike! Ich stelle dir meinen Jörg vor, du wirst ihn lieben!

Heike fühlte, wie ihr die Luft weggezogen wurde.

In Ordnung, wir kommen.

Der Tag verging wie in Nebel. Sie wählte ein Kleid, machte ihr Haar, schminkte sich. Im Spiegel sah sie ein fremdes Gesicht mit fiebrigen Augen. Liselotte drehte sich fröhlich um, freute sich auf die Feier.

Das Restaurant war prunkvoll, Live-Musik, weiße Tischdecken, elegante Gäste. Gisela schwebte in einem silbernen Kleid von Gast zu Gast. Als sie Heike sah, rief sie: Endlich! Kommt, meine Lieben! Heike, du siehst umwerfend aus! Darf ich dir meinen Jörg vorstellen?

Jörg trat heran, grau meliert, doch noch derselbe Mann. Er erstarrte, als er Heike sah. Auf seinem Gesicht mischten sich Überraschung, Scham, Schuld.

Heike?, stammelte er.

Guten Tag, sagte Heike kühl, blickte ihm direkt in die Augen.

Gisela wirkte verwirrt, wechselte den Blick zwischen den beiden.

Kennt ihr euch?

Mehr als das, erwiderte Heike spöttisch. Das ist mein ExMann, Vater deiner Tochter.

Ein Schweigen legte sich über den Saal, die Musik verstummte, alle Blicke ruhten auf den dreien. Gisela wurde bleich wie ein Blatt. Liselotte sah zwischen Mutter, Vater und ihrer geliebten Tante Gisela hin- und her, verwirrt.

Mama, ist das wahr?, flüsterte sie.

Ja, Liebes. Das ist dein Vater.

Heike ging zu Gisela, die die Hand von Jörg festhielt, als wolle sie ihn festhalten, damit er nicht verschwindet.

Herzlichen Glückwunsch, Freundin, sagte Heike leise. Ich dachte, wir wären Freundinnen. Du hast mich nicht nur getröstet, sondern das zurückgenommen, was ich verloren habe. War es leicht, den Mann deiner besten Freundin hinter ihrem Rücken zu treffen und ihr Ratschläge zu geben, wie man Verrat überlebt?

Gisela stammelte: Ich ich wusste nicht, wie ich es sagen soll Es war ein Versehen Wir haben uns vor einem halben Jahr getroffen, er hat mir nichts erzählt

Dass er dein Freund, mein Mann ist?, fuhr Heike fort. Ich glaube nicht. Du wusstest alles. Du hast alles gewusst.

Sie wandte sich an Jörg.

Und du du bist kein Held. Du bist ein Feigling, der von einer zur anderen läuft. Nichts ändert sich.

Sie ergriff Liselottes Hand. Das Mädchen blickte mit geweiteten, tränengefüllten Augen zu seiner Mutter.

Komm, wir gehen, sagte Heike. Wir gehören nicht hierher.

Sie verließen den Saal, die Gäste starrten. Am Ausgang drehte Heike sich noch einmal um. Gisela stand allein in der Mitte, Jörg senkte den Kopf und sah zu Boden.

Der Weg nach Hause war still. In der Wohnung brach Liselotte in Tränen aus.

Mama, wie konnte das sein? Tante Gisela ich habe ihr geglaubt! Und Papa er

Heike hielt ihre Tochter, strich ihr über die Haare.

Beruhige dich, meine Kleine. Menschen tun manchmal schreckliche Dinge, sogar die, die wir lieben. Wichtig ist, dass wir einander haben.

In jener Nacht saßen sie lange in der Küche. Heike erzählte von ihrem Leben mit Jörg, von der Freundschaft mit Gisela, ohne etwas zu verbergen. Liselotte hörte zu, und ihr kindliches Unverständnis wuchs zu einem erwachsenen Mitgefühl.

Am nächsten Tag blockierte Gisela die Telefonnummer. Heike antwortete nicht. Kurz darauf kamen Nachrichten voller Entschuldigungen und Bitten um Verzeihung, die Heike still löschte, ohne zu lesen. Einige Tage später stand Jörg an ihrer Tür.

Heike, wir müssen reden, sagte er, ohne den Blick zu heben.

Wir haben nichts zu besprechen, schnappte Heike. Geh.

Aber Liselotte ich bin ihr Vater!

Du hast erst jetzt daran gedacht? Zehn Jahre lang war das dir egal. Geh, Jörg. Und erscheine nie wieder.

Sie schlug die Tür zu, lehnte sich dagegen, das Herz pochte wild nicht vor Schmerz, sondern vor Erleichterung. Endlich fiel der schwere Stein, den sie jahrelang getragen hatte.

Das Leben ging weiter. Die Leere, die Gisela hinterlassen hatte, war schwer zu füllen. Manchmal griff Heike abends zum Telefon, um mit einer Freundin zu reden, doch dann erkannte sie, dass diese Freundin nicht mehr existierte.

Die Beziehung zu Liselotte veränderte sich. Sie wurden näher denn je. Liselotte wuchs über Nacht, verlangte nicht mehr das Unmögliche, half im Haushalt, fand einen kleinen Nebenjob sie malte Porträts über das Internet.

Eines Abends brachte sie Heike eine Mappe mit Geld.

Hier, Mama. Das ist für den Vorbereitungskurs. Ich habe es selbst verdient.

Heike sah die ernste, erwachsene Miene ihrer Tochter, Tränen stiegen ihr in die Augen.

Du bist mein Stolz, flüsterte sieUnd während die Dämmerung über dem alten Stadtteil flackerte, drückte Liselotte die Hand ihrer Tochter fest an ihr Herz und spürte, wie ein leiser, goldener Klang die zerbrochenen Träume in neue, leuchtende Pfade verwandelte.

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