Die Oma gab dem Mann Geld für den Bus. Später kamen ungebetene Gäste zu ihr.
Jutta hatte ihr ganzes Leben als Lehrerin gearbeitet und musste jetzt Gemüse auf dem Markt verkaufen, weil ihre Rente so klein war. Ihr Schwiegersohn hatte eine neue Frau in die gemeinsame Wohnung gebracht, und ihre Tochter war mit dem Kind zurück zur Mutter gezogen. Jutta half ihr, so gut sie konnte.
Mama, es tut mir leid, dass du dich so quälst. Du bist den ganzen Tag im Garten oder auf dem Markt, sagte Inge. Du solltest dich ausruhen.
Ach was, mein Kind. Solange ich noch Kraft habe, helfe ich dir und meiner Enkelin. Ihr seid ja auch nicht untätig den halben Garten habt ihr in zwei Tagen von Unkraut befreit! Das hätte ich allein nie geschafft, antwortete Jutta. Und Lina braucht neue Schuhe für die Schule. Soll sie etwa in den alten zum Schultor gehen?
So lebten sie, unterstützten einander und hofften, dass auch für sie einmal bessere Zeiten kommen würden. Natürlich wäre es leichter, wenn Inge nicht allein kämpfen müsste.
Eines Morgens machte sich Jutta auf den Weg zum Markt. Ihr Platz war gut, und die Kundschaft kam in Scharen. Das fiel auch den anderen Händlern auf, darunter eine alte Bekannte, Gudrun. Die hatte kurzerhand Juttas Platz besetzt.
Warum kommst du so spät? Tut mir leid, aber ich habe schon alles aufgebaut. Es dauert mindestens eine Stunde, bis ich alles wieder zusammenpacke heute musst du dir einen anderen Platz suchen, erklärte Gudrun frech.
Jutta stritt nicht mit ihr. Das lag ihr nicht. Sie stellte sich etwas weiter entfernt auf und breitete ihre Ware aus. Die Nachbarin, eine andere Verkäuferin, fing ein Gespräch an.
Und dein Schwiegersohn? Ist er nicht zurückgekommen?, fragte Monika.
Nein, seufzte Jutta. Er hat jetzt sein eigenes Leben.
Die jungen Leute wollen heute keine Familie, keine Kinder. Sie leben nur für sich. Mein Sohn ist auch noch nicht verheiratet, rennt nur in den Bergen herum, erzählte Monika.
Die Zeit verging im Plaudern wie im Flug. Nachmittags tauchte ein junger Mann in merkwürdiger Kleidung auf dem Markt auf.
Was ist denn das für einer?, rief Gudrun, und alle Händler starrten misstrauisch auf den Fremden.
Der Mann ging auf Juttas Stand zu, griff in seine leeren Taschen und fragte:
Tante, ich hab kein Geld mehr. Könnte ich mir ein paar Äpfel borgen?
Nimm nur, mein Junge. Aber warum hast du denn kein Geld?, fragte Jutta und zuckte mit den Schultern.
Ich komme gerade von nicht so angenehmen Orten. Keine Sorge, ich bin kein Mörder. Habe mich wie ein Trottel angestellt und landete im Knast.
Und deine Familie? Kann die dir nicht helfen? Warum reist du allein?
Doch, aber ich will sie nicht anrufen. Ich will sie überraschen.
Weit weg?
Nach Freiburg.
Das ist ein weiter Weg!
Der junge Mann verschwand kurz und sprach mit einem Busfahrer am Bahnhof. Dann kam er zurück.
Tante, bitte, leihen Sie mir etwas Geld. Sonst komme ich nicht nach Hause. Ich gebe es zurück, sobald ich Arbeit habe, bettelte er mit flehendem Blick.
Wie viel brauchst du?
Fünfzig Euro.
Unter den verdutzten Blicken der anderen Händler reichte Jutta ihm das Geld.
Du kannst doch nicht zu Fuß gehen. Hier.
Vielen Dank! Ich werde es zurückzahlen! Wie heißen Sie?
Jutta Schmidt.
Danke, Frau Schmidt!, rief er und lief zum Bus.
Bist du verrückt, Jutta? Der bringt dir keinen Cent zurück!, empörte sich Monika.
Man muss einander helfen, wir sind doch keine Tiere, verteidigte sich Jutta.
Der ist kein Mensch. Ein Knacki bleibt ein Knacki!
Jutta ignorierte sie und packte ihre Sachen zusammen.
Am Wochenende bekam Inge Fieber. Jutta sammelte Kräuter aus dem Garten und pflegte ihre Tochter.
Die Enkelin kam mit einem Buch an und zupfte Jutta am Ärmel:
Oma, liest du mir eine Geschichte?
Natürlich, mein Schatz, sagte Jutta und strich ihr über den Kopf.
Draußen begann es zu regnen. Während das Feuer im Ofen knisterte, deckte Inge den Tisch fürs Abendessen. Plötzlich klopfte es an der Tür.
Die Frauen sahen sich verwundert an. Sie erwarteten niemanden!
Darf ich?, fragte ein fremder Mann, als er eintrat. Jutta musterte ihn genau dann erkannte sie ihn.
Peter?
Ja, ich bins, Frau Schmidt. Entschuldigen Sie, dass ich das Geld nicht gleich zurückgebracht habe. Es kam viel dazwischen.
Bei deinen Augen hätte ich dich fast nicht erkannt!, lachte Jutta. Siehst du ja richtig vornehm aus! Anzug, rasiert eine Freude!
Setzen Sie sich doch zu uns, schlug Inge schüchtern vor.
Am Tisch erzählte Peter seine Geschichte wie er zu Unrecht drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte.
Jetzt bin ich wieder als Abteilungsleiter im Krankenhaus eingestellt. Wenn ihr mal Hilfe braucht, kommt vorbei, beendete er seine Geschichte und warf Inge einen interessierten Blick zu.
Eine Woche später hielt ein bekanntes Auto vor Juttas Haus, und Peter stieg mit einem großen Blumenstrauß aus.
Tochter, schau mal aus dem Fenster! Dein Verehrer ist da, rief Jutta und zwinkerte. Wann feiern wir Hochzeit?
Inge lachte und drückte die kleine Lina an sich. Peter kam jeden Sonntag zum Essen, brachte Lina kleine Geschenke mit und half Jutta im Garten. Mit der Zeit wurden seine Besuche länger, sein Lachen häufiger, und Inge strahlte, als hätte sie endlich wieder einen Grund, an morgen zu glauben. Das alte Haus füllte sich mit warmer Stimmen, gemeinsamem Kochen und leisem Händchenhalten auf der Couch. Und wenn Jutta abends am Fenster stand, sah sie nicht mehr nur auf leere Wege, sondern auf einen kleinen, zarten Keim von Glück, der langsam, aber sicher Wurzeln schlug.







