Ungeplante Freude

Ich bin jetzt achtunddreißig, lebe allein in meiner kleinen Einzimmerwohnung hier in Berlin und besitze ein beschauliches Schrebergut im Umland. Alles, was ich habe, habe ich mir selbst erarbeitet: das Apartment, das Gartenhaus und das Landstück. Meine Eltern haben mir, als das jüngste von fünf Kindern, immer das Nötigste getan, aber nie etwas über meine Schulter gehauen.

Zwei enge Freundinnen, Gisela und Heike, kenne ich seit der Schule. Wir treffen uns selten, weil beide verheiratet sind. Ich mag es nicht, wenn die Ehemänner meiner Freundinnen betrunken unanständige Bemerkungen machen, um die Frauen zu beeindrucken, während die Ehepartner nichts davon mitbekommen. Ich musste den Männern mehrmals ins Ohr flüstern, dass sie für mich keine Männer im eigentlichen Sinne sind, und Gott sei Dank haben sie das schließlich verstanden.

Eines Morgens, als ich am Fenster stand und den Blick über die belebten Straßen hinwegblickte, dachte ich an all die glücklichen und unglücklichen Menschen, die dort hinter dem Glas ihr Leben führen. Ich wandte mich zum kleinen Gedenkbild an der Wand und sprach leise:

Ich habe dich nie um etwas gebeten, nun bitte ich demütig: Gib mir, Gott, das, was mir sonst verwehrt bleibt. Ich bin müde vom Alleinsein. Schick mir ein Tier, vielleicht ein streunendes Kaninchen, oder ein verwaistes Kind. Ich bin ängstlich und zweifle an mir selbst. Alle halten mich für griesgrämig und eigenbrötlerisch, doch ich bin nur unsicher und fürchte, dass man mich auslacht. Mein Vater bestand darauf, dass ich mich behüte, damit ich keinen Grund zur Scham gebe. So lebe ich: weder im Licht der Kirche noch im Schatten der Welt. Hilf mir, den rechten Weg zu finden. Amen.

Am darauffolgenden Sonntagmorgen war das Licht in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses spärlich, doch ich betete von Herzen und spürte, wie Tränen meine Wangen hinabrollten. Nachdem ich die kleine Ikone wieder abgestellt hatte, wischte ich die noch feuchten Spuren mit dem Handrücken weg, schnappte zwei schwere Einkaufstaschen mit Lebensmitteln, Farbe für den Gartenzaun und allerlei Hauszeug und verließ die Wohnung.

Mein Lieblingsort ist das Schrebergut. Dort bin ich nicht allein: Ich arbeite, unterhalte mich mit den Nachbarinnen über die Ernte und genieße die frische Luft. Die Taschen drücken bis zu den Knöcheln, doch zum Busbahnhof ist es praktisch, weil ich nur einen kurzen Fußweg habe. Dort steht normalerweise niemand, ich warte etwa eine Stunde. Ein Bauernbus fährt vorbei, dann ein zweiter, und alle sind voll. Sollte noch ein dritter kommen, gehe ich zurück nach Hause das Schicksal will wohl, dass ich heute im Schrebergut bleibe. So viele Menschen kommen, dass ich am Abend nicht mehr nach Hause fahren kann, aber am nächsten Morgen muss ich wieder zur Arbeit.

Dann geschah das Wunder: Ein voller Kleinbus hielt an, öffnete seine Tür und ließ einen lärmenden, leicht beschwipsten Mann heraus, der sich lautstark beschwerte. Ich schlüpfte hinein, die Türen schlossen sich knirschend, drückten mich zusammen wie eine Ziehharmonika, und ich bekam fast keine Luft mehr so viele Gerüche und das Gedränge setzten mich ganz knapp in die Ohnmacht.

Nach etwa fünfundvierzig Minuten des Schwindels fand ich mich wieder in meinem vertrauten Schrebergut. Gegen vierzehn Uhr kam ein geräucherter Schinken vom Rücken, ein strahlend weißer Kuchen von vorn, und um achtzehn Uhr lag ein lebloser Toter das war nur ein Scherz, denn ich kehrte mit hängenden Schultern und gebeugten Beinen ins Haus zurück. Meine Haltung war krumm, die Hände hingen tief, der Blick trüb. Ich grinste dem Spiegel zu, nahm eine schnelle Dusche und legte mich vor den Fernseher, um ein wenig zu entspannen.

Ich schlief fast sofort ein, kaum dass das Kissen mich berührte. Ich war erschöpft. Mitten in der Nacht wachte ich auf, der Fernseher zeigte einen alten Film, den ich ausmachte, den Wecker stellte und zog mich wieder ins Bett, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Nachdem ich mich gewaschen hatte, stand ich auf, bereitete mir ein Mittagessen für die Arbeit zu.

Nach zwei Arbeitstagen fuhr ich wieder den bekannten Weg zum Schrebergut. Kaum hatte ich die kleine Hütte betreten, stockte ich: Der elektrische Wasserkocher stand heiß, meine Lieblingstasse lag bereit mit Zucker und einem Teebeutel. Ungläubig berührte ich die Tasse, schüttelte den Kopf und trat nach draußen, wo mein frisch gestrichener Gartenzaun im Sonnenlicht glänzte. Wer hatte das getan? War es meine Mutter? Ich streckte die Hand aus, berührte die Latten und sah eine grüne Farbschicht. Das war nicht meine Mutter; die Farbe war erst kürzlich aufgetragen.

