Der Oktober zeigte sich in diesem Jahr ungewöhnlich streng. Der Schnee, der sonst erst im November fiel, kam diesmal schon Mitte des Monats als ob die Natur selbst den Winter vorantreiben wollte. Ein eisiger Wind peitschte durch die Straßen, und die Bäume, die ihr letztes Laub noch nicht verloren hatten, standen wie erstarrt unter einer Schicht Raureif.
Erika Hoffmann ging von der Bahnstation nach Hause. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und die Hände tief in den Taschen vergraben. In ihrer Tasche steckten Brot, Milch, Haferflocken und ein paar Orangen ein ganz normaler Feierabendeinkauf. Doch plötzlich, an einer alten Garagenwand, sah sie einen Mann.
Er saß zusammengekauert an den rostigen Toren und zitterte. Seine Kleidung eine abgetragene Jacke, durchnässte Schuhe ohne Schnürsenkel und eine Mütze, die eher einem Lappen glich war für dieses Wetter völlig ungeeignet. Sein Gesicht war blass vor Kälte, die Lippen blau. Er bettelte nicht, streckte keine Hand aus er saß einfach da, den Kopf gesenkt, als hätte er sich längst aufgegeben.
Erika blieb stehen. Etwas in ihr zog sich zusammen. Sie hielt sich nie für besonders gutherzig eher für vorsichtig, vielleicht sogar ein bisschen zynisch. Das Leben hatte sie gelehrt, Fremden nicht zu vertrauen, besonders nicht denen, die obdachlos wirkten. Doch diesmal war etwas anders. Dieser Mann strahlte keine Bedrohung aus nur Schmerz und Verlassenheit.
Geht es Ihnen nicht gut?, fragte sie und trat näher.
Der Mann hob den Blick. Seine Augen waren grau, müde, aber nicht böse. Er nickte wortlos.
Wo schlafen Sie?, fragte Erika weiter, obwohl sie die Antwort schon ahnte.
Er schwieg. Dann flüsterte er: Wo es halt geht.
Erika überlegte. Ein Gedanke blitzte in ihr auf unsinnig, auf den ersten Blick. Die Hütte. Ihre Hütte in Oberstdorf. Sie stand seit zwei Jahren leer. Ihr Mann war gestorben, die Kinder hatten ihr eigenes Leben, und sie selbst hatte lange nicht mehr den Mut gehabt, dorthin zurückzukehren. Jeder Gegenstand dort erinnerte sie an Vergangenes.
Hören Sie, sagte sie schließlich entschlossen. Ich habe eine Hütte, nicht weit von hier. Da gibt es einen Ofen, Holz, und das Wasser friert im Winter nicht ein. Wollen Sie dort bleiben, bis es wärmer wird?
Der Mann starrte sie misstrauisch an. Das meinen Sie ernst?
Ja. Ich gebe Ihnen die Schlüssel. Aber versprechen Sie mir: Nichts anfassen, niemanden einladen, und wenn ich komme gehen Sie sofort. Einverstanden?
Er nickte. Seine Augen glänzten. Danke Vielen Dank.
Erika holte den Schlüsselbund aus ihrer Tasche und löste zwei Schlüssel einen für das Gartentor, einen für die Haustür. Hier. Ich schreibe Ihnen die Adresse auf. Es ist einfach. Passen Sie nur mit dem Ofen auf. Und passen Sie auf sich auf.
Sie drückte ihm etwas Geld für die Fahrt in die Hand und die Lebensmittel, die sie eigentlich für sich selbst gekauft hatte.
Mit zitternden Fingern nahm er die Schlüssel entgegen, als wären sie nicht aus Metall, sondern ein rettender Strohhalm. Wie heißen Sie?, fragte Erika.
Thomas.
Ich bin Erika. Halten Sie durch, Thomas.
Sie ging weiter und drehte sich nur einmal um. Er stand noch immer da, die Schlüssel in der Hand, als könne er sein Glück nicht fassen.
