Die Wohnung gegenüber
Maren Hoffmann erhielt die Wohnung durch ein zufälliges Inserat: Altbau, Zentrum, günstig, sofort. Verdächtig billig, mit abblätterndem Parkett und schäbigem Fensterbrett, doch hohe Decken und riesige Fenster.
Nach der Scheidung suchte Maren nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern ein Versteck. Einen Ort, wo niemand fragt: Bist du sicher, dass du das nicht bereust?
Am Freitagabend bekam sie die Schlüssel. Die Stadt roch bereits nach nassem Laub. Oktober jene Zeit, in der alles zerfällt, nur um sich neu zu formen.
Die erste Nacht schlief sie kaum. Eingekuschelt in eine Decke saß sie am Fensterbrett und starrte durch die Glasfront gegenüber. Die Wohnung gegenüber lag nur über den Hof. Im fünften Stock, ein Balkon mit purpurroten Petunien, ein warmes Licht im Wohnzimmer. Dort lebte eine Familie.
Sie sah einen Mann groß, im grauen Pullover. Eine Frau mit Zöpfen, zierlich wie aus einer alten Joghurtwerbung. Zwei Kinder ein Mädchen und ein Junge. Sie deckten gemeinsam den Tisch. Das Mädchen sprang, der Junge hielt ihre Hand, die Mutter lächelte. Der Vater öffnete eine Flasche Wein.
Ihr Lachen drang durch das Glas.
Maren ließ sich auf das Sofa fallen. Wie lange hatte sie das Lachen eines Hauses nicht mehr gehört?
Am nächsten Morgen trank sie Kaffee am selben Fensterbrett und blickte wieder hin. Dort frühstückte die Familie. Der Mann las die Zeitung, die Frau strich dem Mädchen die Haare, der Junge tollte mit einem Spielzeugauto.
Tagsüber sortierte Maren Kartons aus. Am Abend ging sie zum Laden gleich um die Ecke. Vor dem Haus traf sie die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber. Sie trug Taschen voller Äpfel und Kirsch-Cola. Ein Apfel rollte ihr zu Füßen.
Ach, Entschuldigung! lachte die Frau. Mir fällt ja immer alles aus den Händen, wie immer!
Maren fing den Apfel und lächelte.
Kein Problem, das passiert. fragte sie. Kann ich helfen?
Wäre toll! Ich bin Ute. Ihr seid ja erst eingezogen, nicht wahr?
Ja, vor ein paar Tagen. Maren Hoffmann.
Dann müsst ihr unbedingt meinen Strudel probieren! Das ist bei uns Tradition: neue Nachbarn zu verwöhnen. Darf ich ihn vorbeibringen?
Eine Stunde später stand Ute mit einer heißen Form, duftend nach Zimt, und einem Becher Vanilleeis für den DessertAusgleich in der Tür. Sie wirkte leicht wie eine Katze Jeans, hoher Pferdeschwanz, ein zu breites Lächeln.
Sie tranken Tee und redeten. Ute erzählte:
Wir sind vor fünf Jahren hierhergezogen. Glück gehabt, ein Investor hat renoviert. Mein Mann arbeitet in der IT, die Kinder besuchen das Gymnasium. Ich bin noch zu Hause, denke aber an ein Elterncafé zurück.
Ein Elterncafé? fragte Maren.
Ja, ein Ort, wo man mit Kinderwagen sitzt, plaudert und nicht hetzen muss.
Maren lauschte, lächelte, fühlte ein leises, scharfes Ziehen Neid, vermischt mit Bewunderung.
Ihr habt es so schön. Alles wirklich echt.
Wir geben unser Bestes, nickte Ute.
Als Ute ging, stand Maren wieder am Fenster. In der Nachbarwohnung stand die Mutter am Herd, der Vater umarmte sie von hinten, das Kind jauchzte, fiel, quietschte.
Maren seufzte.
So sollte es sein warm, sicher, aus Liebe.
Sie ließ das Licht aus. Doch noch vor dem Einschlafen sah sie die Fenster gegenüber wie die Leinwand eines Kinos, auf dem ein Film lief, zu dem sie zu spät gekommen war.
