Du bist nicht mehr willkommen» – sagte der Sohn und nahm den Schlüssel an sich

Du bist uns nicht mehr nötig, sagte der Sohn und nahm die Schlüssel an sich.
Mama, hör auf mit den Dramen! Wir hatten doch besprochen, alles in Ruhe zu klären! Andreas trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch, ohne ihr in die Augen zu sehen.

Helga Schmidt saß ihrem Sohn gegenüber in der kleinen Küche, in der jeder Gegenstand seinen Platz hatte, wo es nach frischem Gebäck und Kaffee roch. Ihre Hände zitterten leicht, doch ihre Stimme blieb fest.

Welche Dramen? Ich frage nur, warum du und Simone beschlossen haben, das Wochenendhaus zu verkaufen, ohne mit mir zu reden?

Weil es auf meinen Namen läuft. Du hast es vor fünf Jahren überschreiben lassen, erinnerst du dich?

Natürlich erinnere ich mich. Aber ich dachte ich war sicher, das sei nur eine Formalität. Damit du die Unterlagen leichter regeln kannst.

Andreas stand auf, ging in der Küche auf und ab. Mit zweiundvierzig wirkte er älter graue Schläfen, Falten auf der Stirn, müde Augen.

Mama, versteh doch. Wir brauchen das Geld. Simones Geschäft ist pleite, die Schulden lasten schwer. Leni studiert jetzt, das Wohnheim kostet.

Ich kann mit Geld aushelfen. Ich habe Erspartes

Deine Ersparnisse sind Peanuts, Mama. Tut mir leid, aber eine Rente von achthundert Euro löst unsere Probleme nicht.

Helga erhob sich, trat ans Fenster. Draußen fiel der erste Schnee, langsam wirbelten dicke Flocken.

In diesem Haus hat dein Vater jeden Baum gepflanzt. Erinnerst du dich an den Apfelbaum bei der Laube? Du hast ihm geholfen, du warst sieben.

Ich erinnere mich, sagte Andreas leise.

Das Gewächshaus haben wir zusammen gebaut, als du fünfzehn warst. Du sagtest damals, du würdest später mit deinen Kindern dorthin fahren, meine Enkel mitbringen.

Pläne ändern sich, Mama.

Pläne Sie drehte sich zu ihm um. Und was ist mit der Erinnerung? Jede Ecke dort ist unsere Geschichte. Deine Kindheit, deine Jugend.

Es klingelte an der Tür. Andreas öffnete. Simone, seine Frau, stand auf der Schwelle. Eine gepflegte Frau im teuren Mantel.

Na, habt ihr geredet?, fragte sie, ging an der Schwiegermutter vorbei, ohne zu grüßen.

Simone, guten Tag, sagte Helga.

Ach, hallo, warf die Schwiegertochter hin. Andreas, wir müssen los. Der Makler wartet.

Welcher Makler?, fragte Helga beunruhigt.

Der, der das Haus schnell verkauft. Er hat bereits Interessenten.

Aber ich habe dort noch Sachen! Die Werkzeuge deines Vaters, die Fotoalben

Hol sie ab, schnitt Simone ihr das Wort ab. Du hast eine Woche Zeit.

Eine Woche? Wie soll ich das allein schaffen?

Mama, wir helfen dir, sagte Andreas zögernd.

Helfen? Simone sah ihn an. Hast du etwa Zeit übrig? Du schuftest doch in zwei Jobs.

Ich finde schon eine Lösung.

Helga setzte sich auf einen Stuhl, spürte, wie ihr die Knie nachgaben.

Andi, mein Junge, vielleicht verkauft ihr es nicht? Vermietet es stattdessen? Ich komme nicht mehr hin, versprochen.

Mama, Vermieten lohnt nicht. Das Haus ist alt, es braucht Renovierung. Der Verkauf bringt uns eine gute Summe.

Dreihunderttausend, fügte Simone hinzu. Genug, um die Schulden zu tilgen.

Dreihunderttausend für Papas Haus, flüsterte Helga.

Das ist ein guter Preis, sagte Andreas. Das Grundstück ist groß, die Lage gut.

Gut für wen? Für Leute, die unser Häuschen abreißen und eine Villa bauen?

Was macht das für einen Unterschied?, zuckte Simone mit den Schultern. Hauptsache, wir kriegen das Geld.

