Trug einen Groll im Herzen

Nach der Schule schloss Tanja ihre Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten ab und kehrte in ihr Heimatdorf zurück. Schon lange träumte sie davon, im örtlichen Gesundheitszentrum zu arbeiten, zumal dort kürzlich neue Geräte angeschafft worden waren. Frau Weber, die seit Jahrzehnten die Dorfmedizin betreute, war inzwischen alt geworden und freute sich, als Tanja sie ablösen wollte.

*Ach, Tanja, endlich! Ich bin längst im Rentenalter. Dein Vater, Hans, hat mich gebeten zu warten, bis du fertig bist. Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen alles an dich übergeben.*

*Ja, Tante Vera, ich fange gleich an. Aber ich werde dich bestimmt noch oft um Rat bitten ich habe ja noch wenig Erfahrung.*

*Natürlich, mein Kind, ich helfe, wo ich kann.*

So begann Tanjas Alltag als medizinische Fachkraft. Anfangs kamen die Dorfbewohner misstrauisch, manche nur, um ihren Blutdruck messen zu lassen oder zu prüfen, ob sie wirklich etwas von Medizin verstand. Doch nach einem Jahr gewann sie ihr Vertrauen.

Dann tauchte plötzlich Markus häufiger auf mal schmerzte der Rücken, mal das Knie, mal hatte er sich geschnitten. Die ältere Krankenschwester, Anna Schmidt, bemerkte schnell, wie der junge Mann Tanja ansah und dass sie zurückblickte.

*Markus kommt aber oft mit kleinen Wehwehchen, kicherte Anna. Ich glaub, der hat mehr als nur Schmerzen im Sinn.*

Die Liebe zwischen Tanja und Markus entflammte. Bald gingen sie Hand in Hand durchs Dorf, und Markus machte ihr einen Heiratsantrag, den sie glücklich annahm. Was sie nicht merkte: Der gutaussehende Traktorist Michael warf ihr ebenfalls schmachtende Blicke zu. Einmal versuchte er sogar, sie nach Hause zu begleiten, doch sie wies ihn schroff ab.

*Michael, hast du nicht gehört? Ich heirate Markus!*

*Natürlich habe ich das gehört. Die ganzen Dorftratschtanten plappern ja von nichts anderem, fauchte er. *Aber ich stehe Markus in nichts nach. Warum willst du nicht mich?*

*Hör auf, Michael! Ich liebe Markus, und er liebt mich. Es gibt genug andere Mädchen im Dorf.*

Sie ahnte nicht, wie tief sie Michaels Stolz verletzt hatte. Bald wurde Hochzeit gefeiert, das ganze Dorf war dabei.

Ein Jahr später brachte Tanja ihren kleinen Finn zur Welt. Die ganze Familie war vernarrt in ihn. Während sie sich um das Baby kümmerte, übernahm Anna Schmidt die Arbeit im Gesundheitszentrum. Doch dann bemerkte Tanja, dass Markus sich plötzlich distanzierte.

Eines Abends fragte er düster: *Kennst du Michael schon lange?*

*Natürlich, er ist doch aus dem Dorf. Einmal kam er sogar mit einer Verletzung ins Gesundheitszentrum.*

*Also war er bei dir?*

*Nicht bei mir im Gesundheitszentrum. Anna hat ihn behandelt. Worauf willst du hinaus?*, fragte Tanja verwundert.

*Im Dorf heißt es, Finn sei nicht von mir, sondern von Michael.*

Tanja war wie vor den Kopf gestoßen. *Bist du verrückt geworden? Was soll das?*

*Das ganze Dorf redet darüber. Sogar dein Vater hat Michael zur Rede gestellt und der hat bestätigt, dass ihr was miteinander hattet.*

*Wann denn?!*, rief sie entsetzt.

Plötzlich fiel ihr auf, dass ihre Eltern sie seit Wochen nicht besucht hatten. Sie hatte nichts mitbekommen doch Michael hatte hinter ihrem Rücken Lügen verbreitet.

*Die Ärztin ist eine Schwindlerin! Ihr Kind ist nicht von Markus, sondern von Michael!*, tuschelten die Frauen.

*Hans, unser Sohn wird deine Tochter verlassen!*, beschimpfte die Schwiegermutter ihren Vater. *So eine Schande!*

*Hör auf zu lügen!*, fuhr Hans sie an.

*Frag Michael selbst!*

Wütend stellte Hans Michael zur Rede.

*Was soll das Gerede, dass mein Enkel nicht von Markus ist?*

*Warum sollte ich lügen?*, grinste Michael frech. *Deine Tochter hat sich an mich rangemacht. Aber so eine will ich nicht.*

Hans war sprachlos. Er wollte zu Tanja gehen, doch er schämte sich.

Markus packte schließlich seine Sachen und zog zu seinen Eltern.

*Was habe ich nur falsch gemacht?*, weinte Tanja.

Tagelang saß sie mit Finn am Fenster, während die Abendsonne über den Dächern verglühte.

*Finn, mein Kleiner, wir sind jetzt ganz allein.*

Nur ihre Freundin Lina stand ihr bei, brachte Lebensmittel und tröstete sie.

*Markus hätte den Gerüchten nicht glauben dürfen. Und Michael ach, Michael ich liebe ihn ja selbst, weißt du?*, seufzte Lina. *Aber ich glaube dir, dass nichts zwischen euch war.*

*Warum hat er das getan?*

*Weil er dich wollte und weil du ihn abgewiesen hast. Jetzt, wo Markus weg ist, hofft er wohl, seine Chance zu bekommen.*

Eines Tages stürmte Lina aufgeregt zu ihr:

*Komm schnell, jemand braucht Hilfe! Der Notarzt kommt nicht die Straßen sind vom Regen aufgeweicht.*

Sie zerrte Tanja mit und plötzlich standen sie vor Michaels Haus.

*Ich geh da nicht rein!*, wehrte Tanja ab.

*Bitte! Wenn er stirbt, kann ich nicht weiterleben!*, flehte Lina.

*Nur wenn er zugibt, dass er gelogen hat.*

Michael hatte sich mit Alkohol vergiftet. Tanja behandelte ihn der Notarzt kam nie.

Zwei Tage später war Michael wieder fit. Lina drängte ihn, die Wahrheit zu sagen.

*Ich wollte nicht, dass es so weit kommt*, gestand er. *Ich konnte es nicht ertragen, abgewiesen zu werden.*

*Du hast Tanjas Leben ruiniert! Bekenne es allen!*

Kurz darauf verbreitete sich die Nachricht: Michael wollte das Dorf für immer verlassen. Vor allen Leuten gestand er seine Lügen.

*Verzeiht mir. Ich habe Tanja geliebt, aber sie wollte mich nicht. Aus Wut und Eifersucht habe ich sie verleumdet. Sie hat mir sogar das Leben gerettet und ich habe sie beschmutzt. Es war Wahnsinn.*

Tanjas Vater, Hans, stand dabei.

*Und du, Hans, vergib mir. Ich schäme mich so sehr, dass ich gehe.*

Lina weinte. Die Dorfbewohner schimpften.

*Was für ein Schuft!*, rief die Schwiegermutter.

Doch bald beruhigte sich alles. Tanjas Eltern entschuldigten sich, die Schwiegermutter kam reumütig zurück und schließlich kehrte auch Markus zu ihr und Finn zurück.

Es dauerte lange, bis Tanja das Misstrauen überwand. Doch irgendwann lächelte sie wieder, arbeitete im Gesundheitszentrum und die Dorfbewohner schätzten sie mehr denn je.

Оцените статью