Eine Woche verging. Dann eine zweite. Erika fuhr nicht zur Hütte, sie fragte nicht nach. Sie lebte ihr gewohntes Leben Arbeit, Zuhause, ab und zu Gassi mit dem Nachbarshund. Manchmal dachte sie an Thomas und fragte sich: Hoffentlich hat er die Hütte nicht abgefackelt. Doch im Großen und Ganzen vergaß sie die Sache fast.
Dann, an einem Samstagmorgen, klopfte es an der Tür. Draußen tobte ein Schneesturm. Vor ihr stand ein Polizist.
Frau Hoffmann? Wir haben ein kleines Problem. In Ihrer Hütte in Oberstdorf hat sich jemand eingemietet. Die Nachbarn beschweren sich Rauch aus dem Schornstein, Licht in der Nacht. Wir haben nachgeschaut der Mann sagt, Sie hätten ihm die Schlüssel gegeben.
Erika runzelte die Stirn. Ja, das stimmt. Ich habe die Schlüssel einem Bedürftigen gegeben. Er wäre erfroren. Ich konnte ihn nicht auf der Straße lassen.
Der Polizist nickte, doch seine Augen blieben misstrauisch. Verstehe. Aber rechtlich dürfen Sie keine Unterkunft ohne Vertrag vergeben, schon gar nicht an Unbekannte. Wir müssen sichergehen, dass alles in Ordnung ist.
Ich fahre heute selbst hin und schaue nach, sagte Erika.
Gut. Aber rufen Sie an, falls etwas ist.
Sie schloss die Tür und dachte nach. Zum ersten Mal seit Wochen überkam sie echte Sorge. Was, wenn er etwas kaputt gemacht hatte? Oder jemanden mitgebracht? Oder Schlimmeres?
Doch am meisten beschäftigte sie eine andere Frage: Warum war sie überhaupt ohne Vorwarnung losgefahren?
Die Antwort war einfach sie wollte die Wahrheit sehen. Unverfälscht.
Die Fahrt nach Oberstdorf war beschwerlich. Der Schneefall hatte zugenommen, das Auto rutschte in den Schneewehen, und Erika bereute mehrfach, keine Schaufel mitgenommen zu haben. Doch schließlich erreichte sie ihr Ziel
Die Hütte stand da, friedlich und fast feierlich. Aus dem Schornstein stieg gleichmäßig Rauch auf, die Fenster waren sauber, und auf der Veranda lag kein Schnee, kein Müll. Alles sah aus, als würde hier jemand leben der sich kümmerte, der aufräumte, der bewahrte.
Erika stieg aus und ging zum Gartentor. Der Schlüssel drehte sich mühelos. Der Hof war gefegt, der Weg zur Haustür mit Sand bestreut. Sie klopfte.
Thomas? Ich bins, Erika!
Keine Antwort. Sie klopfte lauter.
Machen Sie auf, bitte!
Stille.
Erika holte ihren Zweitschlüssel heraus und öffnete die Tür. Sie knarrte, als sie eintrat.
Drinnen war es warm. Der Ofen brannte. Auf dem Tisch standen zwei Tassen, als hätte jemand auf Besuch gewartet. Die Hütte war aufgeräumt, die Regale aufgeräumt, die Betten frisch bezogen. Über einem Stuhl hing eine neue Wolldecke, daneben lag ein Zettel.
Frau Hoffmann, stand dort in sorgfältiger Handschrift, ich habe alles so gut wie möglich gehalten. Danke für die Zeit hier. Ich bin heute Morgen abgereist. Habe die Schlüssel unter der Matte hinterlassen. Das Holz für den Ofen ist aufgefüllt, und die Nachbarn haben Saft bekommen, wie Sie sagten. Ich hoffe, das war recht so. Leben Sie wohl. Thomas
Erika blieb lange stehen, die Hand noch auf der Tür. Draußen fiel der Schnee leise auf die Dächer, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich nicht allein.







