**Die stürmische Zeit**
Weil sie unterschiedliche Ansichten über die Erziehung ihres Kindes hatten, ließen sich Dina und Armin scheiden. Jeder machte dem anderen Vorwürfe auf seine Weise.
Armin ist es nicht gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb musste ich seit Nikos erstem Geburtstag alle Probleme alleine lösen, erklärte Dina.
Meine Frau konnte nie entspannen, musste alles kontrollieren und machte ständig unnötige Dinge deshalb war sie auch unglücklich, sagte der Ex-Mann.
Niko war vierzehn und lebte bei seiner Mutter. Seinen Vater sah er einmal pro Woche, also viermal im Monat. Zwei Tage am Wochenende holte Armin ihn zu sich, und mittwochs nach dem Fußballtraining. Obwohl die Scheidung schon fast elf Jahre her war, hatten beide keine neue Familie gegründet. Armin lebte allein in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter, die vor sieben Jahren an einer schweren Krankheit gestorben war.
Wenn Niko das Wochenende bei seinem Vater verbrachte, besonders im letzten Jahr, atmete Dina etwas auf. Doch von Erholung konnte keine Rede sein sie machte sich trotzdem Sorgen. Sie hielt ihren Ex-Mann für unverantwortlich.
Spaß haben, lachen das liegt ihm. Unterhaltung war schon immer sein Ding. Aber eine ernsthafte, stabile Beziehung aufzubauen, das habe ich mit ihm nicht geschafft. Als wir zu zweit waren, war alles perfekt. Doch als Niko kam, änderte sich alles, erzählte sie ihrer Mutter und Freundin.
Mit dem kleinen Niko half ihr der Mann kaum. Er kümmerte sich nicht, drückte sich vor Hausarbeit. Dina begriff schnell ihre Verantwortung als Mutter doch Armin fühlte sich nie wirklich wie ein Vater. Es folgten Vorwürfe, kleine Streitereien, die immer größer wurden. Schließlich trennten sie sich.
So sah Dina die Scheidung. Armin hatte andere Argumente.
Wegen unseres gegenseitigen Unverständnisses hat es bei uns nicht geklappt. Früher dachte ich, wie schön es wäre, ein eigenes Kind zu haben, ihm die Welt zu zeigen. Doch Dina machte die Freude der Elternschaft zu einem steinigen Weg voller Verbote und Vorschriften. Ständig hatte sie Angst vor Infektionen oder Krankheiten, die unserem Sohn angeblich drohten. Am Ende traute ich mich kaum noch, ihn anzufassen. Und wenn ich etwas für ihn tat, war es in ihren Augen sowieso falsch. Irgendwann bot ich keine Hilfe mehr an und zog mich zurück, gestand Armin seinen Freunden. Es schmerzte ihn er fühlte sich wie ein gescheiterter Vater.
Armin, wir sollten uns scheiden lassen, warf Dina eines Tages hinzu. Und er empfand es fast als Erleichterung.
So trennten sie sich friedlich, ohne Drama, mit der Vereinbarung, dass der Vater seinen Sohn weiterhin sehen durfte.
Wozu gegen eine Frau kämpfen, die keine Argumente gelten lässt? Was soll man ihr beweisen? Sie hat immer recht, dachte Armin.
Elf Jahre waren seitdem vergangen. Armin heiratete nicht wieder einmal reichte. Doch beruflich lief es ausgezeichnet. Und so seltsam es Dina vorkam: Sein Erfolg hing gerade mit seiner Leidenschaft für Spaß zusammen. Armin entwickelte Computerspiele. Und das mit großem Erfolg er verdiente gut.
Dina räumte die Küche nach dem Abendessen auf und ging ins Wohnzimmer.
Wieder hat Niko das Licht im Bad angelassen. Wird er je Verantwortung lernen? Ganz der Vater, dachte sie gereizt und ging zur Zimmertür ihres Sohnes, an der ein Schild prangte: Betreten verboten!
Doch das kümmerte sie nicht. Sie öffnete die Tür und sah das übliche Bild: Niko starrte auf den Monitor und drehte sich nicht einmal um.
Hör mal, Schatz, den Lichtschalter zu betätigen, ist kein Hexenwerk. Du bist kein Kleinkind mehr, dass ich alles für dich erledige.