Helga stand auf, ging zu Andreas, nahm seine Hände.

Andi, ich bitte dich. Verkauf es nicht. Es ist die Erinnerung an deinen Vater.

Vater ist seit zehn Jahren tot, Mama.

Für dich zehn Jahre. Für mich als wäre es gestern. Ich gehe in das Haus und spüre seine Gegenwart. Sehe ihn in jedem Brett, das er genagelt hat, in jedem Beet, das er umgegraben hat.

Helga, mischte Simone sich ein, Sie wissen doch, dass das nur Sentimentalitäten sind? Man kann nicht in der Vergangenheit leben.

Und die Zukunft? Wo wird eure Tochter ihre Sommer verbringen?

In Italien. Oder Spanien. Wie normale Leute.

Normale Leute

Andreas Telefon klingelte. Er sah auf den Bildschirm.

Der Makler. Mama, ich muss wirklich gehen.

Warte. Helga ging ins Zimmer, kam mit einer Mappe zurück. Hier, sieh dir das an.

Andreas öffnete sie. Fotos. Das Haus in verschiedenen Jahren. Ein kleiner Andreas auf den Schultern seines Vaters, Äpfel pflückend. Der Teenager, der Beete umgrub. Seine Hochzeit Tische im Garten, lachende Gäste, das Brautpaar tanzend.

Mama

Und hier Lenis erste Schritte. Erinnerst du dich? Auf dem Weg zwischen den Blumenbeeten.

Simone riss die Mappe an sich, klappte sie zu.

Hör auf zu manipulieren! Andreas, komm!

Ich manipuliere nicht, sagte Helga leise. Ich bitte nur darum, zu bewahren, was mir wichtig ist.

Wichtig? Simone lachte. Wissen Sie, was mir wichtig ist? Ein schuldenfreies Leben. Die Ausbildung meiner Tochter. Ein anständiges Auto, nicht dieser rostige Eimer, mit dem Andreas herumfährt.

Simone, hör auf, versuchte Andreas sie zu bremsen.

Was hör auf? Die Wahrheit sagen? Deine Mutter lebt in der Vergangenheit, klammert sich an alten Kram, und wir sollen darunter leiden?

Ich verlange nicht, dass ihr leidet. Ich bitte nur, das Haus zu behalten.

Und ich bitte dich, dich aus unseren Angelegenheiten rauszuhalten!, erhob Simone die Stimme.

Aus *unseren*? Es geht auch um mich. Es ist das Haus meines Mannes, des Vaters meines Sohnes.

*War* das Haus deines Mannes. Jetzt gehört es Andreas. Und er hat beschlossen, es zu verkaufen. Punkt.

Helga sah ihren Sohn an.

Ist das deine endgültige Entscheidung?

Andreas wandte den Blick ab.

Ja, Mama. Entschuldige.

Na gut, sie setzte sich, faltete die Hände im Schoß. Dann bleibt mir nur eins.

Was?, fragte Simone misstrauisch.

Ich ziehe dorthin. Für immer.

*Was?* Andreas starrte sie an. Mama, bist du verrückt? Der Winter steht vor der Tür!

Dort ist ein Ofen. Holz ist noch vom letzten Jahr da.

Aber es gibt keinen Komfort! Die Toilette ist im Garten, Wasser vom Brunnen!

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, Andi. Ich komme zurecht.

Das ist Erpressung!, rief Simone. Sie sagt das nur, damit du dich anders entscheidest!

Ich sage, was ich denke. Wenn das Haus verkauft wird, habe ich keinen Ort mehr, an den ich gehen kann. Und hier, in dieser Wohnung, ersticke ich.

In einer *Mietwohnung*, wohlgemerkt, warf Simone ein. Die *wir* bezahlen.

Helga zuckte zusammen.

Ich habe nicht darum gebeten. Ich hätte selbst

Von deiner Rente? Lächerlich.

Ich finde Arbeit.

Was für Arbeit? Sie sind achtundsechzig!

Als Reinigungskraft. Oder Hausmeisterin.

Andreas stand auf, trat zu ihr.

Mama, hör auf. Du ziehst nirgendwo hin und arbeitest auch nicht. Wir verkaufen das Haus, tilgen die Schulden, und alles wird gut.

Wessen alles? Eures?

Und deins auch.

