**Tagebucheintrag 12. Oktober**
Die Worte meines erwachsenen Sohnes hallen noch in meinen Ohren: Hör mal, Mama, vielen meiner Freunde haben ihre Eltern mit einer Wohnung geholfen. Ich heirate baldkönnt ihr nicht was für uns tun? Wollt ihr, dass wir in irgendeiner Absteige landen? Ihr müsst nicht gleich kaufen, es geht auch einfacher: Wir ziehen in die Einzimmerwohnung, die ihr vermietet. Nurvielleicht könntet ihr sie auf mich überschreiben? Damit alles fair bleibt.
Sabine saß in der Küche und sortierte Rechnungen. Ihr Mann, Jürgen, war längst zur Arbeit gegangen, aber sie brachte keine Energie auf, um aufzuräumen. Ihre Gedanken wirbelten wie aufgescheuchte Bienen. Der Frieden in der Familie war dahinunser jüngster Sohn, Leon, strapazierte unsere Nerven täglich.
Eigentlich wollte Sabine endlich für sich leben: das Schlafzimmer nach ihrem Geschmack einrichten, eine neue, moderne Couch fürs Wohnzimmer kaufen. Leon würde heiraten und mit seiner Frau ausziehen, die Wohnung wäre endlich nur für sie und Jürgen. Doch dann kam alles andersdie Scheidung unserer älteren Tochter, Alina, von ihrem faulen Exmann warf uns völlig aus der Bahn. Von Renovierungen keine Spur mehrdas größte Zimmer ging an Alina und die Enkelkinder, Tim und Lena.
In einem Monat sollte Leons Hochzeit mit seiner Verlobten, Franziska, stattfinden. Schon vor Monaten hatte er sie in seine Wohnung eingeladen, und nun drängten sich sieben Menschen in einer Dreizimmerwohnung, buchstäblich aufeinander.
Franziska betrat die Küche. Sabines Stirn verzog sich sofort.
Guten Morgen, Sabine, sagte sie, während sie ihren perfekten Zopf richtete. Frühstückst du noch? Oder soll ich allein bleiben? Ich will nicht stören.
Franziska redete sie einfach mit Vornamen andas Frau Schneider ließ sie konsequent weg. Arrogant, forderndso eine Schwiegertochter hätte Sabine niemals gewollt. Aber Leon hing an ihren Lippen, also mussten sie und Jürgen sich fügen.
Hallo, Franziska. Ich bin fertig, antwortete Sabine knapp. Warte fünf Minuten. Ich räume kurz auf, dann kannst du essen.
Franziska nahm ein Glas und schenkte sich Wasser ein.
Sabine, ich wollte dich was fragen. Leon und ich haben überlegt, wo wir nach der Hochzeit wohnen sollen Was denkst du?
Sabine legte die Rechnungen weg. Da war siedie Forderung, die seit Monaten in der Luft hing.
Wir haben doch schon darüber gesprochen, Franziska. Ihr könnt das freie Zimmer nehmen.
Franziska stellte das Glas ab. Ihr Gesicht verzerrte sich in diesem herablassenden Ausdruck, den Sabine schon gnädige Verachtung getauft hatte.
Sabine, seien wir ehrlich. Die Wohnung ist schön renoviert. Gemütlich, hell. Aber es ist eure Wohnung. Ihr und Jürgen lebt hier seit dreißig Jahren. Und mit Alina und zwei Kindern das sind nicht mehr drei, sondern fünf Menschen. Wir wollen nicht leben, wo jeder unserer Schritte unter der Lupe liegt.
Und wie stellt ihr euch das vor?, fragte Sabine, ihre wachsende Gereiztheit kaum verbergend. Ihr habt keine eigene Wohnung. Alles, was ihr euch leisten könnt, ist zur Miete zu wohnen.
Genau darüber reden wir, warf Franziska ein und setzte sich. Wir dachten an eure Einzimmerwohnung. Die ihr vermietet.
Ja. Und?
Nun wir könnten da einziehen. Wäre perfekt. Wir würden natürlich Miete zahlen Oder ihr schenkt sie uns gleich.
Sabine lachte schief.
Ich habe zwei Kinder, falls du es vergessen hast. Soll ich euch die Wohnung geben und Alina benachteiligen?
Alina kann bei euch bleiben, zuckte Franziska die Schultern. Drei Zimmerihr und Jürgen in einem, Alina mit den Kindern im anderen. Platz genug.
Alina kann nicht für immer hierbleiben, presste Sabine zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie hat sich scheiden lassen. Sie braucht ihr eigenes Leben. Und nochmal: Ich gebe euch die Wohnung nicht. Ihr seid jung, arbeitet. Verdient euch euer eigenes Dach über dem Kopf.
Aber das dauert ewig!, rief Franziska. Leon hat gerade eine Beförderung bekommen, aber bis wir uns eine Wohnung kaufen können, vergehen fünf bis sieben Jahre! Wir wollen jetzt leben!
Warum dann diese protzige Hochzeit?, fuhr Sabine scharf dazwischen. Warum Limousinen, Tauben, ein Bankett für hundert Leute, wenn ihr euch nicht mal eine eigene Bleiste leisten könnt? Heiratet standesamtlich und steckt das Geld in eine Kaution. Wäre das nicht vernünftiger?
Sabine, das siehst nur du so, sagte Franziska mit gespielter Ruhe. Für uns ist das der wichtigste Tag. Ich will ein schönes Kleid, ich will, dass meine Freundinnen sehen, dass wir nicht arm sind. Ich will ihnen zeigen, was wir haben! Verstehst du das nicht?
