Du hast gelebt, jetzt sind wir dran

Die Wohnungsfrage

Hör mal, Mama, viele meiner Freunde haben von ihren Eltern Hilfe mit dem Wohnen bekommen, sagte der erwachsene Sohn mit gespielter Gelassenheit. Ich heirate bald, also helft mir doch mit einer Wohnung! Wollt ihr, dass wir wie Obdachlose von Tür zu Tür ziehen? Ihr müsst sie nicht mal kaufenwir könnten einfach in eurer Einzimmerwohnung leben, die ihr vermietet. Nur die müsste auf mich überschrieben werden. Damit alles fair bleibt!

***

Sabine saß in der Küche und sortierte Rechnungen. Ihr Mann, Markus, war schon lange zur Arbeit gegangen, doch sie brachte keine Energie auf, um aufzuräumen. Ihre Gedanken schwirrten wie aufgeschreckte Bienen hin und her. Seit Wochen war der Hausfrieden gestörtder jüngste Sohn, Tobias, setzte Sabine und Markus gnadenlos unter Druck.

Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, endlich etwas für sich zu tun: ein Schlafzimmer nach ihrem Geschmack einzurichten, neue, moderne Möbel für das Wohnzimmer zu kaufen. Tobias würde heiraten und mit seiner Frau ausziehen, die ganze Wohnung würde ihnen allein gehören. Doch dann kam alles andersdie Scheidung ihrer älteren Tochter, Leonie, von ihrem faulen Ex-Mann hatte sie aus der Bahn geworfen. Der geplante Umbau fiel ins Wasserdas größte Zimmer ging an Leonie und die Enkelkinder, Lina und Ben.

In einem Monat sollte Tobias Hochzeit mit seiner Verlobten, Johanna, stattfinden. Seit Monaten hatte er sie in sein Reich eingeschleppt, und jetzt drängten sich sieben Menschen in der Dreizimmerwohnung, buchstäblich aufeinander.

Johanna betrat die Küche. Sabine runzelte sofort die Stirn.

Guten Morgen, Sabine, sagte sie und strich sich perfekt den Pferdeschwanz zurecht. Frühstückst du noch? Oder soll ich allein hier sitzen? Ich will nicht stören.

Johanna duzte ihre künftige Schwiegermutter ohne Nachnamendas Frau Schneider ließ sie konsequent weg. Diese arrogante, aufdringliche Zukünftige weckte in Sabine keinerlei Sympathie. Hätte sie die Wahl gehabt Doch Tobias hing an ihren Lippen, und Sabine und Markus mussten sich fügen.

Guten Tag, Johanna. Ich bin schon fertig, antwortete Sabine kühl. Gib mir fünf Minuten. Ich räume noch schnell auf, dann kannst du frühstücken.

Johanna nahm ein Glas und schenkte sich Wasser ein.

Sabine, ich wollte dich etwas fragen. Tobias und ich haben besprochen, wo wir nach der Hochzeit wohnen werden Was denkst du darüber?

Sabine legte die Rechnungen beiseite. Da war sie alsodie Frage, auf die sie seit Monaten zusteuerte.

Wir haben doch schon gesprochen, Johanna. Ihr bekommt das freie Zimmer. Mehr ist nicht drin.

Johanna stellte das Glas hart ab. Ihr Gesicht verzerrte sich zu jenem Ausdruck, den Sabine längst als herablassende Verachtung bezeichnet hatte.

Sabine, seien wir ehrlich. Die Wohnung ist schön renoviert, gemütlich, hell. Aber es ist deine Wohnung. Du und Markus habt hier dreißig Jahre gelebt. Und mit Leonie und zwei Kindern das sind nicht mehr drei, sondern fünf Personen. Wir wollen nicht leben, wo jeder Schritt von euch beobachtet wird.