***
Maren, bist du zu Hause? Ich habe einen Honigkuchen!
Maren öffnete die Tür. Ute stand mit einem Kuchen in einer Hand und einer gestrickten Tragetasche in der anderen. Röte Wangen, funkelnde Augen, aber ein frischer Abdruck an ihrem Hals, nahe dem Schlüsselbein ein blauer Fleck.
Hast du… das alles in Ordnung?
Ute zog schnell am Kragen ihres Pullovers.
Ach, das? Ich bin tollpatschig. Ich habe die Tür nicht richtig zugemacht und dann tja, ein bisschen gestolpert.
Maren glaubte das nicht, schwieg aber.
Ute kam oft vorbei. Erst einmal wöchentlich, dann fast täglich Kuchen, Salate, Geschichten.
Wir machen jeden Samstag den Tag der Ehrlichkeit. Wir sagen offen, was uns aneinander nervt, schimpfen kurz, lachen dann wieder. Funktioniert wirklich!
Und die Kinder?
Wir haben die Regel: Nie streiten, wenn die Kinder da sind. Sie sollen sehen, dass wir ein Team sind.
Maren hörte zu, doch ein zunehmendes Gefühl sagte ihr, dass alles zu perfekt wirkte, zu wie ein Lehrbuch.
Eines Abends, auf dem Heimweg vom Supermarkt, sagte Ute:
Ich war früher ganz anders. Ich habe in der Werbung gearbeitet, Kaffee und Taxifahrten waren mein Leben. Dann traf ich ihn. Er hat mich umgehauen.
Wie meinst du das?
Im Guten! Er zeigte mir, ich soll ich selbst sein, nicht spielen, nicht lügen.
Maren nickte, spürte jedoch, dass Utés Worte zu glatt klangen, wie aus einem Ratgeber über das glückliche Weib.
Einige Tage später stand Maren wieder am Fenster. In der Wohnung gegenüber flackerte das Licht, dann ein greller Blitz, ein Schrei ein Männerlaut, dann ein Frauenlaut, Kinderweinen. Die Tür knallte zu. Ein Moment später war alles dunkel.
Am Morgen traf Maren Ute im Treppenhaus. Sie trug Sonnenbrillen, obwohl die Sonne nicht schien.
Alles okay? fragte Maren.
Ja, klar. Wir sind nur ausgebrannt. Das passiert. Mach dir nichts draus.
Maren nickte, wusste nicht, was sie sagen sollte.
Als Maren das nächste Mal zu Besuch kam, saßen die Kinder still auf dem Teppich, hielten Spielzeug fest, als würden sie sich hinter ihm verstecken.
Ute setzte Tee hin. Maren fragte leise:
Ihr seid ihr wirklich in Ordnung?
Ute erstarrte, dann setzte sie sich langsam.
Manchmal fühle ich mich wie in einer Schaufensterszene. Alle sehen das glückliche Ehepaar, die gepflegte Frau, die folgsamen Kinder. Und nachts träume ich, dass ich schreie, aber niemand hört mich.
Vielleicht
ist es nicht das, was du denkst. Er schlägt nicht. Er ist nur müde. Ich bin auch nicht perfekt. Wer von uns ist denn ideal?
Am Abend sah Maren erneut aus dem Fenster. Sie sah, wie das Mädchen zusammenzuckte, wenn der Vater lauter wurde, wie Ute den Blick abwendete, wie der Mann durch zusammengepresste Zähne sprach. Ein zu schönes Märchen, doch im Inneren knirschten scharfe Zähne.
***
Maren fragte sich immer öfter: Liege ich falsch? Ist das alles nur meine Projektion? Nach der Scheidung vertraute sie weder Männern, Beziehungen noch sich selbst. Vielleicht hatte Neid nur ihre Wachsamkeit geschärft? Doch jedes Treffen mit Ute vergrößerte die Anspannung.
Eines Tages brachte Ute Pfannkuchen. Maren bemerkte, wie sie die Hand kaum beugte.
Alles okay?
Natürlich. Ich habe mir eine Muskelzerrung zugezogen. Yoga ist keine Scherzerei.