Mein Leben wird ohne dieses Haus nicht gut.

Du übertreibst.

Helga ging zum Haken, nahm die Schlüssel.

Hier. Die Schlüssel zum Haus. Nehmt sie.

Mama

Nehmt sie. Macht, was ihr wollt. Verkauft, reißt ab, baut neu. Lasst mich nur damit in Ruhe.

Sie reichte Andreas die Schlüssel. Er nahm sie, drehte sie in der Hand.

Und gib die Wohnungsschlüssel ab, sagte Simone plötzlich.

*Was?* Andreas und Helga drehten sich gleichzeitig zu ihr.

Die Schlüssel zu dieser Wohnung. Wir zahlen dafür, also haben wir das Recht.

Simone, was fällt dir ein?, fuhr Andreas auf.

Wieso? Wenn wir gegen den Willen deiner Mutter verkaufen, dann gibt es kein Vertrauen mehr. Wer weiß, was sie aus Verzweiflung anstellt.

Was soll ich schon anstellen?, fragte Helga müde.

Alles Mögliche. Gas aufdrehen, Feuer legen

Simone!, brüllte Andreas. Hör auf!

Nein, sie hat recht, Helga nahm den Wohnungsschlüssel vom Bund. Hier. Nimm.

Mama, das musst du nicht

Nimm, sie drückte ihm den Schlüssel in die Hand. Braucht ihr sonst noch was von mir?

Doch, sagte Simone. Deine Unterschrift unter den Kaufvertrag.

Wozu? Das Haus gehört Andreas.

Aber du bist dort gemeldet. Wir brauchen dein Einverständnis.

Helga nickte.

Gut. Wann?

Morgen. Zehn Uhr beim Notar.

Ich komme.

Simone nickte zufrieden, nahm Andreas Arm.

Komm, Andreas. Der Makler wartet.

Andreas sah seine Mutter an. Etwas wie Zweifel blitzte in seinen Augen.

Mama, geht es dir wirklich gut?

Vollkommen, mein Junge. Geht nur.

Sie gingen. Helga blieb in der Küche stehen. Dann setzte sie sich langsam auf einen Stuhl. Nahm das Telefon, wählte eine Nummer.

Hallo, Moni? Ich bins, Tante Helga. Ja, danke, alles gut. Hör mal, du hast neulich gesagt, ihr sucht noch einen Hausmeister für das Studentenwohnheim? Ja, ich würde es machen. Wann kann ich anfangen? Morgen? Perfekt. Ja, mit Unterkunft. Danke, Liebes.

Sie legte auf, sah sich um. In der Mietwohnung stand nicht viel. Kleidung, Geschirr, ein paar Fotos. Alles passte in zwei Koffer.

Abends rief Andreas an.

Mama, wie gehts?

Gut. Ich packe.

Wohin?

Ich ziehe um. Habe einen Job mit Unterkunft.

Was für ein Job?

Hausmeisterin im Studentenwohnheim. Ein kleines Zimmer, aber meins. Und achthundert Euro im Monat.

Mama, wozu das?

Wozu? Wovon soll ich leben? Ihr werdet die Miete doch nicht mehr zahlen.

Werden wir! Mama, sei nicht albern.

Andi, du hast heute meine Schlüssel genommen. Und gesagt nein, nicht du, aber trotzdem dass ich euch nicht mehr nötig bin.

Das habe ich nicht gesagt!

Aber Simone. Und du hast nicht widersprochen.

Mama

Schatz, es ist schon gut. Ich verstehe. Ihr habt euer Leben, eure Sorgen. Und ich ich komme irgendwie klar.

Mama, ich komme vorbei, wir reden.

Nicht nötig. Morgen sehen wir uns beim Notar.

Sie legte auf. Andreas rief nicht wieder an.

Am nächsten Morgen ging Helga zum Notar. Andreas und Simone warteten bereits. Ihr Sohn sah zerknautscht aus, als hätte er nicht geschlafen.

Mama, lass uns reden.

Worüber? Wo sind die Unterlagen?

Die Notarin, eine korpulente Frau mit Brille, sah sie über die Papiere hinweg an.

Also, Helga Schmidt, Sie geben Ihr Einverständnis zum Verkauf des Wochenendgrundstücks?

Ja.

Sie sind sich bewusst, dass Sie nach dem Verkauf kein Wohnrecht mehr haben?

