„Man muss so schnell wie möglich gebären“, zischte Oma Maria, während sie ihre Beine vom Bett baumeln ließ.

Kind, du solltest so bald wie möglich ein Kind bekommen, pfiff Oma Gertrud, während sie die Füße vom Bett schob.
Gertrud war bereits im 87. Lebensjahr und hatte längst vergessen, wie das war, doch ihr Enkel Karl und sein Sohn Paul drängten sie immer wieder, gelegentlich mit dem Stock zu klopfen:
Bleibst du noch mit blauer Socke hier, wirst du erst im hohen Alter an deine Jugend denken und das zu spät.

Jetzt jedoch war Oma Gertrud traurig, stieg nicht mehr vom Bett, schimpfte jeden im Haus an (Was soll ich euch, ihr Schlange, füttern, damit ihr bis Mittag schläft?) und ließ um halb sieben morgens in der Küche Töpfe klirren.

Die Familie wurde wachsam.

Oma, fragte die fünfjährige Urenkelin Liesel, warum fluchst du nicht mehr gegen uns?

Ich sterbe gleich, mein Kind, das ist das Ende, seufzte Gertrud, als würde sie sowohl über ihr nahendes Lebensende als auch über das heutige Borschtsch-Desaster nachdenken, das sie überhaupt nicht mehr zubereiten konnte.

Liesel rannte in die Küche, wo die Verwandten schon warteten.

Gertruds Murmeltier ist gestorben!, verkündete sie nach einer schnellen Erkundungsrunde.

Welches Murmeltier?, fragte der Familienoberhaupt, zugleich Gertruds ältester Sohn Wilhelm Klaus, und hob die buschigen Brauen.

Er sah dabei fast wie ein dunkler Riese aus einem Märchen aus, und man könnte sagen, dass dort draußen der Wind durch seine Haare wehte.

Vielleicht ein altes Vieh, zuckte Liesel mit den Schultern.

Wie sollte sie wissen, welches Murmeltier gemeint war, wenn die Oma es ihr nie gezeigt hatte?

Die Ältesten warfen sich einen Blick zu.

Am nächsten Tag kam ein zurückhaltender Arzt zu ihnen nach Hause.

Etwas ist nicht in Ordnung mit Ihrer Oma, stellte er die Diagnose.

Na klar, schnippte Wilhelm Klaus und schlug sich die Hände an den Oberschenkeln, sonst hätten wir uns nicht um Sie gekümmert!

Der Arzt sah nachdenklich zuerst zu ihm, dann zu seiner Ehefrau.

Alterungserscheinungen, fuhr er unbeirrbar fort. Ich sehe jedoch keine gravierenden Abweichungen. Welche Symptome zeigen sich?

Sie hat aufgehört, mir zu sagen, wann Mittag- und Abendessen gekocht werden! Ihr ganzes Leben hat sie uns mit der Nase gerügt, dass unsere Hände nicht richtig sind, und jetzt betritt sie nicht mehr die Küche, sagte Wilhelm Klaus Frau mit gesenkter Stimme, selbst inzwischen ebenfalls eine Oma.

Beim gemeinsamen FamilienundArztRat beschlossen sie, dass dies ein sehr beunruhigendes Zeichen sei.

Sie waren so erschöpft von den Sorgen, dass sie ins Bett fielen und fast wie ertrunken einschliefen.

In der Nacht wachte Wilhelm Klaus von dem bekannten Geräusch seiner Hausschuhe auf.

Doch diesmal war es nicht das drängende Klirren, das zum Frühstücken und Arbeiten aufforderte.

Mama?, flüsterte er, als er den Flur betrat.

Na, dröhnte es unverblümt aus der Dunkelheit.

Was hast du vor?

Ich denke, ich schnappe mir, während ihr schlaft, ein Treffen mit dem Nachbarn Marius Jäger. Ich muss kurz auf die Toilette, wo sonst?

Der Sohn schaltete das Licht in der Küche ein, stellte den Wasserkocher an und setzte sich mit den Händen an den Kopf.

Hast du Hunger?, fragte die Oma, die im Flur stand und ihn beobachtete.

Ja, ich warte auf dich. Was war das, Mama?

Gertrud ging zum Tisch.

Ich sitze seit fünf Tagen im Zimmer, begann sie, und plötzlich schlug ein Falke gegen das Fenster klack! Ich dachte, das sei ein Todeszeichen. Ich legte mich, wartete den Tag, dann den zweiten, den dritten, und heute in der Nacht wachte ich auf und dachte: Wäre es nicht besser, dieses Zeichen dem Wald zu überlassen, damit ich nicht länger im Bett liege? Gieß mir bitte Tee, aber kräftig und heiß.

Drei Tage haben wir kaum miteinander gesprochen, Sohn, das holen wir nach, fuhr sie fort.

Wilhelm Klaus legte sich gegen halb fünf Uhr morgens wieder hin, während Gertrud in der Küche weiter das Frühstück zubereitete denn manche Dinge musste man selbst erledigen, sonst würden die kleinen Hände kaum die Kinder füttern können.

Am Ende lernten sie, dass das Alter zwar Schatten wirft, doch das Licht der gegenseitigen Fürsorge jeden Tag neu erhellt und das wahre Geschenk des Lebens ist, einander nicht zu vergessen.

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Mum Doesn’t Want to Leave