Eine eigensinnige Mutter wurde zur Last. Sie nervte alle. Und so ging sie. Doch sie hätte nie gedacht, wer ihr die Hand zur Hilfe reichen würde
Vor langer Zeit, in einem Leben, das ihr nun fremd und wie ein heller Traum erschien, war Anna Schmidt die stolze Herrin einer geräumigen, sonnigen Wohnung, eine liebevolle Mutter zweier wunderbarer Kinder und die treue Ehefrau eines angesehenen Mannes, dessen Beruf als Ingenieur Respekt einflößte. Ihre Hände, jetzt von feinen Fältchen gezeichnet, kannten jeden Zentimeter dieses Zuhauses sie spürten das kleinste Staubkörnchen auf dem Einband eines alten Buches, wussten genau, wie schwer der Suppenlöffel war, der den duftenden Hühnerfond umrührte, und erinnerten sich an die Wärme des Bügeleisens und die Kühle frisch gewaschener Wäsche.
Sie besaß eine seltene Gabe: das Zuhören. Ohne zu unterbrechen, aufmerksam und mitfühlend, versank sie in den Erzählungen anderer und konnte allein mit einem sanften, verständnisvollen Blick Trost spenden, in dem Mitgefühl und Unterstützung zu lesen waren. Doch die Zeit, gnadenlos und unerbittlich, schritt voran, ohne Rücksicht auf vergangene Verdienste oder einstiges Glück, und nahm Jahre, Kräfte und die gewohnte Lebensweise mit sich.
Kürzlich war sie achtundsiebzig geworden. Eine Zahl, die wie ein stilles Urteil klang. Ihr Sohn Thomas lebte nun mit seiner Familie in derselben, einst gemeinsamen Dreizimmerwohnung, die früher von Lachen erfüllt war. Tochter Lena war vor Jahren in eine weit entfernte Großstadt gezogen, rief selten an und beschränkte sich auf kurze, trockene Nachrichten: »Wie gehts dir?«, »Frohe Feiertage.« Und der Sohn der geliebte Sohn war mit den Jahren verschlossen, ständig müde und gereizt geworden. Seine Frau Claudia, eine resolute, geschäftstüchtige Frau, hatte von Anfang an eine kühle Höflichkeit an den Tag gelegt, die mit der Zeit in unverhohlene Genervtheit umgeschlagen war.
»Mutti, du hast schon wieder das Licht im Bad angelassen«, sagte Thomas, als er an ihr vorbeieilte, ohne stehenzubleiben.
»Ich war nur kurz weg, dachte, ich komme gleich wieder«
»Immer vergisst du etwas. Wir leben nicht im Mittelalter, Strom ist teuer!«
Claudia pflegte dann ihrerseits hinzuzufügen:
»Und den Herd hast du auch nicht richtig ausgemacht. Gut, dass ich nachgeschaut habe. Sonst brennt uns noch die Bude ab.«
In solchen Momenten senkte Anna Schmidt nur den Blick, von schmerzhafter Schuld geplagt. Tatsächlich begann sie, vieles zu vergessen. Manchmal verlor sie den Faden im Gespräch, verwechselte die Wochentage oder stellte ihre Teetasse auf die Fensterbank statt auf den Küchentisch. Früher, in besseren Zeiten, wäre sie nie so zerstreut gewesen. Damals nannte man sie verlässlich, bodenständig, das Rückgrat der Familie. Jetzt war ihre Anwesenheit im eigenen Zuhause nur noch ein lästiger Hintergrundlärm leise, kaum hörbar, aber störend.
Die Blicke der Familie wurden anders. Keine Spur von früherer Wärme oder Respekt. Sie sahen keine Mutter mehr, sondern eine Last, ein Problem, das gelöst werden musste.
An jenem denkwürdigen Tag goss es in Strömen. Ein eisiger, anhaltender Herbstregen, als weine der Himmel um diejenigen, die selbst nicht mehr weinen konnten. Anna Schmidt saß reglos am großen Fenster, eingehüllt in eine alte, aber ihr so wertvolle Decke, die sie einst für ihren Enkel gestrickt hatte der nun an einer Eliteuni studierte und sie kaum noch besuchte.
Sie starrte auf die Tropfen, die langsam die Scheibe herunterliefen, und dachte darüber nach, wie sich ihr Leben verändert hatte. Sie erinnerte sich an den großen Topf Kohlsuppe, den die Kinder immer nachschlugen, an das laute Lachen ihres Mannes beim Abendessen. Damals schien die Welt warm, vertraut und geborgen.
