Irina konnte den Anruf ihres Mannes nicht beenden und hörte plötzlich eine fremde Frauenstimme am anderen Ende der Leitung

Lena hatte das Telefonat mit ihrem Mann noch nicht beendet, als sie plötzlich eine Frauenstimme am anderen Ende hörte.

Lena stand am Fenster und beobachtete, wie dicke Schneeflocken auf das winterliche München fielen. Das Gespräch mit ihrem Mann neigte sich dem Ende zu einer dieser alltäglichen Anrufe, wie es unzählige in ihren fünfzehn Ehejahren gegeben hatte. Markus, wie immer, berichtete von seiner Dienstreise in Hamburg: alles lief nach Plan, die Meetings waren produktiv, er würde in drei Tagen zurück sein.

Gut, Schatz, dann bis später, sagte Lena und nahm das Telefon kurz vom Ohr, um das Gespräch zu beenden. Doch plötzlich erstarrte sie. Am anderen Ende hörte sie deutlich eine Frauenstimme, melodisch und jung:

Markus, kommst du? Die Badewanne ist fertig

Ihre Hand blieb in der Luft stehen. Für einen Moment setzte ihr Herzschlag aus, dann begann es wild zu hämmern, als wollte es ihr aus der Brust springen. Sie presste das Telefon wieder ans Ohr doch es war zu spät. Nur das kurze Signal eines beendeten Anrufs drang an ihr Ohr.

Lena sank langsam in den Sessel, ihre Knie gaben nach. Gedanken rasten durch ihren Kopf: Markus Badewanne Welche Badewanne auf einer Dienstreise? Erinnerungen der letzten Monate schossen ihr durch den Kopf: die häufigen Reisen, die späten Anrufe, die er immer auf dem Balkon entgegennahm, das neue Parfüm in seinem Auto.

Mit zitternden Händen öffnete sie den Laptop. Sein E-Mail-Konto zu öffnen war nicht schwer das Passwort kannte sie noch aus Zeiten, in denen Vertrauen und Ehrlichkeit zwischen ihnen standen. Tickets, Hotelbuchungen Eine Luxus-Suite für Verliebte im Fünf-Sterne-Hotel im Herzen Hamburgs. Für zwei.

In den Mails fand sie auch die Nachrichten. Katja. Sechsundzwanzig Jahre, Fitnesstrainerin. Schatz, ich halte das nicht mehr aus. Du hast versprochen, dich vor drei Monaten zu trennen. Wie lange soll ich noch warten?

Lena wurde übel. Vor ihrem inneren Auge tauchte die Erinnerung an ihr erstes Date mit Markus auf damals war er noch ein einfacher Vertriebler, sie eine junge Buchhalterin. Sie hatten gemeinsam für die Hochzeit gespart, in einer kleinen Mietwohnung. Sie hatten sich über erste Erfolge gefreut, einender in Niederlagen gestützt. Und jetzt? Er ein erfolgreicher Geschäftsführer, sie die leitende Buchhalterin derselben Firma und zwischen ihnen klaffte eine Lücke von fünfzehn Jahren und sechsundzwanzig Jahren einer gewissen Katja.

Im Hotelzimmer lief Markus unruhig auf und ab.

Warum hast du das getan? Seine Stimme zitterte vor Wut.

Katja lag lässig auf dem Bett, in einen seidenen Morgenmantel gehüllt. Ihr langes blondes Haar breitete sich über dem Kissen aus.

Was ist schon dabei? Sie streckte sich wie eine satte Katze. Du hast selbst gesagt, du willst dich trennen.

Das entscheide ich, wann und wie ich es will! Verstehst du überhaupt, was du angerichtet hast? Lena ist nicht dumm, sie hat alles verstanden!

Umso besser! Katja richtete sich abrupt auf. Ich habe es satt, die Geliebte zu sein, die du in Hotels versteckst. Ich will mit dir in Restaurants gehen, deine Freunde treffen, endlich deine Frau sein!

Du benimmst dich wie ein Kind, fauchte Markus durch die Zähne.

Und du wie ein Feigling! Sie sprang auf und trat vor ihn. Schau mich an! Ich bin jung, schön, ich kann dir Kinder schenken. Was kann sie? Nur dein Geld verwalten?

Markus packte sie an den Schultern: Wag es nicht, so über Lena zu reden! Du weißt nichts über sie, nichts über uns!

Ich weiß genug, riss sie sich los. Ich weiß, dass du unglücklich bist. Dass sie nur noch in Arbeit und Alltag versinkt. Wann habt ihr euch das letzte Mal geliebt? Wann seid ihr zusammen verreist?

Markus wandte sich zum Fenster. Irgendwo dort draußen, im schneebedeckten München, zerbrach in ihrer gemeinsamen Wohnung alles. Fünfzehn Jahre gemeinsamen Lebens brachen wie ein Kartenhaus zusammen wegen eines einzigen Satzes einer eigensinnigen jungen Frau.

Lena saß in der dunklen Küche, eine kalte Teetasse in den Händen. Auf ihrem Telefon Dutzende verpasste Anrufe von Markus. Sie ging nicht ran. Was hätte sie sagen sollen? Schatz, ich habe gehört, wie deine Geliebte dich in die Badewanne ruft?

Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben jagten durch ihren Kopf. Da, wie er ihr den Verlobungsring schenkte, auf einem Knie mitten im Restaurant. Da, wie sie zusammen in ihre erste Wohnung zogen eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung im Vorort. Da, wie er sie hielt, als sie ihre Mutter verlor. Da, wie sie seine Beförderung feierten

Und dann begannen die endlosen Überstunden, die Kredite, die Renovierungen

Wann hatten sie das letzte Mal offen geredet? Wann Filme in den Armen des anderen geschaut? Wann Pläne für die Zukunft geschmiedet?