Und wie stellt ihr euch das Leben nach der Hochzeit vor?, fragte Sabine, die wachsende Gereiztheit kaum verbergend. Ihr habt doch keine eigene Wohnung. Alles, was ihr euch leisten könnt, ist eine Mietwohnung.

Genau darüber reden wir ja, warf Johanna ein und setzte sich demonstrativ gegenüber. Wir haben auch über deine Einzimmerwohnung nachgedacht. Die, die du vermietest.

Ja. Und?

Nun wir könnten dort wohnen. Das wäre perfekt. Wir würden natürlich Miete zahlen Oder du könntest sie uns schenken.

Sabine verzog spöttisch den Mund.

Ich habe zwei Kinder, falls du es vergessen hast. Soll ich euch die Wohnung geben und Leonie benachteiligen?

Leonie kann bei euch bleiben, zuckte Johanna die Schultern. Ihr habt drei Zimmer. Du und Markus in einem, Leonie mit den Kindern im anderen. Platz ist genug da.

Leonie kann nicht für immer hier wohnen, presste Sabine zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie ist geschieden. Sie braucht ihr eigenes Leben. Und noch etwas: Ich werde euch die Wohnung nicht geben. Ihr solltet nicht erwarten, dass ich eure Probleme löse. Ihr seid jung, ihr arbeitet. Verdient euch euren eigenen Wohnraum!

Aber das dauert ewig!, rief Johanna und warf die Hände hoch. Tobias hat gerade eine Gehaltserhöhung bekommen, aber bis wir uns eine Wohnung leisten können, vergehen mindestens fünf Jahre! Wir wollen jetzt leben!

Warum dann diese protzige Hochzeit?, fragte Sabine in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Warum Limousinen, Tauben, ein Bankett für hundert Leute, wenn ihr nicht mal ein eigenes Dach über dem Kopf habt? Macht doch standesamtlich und steckt das Geld in die Kaution! Wäre das nicht vernünftiger?

Sabine, das siehst nur du so, erwiderte Johanna mit gespielter Ruhe. Für uns ist das unser Tag, und wir wollen ihn feiern, wie wir es uns erträumt haben. Ich will ein schönes Kleid, ich will, dass meine Freundinnen sehen, dass wir nicht arm sind. Ich will ihnen zeigen, was wir uns leisten können! Verstehst du das nicht?

Doch, nickte Sabine. Ich verstehe, dass du protzen willst. Aber ich denke auch, dass kein eigenes Zuhause der direkte Weg zur Scheidung ist. Kluge Leute kaufen zuerst eine Wohnungdann heiraten sie.

Johanna funkelte sie wütend an und verließ wortlos die Küche. Sie hatte keine Antwort.

***

Am Abend kam Tobias mit demselben ThemaSabine wusste sofort, dass Johanna ihn vorgeschickt hatte. Diesmal warf er ihnen ihre eigene Silberhochzeit vor:

Papa und du habt euren dreißigsten in einem Restaurant gefeiert, weil ihr es euch leisten konntet. Ihr habt zehn Jahre gespart, den Autokredit abbezahltdas Auto, das ihr mir übrigens geschenkt habt! Und ja, ihr habt groß gefeiert, weil ihr es euch verdient hattet!

Ihr hättet auch zu Hause feiern können! Er klang gereizt. Ein Grillfest im Garten wäre billiger gewesen. Weißt du, wie sehr ich das Geld jetzt brauchen würde! Wie viel habt ihr ausgegeben? Fünf- oder sechstausend Euro?

Sabine drehte sich langsam zu ihm um.

Das sagst du mir?, ihre Stimme überschlug sich. Du, der nicht mal genug für einen ordentlichen Anzug gespart hat? Wir haben deinen Hochzeitsanzug bezahlt! Siebzig Prozent eurer Hochzeit tragen wir! Wir mussten einen Kredit aufnehmen, um eure Wünsche zu erfüllen. Und jetzt machst du mir Vorwürfe?