Jetzt war diese Welt auf ein kleines Zimmer geschrumpft, auf vier Wände, die sich täglich enger anfühlten, und auf immer die gleichen Sätze:
»Mutti, wo sind deine Tabletten schon wieder?«
»Mutti, mach den Fernseher leiser!«
»Mutti, du störst unseren Rhythmus.«
Das Wort »stören« traf sie besonders es piekste wie eine Nadel ins Herz. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal zur Belastung in ihrem eigenen Zuhause werden würde.
An jenem Morgen meinte Thomas, ohne sie anzusehen:
»Mama, wir haben uns überlegt Vielleicht wäre es besser, wenn du in ein Seniorenheim ziehst? Dort kümmern sich Fachleute um dich, du hast deine Ruhe«
Sie hob langsam den Blick. »Ruhe?«, flüsterte sie. »Und wo soll ich die finden? Hier bei euch oder hinter den Mauern eines Heims, umgeben von Fremden?«
»Du verstehst doch, wie es ist«, begann Thomas. »Wir arbeiten viel, der Alltag ist stressig, und du brauchst inzwischen Betreuung«
»Aber ich kann noch allein laufen, kochen, mein Zimmer aufräumen!«
»Ja, aber du vergisst ständig etwas! Gestern hast du fast den Herd angelassen! Das ist gefährlich!«
Anna Schmidt ballte unwillkürlich ihre müden Hände. Sie erinnerte sich. Ja, sie hatte ein Stück Kuchen aufwärmen wollen, doch dann kam der Anruf ihres Enkels, dass er später käme. Ob sie den Herd ausgeschaltet hatte? Sie wusste es nicht mehr. Aber es war ja nichts passiert.
»Ich will nicht ins Heim«, sagte sie plötzlich fest. »Ich bleibe hier. Das ist mein Zuhause.«
»Es ist unser gemeinsames Zuhause«, warf Claudia ein, ungefragt den Raum betretend. »Und wir entscheiden, wer hier wohnt.«
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie antwortete nicht, diskutierte nicht. Sie nickte nur still, drehte sich um und ging in ihr Zimmer.
Drei Tage später war sie verschwunden.
Zuerst bemerkte es niemand. Erst beim Frühstück fragte Claudia:
»Warst du heute Nacht auf?«
Thomas schaute in ihr Zimmer. »Sie ist weg. Nicht in der Küche, nicht im Bad.«
Ihre alte Handtasche fehlte, ebenso ihr Wintermantel. Auf dem Nachttisch lag ein weißer Umschlag, in zittriger Handschrift adressiert.
Darin ein kurzer Zettel:
»Such mich nicht. Ich will euch nicht zur Last fallen. Verzeiht mir. Ich liebe euch. Mama.«
Schweigen breitete sich aus. Thomas knüllte den Zettel zusammen.
»Blödsinn«, murmelte er. »Wohin soll sie allein gehen? In ihrem Alter?«
»Vielleicht zu einer Freundin?«, vermutete Claudia unsicher.
»Die ist vor einem Jahr gestorben.«
Sie riefen die Polizei, Krankenhäuser, suchten überall. Vergebens. Anna Schmidt war wie vom Erdboden verschluckt.
Dabei war sie einfach gegangen. Durch die nassen Straßen ihrer Heimatstadt, mit ihrer kleinen Tasche, in ihrem abgetragenen Mantel. Sie wusste nicht wohin. Sie ging einfach vom Vertrauten ins Ungewisse.
Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Kleindorf. Warum dorthin? Vielleicht, weil ihre Schwester einst dort gelebt hatte. Oder weil die Zahlen auf dem Ticket ihr freundlich erschienen.
Kleindorf war verlassen und traurig. Die Bäume kahl, die Häuschen heruntergekommen. Doch dann traf sie auf die alte Gertrud Meier, die ein Zimmer für kleines Geld vermietete.
»Ganz allein?«, fragte die Vermieterin.
»Ja. Meine Kinder brauchen mich nicht mehr.«
Gertrud seufzte. »Für die einen sind Eltern Liebe. Für die anderen Ballast.«
Anna Schmidt legte ihren nassen Mantel ab und spürte eine seltsame Erleichterung. Als hätte sie damit Jahre voll Vorwürfe abgestreift.
Wochen vergingen. Sie besuchte die Dorfkirche, half Gertrud im Haus, saß am Fluss. Die Leute erkannten sie. Der Bäcker grüßte: »Guten Tag, Frau Schmidt, frisches Brot heute!«
Sie nahm die Stricknadeln wieder in die Hand, machte Mützen, Schals. Einen bunten Schal schenkte sie einem Mädchen an der Bushaltestelle und als dieses strahlte, spürte sie zum ersten Mal seit Jahren: Sie wurde gebraucht.
Dann, eines Abends, als sie in der Bibel las, klopfte es leise. Ein junger Mann, Mitte zwanzig, mit müden Augen, stand dort.