Das Telefon vibrierte erneut. Diesmal eine Nachricht: Lena, lass uns reden. Ich erkläre dir alles.

Was gab es zu erklären? Dass sie gealtert war? Dass sie im Alltag versunken war? Dass eine junge Fitnesstrainerin seine Bedürfnisse besser verstand?

Lena trat vor den Spiegel. Zweiundvierzig Jahre. Falten um die Augen, graue Strähnen, die sie monatlich kaschierte. Wann hatte es angefangen diese Müdigkeit in ihren Blicken, diese Gewohnheit, nach Plan zu leben, dieser endlose Kampf um Stabilität?

Markus, wo warst du? Katja blickte ihn missmutig an, als er ins Zimmer zurückkehrte, nachdem er wieder vergeblich versucht hatte, seine Frau zu erreichen.

Nicht jetzt, seufzte er und lockerte die Krawatte.

Doch, jetzt! Sie stellte sich vor ihn, die Hände in die Hüften gestemmt. Ich will wissen, was jetzt passiert. Du weißt doch, dass du jetzt eine Entscheidung treffen musst!

Markus sah sie an schön, selbstbewusst, voller Energie. So war Lena vor fünfzehn Jahren gewesen. Gott, wie konnte er ihr das antun?

Katja, er rieb sich müde das Gesicht. Du hast recht. Es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Sie strahlte, stürzte auf ihn zu: Schatz! Ich wusste, du würdest das Richtige tun!

Ja, er schob sie sanft beiseite. Wir müssen das hier beenden.

Was?! Sie wich zurück, als hätte er sie geschlagen.

Es war ein Fehler, er stand auf. Ich liebe meine Frau. Ja, wir haben Probleme. Ja, wir sind uns entfremdet. Aber ich kann ich will nicht alles zerstören, was zwischen uns war.

Du du Feigling! Tränen liefen über ihr Gesicht.

Nein, Katja. Ein Feigling war ich, als ich diese Affäre begann. Als ich die Frau belog, die fünfzehn Jahre alles mit mir geteilt hat: Freude, Leid, Siege, Niederlagen. Du hast recht ich bin unglücklich. Aber Glück muss man aufbauen, nicht woanders suchen.

Das Klingeln an der Tür hallte kurz vor Mitternacht durch die Wohnung. Lena wusste, dass er es war mit dem ersten Flug zurückgekommen.

Lena, mach bitte auf, seine Stimme drang gedämpft durch die Tür.

Sie öffnete. Markus stand auf der Schwelle unrasiert, im zerknitterten Anzug, mit den Augen eines schuldbewussten Mannes.

Darf ich reinkommen?

Schweigend trat sie beiseite. Sie gingen in die Küche den Ort, an dem sie einst von der Zukunft geträumt, an dem sie wichtige Entscheidungen getroffen hatten.

Lena

Spar dir die Worte, sie hob die Hand. Ich weiß alles. Katja, sechsundzwanzig, Fitnesstrainerin. Ich habe deine Mails gelesen.

Er nickte, fand keine Worte.

Warum, Markus?

Er schwieg lange, starrte aus dem Fenster auf die nächtliche Stadt.

Weil ich ein Schwächling bin. Weil ich Angst hatte, dass wir uns entfremdet sind. Weil sie mich an dich erinnerte an dich, wie du früher warst. Voll Energie, voller Pläne.

Und jetzt?

Jetzt Er wandte sich ihr zu. Jetzt will ich alles wieder gutmachen. Wenn du mich lässt.

Und sie?

Es ist vorbei. Ich habe verstanden, dass ich dich nicht verlieren kann. Lena, ich weiß, ich verdiene keine Vergebung. Aber lass es uns versuchen. Gehen wir zur Paartherapie, verbringen wir mehr Zeit miteinander, werden wir wieder die, die wir früher waren

Lena sah ihn an gealtert, ergraut, schmerzlich vertraut. Fünfzehn Jahre waren keine bloße Zahl. Es waren gemeinsame Erinnerungen, Gewohnheiten, Witze, die nur sie verstanden. Es war das Schweigen, das sie teilten. Die Fähigkeit zu verzeihen.

Ich weiß nicht, Markus, zum ersten Mal an diesem Abend weinte sie. Ich weiß es einfach nicht

Vorsichtig legte er die Arme um sie, und sie wich nicht zurück. Draußen fiel Schnee, deckte München mit einem weißen Tuch zu.

Und irgendwo in Hamburg, in einem Hotelzimmer, weinte eine junge Frau, die zum ersten Mal mit einer harten Wahrheit konfrontiert wurde: Wahre Liebe ist keine Leidenschaft, keine Romantik. Es ist eine Entscheidung, die man jeden Tag aufs Neue trifft.

Und hier, in der Küche, versuchten zwei nicht mehr junge Menschen, die Scherben ihres Lebens zusammenzusetzen. Vor ihnen lag ein langer Weg durch Verletzungen und Misstrauen, durch Therapiesitzungen und schmerzhafte Gespräche, durch den Versuch, einander neu kennenzulernen. Doch beide wussten: Manchmal muss man etwas verlieren, um seinen Wert zu erkennen.

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Пожилая женщина исчезла из дома, а нашли её там, где никто не мог представить — и всё замерло