Zwei plus eins: Ein unvergessliches Abenteuer

Durch meine zwölfjährige Tätigkeit im abgelegenen norddeutschen Entbindungszentrum von Kiel habe ich etwa zwölftausend Neugeborene in meine Hände bekommen. Doch es gibt ein paar außergewöhnliche Fälle, die sich unauslöschlich einprägen und einer davon ist meine einzige Drillingsgeburt, über die ich jetzt berichten möchte.

Es handelte sich um ein junges Paar, das sein erstes Kind erwartete. Der Vater, Herr Klaus Meyer, war als Fluggerätemonteur am kleinen Flugfeld von Kiel tätig und wurde uns im Rahmen der Einsatzverteilung zugeteilt. Das Paar lebte in einem winzigen Zimmer im Studentenwohnheim. Die Mutter, Frau Lena Schwarz, stammte ursprünglich aus Berlin und war eine energiegeladene, leuchtend rothaarige und äußerst hübsche junge Frau sie durfte durchaus als Frau bezeichnet werden.

Klaus kam als Sohn einer türkischdeutschen Familie aus Bielefeld. Er war kräftig, ruhige und leicht lässige Natur. In jenen noch relativ unbeschwerten Nachkriegsjahren war das völlig normal. Schon früh erfuhren die beiden, dass ihnen Zwillinge erwartet wurden.

Weil Lena zunächst in die Hauptstadt zu ihrer Mutter ziehen wollte, war geplant, dort zu entbinden. Doch die Wehen setzten bereits in der 32. Schwangerschaftswoche ein, und gerade zu meiner Schicht kam Vika, die werdende Mutter, ins Krankenhaus. Das Hauptgebäude war wegen einer Renovierung gesperrt, sodass wir vorübergehend im Bereich der Gynäkologie arbeiteten.

Als diensthabende Oberärztin stand Dr. Dina Keller, eine erfahrene und kompetente Geburtshelferin, bereit. Bei der Sichtuntersuchung nahm sie den Verdacht auf, dass die Babys falsch liegen könnten. Das bedeutete, dass eine natürliche Geburt ein hohes Risiko darstellte. Deshalb wurde entschieden, einen Kaiserschnitt durchzuführen. Zusätzlich wurde ein Röntgenbild erstellt, um die Lage der Kleinen genau zu bestimmen.

Wie die Aufnahmen zeigten, lagen zwei Kinder in ungewöhnlicher Position: eines mit dem Kopf nach vorne, das andere mit den Füßen nach unten. Nachdem wir die Situation als überschaubar bewertet hatten, ging das Team zur Operation.

Zuerst wurde ein Junge mit einem Gewicht von 1700Gramm herausgeholt. Während ich und die Krankenschwester ihm die nötige Versorgung gaben, kam der zweite Junge, 1600Gramm schwer, ebenfalls heraus. Kaum hatten wir uns davon erholt, ertönte die Stimme der Oberärztin hinter mir:

Jetzt kommt das dritte!

Der Scherz war an dieser Stelle fehl am Platz die beiden Jungen waren bereits zart und schwach. Ich schoss ein paar spitze Bemerkungen zu den Kollegen los, doch ein lauter Aufschrei ließ mich erschauern. Und dann ja, tatsächlich wurde das dritte Kind präsentiert: ein Mädchen mit 1400Gramm, das den Namen Liesl trug. Ich war völlig sprachlos.

Wie konnte das sein? Weder bei der Untersuchung noch im Röntgenbild war das Mädchen zu sehen. Die beiden Jungen lagen nebeneinander entlang der Gebärmutter, während das kleine Mädel quer darunter versteckt war ein natürlicher Schutz, den die beiden Herren für ihre Dame eingerichtet hatten. Hätten Dr. Keller und ihr Team nicht auf den Kaiserschnitt bestanden, hätten die Kinder wahrscheinlich nicht überlebt.

Wir legten das Mädchen zusammen mit den beiden Jungen in das einzige InkubatorKinderbett, das wir für Frühgeborene hatten. Alle drei passten hinein. Die ganze Nacht blieb ich bei ihnen, voller Sorge. Am Morgen stabilisierten sich ihre Vitalwerte, und das Klingeln des Diensttelefons ließ mich an die Tür treten.

Ein gutaussehender Mann in Fliegeruniform betrat den Raum.

Wer hat hier geboren? fragte er.

Herzlichen Glückwunsch! Zwei Söhne und ein Mädchen, antwortete ich zögerlich.

Die Information erreichte den Vater ein wenig verzögert, doch er wiederholte immer wieder verwirrt:

Zwei Söhne und ein Mädchen also drei Kinder?

Ich versuchte, ihn zu beruhigen, und bot ihm einen Stuhl und etwas Wasser an. Er war gerade nach Kiel gekommen, hatte kaum Geld verdient, wohnte in einer winzigen Wohnung und plötzlich war er Vater von Drillingen! Die Kleinen verbrachten einige Wochen auf der Intensivstation, bis sie genug Gewicht und Kraft gewonnen hatten. Ich besuchte sie häufig, um das Wunder der Natur zu bewundern. Die Mutter, stets sorgfältig und mit einem unablässigen Lächeln, kümmerte sich liebevoll um die drei.

Die Stadtverwaltung stellte der Familie sofort eine geräumige Dreizimmerwohnung in einem Neubau zur Verfügung und übernahm die Kosten für die ersten Monate. Zusätzlich wurde ihnen eine private Krankenschwester zugeteilt, die die medizinische Nachsorge sicherstellte. Der wahre Dank gebührte jedoch der Mutter dieser strahlenden, jungen Frau, die ihre Kinder auf die Beine gestellt und großgezogen hat.

Zehn Jahre später begegnete ich zufällig dem Entbindungszimmer des Krankenhauses. Vika kam mit ihren inzwischen herangewachsenen Kindern herein, um den Vater zu besuchen. Zwei dunkelhaarige Jungen, den Vätern sehr ähnlich, traten hinterher. Und dann sprang ein quirliges, leuchtend rotes, unglaublich schnelles Mädchen die lebendige Kopie ihrer Mutter in den Raum.

Ich konnte kaum fassen, wie glücklich es mich machte, diese wunderbare Familie zu sehen. In meinem Inneren spürte ich noch immer die Wärme ihrer kleinen Herzen.

Diese Geschichte lehrt, dass ein beherztes Eingreifen und der unerschütterliche Mut einer Mutter selbst die unwahrscheinlichsten Lebenssituationen in ein triumphierendes Glück verwandeln können.

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Zwei plus eins: Ein unvergessliches Abenteuer
The Iron Railway Romance