MAMA WILL NICHT GEHEN

Hey, ich muss dir unbedingt erzählen, was in den letzten Wochen bei uns passiert ist das war echt ein ganz schönes Drama. Vor ein paar Wochen haben wir einen richtig schweren Verlust erlitten: Die Schwester meiner Mutter, meine Tante, ist plötzlich verstorben. Sie war alleinstehend, ohne Ehemann, und hinterließ ihre vierjährige Tochter Leni. Thomas und ich haben kurzerhand beschlossen, Leni zu übernehmen, weil sie keinen anderen Verwandten mehr hatte.

Kaum hatte das Mädchen erfahren, dass ihre Mama nicht mehr da ist, hat sie sich total zurückgezogen. Sie hat die Wohnung kaum noch verlassen und überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, woanders hinzuziehen. Also sind Thomas und ich in die Wohnung gezogen, in der Leni und ihre Mutter gelebt haben eine alte Altbauwohnung in Berlin, wo jedes Geräusch ein Echo zu sein scheint. Wir dachten, nach der Beerdigung würde Leni vielleicht bei uns einziehen, aber das war ein Irrtum. Die Stimmung in der Wohnung wurde einfach unerträglich. In der Nacht ging das Wasser immer wieder von allein an und aus, das Licht flackerte, und die Dielen haben geknarrt, als würde jemand ständig von Zimmer zu Zimmer rennen. Ich hab versucht, die Wohnung zu segnen, aber das hat nix gebracht.

Eines Nachts, als ich wieder nicht einschlafen konnte und Thomas schon tief und fest schlief, hörte ich ein Flüstern aus Lenis Zimmer. Mir war plötzlich ganz kalt, doch ich weckte ihn nicht. Ich schaltete leise das Licht an, ging zur Tür und lauschte. Da war nur Lenis Stimme:

Ich will nicht schlafen, ich will mit meinem Bären, dem Teddybär, spielen. Noch ein bisschen und dann lege ich mich.

Ich öffnete die Tür und sah Leni hocken, den Teddybär fest an sich geklammert, und sie starrte mich ängstlich an, als wäre ich ein Fremder.

Leni, mit wem hast du gerade geredet? fragte ich.

Mit Mama, flüsterte sie.

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich legte sie ins Bett, kuschelte mich an Thomas und schlief auch irgendwie ein. In den darauffolgenden Tagen redete Leni immer wieder mit jemandem, und ich schenkte es dem Stress, was sie durchgemacht hat ein vierjähriges Mädchen verliert seine Mutter, da reden die Kleinen manchmal mit sich selbst. Die Wohnung machte mir das Leben aber weiter schwer.

Einmal, während ich das Mittagessen zubereitete, rief ich Leni mehrmals zum Essen, doch sie schrie nur, dass sie nicht will. Sie hat nie viel Appetit gehabt, also war das kein Wunder. Ihre Mutter war, gelinde gesagt, ziemlich ungeduldig, und wenn Leni nicht essen wollte, wurde sie regelrecht an den Tisch gezogen. Beim zehnten Versuch, sie zum Essen zu rufen, hörte ich plötzlich ein lautes Krachen und ihr Weinen. Ich rannte ins Zimmer und sah das Undenkbare: Ein riesiger Kleiderschrank war umgekippt und lag fast auf Leni. Zum Glück hat er sie nur leicht berührt, ein Rand blieb zwischen dem Schrank und dem Boden. Leni schrie vor Schreck und war den Rest des Tages total aufgelöst.

Noch am selben Abend hörte ich wieder ihr Schluchzen. Ich ging zu ihr, und sie kletterte auf meine Arme, drückte sich fest an mich und starrte den gleichen Eckwinkel an, als würde dort jemand stehen.

Leni, wer ist da? fragte ich.

Mama, hauchte sie.

Leni, sag Mama, dass du sie loslassen willst und dass sie gehen soll.

Mama will nicht gehen!, flüsterte sie verzweifelt.

Am vierzigsten Tag nach dem Tod gingen wir gemeinsam zum Friedhof, legten Blumen nieder und spendeten ein paar Süßigkeiten an die Kinder, damit sie an die Verstorbene denken. Danach kehrte endlich Ruhe ein. Wir haben die alte Wohnung verkauft, sind nach Hamburg gezogen und nehmen Leni jetzt bei uns zu Hause auf. Alles ist wieder ein Stück normaler geworden, und ich denke oft daran, wie stark das kleine Mädchen ist. Ich wollte das einfach mit dir teilen danke, dass du immer zuhörst.

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