»Sind Sie Anna Schmidt?«
»Ja. Wer sind Sie?«
»Ich bin Ihr Enkel. Lukas.«
Sie erstarrte.
»Lukas? Aber du bist doch in der Stadt«
»Ich bin extra hergekommen. Oma, warum bist du gegangen? Wir haben dich überall gesucht! Papa war außer sich!«
Sie setzte ihn an den Tisch, schenkte Tee ein, konnte ihn kaum ansehen. Er sah aus wie sein Vater in jungen Jahren aber seine Augen waren ihre eigenen.
»Ich wollte euch nicht stören«, flüsterte sie. »Sie wollten mich ins Heim schicken«
»Wer?! Papa oder Tante Claudia?«
»Beide. Sie sagten, ich vergesse alles«
»Das ist nicht deine Schuld! Du bist meine Oma! Du hast mir Märchen vorgelesen, mich gepflegt, als ich krank war! Du bist keine Last!«
Seine Stimme bebte.
»Und sie sie haben dich nicht einmal richtig gesucht. Nach einer Woche gaben sie auf. Ich konnte nicht. Ich konnte dich nicht vergessen.«
Anna Schmidt weinte. Tränen wie Herbstregen.
»Wie hast du mich gefunden?«
»Gertrud Meier hat mir geholfen. Ich bin durch alle Dörfer gefahren, habe gefragt. Eine Frau sagte, bei Gertrud wohnt eine Anna Schmidt.«
»Gott segne sie«, hauchte sie.
»Siehst du«, sagte Lukas lächelnd, »Hilfe kommt von denen, von denen man sie nicht erwartet. Und die, die man für die Nächsten hält, wenden sich ab.«
Am nächsten Tag brachte er sie nach Hause. Er hörte sich keine Ausreden an. Er stellte ihre Tasche ab und sagte: »Sie kommt zurück. Und wer was dagegen hat ich gehe mit ihr.«
Thomas erbleichte.
»Du verstehst das nicht«
»Doch. Und ich lasse nicht zu, dass meine Oma aus ihrem Zuhause vertrieben wird.«
Claudia wollte protestieren, doch Lukas Blick ließ sie verstummen.
Von da an änderte sich etwas. Langsam, aber spürbar. Lukas kam täglich mit Einkäufen, mit guten Worten. Sie saßen abends zusammen, schauten Filme, schwiegen. Und dieses Schweigen war warm.
Thomas wurde weicher. Eines Tages brachte er neue Hausschuhe: »Damit dir nicht kalt wird.«
Claudia schimpfte seltener, nannte sie öfter beim Namen.
Ein Jahr verging. Anna Schmidt vergaß noch immer manchmal ihre Brille oder verwechselte Namen. Aber jemand war immer da, der es mit einem Lächeln nahm.
Eines Herbstabends saß sie auf dem Balkon, sah den Blättern beim Fallen zu. Lukas setzte sich dazu.
»Oma, bereust du es manchmal, damals gegangen zu sein?«
Sie überlegte, dann lächelte sie.
»Nur, dass ich dich in Sorge gestürzt habe. Aber ich bereue nicht, verstanden zu haben, wer mich wirklich liebt. Du und Gertrud Meier habt mir gezeigt, dass ich nicht allein bin. Selbst wenn die ganze Welt sich abwendet.«
»Du bist nicht allein«, sagte er fest. »Und wirst es nie wieder sein.«
Sie lächelte aufrichtig, zum ersten Mal seit Jahren.
»Weißt du, mein Junge«, sagte sie, »ich dachte, das Alter sei das Ende. Jetzt verstehe ich: Es ist die Zeit, in der man sieht, wer wirklich zu einem steht.«
Sie nahm seine Hand.
»Du bist mein Schutzengel. Der, auf den ich nicht gewartet habe und der mir nun der Liebste ist.«
»Und du bist mein Zuhause, Oma«, antwortete er. »Solange ich lebe, wirst du wissen, dass du geliebt wirst.«
Ein leichter Wind bewegte die Vorhänge. Unten lachte ein Kind. Und auf dem Balkon saßen zwei eine alte, lebensmüde Frau und ein junger Mann, verbunden nicht nur durch Blut, sondern durch eine Entscheidung. Die Entscheidung, zu bleiben, wenn andere gehen. Zu lieben, wenn andere die Liebe vergessen.
Und in dieser Entscheidung lag der wahre Sinn des Lebens. Nicht in Jahren oder Besitz, sondern darin, dass selbst in der dunkelsten Stunde jemand an deine Tür klopft. Vielleicht nicht der, den du erwartest aber genau der, der dir am Ende der Welt am nächsten ist.