Das Lächeln plastisch, wie aus einer Vitrine.
Du kannst mir vertrauen, wenn du willst.
Ute wurde plötzlich kalt, fast abwesend.
Bitte, fange nicht an. Er ist kein Monster, nur müde. Er arbeitet, damit wir leben, und ich ich bin manchmal unerträglich. Ich weiß das.
Selbst die Untragbarsten können nicht Du hast einen blauen Fleck, Ute. Du trägst Sonnenbrillen bei Regen. Du flüsterst mit den Kindern.
Muss so sein.
Was heißt muss?
Wenn du es nicht verstehst, warst du nie wirklich verheiratet.
Maren wusste nicht, was sie sagen sollte. Dann ging Ute.
Später sah Maren eine Serie, aber kein Wort drang zu ihr durch. Das Herz pochte, ein leichter Panikschub, wie vor einem Sturm.
Plötzlich ertönte ein dumpfer Schlag, dann ein Schrei zuerst eine Frauenstimme, dann ein scharfer Männerbefehl:
Ruhe! Ich habe gesagt, Ruhe!
Ein Krachen, als würde etwas umgestürzt. Metallrasseln.
Maren erstarrte, ging zum Fenster. In der gegenüberliegenden Wohnung brannte Licht. Schatten huschten wie bei einer Theaterprobe. Ein Schrei, dann Kinderweinen. Und dann Stille.
Ihre Hände zitterten, als sie 112 wählte. Die Leitstelle sprach ruhig, fast einschläfernd:
Sind Sie sicher, dass es Gewalt war?
Ich hörte Schläge, Schreie. Das ist nicht das erste Mal.
Haben Nachbarn gerufen? Gibt es Bestätigungen?
Ich
Sie stockte. Keine Bestätigung, nur sie, die Nacht und das Gefühl, sofort zu handeln, sonst würde es schlimmer werden.
Wir protokollieren den Aufruf. Ein Streifen kommt, aber Sie sollten nicht eingreifen.
Der Streifen kam nach vierzig Minuten. Zuerst hörte man Schritte, Gespräche, dann ein lautes Türschlagen und wieder Stille.
Durch das Fenster sah sie den Mann den Ehemann von Ute ruhig mit Polizisten reden, Dokumente vorzeigend. Ute war nirgends zu sehen.
Am nächsten Morgen klopfte es leise an Marens Tür.
Ute stand dort, geschwollene Augen, hastig hochgesteckte Haare, zitternde Finger.
Darf ich reinkommen?
Maren ließ sie hinein, stellte den Wasserkocher an.
Hast du den Notruf ausgelöst?
Ich. Es tut mir leid, ich hatte keine Wahl.
Ute setzte sich, starrte in die Leere.
Ich dachte, wenn ich die perfekte Ehefrau bin lächle, koche, hör zu er würde mich lieben. Stattdessen drückt er immer stärker zu. Jede Woche ein bisschen mehr.
Du kannst gehen.
Wohin? Mit zwei Kindern? Ich habe keinen Job, keine Familie, nichts.
Du hast mich.
Ute hob die Augen, dann legte sie die Hand ans Maul und brach in Tränen aus.
Du bist die Einzige, die nicht wegschaut. Alle anderen sogar in der Schule, wo meine Tochter lernt sehen es, sagen nichts. Das ist ein dunkles Geheimnis.
Ich bin kein Lichtstrahl, aber ich bin hier.
Ute schwieg lange, dann stand sie auf.
Ich gehe. Nicht heute, aber ich gehe.
Maren nickte. In diesem Moment spürte sie, dass sie nicht nur Beobachterin war, sondern ein kleines Licht im fremden Fenster nicht grell, aber warm.
***
Die Nacht war dicht wie eingewachsener Sirup. In den Fenstern Dunkelheit, die Luft still. Nur leises Regenrauschen am Fensterbrett.
Ein plötzliches Klopfen weckte Maren. Zuerst dachte sie, es sei Einbildung, doch dann wieder vorsichtig, zweimal.
Sie öffnete. Ein tiefer Atemzug verließ ihr.