Ein Nachbar, Oma Hilde, kam aus ihrer Gartenlaube hervor, schnäuzte sich die Hände an einem abgewetzten Schürzchen und rief:

Heidi, du bist ja ganz aufgeregt! Wer hat denn hier den Zaun neu gestrichen?

Ich antwortete unsicher und fragte nach. Sie schmunzelte, ging zur Gartentür und zusammen mit ihr untersuchte ich den Zaun. Es stellte sich heraus, dass niemand außer mir dort gewesen war. Plötzlich kam ein junger Mann, Matthias, aus dem Wald, mit einem breiten Lächeln und einer leeren Farbeimdose in der Hand. Er erzählte, dass er am Vorabend zufällig vorbeigekommen sei, den Zaun gesehen und beschlossen habe, ihn zu verschönern.

Danke, Matthias, sagte ich und reichte ihm die leere Dose. Er nahm sie dankend entgegen und versprach, mir beim nächsten Mal beim Rasenmähen zu helfen. Danach rief ich meine Mutter an, erklärte das Geschehene und hörte ihr mütterliches Lachen am anderen Ende der Leitung. Sie meinte nur, ich solle nicht so viel Aufhebens machen und mich lieber um die Arbeit kümmern.

Die Tage vergingen, und das Schrebergut blieb ein Ort der Ruhe, doch immer wieder tauchten kleine Wunder auf. Einmal fanden die Nachbarn einen vergessenen Kaninchenbau, ein anderes Mal brachte ein Dorfbote ein vergessenes Paket mit selbstgebackenen Keksen. Ich schrieb allen ein kurzes Danke und ließ ein Stück Brot, ein paar Dosen Fisch und ein Glas Eintopf zurück.

Am nächsten Wochenende flog ich mit der Bahn zum Schrebergut, als plötzlich ein alter Traktor vor meiner Hütte hielt, ein Schild mit der Aufschrift Willkommen, Herr Schmidt hing an der Seite, und ein Mann in abgewetzter Arbeitskleidung stieg aus. Er stellte sich als Dieter vor, ein ehemaliger Bauarbeiter aus meiner Heimatstadt, und sagte, er habe mich beobachtet und wolle mir helfen, das Haus zu renovieren. Ich nahm das Angebot dankbar an.

Der Sommer ging zu Ende, die Ernte war eingebracht, das Feld neu gepflügt. Auf der Veranda stellte ich einen alten Herrenschuh, den ich von meinem Nachbarn Matze geliehen hatte, vor mich und sprach zur Luft:

Also, meine liebe Hausherrin, wir ziehen jetzt an einen neuen Ort. Du bekommst eine kleine Einzimmerwohnung, aber wir finden gemeinsam ein Zuhause.

Ein tiefer Männerstimme aus der Ferne rief: Bist du das, Klaus? Ich drehte mich um und sah einen schlaksigen Mann in abgenutzter Kleidung, barfuß, mit wirren schwarzen Haaren und leuchtend blauen Augen, die mich neugierig musterten.

Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe, sagte er leise. Du gehst ja erst zum nächsten Sommer zurück, nicht wahr? Du hast doch versprochen, mich mitzunehmen. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich nickte stumm.

Er setzte sich neben mich, fragte nach etwas Essen, und ich bot ihm eine Suppe an. Wir lachten, erzählten uns von den vielen verrückten Begebenheiten, die ich in den letzten Jahren erlebt hatte: vom nächtlichen Besuch des Busfahrers, vom mysteriösen Farbstreifen am Zaun, vom geheimnisvollen Helfer, der nie wieder auftauchte. Ich dachte daran, wie ein Obdachloser mir den Sommer über geholfen hatte, und nun wollte ich ihn heimholen. Das klang wie ein Märchen, doch das Leben kann manchmal genauso seltsam sein.

Jahre später, Hand in Hand mit meinem Mann Wolfgang, spazieren wir durch den Park am frühen Morgen. Der Herbst malt die Bäume golden, meine Lieblingszeit. Wir erinnern uns daran, wie wir uns vor vielen Jahren zufällig begegneten, jedes für sich mit einer einfachen Geschichte. Mein Leben war ein Wirrwarr aus Arbeit, Ausbildung, Arbeitslosigkeit und dem Wiederaufbau nach der Wende. Wolfgang hatte zwei Abschlüsse, einen Vollzeit- und einen Fernstudienabschluss, war zehn Jahre verheiratet, verlor seinen Job und wurde von mir, einer kleinen Unternehmerin, aus der Wohnung geworfen. Er übernachtete bei Freunden, wanderte von Schrebergut zu Schrebergut, stahl, um zu essen. Dann sah er mich, überfordert mit meinen Taschen, nahm mich unter seine Fittiche, versteckte sich im Dachboden meines Hauses, fürchtete sich, mich zu verlieren. Jetzt lachen wir darüber, erzählen unseren Kindern, wie wir uns gefunden haben.

Als wir nach Hause kommen, wartet Wolfgangs Dienstwagen vor dem Haus. Er hält an, wir steigen ein, und die Sonne geht hinter den Dächern Berlins unter. Das ist unser gutes Leben.

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Ungeplante Freude
Your Time Is Up,» Said the Husband as He Pointed to the Door