Ja.

Unterschreiben Sie hier und hier.

Helga nahm den Stift, unterschrieb. Ihre Hand zitterte nicht.

Alles erledigt? Ich kann gehen?

Ja, Sie können gehen.

Sie stand auf, ging zur Tür.

Mama, warte! Andreas holte sie im Flur ein. Wohin gehst du?

Ins Wohnheim. Mein Dienst beginnt um zwei.

Mama, sei nicht albern! Komm mit nach Hause, wir reden.

Nach Hause? Ich habe kein Zuhause mehr, Andi. Du hast die Schlüssel genommen, erinnerst du dich?

Simone hat überreagiert! Ich habe mit ihr geredet.

Und was sagte sie?

Andreas zögerte.

Na ja, sie findet, sie hatte recht.

Siehst du. Und du stimmst ihr zu, weil du nicht widersprichst.

Ich stimme nicht zu! Es ist nur kompliziert.

Ich weiß, mein Junge. Geh jetzt. Simone wartet.

Helga trat auf die Straße. Schnee fiel in dicken Flocken, bedeckte die Stadt mit einem weißen Schleier. Sie hob das Gesicht, ließ die Schneeflocken darauf tanzen.

Entschuldige, Karl, flüsterte sie. Ich habe unser Haus nicht bewahrt. Aber ich habe es versucht.

Ein Monat später kam Andreas ins Wohnheim. Klopfte an die Tür des Hausmeisterzimmers.

Mama? Ich bins.

Komm rein, offen.

Das Zimmer war winzig ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. An der Wand Fotos. Karl, Andreas als Junge, Enkelin Leni.

Wie gehts dir hier?

Gut. Die Studenten sind nett, hilfsbereit. Tragen schwere Sachen für mich.

Mama, das Haus ist verkauft.

Ich weiß. Simone hat angerufen, hat es mir unter die Nase gerieben.

Sie hat nicht sie hat es nur mitgeteilt.

Wie du meinst.

Andreas setzte sich auf den einzigen Stuhl.

Mama, ich habe Geld für dich.

Brauche ich nicht.

Doch! Vom Verkauf. Dein Anteil.

Das Haus war auf deinen Namen. Ich habe keinen Anteil.

Aber moralisch

Moralisch? Helga lächelte traurig. Hättest du an Moral gedacht, stünde das Haus noch.

Mama, wir hatten keine Wahl!

Es gibt immer eine Wahl, mein Junge. Du hättest einen Nebenjob annehmen können, Simone hätte arbeiten gehen können, statt zu Hause zu sitzen.

Sie kümmert sich um Leni!

Leni ist neunzehn. Was für eine Kümmerung?

Andreas schwieg. Dann holte er einen Umschlag, legte ihn auf den Tisch.

Hier sind zwölftausend. Nimm sie.

Ablass?

Was für Ablass? Einfach Hilfe.

Ich brauche keine Hilfe. Ich habe Arbeit, ein Dach über dem Kopf, Essen. Was will ich mehr?

Und wir? Die Familie?

Helga sah ihn lange an.

Andi, du hast selbst gesagt, ich bin euch nicht mehr nötig.

Das habe ich nicht gesagt!

Nein? Wer hat die Schlüssel genommen? Wer hat gegen meinen Willen verkauft?

Es war eine Notlösung!

Vielleicht. Aber danach wusste ich eines ich bin eine Last für euch. Eine alte Frau, die sich an Vergangenheit klammert.

Mama, wie kannst du so etwas sagen!

Die Wahrheit. Ich bin nicht böse, wirklich. Ich habe akzeptiert. Ihr seid jung, habt euer Leben. Und ich ich leise meine Tage, ohne jemandem im Weg zu sein.

Andreas stand auf, ging im Zimmer auf und ab. Zwei Schritte hin, zwei zurück.

Leni vermisst dich.

Sag ihr, ich vermisse sie auch.

Kommst du mal zu Besuch?

Nein, danke. Simone würde sich nicht freuen.

Scheiß drauf, was sie denkt!

Nein, Andi. Sie ist deine Frau, Lenis Mutter. Ihre Meinung zählt mehr als meine. Du hast es bewiesen.

Es klopfte.

Helga, darf ich?, sah eine Studentin herein. Oh, Entschuldigung, Sie haben Besuch.