Doch, nickte Sabine. Ich verstehe, dass du protzen willst. Aber ich denke auch, dass kein eigenes Zuhause der schnellste Weg zur Scheidung ist. Kluge Leute kaufen zuerst eine Wohnungdann heiraten sie.
Franziska warf ihr einen bösen Blick zu und verließ wortlos die Küche. Sie hatte nichts mehr zu erwidern.
Am Abend kam Leon mit derselben ForderungSabine wusste sofort, dass Franziska ihn vorgeschickt hatte. Diesmal beschwerte er sich über die Feier zu unserem dreißigsten Hochzeitstag:
Ihr und Papa habt im Restaurant gefeiert, weil ihr es euch leisten konntet. Zehn Jahre haben wir gespart, den Autokredit abbezahltdas Auto, das wir dir übrigens geschenkt haben, Leon. Ja, wir haben schön gefeiert, weil wir es uns verdient hatten!
Ihr hättet auch zu Hause feiern können! Grillen im Garten. Wäre billiger gewesen. Weißt du, wie sehr ich das Geld jetzt brauchen würde! Wie viel habt ihr ausgegeben? Fünf- oder sechstausend Euro?
Sabine drehte sich zu ihm um.
Du wagst es, mir das zu sagen?, ihre Stimme brach. Du, der nicht mal genug für einen Anzug gespart hat? Wir haben dir den Hochzeitsanzug gekauft! Siebzig Prozent der Hochzeitskosten tragen wir! Wir mussten einen Kredit aufnehmen, um eure Wünsche zu erfüllen. Und jetzt machst du mir Vorwürfe?
Schrei mich nicht an, fauchte Leon. Ich werf dir nichts vor. Ich verlange nur, was mir zusteht. Wohin soll ich meine Frau bringen? Hierher? In eine schäbige Mietbude? Mama, ich frage dich ernsthaft!
Und ich frage dich, warum ihre Eltern euch keine Wohnung geben können! Du verlangst, dass ich euch die einzige Absicherung gebe, die ich für uns gespart habe! Diese Wohnung soll uns im Alter Sicherheit bieten. Wir vermieten sie weiter!
Warum denn? Ihr habt gelebtjetzt lasst uns leben, Mama!
Vergiss nicht, dass du eine Schwester hast, Leon. Alina hat Kinder, sie braucht Hilfe mehr als ihr, jung und gesund!
Schritte unterbrachen das GesprächFranziska stürmte herein.
Alina kann auf ihren Exmann hoffen, erklärte sie schneidend. Oder auf die Wohnung, die ihr für sie aufspart. Gebt uns die Einzimmerwohnung, wir verlangen nicht die Dreizimmerwohnung. Stimmts, Schatz?
Der Streit eskalierte. Jeder glaubte, im Recht zu sein. Leon und Franziska hatten längst alle Anstandsregeln vergessensie baten nicht mehr, sie forderten offen eine Wohnung, mit der sie nichts zu tun hatten.
Eine Woche vor der Hochzeit war es unerwartet ruhig. Leon und Franziska waren mit Freunden aufs Land gefahren, Alina und die Kinder besuchten eine Cousine in einer anderen Stadt. Sabine und Jürgen saßen am Samstagabend vor dem Fernseher, als es an der Tür klingelte. Sie sahen sich verwundert anGäste hatten sie nicht erwartet.
Jürgen ging öffnen. Im Flur schrillte die Stimme von Franziskas Mutter, Gudrun.
Jürgen, hallo! Ist Sabine da? Lass mich rein!
Sabine erstarrte. Sie hatte Gudrun erst dreimal getroffenaber das reichte, um zu wissen, woran sie war. Wie Mutter, wie Tochter.
Sabine eilte in den Flur. Gerade noch rechtzeitigGudrun hatte schon die Schuhe ausgezogen.
Was führt dich her?, fragte Sabine ohne Begrüßung.
Gudrun grinste.
Hallo, Sabine. Ich muss mit dir reden. Das hier zieht sich schon zu lange. Die Hochzeit steht vor der Tür, und meine Franziska ist völlig aufgelöstsie hat gestern geheult, sich über dich beschwert!
Sabine hob eine Augenbraue.
Ach? Und was habe ich ihr angetan?
Gudrun verzog das Gesicht.
Ach, Sabine, stell dich nicht dumm! Warum lasst ihr die Kinder nicht in die freie Wohnung ziehen? Sie steht doch leer! Willst du deinem eigenen Sohn kein Zuhause gönnen?
Jürgen stieß einen lauten Seufzer aus. Sabine drückte seine Handein stilles Zeichen, ruhig zu bleiben.
Gudrun, warum kauft ihr den beiden nicht eine Wohnung? Warum denkst du, dass ich für ihren Lebensunterhalt verantwortlich bin?
Gudrun tat erstaunt.
Ach, woher soll ich denn das Geld haben? Wir leben von unserem Gehalt. Hätte ich eine leere Wohnung, würde ich sie ihnen geben Also, Sabine! Hör auf, dich querzustellen, gib ihnen die Wohnung. Wollen wir uns wirklich streiten?
Jürgen hielt nicht länger an sich. Er schob Gudrun sanft zur Seite, öffnete die Tür und brüllte:
Genug! Raus mit dir! Sag deiner Tochter, dass sie keine Wohnung bekommt. Punkt!
Gudrun schimpfte laut, ging aber schließlich. Jürgen rief Leon an und machte klar, dass es genug warer sollte sofort nach seiner Rückkehr ausziehen.
**Was ich heute gelernt habe:** Manche Menschen glauben, Anspruch auf das zu haben, wofür andere ein Leben lang gearbeitet haben. Doch Grenzen zu setzen ist kein Verbrechenes ist Überlebensnotwendig.