Ute, im offenen Bademantel, Hausschuhe, ohne Regenschirm, nasses Haar, ein Schrammen am Mund, ein frischer Abdruck an der Wange, einen abgenutzten Plüschhasen in der Hand.
Darf ich nur kurz sitzen? flüsterte sie.
Maren ließ sie hinein.
Ute setzte sich in die Sofaecke, umarmte den Hasen. Sie schwieg lange, nur die Schultern zuckten.
Er sagt, ich zerstöre sein Leben. Wenn ich nicht schweige, zwingt er mich. Und dann schlug er mich. Nicht stark, aber es war nicht das erste Mal.
Schläfst du mit den Kindern?
Sie schlafen. Ich habe sie nicht geweckt, als er ging.
Bleib, Ute. Bleib hier.
Ich kann nicht. Er hat Geld, Verbindungen. Ich bin nichts. Ich finde keinen Job, die Kinder würden keinen Platz bekommen.
Maren setzte sich neben sie, sah nicht die Wunde, nicht die Tränen, sondern das Herz.
Du bist ein Mensch. Du kannst weggehen. Es gibt Hilfsstellen, Übergangswohnungen. Ich finde alles. Du bist nicht allein.
Aber ich habe Angst, Maren. Ich bin müde vom Fürchten und vom Hoffen.
Ich bin hier. Kein Retter, aber ich wende mich nicht ab.
Ute legte ihren Kopf auf Marens Schulter, umarmte den Hasen, leise wie ein Kind.
Danke. Du bist die Einzige, die nicht wegt.
Und ich bleibe, solange du nicht sagst, genug.
Sie saßen, wortlos, hörten, wie der Regen alte Schmerzen wegspülte.
Zwei Wochen später verließ Ute die Wohnung ohne Koffer, nur mit einem Rucksack, ein paar Kindersachen und einem Ordner mit Papieren.
Maren hielt den Ordner, als sie fast nachts das Treppenhaus verließen, das Haus schlief. Die Kinder gingen schweigend, das Mädchen hielt den Bruder an der Hand, der Plüschhase ragte aus dem Rucksack wie ein Notrufzeichen.
Die Wohnung, die Maren für Ute gefunden hatte, war bescheiden: ein Zimmer, abblätterndes Bad, alter Kühlschrank. Doch dort war Ruhe. Und niemand, der befiehlt, schreit, wirft.
Hier fangen wir bei Null an, sagte Ute, als die Kinder auf Luftmatratzen einschliefen. Nur du, Maren du bist die erste Zeile dieses Blattes. Danke.
Maren nickte nur.
Dann drehten sich die Ereignisse. Maren besuchte Beratungsstellen, rief Anwälte, schrieb Anzeigen. Ute lernte, neu zu leben: Aufträge aus dem HomeOffice, Essen nach Liste kaufen, im Dunkeln schlafen ohne Angst.
Die Kinder gewöhnten sich langsam. Eines Tages gab der Junge Maren eine Zeichnung: zwei Frauen, zwei Kinder, darüber die Aufschrift Bei Maren.
Der Frühling brach an. In einer Nacht schmolz der Schnee. Maren wachte früh, machte Kaffee und ging wie immer zum Fenster.
Die Fenster gegenüber waren leer.
Die Frau, die dort einst gewohnt hatte, war weg nicht nur aus der Wohnung, sondern aus dem Leben, das sie sich selbst aufgezwungen hatte, aus der SchaufensterAnzeige einer guten Ehefrau.
Maren sah und fühlte: Kein Neid mehr, kein Schmerz, keine Einsamkeit. Nur Ruhe.
Ihr Zuhause war hier, in dieser Küche, in diesem Leben.
Ein Klopfen an der Tür, und sie ging öffnen.
Am Eingang stand Ute im Mantel, röte Wangen, die Kinder hinter ihr. Das Mädchen mit dem Plüschhasen, der Junge mit einem Glas Marmelade.
Wir dachten hast du heute etwas gebacken?
Maren lachte.
Kommt rein. Frisch aus dem Ofen.
Die Tür öffnete sich weit nicht nur zur Wohnung, sondern zum Morgen, zum Leben, in dem Perfektion nicht nötig ist, nur Echtheit.