Schrei mich nicht an!, fauchte Tobias. Ich werfe dir nichts vor. Ich verlange nur, was mir zusteht. Wohin soll ich meine Frau bringen? Hierher? In eine schäbige Mietbude? Mama, ich frage dich!

Und ich frage, warum ihre Eltern euch keine Wohnung geben!, konterte Sabine. Du verlangst, dass ich euch unsere einzige Rücklage gebe! Diese Wohnung soll uns im Alter absichern. Wir vermieten sie weiter!

Warum denn? Ihr habt schon gelebtjetzt sind wir dran, Mama!

Vergiss nicht, dass du eine Schwester hast, Tobias. Leonie hat Kinder, sie braucht jetzt mehr Hilfe als ihr, jung und gesund!

Schritte unterbrachen sieJohanna stürmte ins Zimmer.

Leonie kann auf ihren Ex-Mann zählen, schnitt sie scharf ab. Oder auf die Wohnung, die ihr ihr lasst. Gebt uns die Einzimmerwohnung, wir verlangen nicht die Dreizimmerwohnung. Stimmts, Schatz?

Der Streit eskalierte. Jeder glaubte, im Recht zu sein. Tobias und Johanna hatten längst alle Hemmungen verlorensie baten nicht mehr, sie forderten offen eine Wohnung, die ihnen nicht zustand.

***

Eine Woche vor der Hochzeit war es unerwartet ruhigTobias und Johanna waren mit Freunden aufs Land gefahren, Leonie und die Kinder besuchten Verwandte in einer anderen Stadt. Sabine und Markus saßen am Samstagabend vor dem Fernseher, als es an der Tür klingelte. Sie tauschten einen BlickBesuch hatten sie nicht erwartet.

Markus ging öffnen. Das Schloss schnappte auf, und im selben Moment ertönte die schrille Stimme von Johannas Mutter, Karin.

Markus, hallo! Ist Sabine da? Lass mich rein!

Sabine erstarrte. Sie hatte Johannas Mutter nur dreimal getroffendas reichte, um zu wissen, wem Johanna ihren Charakter verdankte.

Sabine eilte in den Flur. Gerade noch rechtzeitigKarin hatte schon die Schuhe ausgezogen.

Was führt dich her?, fragte Sabine ohne Begrüßung.

Karin grinste spitz.

Hallo, Sabine. Ich wollte mit dir reden. Es gibt da etwas, das wir längst klären müssen. Die Hochzeit steht vor der Tür, und meine Johanna ist völlig aufgelöst. Gestern kam sie heulend zu mirund beschwerte sich über dich!

Sabine zog eine Augenbraue hoch.

Ach? Und was habe ich ihr angetan?

Karin verzog das Gesicht.

Sabine, stell dich nicht dumm! Warum lasst ihr die Kinder nicht in die freie Wohnung ziehen? Sie steht leer! Ist deinem eigenen Sohn ein Dach über dem Kopf nicht mal das wert?

Markus stieß einen lauten Seufzer aus. Sabine drückte seine Hand, als Zeichen, ruhig zu bleiben.

Karin, warum kauft ihr den beiden keine Wohnung? Warum ist es meine Aufgabe, sie unterzubringen?

Karin tat überrascht.

Ach, woher soll ich denn so viel Geld haben? Wir leben von unserem Gehalt! Hätte ich eine freie Wohnung, würde ich sie ihnen sofort geben Also, Sabine! Hör auf, dich zu sperren. Gebt den Kindern die Wohnung. Wollen wir uns wirklich streiten?

Markus hatte genug. Er schob Karin beiseite, öffnete die Tür und brüllte:

Genug! Raus, sofort! Sag deiner Tochter, dass sie keine Wohnung bekommt. Punkt!

Karin schimpfte laut, ging aber. Markus rief Tobias an und machte klar, dass Schluss warer sollte sofort nach der Rückkehr ausziehen.

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