Kein Problem, Anja. Was gibts?

Ich habe den Wasserkocher gebracht, wie versprochen. Ihrer ist ja kaputt.

Danke, Süße. Stell ihn auf den Tisch.

Das Mädchen stellte den Kocher ab, lächelte.

Helga, wir backen morgen mit den Mädels Kuchen. Helfen Sie uns?

Natürlich helfe ich.

Danke! Sie sind ein Schatz!

Das Mädchen verschwand. Helga lächelte ihr nach.

Nette Mädels. Fürsorglich.

Fremde kümmern sich um dich, und der eigene Sohn

Hör auf, Andi. Du hast wichtige Dinge, Schulden, Probleme. Die Mädels haben Jugend und ein gutes Herz.

Andreas nahm den Umschlag vom Tisch.

Also nimmst du es nicht?

Nein. Gib es Leni fürs Studium.

Mama

Geh jetzt, Junge. Simone wartet sicher.

Andreas ging zur Tür, drehte sich um.

Wir brauchen dich, Mama. Egal, was Simone sagt.

Danke für die netten Worte. Aber Taten sprechen lauter.

Er ging. Helga sah aus dem Fenster, wie er in ein Auto stieg. Ein neues Auto, gekauft mit dem Geld vom Hausverkauf.

Abends rief Leni an.

Oma! Papa sagt, du wohnst jetzt im Studentenwohnheim?

Ja, Lenilein. Arbeite hier.

Darf ich dich besuchen?

Natürlich, Herzchen. Komm vorbei.

Morgen? Ich muss mit dir reden.

Komm. Ich freue mich immer.

Am nächsten Tag kam Leni mit einer großen Tasche.

Oma, ich habe Essen mitgebracht. Und deine Lieblingskekse.

Danke, Sonnenschein. Aber das war nicht nötig.

Doch! Oma, darf ich ein bisschen bei dir bleiben?

Bei mir? Hier gibts nur ein Bett, es ist eng

Ich schlafe auf dem Boden! Oma, ich habe mich mit Mama gestritten. Wegen des Hauses.

Wegen des Hauses?

Ich habe gesagt, sie haben gemein gehandelt. Dass man Opa Karls Haus nicht verkaufen darf. Mama hat geschrien, ich sei undankbar. Und ich sagte, undankbar seien *sie*.

Helga umarmte ihre Enkelin.

Streit nicht wegen mir mit deinen Eltern.

Nicht *wegen dir*! Wegen Gerechtigkeit! Oma, sie haben dich praktisch rausgeworfen!

Niemand hat mich rausgeworfen. Ich bin gegangen.

Weil sie die Schlüssel genommen haben!

Lenilein, es ist kompliziert.

Gar nicht! Sie haben Geld über Familie gestellt!

Leni weinte. Helga strich ihr über den Kopf, beruhigte sie.

Wein nicht, Liebes. Alles wird gut.

Wie? Das Haus ist weg, du lebst in einer Kammer

Aber ich lebe. Und ich habe dich. Das zählt.

Abends saßen sie auf dem schmalen Bett, tranken Tee mit Keksen. Leni erzählte vom Studium, von Freunden. Helga hörte zu, lächelte.

Weißt du, Oma, ich habe beschlossen: Wenn ich mit dem Studium fertig bin, miete ich eine Wohnung und nehme dich mit.

Danke, Sonnenschein. Aber das dauert noch.

Nur noch anderthalb Jahre! Und ich jobbe schon. Bald verdiene ich mehr.

Beeil dich nicht mit dem Erwachsenwerden. Genieße deine Jugend.

Es klopfte. Andreas trat ein.

Leni? Bist du hier? Deine Mutter macht sich Sorgen.

Soll sie, murmelte das Mädchen.

Leni, sei nicht patzig zu deinem Vater, sagte Helga sanft.

Er hat dich verraten, und du verteidigst ihn?

Er ist mein Sohn. Egal was passiert.

Andreas setzte sich, rieb sich das Gesicht.

Mama, vergib mir.

Wofür, mein Junge?

Für alles. Für das Haus, die Schlüssel, dass ich zugelassen habe, wie Simone mit dir redete.

Du liebst deine Frau. Das ist normal.

Aber ich liebe dich auch!

Ich weiß. Nur ist Liebe nicht gleich Liebe. Und man entscheidet sich für das, was wichtiger scheint.