Ja, ja, murmelte Niko.
Noch eine halbe Stunde für Spiele, dann Hausaufgaben. Falls du dich erinnerst morgen ist die Mathearbeit.
Doch als sie nach einer halben Stunde nachsah, saß er immer noch da. Streng forderte sie ihn auf, das Spiel zu beenden und die Schulbücher herauszuholen. Niko rollte mit den Augen und flüsterte etwas vor sich hin, griff dann widerwillig zum Geschichtsbuch.
Dina beschloss, für den nächsten Tag Suppe zu kochen, damit Niko sie nur noch aufwärmen musste. Während sie Kartoffeln und Zwiebeln schälte, grübelte sie:
Wie lange dauert diese schwierige Phase noch? Vor anderthalb Jahren veränderte er sich plötzlich, wurde völlig unberechenbar. Pubertät was soll man machen? Jeder muss da durch. Aber wenn das noch lange so geht, halte ich das nicht aus.
Am Samstag holte Armin Niko ab. Der Junge stürmte sofort aus seinem Zimmer.
Juhu, Papa, endlich! Auch Armin freute sich auf ihr gemeinsames Wochenende.
Hast du deine Schulbücher eingepackt?, fragte Dina streng.
Ach, Mama, immer mit den Büchern!, beschwerte sich Niko, schnappte aber seinen schweren Rucksack und ging mit seinem Vater zur Tür, winkte seiner Mutter nur noch lässig zu.
Armin hörte noch:
Armin, hilf Niko mit Mathe, es läuft gar nicht bald die Jahresabschlussarbeiten, und in Geschichte siehts auch nicht gut aus Wir wollen doch nicht, dass unser Sohn ein Sitzenbleiber wird. Und vergiss nicht Pizza ist kein vollwertiges Essen! Doch die Tür fiel schon ins Schloss.
Vater und Sohn stiegen ins Auto und grinsten sich verschwörerisch an.
Also, was machen wir heute?, fragte Armin.
Kino, dann Park und vorher Pizza!, flüsterte Niko, und beide lachten.
Mittlerweile hatten sie sich angefreundet. Doch Freundschaft entsteht nicht von selbst man muss sie aufbauen. Gemeinsam Zeit verbringen, gemeinsame Interessen finden, Verständnis zeigen. Leichte Gespräche ohne Belehrungen, die Jungs in diesem Alter nur verärgern.
Wie läufts in der Schule?
Alles gut, Papa. Schaff ich schon.
Natürlich schaffst du das Aber wenn was unklar ist, sags wir kriegen das hin.
Papa, echt, kein Problem. Nur die Geschichtslehrerin hat es irgendwie auf mich abgesehen Unser Sportlehrer ist der Beste.
Als die beiden gegangen waren, dachte Dina:
Natürlich freut er sich über seinen Vater. Aber erst als Niko größer wurde, begann Armin wieder, sich für ihn zu interessieren. Klar Spielen ist sein Ding. Die ganze Erziehung, Hausaufgaben, Putzen, Kochen das bleibt an mir hängen. Und er? Spielt den coolen großen Bruder. Deshalb liebt Niko ihn auch so.
Tolles Wochenende, Kumpel. Jetzt ab nach Hause, sagte Armin, als er Niko am Sonntagabend vor der Haustür absetzte.
Papa, das war mega! Danke!
Nach dem Wochenende stand der Elternsprechtag an. Dina ging mit schlechtem Gefühl. Die Lehrerin legte Nikos Zeugnis vor: Ein paar Vieren, eine Eins in Sport der Rest Dreien und Fünfen.
Jetzt kriegt er was zu hören!, schoss es ihr durch den Kopf. Wütend hörte sie kaum zu, was die Lehrerin sagte.
Niko droht ein Fünfer in Geschichte und Mathe. Er ist clever, aber faul und spielt ständig im Unterricht.
Beschämt und wütend ging Dina nach Hause.
Kein Laptop mehr, bis die Noten besser sind! Aber wann soll er das schaffen? Das Schuljahr ist fast rum
Ohne ein Wort nahm sie Nikos Laptop, auf dem er wie immer in einem Chat hing, und trug ihn aus dem Zimmer.
Keine Spiele bis zu den Ferien. Sofort die Fünfen in Geschichte und Mathe ausbessern! Schämst du dich nicht?
