Paul kehrte nicht zurück. Seine Sachen waren verschwunden. Im Schrank hingen nur leere Kleiderbügel. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel, hastig auf ein Stück Papier gekritzelt: *Ich halte es nicht aus. Verzeih mir.*
Als Katja krank wurde, brach die Welt nicht zusammen sie hörte einfach auf zu atmen.
Zuerst kam die Schwäche, die Glieder schmerzten, dann das Fieber, das keine Tabletten und keine Spritzen senken konnten. Schließlich folgte der stechende Schmerz in der Brust, als ob jemand einen glühenden Stab hineingedreht hätte. Sie lag auf dem Sofa, in eine Decke gewickelt, und starrte an die Decke, fragend: *Ist das nur eine Grippe? Oder etwas Schlimmeres?*
An jenem Abend kam Paul spät nach Hause. Er hängte seinen Mantel auf, warf die Schlüssel auf die Kommode und fragte, ohne sie anzusehen:
*Liebst du schon wieder? Das Geschirr ist nicht gespült. Die Wohnung ist ein Chaos.*
*Ja, flüsterte sie. Ich kann nicht aufstehen.*
Er seufzte, als wäre es ihre Schuld krank zu sein, zu liegen, seinen Abend zu stören.
*Na dann, bleib liegen. Ich gehe duschen.*
Er kam nicht näher. Umarmte sie nicht.
Sie schwieg. Selbst die Kraft zum Groll fehlte ihr.
Am nächsten Tag brachte man sie ins Krankenhaus. Die Diagnose klang schrecklich: beidseitige Lungenentzündung, kompliziert durch eine Virusinfektion, Verdacht auf eine Autoimmunreaktion. Die Ärzte sprachen schnell, sachlich, ohne Gefühl doch in ihren Augen las Katja: *Das könnte böse enden.*
Sie bat die Schwester um ein Telefon, um Paul anzurufen.
Die Schwester brachte es. Katja wählte seine Nummer. Er ging nicht ran.
Sie rief noch einmal an eine Stunde später. Dann wieder. Und wieder.
Beim vierten Versuch nahm er ab. Seine Stimme klang gleichgültig, als hätte sie ihn aus wichtigen Träumen gerissen.
*Was?*
*Paul ich liege im Krankenhaus. Es ist ernst. Ich brauche*
Er unterbrach sie.
*Ich bin auf Arbeit, Katja. Nicht jetzt.*
*Aber ich habe Angst*
*Du bist erwachsen. Die Ärzte sind da. Was willst du dass ich alles stehen und liegen lasse?*
Sie verstummte. Ein Kloß würgte ihre Kehle.
*Gut, sagte sie leise. Entschuldige, dass ich gestört habe.*
Er antwortete nicht. Legte einfach auf.
Dritter Tag im Krankenhaus.
Katja lag mit der Infusion am Arm und blickte aus dem Fenster. Draußen: grauer Himmel, nasses Pflaster, einsame Passanten in Regenmänteln. Auf der Station herrschte Stille nur das Ticken der Uhr und das Surren der Lüftung.
Sie rief Paul noch einmal an. Kein Anschluss. Wieder nur das Warten.
Dann kam die Mitpatientin und sagte:
*Ruf ihn nicht an. Er ist weg. Die Schlüssel hat er mir gegeben.*
*Weg? Wohin?*
*Hat er nicht gesagt. Er hat einfach seine Sachen gepackt und ist gegangen.*
Katja schloss die Augen. In ihrer Brust riss etwas. Nicht ihr Herz etwas Unsichtbares, Zartes, das sie jahrelang mit ihm verbunden hatte.
Sie weinte nicht. Nicht einmal dazu hatte sie Kraft.
Am siebten Tag kam ihre Mutter.
Sie stürmte ins Zimmer, beladen mit Taschen und Paketen, mit einem Blick, als wollte sie das ganze Krankenhaus niederreißen, sollte jemand ihre Tochter verletzen.
*Was für ein Schuft!, rief sie, als sie Katja sah. Wie konnte er nur?*
Katja versuchte zu lächeln, doch es gelang nur schwach.
*Mama*
*Still, still. Ich bin da. Jetzt bin ich bei dir.*
Die Mutter blieb. Schlief auf der Klappliege neben dem Bett, kochte Brühe und brachte sie in Thermosflaschen, flehte die Ärzte an, die besten Medikamente zu verschreiben, stritt mit dem Pflegepersonal, wenn ihr etwas nicht passte.
*Du bist nicht allein, wiederholte sie jeden Morgen. Du bist nicht allein, Katja.*
Und zum ersten Mal seit langer Zeit glaubte Katja es.
Entlassung.
Drei Wochen später durfte sie gehen. Schwach, abgemagert, mit dunklen Ringen unter den Augen aber lebendig.
Zuhause war alles, wie sie es verlassen hatte. Nur der Staub auf den Regalen und der muffige Geruch. Das Geschirr stand ungespült. Paul war nicht zurückgekehrt. Seine Sachen fehlten. Im Schrank leere Bügel. Auf dem Nachttisch der Zettel:
*Ich halte es nicht aus. Verzeih mir.*
Katja starrte lange auf diese Worte. Dann zerknüllte sie den Zettel und warf ihn weg.
Ihre Mutter half ihr, die Wohnung zu putzen, die Fenster zu wischen, die Räume durchzulüften.
*Wir fangen neu an, sagte sie.
Katja nickte.
Der erste Monat nach der Krankheit.
Sie konnte kaum gehen. Jeder Atemzug war schwer. Doch jeden Tag schaffte sie zehn Schritte mehr als am Tag zuvor. Dann zwanzig. Schließlich ging sie auf den Balkon, später sogar in den Hof.