*Du* bist wichtig!

Jetzt ja. Weil du Schuld fühlst. Doch wenn wieder Schulden kommen, Probleme, wirst du wieder sie über mich stellen.

Nein!

Doch. Und ich bin nicht böse. So ist das Leben.

Andreas kniete sich vor sie, vergrub sein Gesicht in ihren Händen.

Mama, vergib mir. Ich bin ein Idiot. Ein Verräter.

Kein Verräter. Nur verwirrt.

Komm nach Hause.

Nach Hause? Welches Zuhause, Andi? Die Mietwohnung, in der ich geduldet war?

Wir mieten eine andere. Größer. Mit eigenem Zimmer für dich.

Nicht nötig. Mir gehts hier gut.

In dieser Kammer?

In dieser Kammer bin ich Herrin meines Lebens. Niemand nimmt mir die Schlüssel weg.

Andreas weinte. Ein Zweiundvierzigjähriger, der wie ein Kind schluchzte.

Verzeih mir, Mama. Verzeih.

Helga strich ihm über den Kopf wie einst dem kleinen Jungen.

Alles gut, mein Junge. Alles gut.

Ein halbes Jahr später ließ sich Andreas von Simone scheiden. Das Geld vom Haus hatte sie nicht für Schulden, sondern für ein neues Auto und einen Urlaub mit Freundinnen auf den Malediven ausgegeben.

Er kam zu Helga, erzählte es.

Jetzt verstehe ich, was für ein Trottel ich war.

Mach dir nichts draus. Irren ist menschlich.

Mama, komm zurück. Ich habe eine Zweizimmerwohnung gemietet. Wir leben zusammen.

Helga schüttelte den Kopf.

Danke, mein Junge. Aber ich bleibe hier.

Warum?

Weil das hier meine Welt ist. Klein, aber meins. Und die Studentinnen sind wie Enkelinnen. Sie sorgen sich, helfen, erzählen mir Geheimnisse.

Aber ich bin doch dein Sohn!

Ja. Und ich liebe dich. Doch Vertrauen Vertrauen zerbrach mit den Schlüsseln, die du nahmst.

Ich werde es zurückgewinnen! Egal wie lange es dauert!

Vielleicht. Die Zeit wirds zeigen.

Andreas kam nun jede Woche. Brachte Essen, Medikamente, saß einfach da, redete. Leni zog zu ihm, besuchte die Oma noch öfter.

Und Helga lebte ihr stilles Leben. Half Studentinnen beim Lernen, brachte ihnen Kochen bei, hörte ihren Sorgen zu.

Eines Tages kam der Unirektor zur Inspektion. Sah, wie Helga mit lernschwachen Studenten übte.

Sind Sie Pädagogin?, fragte er.

War ich mal. Vierzig Jahre Lehrerin.

Wollen Sie Vorbereitungskurse geben? Kleines Gehalt, aber etwas dazu.

Gerne! Danke!

Mit neunundsechzig unterrichtete Helga wieder. Und war glücklich.

Das Haus wurde abgerissen. Eine Villa entstand. Andreas fuhr einmal vorbei, blieb stehen. Dann besuchte er seine Mutter.

Mama, ich war dort. Wo unser Haus stand.

Und?

Nichts ist geblieben. Nicht mal der Apfelbaum.

Schade um den Baum. Dein Vater liebte ihn so.

Vergib mir, Mama.

Ich habe vergeben, mein Junge. Schon lange.

Aber nicht vergessen.

Nein. Manches kann man nicht vergessen. Nur akzeptieren und weiterleben.

Andreas umarmte sie.

Du bist stark.

Nein. Nur alt. Im Alter sieht man vieles klarer.

Ich liebe dich, Mama.

Und ich dich, mein Junge. Trotz allem.

Sie saßen umschlungen in der kleinen Hausmeisterkammer. Draußen fiel Schnee, Studenten eilten zu Vorlesungen, das Leben ging weiter.

Und Helga wusste was auch kam, sie würde es schaffen. Denn sie hatte das Wichtigste gefunden: die Freiheit, sie selbst zu sein. Mag die Kammer noch so klein, das Gehalt noch so bescheiden sein dafür ohne Angst, dass wieder jemand sagen würde: Du bist uns nicht mehr nötig und ihr die Schlüssel nähme.

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