Ach, Mama, übertreib nicht. Immer machst du ein Drama, waren Worte, die genau wie sein Vater klangen.
Dina konnte nicht aufhören, schimpfte immer weiter bis die Tür zuschlug. Niko war abgehauen. Sie griff sofort zum Telefon.
Armin, Niko ist weggelaufen! Er wollte schon länger bei dir wohnen!, schluchzte sie ins Telefon.
Beruhige dich, wir kriegen das hin.
Papa, ich habs mir überlegt Ich will bei dir leben, sagte Niko, als sein Vater die Tür öffnete.
Das will ich auch, Kleiner. Aber deine Mutter wird nicht zustimmen jedenfalls jetzt nicht.
Papa, bitte schick mich nicht zurück. Ich verspreche, ich verbessere alle Noten.
Okay, bleib erstmal hier. Ich rede mit deiner Mutter.
Zu seiner Überraschung wehrte sich Dina kaum. Armin hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Sie wirkte still und niedergeschlagen. Letztlich überzeugte er sie.
Am nächsten Morgen weckte Armin seinen Sohn:
Niko, aufstehen! Sieben Uhr, Frühstück, dann ab zur Schule. Doch als er später nachsah, schlief der Junge noch immer.
Nach einem schnellen Frühstück packte Armin ihm zwei Brote ein und sie fuhren los.
Heute abend ins Bett um zehn!, sagte er. Niko nickte.
Die Woche verlief gut. Vater und Sohn verstanden sich, bestellten Pizza. Doch eines Morgens ging Niko nicht zur Schule.
Papa, kein Stress, die Lehrerin ist krank, beruhigte er ihn. Das wiederholte sich mehrmals.
Dann rief die Klassenlehrerin Dina an.
Niko schwänzt, die Fünfen sind noch da er steht kurz vor einem Nichtgenügend in Geschichte und Mathe.
Dina war außer sich. Typisch Armin!, rief sie ins Telefon. Ich hole ihn sofort ab!
In Armins Wohnung stieß sie hervor:
Du also wir unser Sohn Ich komme gerade aus der Schule! Sie konnte kaum sprechen. Niko merkte, was kommen würde, und verschwand.
Dein Sohn geht nicht zur Schule, hat Fünfen Nachprüfungen im Juli!
Armin beruhigte sie, doch auch er war enttäuscht. Er hatte Niko vertraut
Kurze Zeit später rief Dinas Mutter an.
Niko ist bei mir. Er sagt, er hält es bei euch nicht mehr aus. Lass ihn erstmal hier.
Niko ist bei meiner Mutter!, seufzte Dina erleichtert.
Armin strich ihr über die Schulter. Wein nicht. Wir brauchen eine gemeinsame Strategie. Oma hält ihn nicht lange aus er läuft wieder weg. Ich war genauso Der Kleine weiß, dass Oma nachgibt. Verbote und Befehle bringen nichts. Wir müssen an einem Strang ziehen. Wann hast du Urlaub?
Mit Rucksäcken und Zelten fuhren sie zu dritt in den Urlaub natürlich mit Geschichts- und Mathebüchern. Sie übten täglich: Dina mit Geschichte, Armin mit Mathe. Der Urlaub wurde wunderbar.
Vor der Schule saßen Dina und Armin im Auto und warteten angespannt. Niko schrieb an diesem Tag beide Nachprüfungen.
Bestanden! Bestanden!, rief Dina plötzlich, als Niko strahlend aus der Schule flog und ein Blatt schwenkte.
Geschafft! Freiheit!
Super gemacht!, riefen beide Eltern. Ich lade euch auf das beste Eis der Stadt ein!, sagte Armin und trat aufs Gas.
Im Café beobachtete Dina die beiden, wie sie alberten und lachten. Sie spürte keinen Groll mehr gegen ihren Ex. Ohne ihn hätten sie es nicht geschafft Ihr war leicht ums Herz. Armin fing ihren Blick auf.
Siehst du? Alles ging gut. Kein Grund zur Sorge jetzt sind wir wieder ein Team. Und zusammen schaffen wir alles.
Dina wusste, dass die Vergangenheit nicht zurückkam. Aber sie und Armin verstanden sich jetzt. Und das reichte.