Von der Arbeit riefen sie an. Fragten, wann sie wiederkäme.
*Bald, antwortete sie.
Doch sie wusste selbst nicht, ob sie überhaupt zurückkehren würde.*
Rückkehr.
Sechs Wochen später betrat sie wieder das Büro. Die Kollegen sahen sie vorsichtig an wie eine zerbrechliche Vase, die man unabsichtlich zerschlagen könnte.
*Wir freuen uns so, dich zu sehen!, sagte die Chefin und umarmte sie.
Katja lächelte. Zum ersten Mal seit Langem ehrlich.
Die Arbeit wurde ihre Rettung. Sie vergaß den Schmerz, die Leere in der Brust, die Liebe zu einem Mann, der sie in ihrer dunkelsten Stunde verlassen hatte.
Abends schrieb sie in ihr Tagebuch. Nicht klagend nur festhaltend:
*Heute habe ich drei Straßen ohne Atemnot geschafft.
Heute habe ich einen ganzen Apfel gegessen.
Heute habe ich nicht an ihn gedacht.*
Herbst.
Die Blätter fielen. Katja kaufte sich einen neuen Mantel warm, in dunklem Rot. Die Farbe des Lebens, nicht der Krankheit.
Sie fing an, Yoga zu besuchen. Dann einen Fotografiekurs. Und samstags ging sie in die Bibliothek.
Das Leben wurde nicht perfekt. Aber es wurde ihres.
Eines Abends, auf dem Heimweg, sah sie im Schaufenster eines Ladens eine kleine Glasfigur ein Pferd aus buntem Glas.
Sie blieb stehen.
Als Kind hatte sie von Pferden geträumt. Von einer schneeweißen Stute mit einer Mähne wie eine Wolke. Die Eltern hatten gelacht: *Wir haben ein Gartenhaus, keinen Bauernhof!* Doch einmal brachte ihr Vater ihr eine hölzerne Figur grob geschnitzt, aber mit freundlichen Augen.
Katja betrat den Laden und kaufte das gläserne Pferd.
*Es ist ein Symbol, sagte die Verkäuferin. Freiheit. Stärke. Überleben.
Ich weiß, lächelte Katja.*
Winter.
Paul rief im Dezember an.
*Katja können wir reden?
Sie schwieg.
*Ich ich wusste nicht, dass es so ernst ist. Dachte, du hast nur eine Erkältung. Und dann dann schämte ich mich. Ich wusste nicht, wie ich zurückkommen sollte.*
Sie blickte aus dem Fenster. Draußen: Schnee, Laternen, Stille.
*Du bist nicht zurückgekommen, Paul. Du bist verschwunden. Als ich dich am meisten brauchte warst du nicht da.
*Ich verstehe. Verzeih mir.
*Vergebung ist nicht etwas, das ich dir einfach geben kann. Man muss sie verdienen. Und du hast nicht einmal versucht, es zu tun.
Er schwieg.
*Ich vermisse dich, flüsterte er.
*Ich nicht, antwortete sie. Ich habe den vermisst, der du hättest sein können. Aber du warst jemand anderes.
Sie legte auf.
Ihr Herz schmerzte nicht. Nicht ein bisschen.
Frühling.
Katja verkaufte die alten Möbel, kaufte neue. Sie holte sich eine schwarze Katze mit grünen Augen. Nannte sie Lenz.
Sie begann, Geschichten zu schreiben über Krankheit, über Pferde, über Frauen, die neu atmen lernen.
Ihre Mutter kam jedes Wochenende. Sie tranken Tee, lachten, sahen alte Filme.
*Du strahlst, sagte die Mutter einmal.
*Wirklich?
*Ja. Als hätte jemand in dir ein Licht angezündet.
Katja lächelte.
*Vielleicht, weil ich die Dunkelheit nicht mehr fürchte.*
Sommer.
Sie fuhr ins Dorf zu einer Freundin aus Kindertagen. Dort waren Felder, ein Fluss, ein Stall.
Am ersten Tag ging sie zu einem Fuchs mit warmem Atem und sanften Augen.
*Darf ich?, fragte sie den Stallburschen.
*Steig auf, antwortete er. Hab keine Angst.
Sie setzte sich in den Sattel. Das Pferd trabte los. Wind im Gesicht, Gras unter den Hufen, Himmel über ihr.
Katja schloss die Augen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie nicht nur Leben sondern Freiheit.
Epilog.
Ein Jahr verging.
Katja dachte nicht mehr an Paul. Ohne Hass, ohne Sehnsucht einfach nicht. Er war eine Episode geworden. Schmerzhaft, dunkel aber vergangen.
Sie suchte keine neue Liebe. Aber sie fürchtete sie auch nicht mehr.
Sie lebte.
Und darin lag ihr wahrer Sieg.
*Manchmal verlassen sie dich nicht, weil du die Liebe nicht verdienst.
Sondern weil der andere nicht da sein kann, wenn es darauf ankommt.
Und dann lernst du, für dich selbst da zu sein.
Und das das ist genug. Sie lebte.
Und darin lag ihr wahrer Sieg.
*Manchmal verlassen sie dich nicht, weil du die Liebe nicht verdienst.
Sondern weil der andere nicht da sein kann, wenn es darauf ankommt.
Und dann lernst du, für dich selbst da zu sein.
Und das das ist genug. Und das das ist genug. Sie atmete tief ein, langsam, ohne Schmerz. Die Sonne stand hoch über dem Feld, das Gras wogte sanft, und irgendwo in der Ferne wieherte ein Pferd. Katja lächelte. Sie war angekommen. Nicht dort, wo sie einmal hatte hinwollen sondern dort, wo sie jetzt sein musste. Allein. Stark. Lebendig.







