Wahrsage mir, Oma: Traditionelle Weissagung und Lebensweisheit

«Wahrsag mir etwas, Oma.»

«Was ist los, mein Schatz? Warum bist du so traurig?» fragte Helga Schmidt, während sie sich ihrer Enkelin gegenüber setzte und ihr ins Gesicht sah. «Magst du die Suppe nicht? Soll ich dir Kartoffeln mit Würstchen machen?»

«Nein, Oma. Ich habe einfach keinen Hunger,» antwortete Lena und rührte lustlos in der Suppe herum.

«Etwas bedrückt dich. Sprich mit mir. Vielleicht kann ich helfen?»

Lena seufzte und legte den Löffel beiseite.

«Alle Mädchen an der Uni tragen coole Klamotten, und ich stehe da wie vom letzten Jahrhundert. Sie lachen mich zwar nicht direkt aus, aber ich merke es trotzdem. Und die Jungs gucken erst recht nicht in meine Richtung.»

«Wegen der Kleidung?» fragte die Oma nach.

«Ja, auch deshalb. Ich sehe altmodisch aus.»

«Wer erzählt dir so einen Unsinn? Du bist wunderschön, mein Schatz! Die sind nur neidisch. Aber wenn es um die Klamotten geht Morgen bekomme ich meine Rente, dann gehen wir zusammen ein neues Kleid kaufen.»

«Nein, Oma,» widersprach Lena. «Ich will eine richtige Markenjeans. Aber die sind so teuer! Und wovon sollen wir dann leben? Ich hätte lieber eine Arbeit suchen sollen, statt Vollzeit zu studieren.»

Helga schüttelte energisch den Kopf. «Auf gar keinen Fall. Solange ich lebe, studierst du ordentlich. Was soll das überhaupt mit einem Fernstudium? Arbeit hast du noch genug im Leben. Und wer dich auslacht, ist dumm. Kleider machen keine Leute.»

«Wer braucht heutzutage noch ein gutes Studium? Du bist so altmodisch, Oma. Könnte ich nicht wenigstens einen Nebenjob suchen?»

«Vergiss es,» sagte Helga bestimmt. «Die Zuschüsse fallen weg, wenn du wechselst. Jeder Cent zählt.»

Lena senkte den Kopf. Es hatte keinen Sinn. Ihre Oma verstand einfach nicht, wie peinlich es mit neunzehn war, im umgenähten Pulli ihrer Mutter herumzulaufen.

«Iss weiter. Ich hab eine Idee.» Helga stand auf und verschwand in ihrem Zimmer.

Lena hörte, wie sie in Schubladen kramte. Als sie nachschaute, saß Helga auf dem Sofa und starrte aus dem Fenster.

«Oma, es tut mir leid,» flüsterte Lena und schmiegte sich an sie.

«Wofür denn, mein Schatz? Du hast recht. Eine neue Jacke, neue Schuhe wären schön.»

«Oma, bitte leihe kein Geld! Wir könnten es nicht zurückzahlen.»

«Keine Sorge. Ich habe noch Opas Ring. Den wirst du wohl nie tragen. Morgen bringe ich ihn zum Pfandhaus. Und deine Suppe?»

«Ich esse später. Aber sag mir erst meine Zukunft.»

Helga drehte sich überrascht um. «Was? Ich kann doch nicht wahrsagen!»

«Doch, Oma. Mama hat erzählt, du hast ihr mal Papas Zukunft vorausgesagt.»

«Wann hat sie dir das denn gesagt?»

«Sie hat es erwähnt,» beharrte Lena.

«Junge Leute wollen immer alles vorher wissen. Aber wozu? Das Schicksal lässt sich nicht austricksen. Und was glaubst du, wie gefährlich es ist, es herauszufordern?»

«Dann sag mir etwas Gutes,» bat Lena mit einem Lächeln.

«Auch ohne Karten weiß ich: Alles wird gut. Hab Geduld.»

«Bitte, Oma!» Lena sah sie mit großen Augen an.

«Ach, du Schlawiner. Na gut.» Helga holte ein neues Kartendeck und breitete eine Spitzendecke auf dem Tisch aus. «Konzentrier dich auf deinen größten Wunsch.»

Lena beobachtete gespannt, wie ihre Oma die Karten mischte und auslegte. Langsam drehte Helga sie um, studierte jedes Bild und lächelte schließlich.

«Siehst du? Zwei Siebener nebeneinander. Bald findest du die Liebe. Und hier der Karo-König neben dir. Aber» Sie runzelte die Stirn.

«Was ist, Oma?»

«Kreuz Schwierigkeiten warten auf dich. Doch was wäre das Leben ohne sie? Glück kommt nicht ohne Verlust.»

Lena versuchte, sich jedes Wort zu merken.

«Genug jetzt,» sagte Helga plötzlich und mischte die Karten wieder. «Mach uns lieber Tee.»

Am nächsten Tag ging Lena mit leichtem Herzen zur Uni. Die Blicke der anderen störten sie nicht mehr ihre Oma hatte ihr Glück vorausgesagt.

Doch auf dem Heimweg sah sie einen Polizeiwagen vor ihrem Haus. Nachbarn standen herum.

«Lena, mein Kind, es ist etwas Schreckliches passiert», fing eine Nachbarin an.

Lenas Herz klopfte wild, als sie die Treppen hochstürmte. Die Wohnungstür stand offen, Sachen lagen verstreut herum. Ein Polizist erhob sich.

«Sind Sie Lena Bauer?»

«Wo ist meine Oma?»

«Frau Schmidt Ihre Nachbarin hat sie gefunden. Man hat sie geschlagen, aber es war ihr Herz»

Lena brach zusammen.

Der Beamte half ihr, die Beerdigung zu organisieren. Tage später kam er wieder der Täter war gefasst, aber Omas Ring blieb verschollen.

«Lena, ich wollte dir noch etwas sagen Du gefällst mir. Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an.»

Sie gingen ins Kino, spazierten. Mit ihm fühlte sie sich sicher. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, sagte sie Ja.

Eines Abends, vor Omas Foto, erinnerte sie sich plötzlich an die Wahrsagerei. «Oma, du wusstest es, oder? Aber Liebe ist diesen Preis nicht wert.»

Auf dem Bild lächelte Helga sie an, als wäre sie noch da.

Und Lena verstand: Das Leben schenkt und nimmt aber die Liebe derer, die uns verlassen, bleibt für immer.

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